{"id":85790,"date":"2022-07-14T10:58:12","date_gmt":"2022-07-14T08:58:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85790"},"modified":"2022-07-15T07:25:36","modified_gmt":"2022-07-15T05:25:36","slug":"antisemitismus-auf-der-documenta-fifteen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85790","title":{"rendered":"\u201eAntisemitismus\u201c auf der documenta fifteen"},"content":{"rendered":"<p>Die diesj&auml;hrige Kunstausstellung documenta verfolgt ein l&auml;ngst f&auml;lliges, dennoch fast revolution&auml;r anmutendes Ziel: Sie will &ndash; endlich &ndash; dem S&uuml;den des Planeten eine Stimme verschaffen, die Sicht auf die Welt (und ihre j&uuml;ngste Geschichte) durch die Augen der (ehemals?) Unterdr&uuml;ckten zeigen. Es birgt aber nat&uuml;rlich Konfliktpotenzial, wenn der Westen damit konfrontiert wird, dass seine hegemoniale Darstellung des Weltgeschehens nicht &uuml;berall geteilt wird. Von <strong>Werner Ruf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3972\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85790-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220714-Antisemitismus-auf-der-documenta-fifteen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220714-Antisemitismus-auf-der-documenta-fifteen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220714-Antisemitismus-auf-der-documenta-fifteen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220714-Antisemitismus-auf-der-documenta-fifteen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85790-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220714-Antisemitismus-auf-der-documenta-fifteen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220714-Antisemitismus-auf-der-documenta-fifteen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Sicht auf dieselben Dinge kann aufgrund unterschiedlicher historischer Erfahrungen und Selbstbilder sehr verschieden ausfallen. Genauer: Der Blick aus dem S&uuml;den kann gef&auml;rbt sein durch Erfahrungen mit Kolonialismus, Imperialismus, Neokolonialismus und Ausbeutung, die eben nur die ehemals Kolonisierten und meist bis heute Ausgebeuteten machen k&ouml;nnen. Kurzum: Die lobenswerte Idee, die Menschen der vormaligen Dritten Welt f&uuml;r sich selbst sprechen zu lassen, birgt Sprengstoff, der dazu f&uuml;hren k&ouml;nnte, dass in &bdquo;unserer&ldquo; Geschichtsschreibung unbeachtete Tatsachen pl&ouml;tzlich relevant werden, dass Fakten in den Vordergrund r&uuml;cken, die im dominanten Westen nie bedacht, ja oft verschwiegen wurden. Schlimmstenfalls, dass unsere eigene Geschichtsschreibung &ndash; &uuml;ber uns selbst und die von uns &uuml;ber Jahrhunderte beherrschte Welt &ndash; in einem neuen und vielleicht wenig erfreulichen Licht erscheint. Herrschaftssoziologisch stellt sich hier die Frage: Wer besitzt die Deutungshoheit &uuml;ber das, was &bdquo;dort unten&ldquo; geschah und geschieht? Genauer: Wenn die aus dem S&uuml;den Deutungsmacht erhalten, wird dann nicht m&ouml;glicherweise &bdquo;unser&ldquo; &uuml;ber Jahrhunderte gewachsenes und gepflegtes Weltbild mitsamt dem darin transportierten Herrschaftsanspruch infrage gestellt?