{"id":8600,"date":"2011-03-08T10:01:51","date_gmt":"2011-03-08T09:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8600"},"modified":"2017-10-18T13:53:41","modified_gmt":"2017-10-18T11:53:41","slug":"der-oelpreis-als-achillesferse-der-konjunktur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8600","title":{"rendered":"Der \u00d6lpreis als Achillesferse der Konjunktur"},"content":{"rendered":"<p>Deutsche &Ouml;konomen haben ihre sehr eigene Erkl&auml;rung f&uuml;r die konjunkturellen Folgen eines hohen &Ouml;lpreises. Getreu dem angebotstheoretischen Mantra <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article12464204\/Oelpreis-ueber-120-Dollar-bedroht-den-Aufschwung.html\">reduziert<\/a> man die Energiepreise vor allem auf deren Auswirkung auf den deutschen Export. So vertritt beispielweise Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics die Meinung, dass sich bei einem steigenden &Ouml;lpreis &bdquo;die Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands verbessere&ldquo;, da &bdquo;Schwellenl&auml;nder rohstoffintensiver produzieren&ldquo;. Auch Dirk Schumacher von Goldman Sachs h&auml;lt die Folgen der &Ouml;lpreisentwicklung f&uuml;r &bdquo;&uuml;berschaubar, solange deutsche Firmen f&uuml;r den hohen &Ouml;lpreis mit einer hohen Nachfrage aus den &ouml;lproduzierenden L&auml;ndern kompensiert w&uuml;rden&ldquo;. Als magische Grenze f&uuml;r diese &bdquo;&Uuml;berschaubarkeit&ldquo; haben diese &bdquo;Experten&ldquo; ein &Ouml;lpreisniveau von 120 US$ je Barrel ausgemacht. Ab dieser Marke &bdquo;wird ein l&auml;ngeres deutsches Wirtschaftswunder gef&auml;hrdet&ldquo;, so Carsten Brzeski von der ING. Dies sind erstaunliche Aussagen, wenn man bedenkt, dass kaum ein anderer Preis eine derart gro&szlig;e Auswirkung auf das verf&uuml;gbare Einkommen der Deutschen hat wie der &Ouml;lpreis. Die Gefahr eines weiter steigenden &Ouml;lpreises ist somit zuallererst eine signifikante Gefahr f&uuml;r die Binnenkonjunktur. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>In Deutschland wurden im letzten Jahr rund 18,5 Mio. Tonnen Ottokraftstoffe, 29,9 Mio. Tonnen Dieselkraftstoff und 21 Mio. Tonnen Heiz&ouml;l (jeweils der Mineral&ouml;lanteil) <a href=\"http:\/\/www.mwv.de\/cms\/front_content.php?idcat=10\">verkauft<\/a>. Setzt man als Preisbasis die <a href=\"http:\/\/www1.adac.de\/Auto_Motorrad\/tanken\/zahlen_fakten\/die_entwicklung_der_jaehrlichen_durchschnittspreise_fuer_kraftstoffe\/default.asp?quer=auto_motorrad\">Durchschnittspreise<\/a> an, so haben die Deutschen im letzten Jahr stolze 75,9 Milliarden Euro f&uuml;r &Ouml;l an der Zapfs&auml;ule und im Heiz&ouml;ltank ausgeben. Die anteiligen &Ouml;lpreise, die in allen Produkten stecken und der Effekt des &Ouml;lpreises auf den Gaspreis sind hier noch nicht einmal mit einbezogen. Jedes Prozent, um das der &Ouml;lpreis steigt oder f&auml;llt, hat somit eine sehr gro&szlig;e Auswirkung auf die Binnenkonjunktur. Jeden Euro, den der B&uuml;rger f&uuml;r Heiz&ouml;l oder Kraftstoff ausgeben muss, kann er schlie&szlig;lich nicht mehr f&uuml;r andere Dinge ausgeben. Bei steigenden Energiepreisen sinkt dadurch die Nachfrage. Aus konjunktureller Sicht kann der &Ouml;lpreis also gar nicht gering genug sein, zumal die Preisanteile, die binnenwirtschaftlich von Bedeutung sind (Energiesteueranteil, Distribution und Vertrieb) ohnehin weitestgehend unabh&auml;ngig vom Preis f&uuml;r Roh&ouml;l sind. Bei steigenden Endkundenpreisen profitieren vor allem die &Ouml;lmultis und die &Ouml;lexporteure. <\/p><p>Was treibt eigentlich den &Ouml;lpreis an? Die j&uuml;ngsten Entwicklungen in Libyen werden gerne f&uuml;r die momentane Preisrallye an den &Ouml;lm&auml;rkten herangezogen. Schaut man sich jedoch die Fundamentaldaten an, so kommen schnell Zweifel an dieser Version: Libyen ist mit lediglich rund 2% der Weltproduktion ein vergleichsweise kleiner Produzent und die Weltenergieagentur IEA <a href=\"http:\/\/www.iea.org\/files\/libyan_update_040311.pdf\">geht ferner davon aus [PDF &ndash; 274 KB]<\/a>, dass der reale Ausfall nur die H&auml;lfte der &uuml;blichen Liefermenge betr&auml;gt. In normalen Zeiten k&ouml;nnte der Gro&szlig;produzent Saudi-Arabien die Fehlmenge von rund 