{"id":85894,"date":"2022-07-15T08:42:14","date_gmt":"2022-07-15T06:42:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85894"},"modified":"2022-07-15T17:54:54","modified_gmt":"2022-07-15T15:54:54","slug":"ueber-die-wirkliche-lage-der-menschen-im-ahrtal-ein-jahr-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85894","title":{"rendered":"\u00dcber die wirkliche Lage der Menschen im Ahrtal ein Jahr danach"},"content":{"rendered":"<p>Die Redaktion der NachDenkSeiten erreichte gestern die E-Mail eines Lesers mit angeh&auml;ngtem Bericht seines Freundes aus dem Ahrtal. Das klingt anders als bei den gestrigen Gedenkfeiern. Ein Kernsatz: &bdquo;Die Menschen brechen unter der gewaltigen Last aus Existenz&auml;ngsten, Kraft- und Hoffnungslosigkeit sowie Einbu&szlig;en in der Lebensqualit&auml;t schier zusammen.&ldquo; Albrecht M&uuml;ller.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2696\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-85894-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220717_Ueber_die_wirkliche_Lage_der_Menschen_im_Ahrtal_ein_Jahr_danach_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220717_Ueber_die_wirkliche_Lage_der_Menschen_im_Ahrtal_ein_Jahr_danach_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220717_Ueber_die_wirkliche_Lage_der_Menschen_im_Ahrtal_ein_Jahr_danach_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220717_Ueber_die_wirkliche_Lage_der_Menschen_im_Ahrtal_ein_Jahr_danach_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=85894-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220717_Ueber_die_wirkliche_Lage_der_Menschen_im_Ahrtal_ein_Jahr_danach_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220717_Ueber_die_wirkliche_Lage_der_Menschen_im_Ahrtal_ein_Jahr_danach_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Hier zun&auml;chst die Mail unseres Lesers: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Hallo zusammen, ich m&ouml;chte euch unten die Email eines Freundes aus dem Ahrtal weiterleiten, der ungenannt sein m&ouml;chte. Er beschreibt die Situation zum Jahrestag der Flutkatastrophe. <\/p>\n<p>Er hatte vor einem Jahr im Freundeskreis um Unterst&uuml;tzung gebeten, um einigen wenigen Menschen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft sofort helfen zu k&ouml;nnen. <\/p>\n<p>Bitte lesen Sie diesen Text, der mich fassungslos macht und entscheiden Sie, ob sie ihn auf Ihrer Webseite ver&ouml;ffentlichen wollen oder nicht. <\/p>\n<p>Gru&szlig;<br>\nG&uuml;nter Selas\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220715-Wirklichkeit-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Und hier der Bericht des Betroffenen im Ahrtal:<\/strong><\/p><p>Liebe Unterst&uuml;tzer*innen! <\/p><p>Hier im Ahrtal wirkt es noch immer surreal, dass es heute schon exakt ein Jahr her ist, als die Flut unser Leben so massiv ver&auml;ndert hat. Was aber noch immer sehr pr&auml;sent ist, ist die reale Hilfe, die uns unmittelbar nach dieser Katastrophe aus der gesamten Republik gew&auml;hrt worden ist. Daher m&ouml;chte ich die Gelegenheit anl&auml;sslich dieses so zwiegespaltenen Jahrestages nutzen, mich im Namen aller Beg&uuml;nstigten nochmals sehr herzlich f&uuml;r Eure gro&szlig;z&uuml;gige monet&auml;re, materielle und moralische Unterst&uuml;tzung aller Art zu bedanken: Euer Beitrag wirkt nach und hat Bestand! <\/p><p>Wunderbar w&auml;re es, wenn ich dar&uuml;ber hinaus berichten k&ouml;nnte, dass in diesem einen Jahr so viel voran gegangen ist, dass die Menschen im Ahrtal positiv gestimmt sind und frohen Mutes in eine prosperierende Zukunft blicken. Leider ist dies reines Wunschdenken. Die zahlreichen, sicher in bester Absicht gestellten Nachfragen &bdquo;Und? Alles wieder gut?