<\/p><p>Kuratiert wird die Kunstausstellung von dem indonesischen K&uuml;nstlerkollektiv <em>ruangrupa<\/em>, das weitere K&uuml;nstler und Kollektive suchen und zur Teilnahme einladen sollte, um so eine demokratische und m&ouml;glichst repr&auml;sentative Vorstellung von Kunst aus dem globalen S&uuml;den vorzustellen. Der schon lange vor Beginn der Ausstellung wegen der Teilnahme einer pal&auml;stinensischen K&uuml;nstlergruppe von selbsternannten Kasseler Antisemitismusj&auml;gern erhobene Vorwurf, bei der diesj&auml;hrigen documenta handele es sich um ein antisemitisches Unternehmen, schien endlich Best&auml;tigung gefunden zu haben: Die indonesische Gruppe <em>Taring Padi <\/em>zeigte ein aus vielen hundert Bildern bestehendes, wimmelbildartiges Banner, das seit rund 20 Jahren schon vielerorts gezeigt worden war, ohne Proteste auszul&ouml;sen. Drei der darauf befindlichen Bilder wurden von Kritikern der Ausstellung als antisemitisch identifiziert. Die einsetzende Debatte ersch&uuml;tterte nicht nur die Kunstwelt, sie wurde zum Politikum erster Ordnung, veranlasste sogar den Bundespr&auml;sidenten zur Intervention.<\/p><div class=\"imagewrap\">\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/220713_Cover_documenta.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/220713_Cover_documenta.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a>\n<\/div><p><strong>Ein wenig Geschichte.<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst ist festzuhalten, dass Antisemitismus oder Judenhass (auf den Unterschied zwischen beiden Begriffen kann hier nicht geb&uuml;hrend eingegangen werden) ein Problem des christlichen Abendlandes ist &ndash; nicht der Menschen aus der Dritten Welt. Dementsprechend spielt er f&uuml;r sie auch nicht die Rolle, die ihm im Abendland und ob seiner Geschichte erst recht in Deutschland zukommt. Erinnern wir uns doch: Da sind die Judenpogrome des Mittelalters, die Expansion der katholischen kastilischen Krone im S&uuml;den der iberischen Halbinsel, die v&ouml;lkermord&auml;hnliche Vertreibung der andalusischen Bev&ouml;lkerung und Flucht hunderttausender muslimischer und j&uuml;discher Menschen nach Nordafrika &ndash; allein der osmanische Sultan nahm zigtausende gefl&uuml;chtete j&uuml;dische Menschen auf. <\/p><p>Zeitgleich gab ein Martin Luther seine antij&uuml;dischen Tiraden zum Umgang mit den Juden ab, die durchaus als Blaupausen f&uuml;r KZs gelesen werden k&ouml;nnen. Die Traktate eines vor allem durch die Biologie &bdquo;naturwissenschaftlich fundierten&ldquo; Antisemitismus avancierten in Europa zur herrschenden Lehre. Sie k&ouml;nnen hier aus Raumgr&uuml;nden nicht behandelt werden, ihre historische Herkunft sollte aber bei den folgenden &Uuml;berlegungen pr&auml;sent bleiben. Mit der kolonialen Expansion wanderte auch der Antisemitismus nach S&uuml;den, war dort aber stets Teil der Ideologie der Herrschenden, nicht der beherrschten Einheimischen. <\/p><p>Wie k&ouml;nnte man sonst erkl&auml;ren, dass allein im islamischen Raum bis heute an die 20 christliche Kirchen existieren, ganz zu schweigen von Drusen, Jesiden, Bahai? Und selbstverst&auml;ndlich gab es &ndash; bis zur Gr&uuml;ndung des Staates Israel 1947 &ndash; in all diesen L&auml;ndern j&uuml;dische Gemeinden, in den meisten bis heute, die wohl gr&ouml;&szlig;te im ob seiner Israelfeindlichkeit lauthals geschm&auml;hten Iran. Der Islam verlangt den Schutz der monotheistischen Offenbarungsreligionen durch die muslimische Herrschaft, unterstellt allerdings die j&uuml;dischen und christlichen Gemeinden dem <em>dhimmi<\/em>-Statut, demzufolge sie bestimmte Abgaben zu leisten haben und vom Kriegsdienst ausgeschlossen sind. <\/p><p>Im indonesischen Bandung fand 1955 unter Vorsitz des damaligen Pr&auml;sidenten Ahmed Sukarno jene legend&auml;r gewordene &bdquo;Bandung-Konferenz&ldquo; statt, die die Unabh&auml;ngigkeit der damals vielen noch kolonisierten Gebiete forderte und den Grundstein legte f&uuml;r die Entstehung der Bewegung der asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten, die sich als &bdquo;Blockfreie&ldquo; zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten