{"id":86,"date":"2003-12-01T17:41:39","date_gmt":"2003-12-01T15:41:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=86"},"modified":"2024-10-13T01:21:18","modified_gmt":"2024-10-12T23:21:18","slug":"prasident-mit-barspende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86","title":{"rendered":"Pr\u00e4sident mit Barspende?"},"content":{"rendered":"<p>Er forderte die Regierung Schr&ouml;der auf, mit George Bush in den Krieg zu ziehen, er kassierte eine dubiose 100.000-Mark-Spende. In der CDU\/CSU scheint alles m&ouml;glich. Bis vor Kurzem heftig in die CDU-Parteispendenaff&auml;re verwickelt, bringt sich Wolfgang Sch&auml;uble als Nachfolger von Johannes Rau im Amt des Bundespr&auml;sidenten ins Gespr&auml;ch. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>vorw&auml;rts<\/em> 11\/2003, Kolumne Gegen den Strom.<br>\n<!--more--><br>\nStellen wir uns vor: Der Parteivorsitzende der SPD erh&auml;lt 100.000 D-Mark, heute 50.000 Euro, in bar. Er wundert sich nicht dar&uuml;ber, dass die Spende von einem Waffenh&auml;ndler und in bar &uuml;berreicht wird und gibt das Geld weiter an seine Partei. Neun Jahre nach dieser auff&auml;lligen Bar-Geld&uuml;bergabe in Zeiten des bargeldlosen Verkehrs wird der &ndash; inzwischen demontierte &ndash; Partei-Vorsitzende zum Kandidaten f&uuml;r die Wahl des Bundespr&auml;sidenten ausgerufen. <\/p><p>Die H&ouml;lle w&auml;re los, wenn dieser Vorgang sich in den Reihen der SPD abspielen w&uuml;rde. Die Journalisten w&uuml;rden sich das Maul zerrei&szlig;en. Und mit Recht w&uuml;rden sie das tun. Denn Bargeld flie&szlig;t nur, wenn es entweder schwarz verdient ist oder eine Gegenleistung des beschenkten Politikers bezahlt wird, die nicht bekannt werden soll. In den meisten F&auml;llen dieser Art wird gegen geltendes Recht versto&szlig;en, ein Zeichen des Verfalls politischer Sitten. <\/p><p>Das Bargeld wurde aber nicht an einen Sozi gezahlt. Und zum Bundespr&auml;sidenten kandidieren auch nicht die ehemaligen SPD-Vorsitzenden Vogel oder Engholm, Scharping oder Lafontaine. Es schickt sich an zu kandidieren: Wolfgang Sch&auml;uble von der CDU. Da regt sich nichts bei der Journaille. Was da an miesen Geschichten war, ist in ihren Augen wohl durchgehend ehrenwert, weil ihre Meinungsf&uuml;hrer Teil dieser ehrenwerten konservativen Gesellschaft sind, die Sonntags die Moral und die Werte hochh&auml;lt und es Montags als Delikt unter Kavalieren erachtet, wenn 100.000 in bar bezahlt werden, oder wenn Altkanzler Kohl nach getaner Arbeit 600.000 per annum von Kirch erh&auml;lt, usw. mit Koch und Kiep und Strau&szlig;, Gott hab ihn selig. <\/p><p>Zu Sch&auml;uble regt sich auch sonst nichts im deutschen Bl&auml;tterwald und in den abendlichen Talkshows, obwohl sich&rsquo;s viel aufzuregen g&auml;be. Aber dazu braucht man ein Ged&auml;chtnis und ein bisschen Aufmerksamkeit. Und dies ist den angepassten deutschen Medienmachern inzwischen so fremd wie der eigene Gedanke. Ein Blick zur&uuml;ck ins Jahr 1958. Das war 13 Jahre nach Kriegsende, nach Schutt und Asche. Das Land (im Westen) bl&uuml;hte, die Leute hatten Arbeit, die Renten wurden dynamisiert, die Deutschen entdeckten das Reisen. Genauso weit sind wir heute von der deutschen Vereinigung weg. Und wo 1945 ff die Tr&uuml;mmerfrauen standen, gab&rsquo;s 1990 ff Milliarden, inzwischen schon &uuml;ber eine Billion, und Maschinen und Autobahnen, ausgebildete Fachkr&auml;fte und Berater, Professoren und Beamte aus dem Westen. Nach 13 Jahren deutscher Einheit sind wir mit