&ldquo; oder &bdquo;Nun m&uuml;sste doch langsam wieder alles in Ordnung sein!? m&uuml;ssen leider mit &bdquo;ganz und gar nicht&ldquo; beantwortet werden. Und das auf nahezu allen Ebenen. Positiv sind &ndash; auch in unserer Familie &ndash; aktuell leider nur die Corona-Testergebnisse. Und das in exponentiell wachsender Zahl. Ansonsten&hellip; <\/p><p>&hellip;m&ouml;chte ich niemandem zumuten, eine einzige (An-) Klageschrift aus dem Ahrtal zu lesen. Der furchtbare Ukrainekrieg und dessen Folgen dr&uuml;cken schon hinreichend aufs Gem&uuml;t. Und hier mag sich niemand ausmalen, wie ein zweiter Winter ohne stabile Heiz- und Energieversorgung wohl aussehen wird. Doch auch wenn die Medienkarawane l&auml;ngst weitergezogen ist und leider keinerlei Schwierigkeiten hat, die n&auml;chste Katastrophe zu betexten und bebildern, so m&ouml;chte ich doch kurz skizzieren, wie sich hier die aktuelle Lage darstellt. Viele meiner Textbausteine d&uuml;rften f&uuml;r aufmerksame Leser*innen wie eine copy-paste-Schilderung wirken. Ich w&uuml;nschte, es w&auml;re anders. <\/p><p>Von unseren Freunden mit ihren Familien und zahlreichen Kindern, die dank Eurer gro&szlig;z&uuml;gigen Spenden und Erste-Hilfe-Ma&szlig;nahmen &uuml;ber die existentiell bedrohliche Anfangszeit gehievt werden konnten, sind zwei Paare inzwischen getrennt, ein Haus im entkernten Zustand verkauft und nahezu s&auml;mtliche Betroffene, Erwachsene wie Kinder und Jugendliche, in Therapie &ndash; bzw. auf der Suche nach einem Therapieplatz. Wartezeit: ein Jahr. Der Hausverkauf war n&ouml;tig, da eine R&uuml;ckkehr ins Flutgebiet f&uuml;r diese Freunde nicht mehr m&ouml;glich erschien. Dass der Verkauf mit einer Halbierung des Werts am Tag vor der Flut einherging und somit die komplette Altersvorsorge dieser Freiberufler perdu war, soll das Schicksal hinter dem Schicksal verdeutlichen. Nach den Starkregenereignissen vor einigen Wochen haben viele andere inzwischen schmerzlich begreifen m&uuml;ssen, dass sie einer so sehr ersehnten baldigen R&uuml;ckkehr ins Eigenheim &uuml;berhaupt nicht gewachsen sind. <\/p><p>Kommen wir zu den beiden Tabubegriffen und regionalen Unw&ouml;rtern des abgelaufenen Jahres: &bdquo;schnell&ldquo; und &bdquo;unb&uuml;rokratisch&ldquo;. Heute schweben hier zum symbolischen Staatsakt und Zeichen der Solidarit&auml;t wieder Bundespr&auml;sident, Bundeskanzler und die Ministerpr&auml;sidentin unseres Bundeslandes Rheinland-Pfalz ein. Es erinnert an &auml;hnliche Auftritte vor ziemlich exakt einem Jahr, als beispielsweise der Hubschrauber mit der Kanzlerin auf unserem Sportplatz in 150m Luftlinie unseres Wohnhauses einschwebte und die so notwendigen, akuten Hilfsaktivit&auml;ten erst einmal f&uuml;r Stunden zum erliegen gebracht hatte. Das Ahrtal hatte damals das gro&szlig;e Pech, dass sich die Politiker*innen im Wahlkampf befunden haben und sich