des Kalten Krieges verstanden. F&uuml;hrungsm&auml;chte dieser Blockfreien waren neben Indonesien unter anderem die damals schon unabh&auml;ngigen Staaten Indien, &Auml;gypten, Jugoslawien, Kuba. In der herrschenden Meinung des Westens wurden sie als F&uuml;nfte Kolonne Moskaus apostrophiert. <\/p><p>Entsprechend wurden sie bek&auml;mpft: Mit Unterst&uuml;tzung des Westens (und Wissen der westlichen Botschaften &ndash; so auch der bundesrepublikanischen &ndash; in Djakarta) putschte 1965 General Suharto gegen den Pr&auml;sidenten Sukarno. Die Zahl der Ermordeten wird auf etwa eine halbe Million gesch&auml;tzt, Fl&uuml;sse waren rot vom Blut. Opfer der Massaker waren in erster Linie Kommunisten und Menschen, die als solche denunziert wurden. Dazu der indonesische Historiker Hilmar Farid: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Von vielen politischen Beobachtern wurde und wird jedoch &uuml;bersehen, dass die Gewalt von 1965 untrennbar verbunden ist mit dem Siegeszug des Kapitalismus.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die unterst&uuml;tzende Rolle westlicher Geheimdienste &ndash; nicht nur der CIA, sondern auch des Mossad und des BND &ndash; auch an der sp&auml;teren Herrschaft des Generals sind unbestreitbar. Suharto machte den Inselstaat zu einem neoliberalen Paradies f&uuml;r ausl&auml;ndische Investitionen vor allem im Bergbau und beim industriellen Anbau von Palm&ouml;l. <\/p><p>Gleichfalls 1965 wurde der marokkanische Oppositionsf&uuml;hrer Mehdi Ben Barka, einer der Hauptorganisatoren der f&uuml;r 1966 in Havanna geplanten gro&szlig;en Trikont-Konferenz der Blockfreien, mit Hilfe der franz&ouml;sischen Polizei in Paris entf&uuml;hrt und vom marokkanischen Geheimdienst zu Tode gefoltert. Spekulationen &uuml;ber die Beteiligung des Mossad an diesem Verbrechen f&uuml;llen B&auml;nde. Unbestreitbar ist die zentrale Rolle von Mossad und CIA bei der Entf&uuml;hrung von Abdullah &Ouml;calan, dem Generalsekret&auml;r der hierzulande verbotenen und als terroristisch eingestuften PKK (Kommunistische Partei Kurdistans): Er wurde am 15. Februar 1999 aus der griechischen Botschaft in Kenia verschleppt und ist seither auf der t&uuml;rkischen Gef&auml;ngnisinsel Imrali inhaftiert. Der Mossad darf als verl&auml;sslicher Partner von Geheimdienstaktionen westlicher Dienste gelten. <\/p><p>Die K&uuml;nstler selbst hatten schon vor langer Zeit zu dem Banner erkl&auml;rt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Banner-Installation People&rsquo;s Justice (2002) ist Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt, die wir w&auml;hrend der 32-j&auml;hrigen Milit&auml;rdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt. Die Darstellung von Milit&auml;rfiguren auf dem Banner ist Ausdruck dieser Erfahrungen. Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, z. B. f&uuml;r die korrupte Verwaltung, die milit&auml;rischen Gener&auml;le und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und milit&auml;rische Gewalt zu kritisieren (&hellip;).&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>So weit die eindeutige Kontextualisierung der darin enthaltenen Bilder des Banners durch die K&uuml;nstler selbst.