500.000 bis 600.000 Barrel pro Tag ohne weiteres ausgleichen. Aber die Zeiten sind nicht normal, da die globale Erd&ouml;lnachfrage in den letzten Monaten erstmals seit der Finanzkrise wieder ein Niveau von mehr als 89 Mio. Barrel pro Tag <a href=\"\/upload\/pdf\/080311_oil_1.pdf\">erreicht hat [PDF &ndash; 160 KB]<\/a>. Im Juli 2008 erreichte der Preis f&uuml;r ein Barrel der Nordseesorte Brent den bisherigen Rekordstand von US$ 147,50 &ndash; heute notiert Brent nach einer sehr langen <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Publikationen\/Querschnittsveroeffentlichungen\/WirtschaftStatistik\/Preise\/PreiseJahr20100111,property=file.pdf\">Phase moderater Preise [PDF &ndash; 769 KB]<\/a> wieder bei US$ 117,22. Warum kann der teilweise Exportausfall eines eher kleinen Produzenten wie Libyen f&uuml;r derart gigantische Preisspr&uuml;nge sorgen? Die Antwort auf diese Frage ist unbequem und wird von der Politik immer noch weitestgehend ignoriert: Das &Ouml;l ist knapp und es ist unklar, ob die F&ouml;rderung in den n&auml;chsten Jahren &uuml;berhaupt die Nachfrage befriedigen kann.<\/p><p>1990 verbrauchte die Welt rund 65 Millionen Barrel &Ouml;l pro Tag, zehn Jahre sp&auml;ter waren es bereits 75 Millionen Barrel pro Tag. Der &Ouml;lpreis war &uuml;ber diese Zeit hinweg jedoch durchgehend moderat, da die &Ouml;lproduzenten durch eine Ausweitung oder Verknappung der F&ouml;rdermenge aktive Preispolitik betreiben konnten. Im bisherigen Nachfragepeak im Vorkrisensommer 2008 waren jedoch weltweit alle F&ouml;rderh&auml;hne auf Durchfluss gestellt. Lediglich Saudi-Arabien soll damals noch &uuml;ber eine bescheidene Reservekapazit&auml;t von 1,5 Millionen Barrel pro Tag verf&uuml;gt haben. Noch nie war die Differenz zwischen realer Nachfrage und maximaler F&ouml;rderkapazit&auml;t so gering. <\/p><p>Erd&ouml;l weist eine sehr geringe Preiselastizit&auml;t der Nachfrage auf &ndash; wenn die Preise stark steigen, sinkt die Abnahme nur in geringem Ma&szlig;e. Dies l&auml;sst sich vor allem dadurch erkl&auml;ren, dass die meisten Einsatzbereiche von Erd&ouml;l nur sehr schwer zu substituieren und die Substitute oft an den &Ouml;lpreis gekoppelt sind. Eine Umstellung der Heizung auf Erdgas bringt beispielsweise finanziell kaum Vorteile, da der Gaspreis sich am &Ouml;lpreis orientiert. F&uuml;r die meisten Pendler ist auch das Auto auch nicht so ohne weiteres zu ersetzen, zumal die Politik in den letzten Jahrzehnten den &ouml;ffentlichen Personennahverkehr immer weiter ausged&uuml;nnt hat. Dennoch ist der Gesamtverbrauch von Erd&ouml;l in den OECD-Staaten tendenziell r&uuml;ckl&auml;ufig. Dieser Nachfrager&uuml;ckgang wird jedoch durch die steigende Nachfrage der Schwellenl&auml;nder mehr als ausgeglichen. Zu Preisspr&uuml;ngen kommt es immer dann, wenn der Puffer zwischen Angebot und Nachfrage schmilzt. <\/p><p>Dies ist dann die Stunde der Spekulanten, die den Markt zus&auml;tzlich unter Druck setzen. Die Spekulanten alleine verantwortlich zu machen, ist jedoch zu kurz gegriffen. Die Spekulation mit &bdquo;Papier&ouml;l&ldquo; ist ein klassisches Warentermingesch&auml;ft, also ein Nullsummenspiel, bei dem jedem Gewinn eines Akteurs ein ganz konkreter Verlust eines anderen Akteurs gegen&uuml;berstehen muss. Dennoch ist es absolut unverst&auml;ndlich, warum die Politik die Preisfindungsmechanismen eines volkswirtschaftlich derart wichtigen Gutes von Spekulanten verzerren l&auml;sst. Da zu erwarten ist, dass die Preise in Zukunft weiter ansteigen, ist die Politik hier gefordert.<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/080311_oil_02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/080311_oil_02_small.jpg\" alt=\"Welt&ouml;lproduktion\"><\/a><\/p><p>Wenn man sich die <a href=\"http:\/\/www.worldenergyoutlook.org\/\">Prognosen von OECD und IEA<\/a> anschaut, kann man sich nur noch verwundert die Augen reiben. Bis 2035 sagen die Experten einen &ndash; nicht eben unrealistischen &ndash; Nachfragezuwachs von rund 11 Mio. Barrel pro Tag f&uuml;r die Schwellenl&auml;nder (vor allem China und Indien) voraus. Eine Ausweitung der F&ouml;rdermenge in dieser Gr&ouml;&szlig;e ist &ndash; nach heutigem Wissen &ndash; unm&ouml;glich. Um nicht gleich in Endzeitstimmung zu verfallen, prognostiziert man daher einen R&uuml;ckgang der Nachfrage in den OECD-Staaten von &uuml;ber 15 Mio. Barrel pro Tag. Woher dieser sagenhafte R&uuml;ckgang konkret kommen soll, der immerhin rund einem Drittel der Gesamtnachfrage entspricht, ist jedoch nicht ersichtlich. Obgleich der Politik der Ernst der Lage durchaus bewusst ist, gibt es immer noch keine ernstzunehmenden Ma&szlig;nahmen, vom &Ouml;l weg zu kommen. Diese Schockstarre k&ouml;nnte sich bitter r&auml;chen.