diese beiden Begriff &bdquo;schnell&ldquo; und &bdquo;unb&uuml;rokratisch&ldquo; bestens eigneten, die durch &Ouml;l, F&auml;kalien und andere Giftstoffe benebelten Sinne der flutdurchtr&auml;nkten Bev&ouml;lkerung mit Hoffnung zu bet&auml;uben. <\/p><p>Inzwischen ist auch den letzten Betroffenen klar geworden, dass die Zahlungen aus Wiederaufbaufonds und prall gef&uuml;llten Spendent&ouml;pfen von Organisationen und Institutionen &uuml;berall gelandet sein m&ouml;gen. Nur nicht bei ihnen. Oder noch in irgendwelchen Amtsstuben verschimmeln. Die b&uuml;rokratischen H&uuml;rden der Antr&auml;ge sind f&uuml;r viele noch immer un&uuml;berwindbar. Oder sie bekommen auf Nachfrage nach 6 Monaten die Mitteilung, dass an einer Stelle des 30-seitigen Antrags ein Haken zu setzen vergessen wurde. Die Menschen brechen unter der gewaltigen Last aus Existenz&auml;ngsten, Kraft- und Hoffnungslosigkeit sowie Einbu&szlig;en in der Lebensqualit&auml;t schier zusammen. Dies gilt sowohl f&uuml;r Privat- als auch Gesch&auml;ftsleute. Die Gesch&auml;ftswelt liegt auch nach einem Jahr noch weitestgehend brach, Tausende haben das Tal dauerhaft verlassen, und die meisten Menschen konnten noch immer nicht wieder in ihre H&auml;user zur&uuml;ckkehren. <\/p><p>In der H&auml;userreihe unterhalb von uns, deren G&auml;rten unmittelbar an unseren sto&szlig;en, ist noch niemand wieder eingezogen &ndash; und 3 H&auml;user in unmittelbarer Nachbarschaft mussten abgerissen werden. Mur durch eine geographische Gnade, da unser Grundst&uuml;ck in ausreichendem Ma&szlig;e ansteigend ist, hatten wir das Wasser immerhin nicht IM Haus stehen. Unsere Nachbarn haben gestern (!) ihre neuen Fenster eingesetzt bekommen und hoffen, Weihnachten (!) wieder im Haus sein zu k&ouml;nnen. Das w&auml;ren dann knapp 18 Monate nach der Flut. Und wo Not ist, sind die Profiteure nicht weit. Ich kenne gut ein Dutzend Betroffene, die nun sowohl den frischen Estrich als auch neu eingezogene W&auml;nde samt frischem Putz wieder rausrei&szlig;en d&uuml;rfen, weil irgendwelche von den Versicherungen geschickten Sub-Sub-Sub-Unternehmer gepfuscht haben. Kolonnen von ungelernten M&auml;nnchen in wei&szlig;en Schutzanz&uuml;gen haben f&uuml;r einen Lohn von 5 &euro; pro Stunde ihr Unwesen getrieben. Und der Gro&szlig;unternehmer hat sich am Schreibtisch mit abgerechneten 60 &euro; plus die H&auml;nde gerieben. Wenn es nicht so traurig w&auml;re, m&uuml;sste man laut lachend an Mario Adorfs Figur Heinrich Haffenloher in Kir Royal (&bdquo;&hellip;und dann jeh&ouml;rste mir!&ldquo;) denken. Doch das Lachen bleibt einem angesichts des realen Dramas im Halse stecken. <\/p><p>Sprechen wir kurz &uuml;ber die &bdquo;Lebensqualit&auml;t&ldquo; der nachwachsenden Generation im Ahrtal: Kinder und Jugendliche. Therapiebedarf und Suizidversuche schnellen in die H&ouml;he. Kein Wunder: die Nacht der Flut und deren Auswirkungen haben den Auswirkungen der h&ouml;chst herausfordernden Corona-Zeit mit einer explosiven Familien-Melange aus home schooling und home office die Krone aufgesetzt. Bekannte aus dem Bereich der polizeilichen Spezialeinheiten berichten, sie w&uuml;rden weniger wegen Kriminalit&auml;t zum Einsatz gerufen, daf&uuml;r umso mehr wegen h&auml;uslicher Gewalt. Es gibt quasi keine Schwimmb&auml;der, Sportanlagen