dem gemeinsamen Aufbau und dem Wegr&auml;umen der &ldquo;Tr&uuml;mmer&rdquo; auch nicht ann&auml;hernd so weit wie 13 Jahre nach 1945, also 1958. Das muss etwas damit zu tun haben, dass diese deutsche Vereinigung falsch eingef&auml;delt worden ist. Mit diesem Teil seiner Kritik hat Helmut Schmidt Recht, nicht mit der Beschimpfung der Ostdeutschen. Er h&auml;tte sich besser Wolfgang Sch&auml;uble vorgenommen, der 1990 f&uuml;r Helmut Kohl und die Bundesregierung federf&uuml;hrend die Einigungsvertr&auml;ge ausgehandelt hat. Das war konzeptionell &ndash; mit dem Ruch des Anschlusses an den Westen &ndash; und im Einzelnen &ndash; wie z.B. der W&auml;hrungsumstellung, die die Betriebe in der ehemaligen DDR in Schieflage brachte, und mit dem Ausverkauf des Verm&ouml;gens &ndash; eine Abfolge von Fehlleistungen.<br>\nWolfgang Sch&auml;uble lebt mit diesem miserablen Gesellenst&uuml;ck exzellent. Weil kein Journalist und kein Wissenschaftler und ernsthaft auch kein Politiker Bilanz zieht. Auch die SPD hat nie wirklich kritisch analysiert, was damals falsch gemacht worden ist. Da ist sie wie meist viel zu staatstragend. <\/p><p>Man kann es auch auf eine noch grunds&auml;tzlichere Ebene heben. Unsere Demokratie leidet unter Ged&auml;chtnisschwund der Demokraten. Fehlleistungen bis hin zur Gesetzesverletzung und zum schmierigen Gesch&auml;ft &ndash; siehe Bargeld&uuml;bernahme &ndash; werden nicht mehr sanktioniert und bestraft. Gute Taten werden nicht gutgeschrieben. Das Ged&auml;chtnis der Medien wie der B&uuml;rger ist wie ein Sieb. Darin besteht das politische Gl&uuml;ck des Wolfgang Sch&auml;uble und seiner Partei. Andernfalls l&auml;ge sie bei Umfragen nicht bei nahe 50 Prozent.<\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r sehr aktuelle Vorg&auml;nge und damit sind wir wieder bei Wolfgang Sch&auml;uble: Er hat in diesem Jahr mit einer Kette von &Auml;u&szlig;erungen Bushs Irakpolitik gest&uuml;tzt und die Regierung Schr&ouml;der kritisiert und sie aufgefordert, mit Bush in den Krieg zu ziehen. Immer wieder und verbunden mit beleidigenden Angriffen auf den Bundeskanzler, dem er wahrheitswidrig vorwarf, er sei mit schuld am Irak-Krieg. Sch&auml;uble hat die amerikanische Version der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen nachgesprochen und er hat seine Stimme nicht gegen die F&auml;lschungen der britischen und US-Regierung erhoben. <\/p><p>Das scheint alles vergessen. Wolfgang Sch&auml;uble gilt als satisfaktionsf&auml;hig, als ins h&ouml;chste Staatsamt w&auml;hlbar. Und wenn er dann dank Merkel, Stoiber und Westerwelle Bundespr&auml;sident werden sollte, dann kann die US-Regierung bei ihrer Botschaft in Berlin Personal sparen. Sie hat ihren Mann im Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespr&auml;sidenten, platziert. Armes Deutschland.<\/p><p>Wir W&auml;hler sollten uns aber nicht beklagen. Wir sind so bl&ouml;d, die Kritiklosigkeit der Medien gegen&uuml;ber den Konservativen klaglos hinzunehmen.<\/p><p><em>&copy; Vorw&auml;rts \/  20. November 2003<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er forderte die Regierung Schr&ouml;der auf, mit George Bush in den Krieg zu ziehen, er kassierte eine dubiose 100.000-Mark-Spende. In der CDU\/CSU scheint alles m&ouml;glich. Bis vor Kurzem heftig in die CDU-Parteispendenaff&auml;re verwickelt, bringt sich Wolfgang Sch&auml;uble als Nachfolger von Johannes Rau im Amt des Bundespr&auml;sidenten ins Gespr&auml;ch. 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