{"id":85847,"date":"2022-07-14T11:30:51","date_gmt":"2022-07-14T09:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85847"},"modified":"2022-07-14T14:56:37","modified_gmt":"2022-07-14T12:56:37","slug":"zum-zustand-von-medien-und-politik-in-spanien-von-eckart-leiser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85847","title":{"rendered":"Zum Zustand von Medien und Politik in Spanien."},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r den letzten Dienstag hatte der spanische Regierungschef Pedro S&aacute;nchez eine &bdquo;Debatte zur Lage der Nation&ldquo; angesetzt. Sieben Jahre waren seit der letzten Debatte vergangen. Sie geh&ouml;rte zu den Versuchen, die spanische Regierung aus der sozialistischen Partei PSOE und dem Linksb&uuml;ndnis Unidas Podemos (UP) aus ihrem Tief herauszuf&uuml;hren: krachende Niederlage bei den wichtigen regionalen Wahlen in Andalusien. Ein Artikel von <strong>Eckart Leiser<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUmfragen im freien Fall, Medienjubel um den neuen Chef der Rechtspartei PP, Alberto N&uacute;&ntilde;ez Feij&oacute;o, zunehmende Verstimmung des linken Koalitionspartners UP wegen eigenm&auml;chtiger Entscheidungen von Pedro S&aacute;nchez wie Erh&ouml;hung des Milit&auml;retats, Anerkennung der Westsahara, ehemalige spanische Kolonie, als marokkanisches Hoheitsgebiet (entgegen UNO-Resolution), Erweiterung der US-Milit&auml;rbase in Rota usw. Das T&uuml;pfelchen auf dem &bdquo;i&ldquo; war dann das Projekt von Yolanda D&iacute;az, Vizepr&auml;sidentin der Regierung, bei den n&auml;chsten Wahlen als Kandidatin einer neuen linken Sammelbewegung mit dem Namen &bdquo;Sumar&ldquo; (Summieren) gegen die Sozialisten anzutreten. Bei deren Gr&uuml;ndungsversammlung letzte Woche hatte sie die Regierung von Pedro S&aacute;nchez (der sie selbst angeh&ouml;rt) als &bdquo;seelenlos&ldquo; bezeichnet.<\/p><p>In seiner Er&ouml;ffnungsrede zur Lage der Nation trat jetzt ein kaum noch wiederzuerkennender Pedro S&aacute;nchez auf: Mit Herz, Leidenschaft und Sympathie versprach er &bdquo;seine Haut&ldquo; f&uuml;r die &bdquo;arbeitende Mittelklasse&ldquo; des Landes zu geben und zu verhindern, dass diese f&uuml;r die Folgen der Krise bezahlt. Er verk&uuml;ndete ein ganzes Paket von Ma&szlig;nahmen: Kostenloser &Ouml;PNV f&uuml;r Bed&uuml;rftige, Erh&ouml;hung der Stipendien f&uuml;r arme Studenten und die Kr&ouml;nung: eine auf zwei Jahre befristete Zusatzsteuer nach dem &bdquo;Modell Draghi&ldquo; f&uuml;r Banken und den Energiesektor, um die Ma&szlig;nahmen zu finanzieren. Eine gelungene Inszenierung: seit l&auml;ngerer Zeit wieder geschlossener Applaus aller die Minderheitsregierung st&uuml;tzenden Parteien. <\/p><p>Die rechte Oppositionspartei PP, die sich bereits f&uuml;r die Abl&ouml;sung der Regierung r&uuml;stet, litt an einem Handicap: Ihr F&uuml;hrer Feij&oacute;o, den die Leitmedien bereits als zuk&uuml;nftigen Regierungschef feiern, hat selbst keinen Sitz als Abgeordneter im Kongress und damit kein Rederecht. Er konnte der Debatte nur als Gast aus dem Abseits folgen. Der Vorsitzenden der PP-Fraktion im Parlament, Cuca Gamarra, fiel wiederum nicht viel mehr ein, als eine Gedenkminute f&uuml;r die Opfer der vor vier Jahren aufgel&ouml;sten baskischen Untergrundorganisation ETA zu fordern, an der sich alle Parteien, die aus der ETA hervorgegangene Partei EH Bildu eingeschlossen, beteiligten. <\/p><p>Die Mehrheit der spanischen Medien rief bereits am Tag darauf zum Vernichtungskrieg gegen die Regierung auf. Im Folgenden ein Beispiel, ein Kommentar von Ram&oacute;n P&eacute;rez Maura in der digitalen Zeitung &bdquo;El Debate&ldquo;, die sich stolz als Erbin einer 1910 gegr&uuml;ndeten katholischen Zeitung gleichen Namens versteht. Titel des Kommentars: &bdquo;Die W&uuml;rdelosigkeit von S&aacute;nchez&ldquo;. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Rede des Pr&auml;sidenten in der Debatte zur Lage der Nation war eine der w&uuml;rdelosesten, die ich je geh&ouml;rt habe. Aber das Traurigste war, dass es wahrscheinlich ziemlich viele seiner Stammw&auml;hler gibt, die mit seinen Worten zufrieden sind. Allerdings gibt es weitaus objektivere Daten als die Reaktion seiner Getreuen, wie z.B. die gestrige Reaktion der Madrider B&ouml;rse auf die Rede des Premierministers: ein totaler Zusammenbruch, ausgel&ouml;st durch seine Ank&uuml;ndigung einer radikalen Steuererh&ouml;hung auf Strom und Banken, die gestern in den Minuten nach der Ank&uuml;ndigung den (B&ouml;rsenindex) Ibex auf Verluste von sechs Milliarden fallen lie&szlig;. Dieser Typ ist ein Genie. Und sp&auml;ter wird er sagen, er habe einen Rettungsplan f&uuml;r die spanische Wirtschaft.<\/p>\n<p>Jemand sollte S&aacute;nchez erkl&auml;ren, dass die Banker, die er sich mit einer Zigarre im Mund vorstellt, die verabscheuungsw&uuml;rdigen Leute, denen er gestern ank&uuml;ndigte, die Steuern zu erh&ouml;hen, in Wirklichkeit Millionen von Spaniern sind, Aktion&auml;re der Banken und Stromversorger. Menschen, die ihre Rente mit den Dividenden der Unternehmen aufbessern, die S&aacute;nchez gestern zermalmen wollte. Sie werden also einen erheblichen Teil der ihnen zustehenden Dividenden verlieren. Derart werden diejenigen beraubt, die ihre Ersparnisse in v&ouml;llig legitime Unternehmen investiert haben, die &ndash; noch wichtiger &ndash; f&uuml;r das &Uuml;berleben und den Wohlstand eines Landes unverzichtbar sind.<\/p>\n<p>Aber S&aacute;nchez geht noch weiter: Die Investmentfonds, in die Pensionsfonds in aller Welt investieren, investieren auch in diese gro&szlig;en Unternehmen, weil ihre Unternehmensf&uuml;hrung in der Regel transparent ist und Probleme rechtzeitig erkannt werden k&ouml;nnen. Es bleibt abzuwarten, mit welcher Miene S&aacute;nchez damit prahlen wird, was er den Banken und Elektrizit&auml;tsunternehmen abgenommen hat, wenn diese Pensionsfonds Probleme haben, den Rentnern das zu zahlen, was sie ihnen versprochen haben.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich war die erste Reaktion der Elektrizit&auml;tsunternehmen gestern weit weniger harsch, weil ihre Aktion&auml;re vermutlich S&aacute;nchez nicht glauben. Kann man einem Pr&auml;sidenten glauben, dessen Lebenslauf als Schwindler in den westlichen Demokratien beispiellos ist? (&hellip;)<\/p>\n<p>Aber die gr&ouml;&szlig;te W&uuml;rdelosigkeit der Debatte war nicht dies, was schon schlimm genug ist. Das Schlimmste war, der Partei PP zu sagen, sie habe versucht, vom Terrorismus zu profitieren. Der Pr&auml;sident, der mit der Unterst&uuml;tzung der ETA-Terroristen regiert und der mit der Unterst&uuml;tzung der Nachfolger der M&ouml;rder an einem antidemokratischen Gesetz der historischen Erinnerung arbeitet. Die Unverfrorenheit, dem PP zu unterstellen, er habe die Attentate des 11. M&auml;rz 2004 ausgenutzt, wo wir doch alle wissen, wie das Ergebnis der darauffolgenden Wahlen ausfiel und, was noch wichtiger ist, dass die amtierende Regierung Aznar die T&auml;ter der Barbarei von Atocha festgenommen und aufgekl&auml;rt hat, ist an Unanst&auml;ndigkeit kaum zu &uuml;berbieten. Der Einzige, der die Toten benutzt, ist S&aacute;nchez (&hellip;) (Bemerkung des Autors: Aznar hatte l&auml;ngere Zeit die von Islamisten wegen der Beteiligung seiner Regierung am v&ouml;lkerrechtswidrigen Irakkrieg begangenen Attentate ETA zugeschoben, um seine Wiederwahl zu retten. Erfolglos.)<\/p>\n<p>S&aacute;nchez k&ouml;nnte seine Empathie mit den Opfern unter Beweis stellen, indem er eine Woche, nur eine Woche, in einem Kerker wie dem von Ortega Lara (Gefangener der ETA im Jahr 1996) verbringt und ihnen dann sagt, wie sich das anf&uuml;hlt. Nein, ich ziehe den Vorschlag zur&uuml;ck. Vade retro, Satana (Weiche Satan!).&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das ist nur ein Beispiel. Eine F&uuml;lle von spanischen Medien schl&auml;gt den gleichen Ton an. Heinrich Heine w&uuml;rde sagen: &bdquo;Denk ich an die spanische Demokratie in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r den letzten Dienstag hatte der spanische Regierungschef Pedro S&aacute;nchez eine &bdquo;Debatte zur Lage der Nation&ldquo; angesetzt. Sieben Jahre waren seit der letzten Debatte vergangen. 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