und Spielpl&auml;tze mehr im Ahrtal. Alles fortgesp&uuml;lt. Wiederherstellung: Achselzucken. Der Aufwand, seine Kinder zum k&ouml;rperlichen Ausgleich und Sozialleben zu bringen, ist gewaltig. Hier wird gerade eine Generation von Nicht-Schwimmern und Bewegungseingeschr&auml;nkten heranwachsen, das auch gesamtgesellschaftlich zum Problem wird. Es erfordert schon gewaltigen Optimismus, den zarten Lichtstrahl am Ende des Tunnels zu erahnen. <\/p><p>Was die Flut &ndash; flankiert von den Bildern aus Ost-Europa &ndash; f&uuml;r die &auml;ltere Generation bedeutet, k&ouml;nnen wir jeden Tag am Beispiel meiner 96-j&auml;hrigen Mutter erleben, die wir im Jahr vor der Flut bei uns aufgenommen haben. Beinahe t&auml;glich kommen uns zudem bei den Hunderunden &ndash; die unweigerlich durchs &bdquo;Kriegsgebiet&ldquo; f&uuml;hren, wie es hier genannt wird &ndash; &auml;ltere Menschen entgegen, die unvermittelt in Tr&auml;nen ausbrechen oder mit feuchten Augen noch immer fassungslos auf die einst idyllischen Orte blicken. Sie stehen im wahrsten Sinne des Wortes vor den Tr&uuml;mmern ihres Lebens. Der Anblick ist manchmal schwer auszuhalten. Wer hat die Kraft und wer h&auml;tte sich das vorgestellt, mit 70+ noch einmal komplett von vorne anfangen zu m&uuml;ssen? Sie wollten doch nur in Ruhe ihren Lebensabend genie&szlig;en. Und von der Generation zwischen Jugend und Alter und deren Einschr&auml;nkungen der Lebensqualit&auml;t m&ouml;chte ich gar nicht erst beginnen. <\/p><p>Bei Hochwasserkonzepten, Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen oder Infrastruktur wie Stra&szlig;en, Schienen und Br&uuml;cken ist der Frust ganz besonders gro&szlig;. Zentrale Br&uuml;cken, wie eine Fu&szlig;g&auml;ngerbr&uuml;cke, die zuvor in erster Linie und notwendigerweise von Schulkindern genutzt worden ist, sind erst f&uuml;r 2027 im Wiederaufbauplan vorgesehen. Wohl wissend, wie planungssicher solche Ma&szlig;nahmen sind, kann man erahnen, &uuml;ber welche Zeithorizonte wir hier philosophieren. Es fehlen Konzepte, Gremien m&uuml;ssen sich erst noch finden, im ersten Aktionismus ist bereits sehr viel &ndash; vor allem im Hinblick auf nachhaltige Ma&szlig;nahmen unter Ber&uuml;cksichtigung der Natur &ndash; versemmelt worden und man gewinnt den Eindruck, dass in Anlehnung an Liedermacher Reinhard May hier noch sehr viele Antr&auml;ge zur Erstellung eines Antragsformulars von Schreibtisch zu Schreibtisch im B&uuml;rokratiedschungel gewandert sein m&uuml;ssen, bis es zu einer Umsetzung kommen kann. <\/p><p>Nat&uuml;rlich bricht sich die Frage nach Schuld und Verantwortung zunehmend Bahn. Gerade am vergangenen Freitag hat der zum Zeitpunkt der Flut oberste Katastrophensch&uuml;tzer des Kreises &ndash; &bdquo;der dessen Name nicht genannt werden darf&ldquo;: der Landrat &ndash; nebst Gattin im Mainzer Untersuchungsausschuss die Aussage verweigert. Sein gutes Recht, denn es l&auml;uft ja zugleich ein Ermittlungsverfahren wegen fahrl&auml;ssiger T&ouml;tung gegen ihn. Aber auch ohne sein Zutun haben die Ermittler herausgefunden, dass er in jenen kritischen Stunden zwar nicht f&uuml;r seine technische Einsatzleitung erreichbar war &ndash; nur f&uuml;r ein Foto mit dem Innenminister RLP, der sich von der &bdquo;ruhigen&ldquo; und &bdquo;konzentrierten&ldquo; Arbeit des Krisenstabs &uuml;berzeugt hat, bevor drei Stunden sp&auml;ter f&uuml;r 69 Menschen im Stadtgebiet jede Hilfe zu sp&auml;t kam -, jedoch mit einer &bdquo;guten Bekannten&ldquo; (knick-knack) mit dem Synonym &bdquo;Nring&ldquo; (wo mag sie wohl wohnen? Hilfestellung: die Rennstrecke N&uuml;rburgring liegt knapp 30km entfernt&hellip;) in jenen Stunden 13 Mal &bdquo;gechattet&ldquo; hat. W&ouml;rtlich: &bdquo;Ich bin am Ende.