<\/p><p><strong>Die inkriminierten Bilder<\/strong><\/p><p>Insgesamt drei Bilder des Banners mobilisierten den Vorwurf des Antisemitismus. Das erste zeigt ein Schweinsgesicht mit einem Helm, auf dem MOSSAD steht und das ein Halstuch mit einem sechszackigen Stern tr&auml;gt, dar&uuml;ber sind noch Atomraketen zu sehen. Erkennbar sind auf dem Bild weitere uniformierte Personen, die andere Geheimdienste darstellen sollen. Ist diese Anklage gegen&uuml;ber dem israelischen Geheimdienst so eindeutig antisemitisch? Der sechszackige Stern auf dem Halstuch des Uniformierten kann auf Israel, aber auch auf das Judentum generell verweisen; der Mossad aber ist ein extralegaler Akteur des israelischen Staates. Ihn als Stellvertreter des Judentums zu begreifen, erscheint nicht nur als historisch falsch, sondern auch absurd. <\/p><div class=\"imagewrap\">\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220713_Screenshot_1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220713_Screenshot_1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a>\n<\/div><p>Oder aber dr&uuml;ckt das Bild Verachtung, Verurteilung, ja vielleicht Hass auf einen Geheimdienst aus, der &ndash; im Verbund mit anderen Diensten und auf gleichem Niveau mit ihnen dargestellten anderen Figuren &ndash; hier stellvertretend und als Akteur steht f&uuml;r imperialistische Unterdr&uuml;ckung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der ausgebeuteten Welt des S&uuml;dens? Das Bild steht wohl eher f&uuml;r die Repression durch Dienste, die abseits jeder Rechtsstaatlichkeit Interessen fremder M&auml;chte durchsetzen. Darauf deutet auch, dass auf anderen Helmen K&uuml;rzel wie &bdquo;KGB&ldquo;, &bdquo;CIA&ldquo;, &bdquo;007&ldquo; stehen. Ob der Ersteller\/die Erstellerin der Zeichnung jenes hierzulande nahezu jedem gel&auml;ufige, eindeutige Judensau-Reliefs an der Stadtkirche von Wittenberg kennt, erscheint angesichts der gew&auml;hlten Gesichtsz&uuml;ge eher unwahrscheinlich. Und: Ist das Bild also antisemitisch, weil es &ndash; auch &ndash; den israelischen Geheimdienst erw&auml;hnt, oder kann es, gerade in seinem Kontext, nur als antiimperialistisch und ungesetzlich interpretiert werden? <\/p><p>Das zweite Bild: Ein Gesicht mit Haifischz&auml;hnen, die Zigarre eines Kapitalisten im Mund, den Kopf bedeckt mit einem Hut, auf dem SS-Runen zu sehen sind. Steht es &ndash; wie in westlich-deutscher Sicht &uuml;blich &ndash; f&uuml;r den hassenswerten, raffgierigen Juden oder einen B&ouml;rsenmakler, der symbolhaft f&uuml;r das Finanzkapital steht, das die Reicht&uuml;mer und Bodensch&auml;tze der L&auml;nder der &bdquo;Dritten Welt&ldquo; an der B&ouml;rse verh&ouml;kert? Die SS-Runen am Hut zielen wohl auf die Menschenfeindlichkeit und Brutalit&auml;t des angeklagten kolonialen Systems, als Charakteristikum f&uuml;r Juden k&ouml;nnen sie wohl kaum gedeutet werden. Das Interpretationsproblem verlagert sich also eher ins Auge des westlichen, genauer deutschen Betrachters, als dass es eine eindeutige Aussage &uuml;ber &bdquo;das Judentum&ldquo; w&auml;re. Dies w&uuml;rde die Diagnose des israelischen Soziologen Moshe Zuckermann best&auml;tigen, der in der Aufregung um die documenta eher ein deutsches Problem sieht und feststellt, dass dieses Thema in Israel selbst kaum Beachtung findet.<\/p><p>Die weniger besprochene dritte Darstellung assoziiert ein Motiv aus Picassos Zyklus &bdquo;Guernica&ldquo; mit Bildern aus dem zerst&ouml;rten Gaza oder mit friedlich fr&uuml;hst&uuml;ckenden (pal&auml;stinensischen?) Landarbeiter*innen, w&auml;hrend im Hintergrund Bewaffnete aufmarschieren. Diese Bilder werden in der Debatte um die Kunstausstellung nur wenig thematisiert, wohl auch, weil sie sich nur mit noch gr&ouml;&szlig;erer Schwierigkeit als antisemitisch definieren lassen.