<\/p><p>Die IEA geht in ihrem aktuellen Szenario davon aus, dass die F&ouml;rdermenge der momentan erschlossenen &Ouml;lfelder bis 2035 um zwei Drittel zur&uuml;ckgehen wird. Diese L&uuml;cke soll durch Felder geschlossen werden, die entweder noch nicht erschlossen oder sogar noch nicht einmal entdeckt wurden. Diese beiden Kategorien sollen im IEA-Szenario in 25 Jahren mehr als 60% der Gesamtf&ouml;rderung ausmachen &ndash; dies wiederum ist Zweckoptimismus pur. Den Rest der F&ouml;rdermenge sollen Gaskondensate (NGL) und unkonventionelles Erd&ouml;l (z.B. kanadische &Ouml;lsande, &Ouml;lschiefer und extraschweres Erd&ouml;l) ausmachen, deren F&ouml;rderung und Aufbereitung nicht nur sehr teuer und umweltsch&auml;dlich, sondern auch sehr energieintensiv ist. <\/p><p>Selbst unter diesen zweckoptimistischen Vorgaben spielt Saudi-Arabien in allen Szenarien immer noch eine Schl&uuml;sselrolle. So geht die IEA beispielsweise davon aus, dass Saudi-Arabien seine F&ouml;rdermenge bis 2035 sogar noch um f&uuml;nf Millionen Barrel pro Tag steigern kann. Das Potential der saudischen Erd&ouml;lf&ouml;rderung ist jedoch seit <a href=\"http:\/\/motherjones.com\/politics\/2005\/06\/matt-simmons-bombshell\">einigen Jahren<\/a> Gegenstand einer kritischen Diskussion unter Fachleuten. Die j&uuml;ngst <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/business\/2011\/feb\/08\/saudi-oil-reserves-overstated-wikileaks?intcmp=239\">ver&ouml;ffentlichen Cables<\/a> des US-Au&szlig;enministeriums best&auml;tigen diese Kritik an den offiziellen Zahlen. Sollten die optimistischen Szenarien der Saudis nicht das halten, was sie versprechen, droht der Welt eine dramatische Verknappung des Rohstoffes &Ouml;l.<\/p><p>Wir haben unsere Zukunft auf &Ouml;l gebaut. Die bei den Medien beliebten Bilder von Zapfpistolen, aus denen kein Kraftstoff mehr kommt, sind dabei die falsche Illustration f&uuml;r k&uuml;nftige Szenarien. Ein Bild mit einem leeren Portemonnaie w&auml;re passender, denn der physische Nachschub an &Ouml;l ist auch langfristig nicht in Gefahr. Sollten die optimistischen Prognosen jedoch nicht halten, was sie versprechen, k&ouml;nnte das &Ouml;l f&uuml;r viele B&uuml;rger schon bald nicht mehr bezahlbar sein.  Noch haben wir Zeit, den unbedingt notwendigen technischen Paradigmenwechsel einzul&auml;uten. Doch die Zeit wird langsam knapp.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche &Ouml;konomen haben ihre sehr eigene Erkl&auml;rung f&uuml;r die konjunkturellen Folgen eines hohen &Ouml;lpreises. Getreu dem angebotstheoretischen Mantra <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article12464204\/Oelpreis-ueber-120-Dollar-bedroht-den-Aufschwung.html\">reduziert<\/a> man die Energiepreise vor allem auf deren Auswirkung auf den deutschen Export. So vertritt beispielweise Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics die Meinung, dass sich bei einem steigenden &Ouml;lpreis &bdquo;die Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands verbessere&ldquo;, da &bdquo;Schwellenl&auml;nder rohstoffintensiver<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8600\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,178,30],"tags":[290,1334,1052,1054],"class_list":["post-8600","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-ressourcen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-erdoel","tag-libyen","tag-saudi-arabien"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8600"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8600\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8602,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8600\/revisions\/8602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}