&ldquo; Zudem hat er seine unmittelbaren privaten Nachbarn gewarnt &ndash; und anschlie&szlig;end seinen Porsche in Sicherheit gefahren. Hier ist man sich sicher, der nun krank geschriebene Mann erh&auml;lt ohne K&uuml;rzungen seine Beamtenpension. Und dennoch: den mangelnden Katastrophenschutz und nicht erfolgten Warnungen der Bev&ouml;lkerung an jenem verh&auml;ngnisvollen Tag an einer Person alleine festzumachen, w&uuml;rde zwar kurzfristig die Sehnsucht nach einem Schuldigen befriedigen, doch zugleich von unverzeihlichen Systemfehlern ablenken. Es hat sich gezeigt, und das ist hier zum gefl&uuml;gelten Wort geworden, &bdquo;dass Burkina Faso auf eine solche Katastrophe besser vorbereitet gewesen w&auml;re&ldquo;. Dabei haben wir doch die Katastrophenschutzschule des Bundes nur 500m bergaufw&auml;rts sitzen &ndash; und uns auf unsere Organisationskunst, auch international, immer so viel eingebildet. In dieser Illusion sind hier viele Menschen ertr&auml;nkt worden. <\/p><p>Die Menschen im Ahrtal tun nach meiner Beobachtung ihr Bestes, um diese unheimlich kr&auml;ftezehrende Phase ihres Lebens zu bew&auml;ltigen &ndash; physisch wie psychisch. Aber die Dimension, das Ausma&szlig; und die Folgen der Zerst&ouml;rung sind noch immer derma&szlig;en gigantisch, dass es den k&uuml;hnsten Optimisten schwer f&auml;llt, positiv zu bleiben. Und was es wirklich schwer macht: wenn man beim Hundespaziergang Bekannte trifft und fragt: &bdquo;Wie geht es Dir?&ldquo;, dann triggert man in vielen F&auml;llen eine Antwort gespickt mit pers&ouml;nlichen Erlebnissen, so dass man leicht eine halbe Stunde nur mit Zuh&ouml;ren verbringt. Es ist hier eine st&auml;ndige, offene Therapiestunde und man m&ouml;chte wirklich hoffen, dass die Selbstheilungskr&auml;fte der Menschen so stark sind, dass der Mangel an tausenden Psychologen vor Ort &ndash; bei allen Anstrengungen &ndash; zunehmend weniger stark in Erscheinung tritt. <\/p><p>Alle bangen dem Jahrestag entgegen. Viele Gedenkfeiern sind geplant, doch mein Eindruck ist, dass viele am liebsten Weglaufen w&uuml;rden vor den Erinnerungen. Wir hatten f&uuml;r den morgigen Tag unsere engsten, am st&auml;rksten betroffenen Freunde in unseren l&auml;ngst wieder hergestellten Garten eingeladen zu Bratwurst, Br&ouml;tchen und Bier &ndash; nat&uuml;rlich auch alles vegan, glutenfrei, alkoholfrei , um die traumatischen Erlebnisse der Flutkatastrophe durch eine gesellige Runde zu &uuml;berlagern. Doch nun sind von den 20 Personen rund 2\/3 COVID-infiziert. Es w&auml;re ja auch zu einfach gewesen. <\/p><p>Ihr lest: das Trauma, der Frust und die Entt&auml;uschung stecken noch sehr tief. D&uuml;nnh&auml;utigkeit, strapazierte Nerven und leider auch ein zunehmender Mangel an Solidarit&auml;t sind zu beobachten. Gerne h&auml;tte ich Positiveres berichtet nach einem Jahr. Aber es bleibt die Hoffnung, dass die