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Hinter der hitzigen Debatte &uuml;ber antisemitische Inhalte der Bilder und der Frage, ob solche Bilder noch vom Prinzip der Kunstfreiheit gedeckt werden oder ob hier klar Schranken gesetzt werden m&uuml;ssen, verbirgt sich eine ganz andere Frage, n&auml;mlich die nach der Deutung von Geschichte bzw. nach der Definitionsmacht &uuml;ber Geschichtsdarstellung. Diese Frage ber&uuml;hrt unmittelbar das der <em>documenta fifteen<\/em> zugrundegelegte Ziel, die Sicht auf unseren Planeten aus der Perspektive des S&uuml;dens zu zeigen. Wen wundert die Hitzigkeit der Debatte, wenn im Zentrum dieses Narrativs die Erfahrung von Kolonialismus, Unterdr&uuml;ckung und Ausbeutung steht? <\/p><p>Denn es geht um mehr als reale Erfahrung der Menschen aus dem S&uuml;den, die in das Geschichtsbild einflie&szlig;t. Dahinter steht auch die Frage, wer wann und wie &uuml;berhaupt Geschichte schreibt\/schreiben darf: Die imperiale Weltordnung bedingt ja auch, dass Forschung und Wissensproduktion streng dem hierarchischen Gef&uuml;ge entsprechen, das die in den Zeiten des Imperialismus gewachsene Weltordnung geschaffen hat: Es sind die Historiker, Anthropologen, Soziologen, &Ouml;konomen etc. des &bdquo;Westens&ldquo;, die &ndash; inzwischen teilweise auch kritisch &ndash; die Gesellschaften des S&uuml;dens und ihre Transformation beschreiben, Schulb&uuml;cher des S&uuml;dens und die K&ouml;pfe der Sch&uuml;ler f&uuml;llen und damit &bdquo;unsere&ldquo; Sicht zur weltweit einzig g&uuml;ltigen machen. Denn: Zur Festigung der bestehenden Herrschaftsstrukturen muss das Wissen geliefert und konsolidiert werden, mit dessen Hilfe die Reproduktion der etablierten (Welt-)Herrschaft abgesichert wird. <\/p><p>Die Debatte um Antisemitismus oder Kunstfreiheit &uuml;berw&ouml;lbt daher ein reales Problem, das genau die diesj&auml;hrige documenta aufzeigen wollte: Die Deutungshoheit &uuml;ber Geschichte und Identit&auml;t im historisch belasteten Verh&auml;ltnis zwischen Nord und S&uuml;d. Es geht um den Kampf um die K&ouml;pfe, die Lufthoheit &uuml;ber die Deutung der Weltsicht. Vordergr&uuml;ndig werden aus westlicher Sicht als antisemitisch interpretierbare Darstellungen denunziert. Letztlich aber geht es um die Definitionsmacht dessen, was sagbar und was unsagbar ist und die Frage, wer dar&uuml;ber bestimmt, wie die Welt auszusehen hat bzw. wie sie anzusehen ist.<\/p><p>Nirgendwo wird das in dieser Debatte herrschende Ungleichgewicht &ndash; man k&ouml;nnte auch sagen Nord-S&uuml;d-Gef&auml;lle &ndash; deutlicher als bei einem vergleichenden Blick auf die sogenannten Mohamed-Karikaturen: Deren Ver&ouml;ffentlichung, die Darstellung des Propheten des Islam als Terroristen, der in seinem Turban eine Bombe transportiert, wird in der &ouml;ffentlichen Meinung und in der Rechtsprechung als von der Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt bezeichnet. Diese parteiliche Sicht auf &bdquo;uns&ldquo; und &bdquo;die Anderen&ldquo; scheint auch der Bundespr&auml;sident zu teilen, der eigens nach Kassel reiste, um zu erkl&auml;ren: Kritik an Israel sei erlaubt, &bdquo;doch wo Kritik an Israel umschl&auml;gt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze &uuml;berschritten&ldquo;. Wo auf diesen Bildern das Judentum oder der Staat Israel infrage gestellt werden, l&auml;sst sich aus den Bildern nicht erkl&auml;ren. Es wird das Geheimnis des obersten Repr&auml;sentanten unseres Staates bleiben, uns eines Tages zu erkl&auml;ren, wo er die Infragestellung des Staates Israel auf diesen Bildern entdeckt hat. <\/p><p>Autoritativ sorgen die Herrschenden daf&uuml;r, dass ihre Sicht der Welt auch bei den Beherrschten g&uuml;ltig zu sein hat. Beispielhaft sei hier nur verwiesen auf die heftige Debatte, die seit der Pr&auml;sidentschaft Emmanuel Macrons in Frankreich und Algerien &uuml;ber die &bdquo;Erinnerungskultur&ldquo; an den Algerienkrieg gef&uuml;hrt