{"id":8586,"date":"2011-03-07T09:34:19","date_gmt":"2011-03-07T08:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8586"},"modified":"2014-08-11T12:20:13","modified_gmt":"2014-08-11T10:20:13","slug":"rezension-von-patrick-bahners-die-panikmacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8586","title":{"rendered":"Rezension von: Patrick Bahners, Die Panikmacher"},"content":{"rendered":"<p>Kaum war der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im Amt, erkl&auml;rte er, der Islam geh&ouml;re nicht zu Deutschland. Damit stie&szlig; er erwartungsgem&auml;&szlig; auf Kritik seitens der Islamverb&auml;nde und von Vertretern der Opposition, aber auch aus dem eigenen Regierungslager kam Widerspruch: &bdquo;Der Islam geh&ouml;rt selbstverst&auml;ndlich zu Deutschland&ldquo;, betonte Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger. Warum hat Friedrich ohne Not die in der Bundesrepublik lebenden Muslime &ndash; mehr als drei Millionen Menschen &ndash; vor den Kopf gesto&szlig;en? Hat er sich wirklich nur im Ton vergriffen, wie die &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo; vermutet? Von Mark Krieger<br>\n<!--more--><br>\nDass ein langj&auml;hriger Berufspolitiker wie Friedrich sich &uuml;ber die Wirkung seiner Worte in der &Ouml;ffentlichkeit nicht im Klaren gewesen sein soll, ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es, dass er bewusst die grassierenden &Auml;ngste und Vorurteile gegen&uuml;ber dem Islam angesprochen hat. Man muss nicht die einschl&auml;gigen Internetseiten der Islamhasser besuchen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie tief das Misstrauen ist, das Muslimen hierzulande entgegen schl&auml;gt. Auf der Website des BMI k&ouml;nnen B&uuml;rger\/innen Fragen an den Minister zum Thema Integration stellen. Dort fragt zum Beispiel &bdquo;Wolfgang&ldquo;: &bdquo;Im Koran wird zum Mord aufgerufen. &hellip; Geh&ouml;rt der Islam und der Koran nicht verboten?&ldquo;<\/p><p>Wer weiterliest, der staunt nicht schlecht, was die B&uuml;rger so alles &uuml;ber den Islam wissen. &bdquo;Ist es richtig, dass viele Muslime deutsche Transferleistungen als selbstverst&auml;ndliche Abgabe der Ungl&auml;ubigen ansehen (dschytzia)?&ldquo;, fragen &bdquo;Ken und Marco&ldquo;. Dazu muss man wissen, dass die jyzia die Kopfsteuer war, welche die nicht-muslimischen Minderheiten unter islamischer Herrschaft zu entrichten hatten, als Zeichen ihrer Unterordnung. Seit es auch in der islamischen Welt Nationalstaaten gibt, ist diese Form der diskriminierenden Besteuerung obsolet. Diese vormoderne Praxis mit Transferzahlungen in einem modernen Sozialstaat in einen Zusammenhang zu bringen, verr&auml;t eine v&ouml;llige Unkenntnis der historischen Tatsachen. Wie kommt so etwas in deutsche K&ouml;pfe?<\/p><p>Patrick Bahners hat jetzt die so genannte Islamdebatte kritisch analysiert. Der Leiter des FAZ-Feuilletons nimmt die &ouml;ffentliche Erregung um die Aussage von Bundespr&auml;sident Wulff vom 3. Oktober 2010, &bdquo;der Islam geh&ouml;rt inzwischen auch zu Deutschland&ldquo;, zum Anlass, um nach den Motiven der Islamkritiker zu fragen. Man erinnert sich: Dieser Satz Wulffs, laut Bahners &bdquo;von einer Harmlosigkeit, die das Nichtssagende streifte&ldquo;, l&ouml;ste eine Diskussion aus, in der dem Bundespr&auml;sidenten u.a. von der BILD-Zeitung vorgeworfen wurde, er hofiere den Islam. Dagegen konnten sich Stimmen, die darauf hinwiesen, dass Wulff doch nur das Offensichtliche ausspreche, kaum Geh&ouml;r verschaffen.<\/p><p>Ein wesentlicher Grund daf&uuml;r liegt in der Art und Weise, wie der Islam, genauer ausgedr&uuml;ckt: wie Menschen muslimischen Glaubens in den deutschen Massenmedien dargestellt werden. &bdquo;Fundamentalismus&ldquo;, &bdquo;Integrationsverweigerer&ldquo;, &bdquo;Terrorismus&ldquo; &ndash; mit diesen (Kampf-) Begriffen wird Meinung gemacht. Dass die gro&szlig;e Mehrheit der Muslime sich l&auml;ngst der deutschen Gesellschaft angepasst hat und hier friedlich leben will, wie Bahners zu Recht hervorhebt, geht dabei unter. Wie die Stimmungsmache funktioniert, zeigt Bahners u.a. am Beispiel einer &bdquo;Studie&ldquo; des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter Leitung von Professor