Zeit auch Wunden heilen hilft. So platt der Spruch auch ist. Zugleich steigt das Risiko der &bdquo;Hochwasser-Demenz&ldquo;, die schon in der Vergangenheit dazu gef&uuml;hrt hat, dass man die Folgen vergangener Hochwasser leicht vergisst. Und hier hat man weder den Warnschuss des &bdquo;Jahrhundert-Hochwassers&ldquo; in 2016, noch den aus 1804 bzw. 1910 hinreichend deutlich wahrgenommen. Bleibt nur zu hoffen, dass ein Jahrhundert nicht wieder nur wenige Jahre dauert, sondern auch mal doppelt so lange. Doch die Experten sind sich einig: es wird wieder kommen. Wie heftig dann das Ausma&szlig; sein wird, wird vornehmlich an den Warnungen und ver&auml;nderten Br&uuml;ckenbauweisen liegen, die sich vor einem Jahr so fatal zugesetzt hatten und nach deren &bdquo;Explosion&ldquo; eine Art Tsunami die Orte vernichtet hat. <\/p><p>Nur noch einmal zur Verdeutlichung: hier im Ahrtal sind 134 Menschen in jener Nacht gestorben, noch immer sind zwei Personen vermisst. Inzwischen mehren sich die Zahlen, dass es viele Menschen gibt, die kurz nach dem &Uuml;berleben gestorben sind, vor allem &Auml;ltere. So pathetisch es klingt: an gebrochenem Herzen. Zudem hat es zahlreiche Suizide gegeben. Und dahinter stecken Hunderte von trauernden Angeh&ouml;rigen. Von den Hunderten, zum Teil Schwerverletzten ist zwar schon lange keine Rede mehr, aber die Auswirkungen auf deren Leben kann man sich nur vage vorstellen. Und die &uuml;brigen Zehntausende &Uuml;berlebenden und Betroffenen auf einer Strecke von 40km werden ebenfalls lebenslang an die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 denken. <\/p><p>Was bleibt: die Erinnerung an all die wunderbaren Zeichen der Mitmenschlichkeit, Unterst&uuml;tzung und Hilfsleistungen, die hier vor einem Jahr ins Ahrtal gestr&ouml;mt sind und den Menschen vor Ort gezeigt haben, was unser Zusammenleben aus- und so wertvoll macht. F&uuml;r Eure SolidAHRit&auml;t nochmals unser herzlichstes &bdquo;DANKE&ldquo;!<\/p><p>Titelbild: Gedenken im Ahrtal 14.7.2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Redaktion der NachDenkSeiten erreichte gestern die E-Mail eines Lesers mit angeh&auml;ngtem Bericht seines Freundes aus dem Ahrtal. Das klingt anders als bei den gestrigen Gedenkfeiern. Ein Kernsatz: &bdquo;Die Menschen brechen unter der gewaltigen Last aus Existenz&auml;ngsten, Kraft- und Hoffnungslosigkeit sowie Einbu&szlig;en in der Lebensqualit&auml;t schier zusammen.&ldquo; Albrecht M&uuml;ller.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":85895,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,103],"tags":[],"class_list":["post-85894","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-leserbriefe"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/220715-Wirklichkeit.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=85894"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85894\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85967,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85894\/revisions\/85967"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/85895"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=85894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=85894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=85894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}