wird. Darum ist die Debatte um den realen oder behaupteten Antisemitismus auf den inkriminierten Bildern vordergr&uuml;ndig. Politisches Ziel ist es, wie auch immer st&auml;rker in der Debatte artikuliert, diese Ausstellung schlechthin zu verhindern. Und wenn das diesmal nicht gelingt, so soll doch in Zukunft durch die Einschaltung neuer Entscheidungsstrukturen, durch Vergabe oder Nicht-Vergabe von Mitteln etc. daf&uuml;r gesorgt werden, dass die Welt im richtigen Bild erscheint: Nicht die Stimme des S&uuml;dens, der Entrechteten, der &bdquo;Verdammten dieser Erde&ldquo; (Frantz Fanon) soll geh&ouml;rt und verstanden werden, sondern die Definitionsmacht der Herrschenden wird durchgesetzt. <\/p><p>Die Welt-Kunstschau wird umfunktioniert, um die weltweit g&uuml;ltige Sicht &bdquo;unserer&ldquo; humanistisch verkleideten neokolonialen Ordnung zu stabilisieren. Dies gelingt aber nur, wenn sie in den K&ouml;pfen der Beherrschten selbst verankert wird. Um dies zu erreichen, scheint die alte Figur wieder auf, die schon immer Kolonialismus und Imperialismus verkleidete als &bdquo;zivilisatorische Mission&ldquo; bzw. als &bdquo;des wei&szlig;en Mannes B&uuml;rde&ldquo;: Nur die widerspruchslose &Uuml;bernahme &bdquo;unserer&ldquo; &uuml;berlegenen und ewig g&uuml;ltigen Werte vermag es, Fortschritt und Humanit&auml;t zu sichern. Wirklich glaubw&uuml;rdig wird dies aber erst, wenn der S&uuml;den in diesen Chor einstimmt und f&uuml;r die Segnungen durch die Herrschaft des wei&szlig;en Mannes dankt. Und schon sind wir wieder mitten auf der <em>documenta fifteen<\/em>, die so nie wieder stattfinden soll.<\/p><p>Titelbild: screenshot documenta<\/p><p><em>Lesen Sie zu diesem Artikel auch (noch einmal) den Artikel von Rainer Werning <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85666\">&bdquo;Documenta 15: Enttarnter Antisemitismus oder verkannter Antikommunismus?&ldquo;<\/a>.<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/63cf74eccc7843ef989d5c4590ef97f9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die diesj&auml;hrige Kunstausstellung documenta verfolgt ein l&auml;ngst f&auml;lliges, dennoch fast revolution&auml;r anmutendes Ziel: Sie will &ndash; endlich &ndash; dem S&uuml;den des Planeten eine Stimme verschaffen, die Sicht auf die Welt (und ihre j&uuml;ngste Geschichte) durch die Augen der (ehemals?) Unterdr&uuml;ckten zeigen. Es birgt aber nat&uuml;rlich Konfliktpotenzial, wenn der Westen damit konfrontiert wird, dass seine hegemoniale<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85790\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":85791,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,107,126,917,11],"tags":[1749,901,2529,1620,1557,1792,3254,2177],"class_list":["post-85790","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-kultur-und-kulturpolitik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-documenta","tag-geheimdienste","tag-imperialismus","tag-indonesien","tag-israel","tag-kolonialismus","tag-kunstfreiheit","tag-militaerdiktatur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/220713_Cover_documenta.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=85790"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85790\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85888,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85790\/revisions\/85888"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/85791"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=85790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=85790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=85790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}