Christian Pfeiffer. Mit der Behauptung, junge Muslime, die sich selbst als religi&ouml;s bezeichneten, wiesen eine erh&ouml;hte Gewaltbereitschaft auf, hatte Pfeiffer f&uuml;r m&auml;chtigen Wind im Bl&auml;tterwald gesorgt. Als dann Internetblogger und einige kritische Journalisten der Untersuchung methodische M&auml;ngel und Widerspr&uuml;che nachwiesen, wurde dar&uuml;ber kaum berichtet. Die Botschaft, die bei Otto Normalzeitungsleser h&auml;ngen blieb, war: Der Islam ist eine gewaltt&auml;tige Religion. <\/p><p><strong>Muslime unter Generalverdacht<\/strong><\/p><p>Ein besonders perfider Aspekt der Islamdebatte ist die Unterstellung, man k&ouml;nne den Muslimen nicht trauen. Um diese Behauptung zu begr&uuml;nden, greifen Islamkritiker auf den Taqiya-Begriff zur&uuml;ck. Dabei handelt es sich um einen Fachausdruck der islamischen Rechtslehre, demzufolge es Muslimen in Situationen h&ouml;chster Not erlaubt ist, ihren Glauben &auml;u&szlig;erlich zu verleugnen. Wohlgemerkt, in h&ouml;chster Not. Aus diesem Spezialbegriff der islamischen Sakraljurisprudenz wird nun ein Generalverdacht abgeleitet: Der Muslim, der sich zum Grundgesetz und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt, meint es nicht ernst. Innerlich ist und bleibt er ein Feind dieser Ordnung und ist als solcher zu bek&auml;mpfen. <\/p><p>&bdquo;Die Zerst&ouml;rung der Alltagsvernunft&ldquo; nennt Bahners dieses paranoide Denken. Der t&uuml;rkische &Auml;nderungsschneider betreibt sein Gesch&auml;ft nur zur Tarnung, in Wahrheit verfolgt er das Ziel der Islamisierung Deutschlands. Prominente Islamkritiker wie Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali oder Ralph Giordano werfen den &bdquo;Gutmenschen&ldquo;, die in Integrationsdefiziten muslimischer Zuwanderer in erster Linie ein soziales und wirtschaftliches Problem sehen, Naivit&auml;t und Def&auml;tismus vor. In ihrer Sicht ist der Islam selbst das Problem. In letzter Konsequenz m&uuml;ssten die Muslime ihren Glauben aufgeben, wenn sie in den s&auml;kularen Gesellschaften des Westens leben wollten. Am Ende st&uuml;nde, so Bahners, &bdquo;ein Spiritualismus der reinen Innerlichkeit&ldquo;, Kopfgeburt eines fanatischen Rationalismus.<\/p><p>Gegen diese &bdquo;Logik des Partisanenkampfes&ldquo; h&auml;lt Bahners n&uuml;chtern die Aushandlungsprozesse der pluralistischen Gesellschaft und den Kompromisscharakter demokratischer Politik. In der Tradition des angels&auml;chsischen Pragmatismus pl&auml;diert er daf&uuml;r, in strittigen Fragen dem Einzelfall gerecht zu werden, wie etwa in der Debatte um die Kopftuch tragende Lehrerin &ndash; welche in typisch deutscher Manier weltanschaulich aufgeladen worden sei. Insoweit ist dem Autor durchaus zu folgen. <\/p><p>Allerdings bleiben bei Bahners die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weitgehend ausgeblendet, unter denen das Ph&auml;nomen der Islamkritik &ndash; besser sollte man von Islamfeindlichkeit sprechen &ndash; gedeiht. Es w&auml;re zu fragen, inwieweit die neoliberale Zersetzung des Sozialstaats und die Aufspaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer dazu beitragen, dass Muslime zunehmend stigmatisiert werden. Bahners streift diesen Punkt an einer Stelle, wo er bemerkt, dass die Spielart der Islamkritik &agrave; la Sarrazin &amp; Co bei den von sozialen Abstiegs&auml;ngsten geplagten b&uuml;rgerlichen Schichten besonders dankbare Abnehmer findet. Auch das unheilige Zusammenspiel von so genannten Experten und den Mainstream-Medien &ndash; den Leser\/innen der NachDenkSeiten zur Gen&uuml;ge bekannt &ndash; findet nur am Rande Erw&auml;hnung.<br>\nTrotz dieser Einschr&auml;nkungen bleibt festzuhalten, dass Patrick Bahners ein aufkl&auml;rerisches Buch geschrieben hat. Wer rationale Argumente der unreflektierten Panikmacherei vorzieht, sollte es lesen. <\/p><p><em>Patrick Bahners, Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift, C.H. Beck, M&uuml;nchen 2011, 320 Seiten, ISBN 978-3-406-61645-7, 19,95 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum war der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im Amt, erkl&auml;rte er, der Islam geh&ouml;re nicht zu Deutschland. 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