{"id":86042,"date":"2022-07-20T10:00:44","date_gmt":"2022-07-20T08:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86042"},"modified":"2022-07-21T15:04:59","modified_gmt":"2022-07-21T13:04:59","slug":"die-suppe-wird-an-der-basis-ausgeloeffelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86042","title":{"rendered":"Die Suppe wird an der Basis ausgel\u00f6ffelt"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Millionen Menschen suchen in Deutschland in diesen Tagen die Tafeln auf, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2022-07\/lebensmittel-tafeln-anstieg-zwei-millionen\">schreiben die Medien<\/a>. Tendenz steigend. Die Meldung, dass Finanzminister Christian Lindner (FDP) Einschnitte im Sozialbereich plant, schl&auml;gt hohe Wellen und die Sorgenfalten auch gerade derer, die in den Tafeln f&uuml;r hilfsbed&uuml;rftige Menschen t&auml;tig sind, werden gr&ouml;&szlig;er und tiefer. Und die, die in diesem Bereich t&auml;tig sind und sich f&uuml;r Bed&uuml;rftige einsetzen, protestieren und bangen um sich selbst, denn die Mittel zur Unterhaltung f&uuml;r den Gesch&auml;ftsbetrieb und ihrer wichtigen Arbeitspl&auml;tze, sie werden knapper oder werden verknappt &ndash; wie die Lebensmittel. Trotz allem &ndash; aufgeben wollen sie nicht, so wie auch die engagierten Menschen eines Vereins im Vogtland. Einen Besuch bei einer Tafel beschreibt <strong>Frank Blenz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3495\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-86042-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220721-Die-Suppe-wird-an-der-Basis-ausgeloeffelt-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220721-Die-Suppe-wird-an-der-Basis-ausgeloeffelt-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220721-Die-Suppe-wird-an-der-Basis-ausgeloeffelt-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220721-Die-Suppe-wird-an-der-Basis-ausgeloeffelt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=86042-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220721-Die-Suppe-wird-an-der-Basis-ausgeloeffelt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220721-Die-Suppe-wird-an-der-Basis-ausgeloeffelt-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Konstanze Schumann ist Leiterin einer Tafel-Einrichtung im Vogtland (Freistaat Sachsen), dem Verein Arbeitsloseninitiative Sachsen (ALI). Die Betriebswirtin und Sozialarbeiterin ist lange schon im Gesch&auml;ft, mehr als 30 Jahre f&uuml;hlt sie sich Menschen verbunden und verpflichtet, die eher nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft leben. Schumann erlebt, dass die soziale Lage sich derzeit verschlimmert, sie k&auml;mpft dagegen an.<\/p><p><strong>Lange schon wird Schlimmes angerichtet &ndash; die Suppe l&ouml;ffelt die Basis aus<\/strong><\/p><p>Dass Tafel-Leiterin Konstanze Schumann Briefe schreibt, f&uuml;r sie ist es Alltag, ehrliches Bed&uuml;rfnis, berufliches wie soziales Selbstverst&auml;ndnis. Gerade jetzt gelte es, zu protestieren und nicht aufzugeben. Das hei&szlig;t: Klinken putzen, Bettelbriefe schreiben, an F&ouml;rderma&szlig;nahmen teilnehmen, F&ouml;rdermittel beantragen, Sponsoren, Spender, Helfer suchen und gewinnen, die Beh&ouml;rden informieren, mit denen um L&ouml;sungen ringen, die Politik anstupsen und an ihre Pflichten erinnern.<\/p><p>Ihr Ziel: Es soll unentwegt bekannt werden und ans Tageslicht kommen, dass soziale Arbeit wichtig ist, dass sie sich nicht von allein erledigt, dass sie Ursachen hat. Die Ursachen: Sie bleiben. Was bleibt, ist, die Folgen zu lindern, darum seht her: Menschen wie Konstanze Schumann und ihre Mitstreiter k&auml;mpfen, ja, sie k&auml;mpfen t&auml;glich an der Basis in einem reichen Land f&uuml;r bed&uuml;rftige Menschen, f&uuml;r die &ndash; und das ist das Schlimme &ndash; stets nur der Platz am Katzentisch bleibt und nicht die echte Teilhabe und berechtigte Teilnahme in und an der Wohlstandsgesellschaft. Stattdessen leben sie in einer Art Parallelwelt, alimentiert, geduldet, mitunter gar von der reichen Welt verachtet, wie Schumann beobachtet.<\/p><p>Die Chefin der Arbeitsloseninitiative Sachsen engagiert sich nicht nur f&uuml;r ihre &bdquo;Kunden&ldquo;, sie ist andererseits f&uuml;r 27 Langzeitarbeitslose und zahlreiche weitere ehrenamtliche und teilzeitbesch&auml;ftigte Menschen verantwortlich, die in der Initiative t&auml;tig und mit den Jahren mehr und mehr unverzichtbar geworden sind. All diese engagierten B&uuml;rger sind selbst nicht im &bdquo;besseren Drittel der Gesellschaft&ldquo; zu Hause. Diese Menschen an der Basis l&ouml;ffeln die Suppe f&uuml;r sich und ihre &bdquo;Kunden&ldquo; aus.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220720-Blenz_Tafel-IMG_20220629_084556-1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Mehr als 3.000 Menschen versorgen &ndash; Tendenz steigend<\/strong><\/p><p>Schumanns Team versorgt von Pausa und Plauen im s&auml;chsischen Vogtland aus seit vielen Jahren zuverl&auml;ssig zahlreiche Familien, die in wirtschaftlichen und sozialen Notlagen leben m&uuml;ssen. Und es h&ouml;rt nicht auf. Konstanze Schumann sagt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben derzeit 650 registrierte &sbquo;Kunden&lsquo;. Mehr als 3.000 Menschen kommen zu uns in die Tafel, die Lebensmittelpakete erhalten. Mehr als 60 Mittagessen werden pro Tag von Montag bis Freitag in der Suppenk&uuml;che Plauen ausgereicht. Mehr als 500 registrierte &sbquo;Kunden&lsquo; z&auml;hlen wir in den Kleiderkammern unserer ALI.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zur Erl&auml;uterung sei erw&auml;hnt, dass als ein Kunde eine Familie von einer bis acht Personen gewertet wird. Schumann weist die Verantwortlichen in der Politik immer wieder darauf hin, wie schwer es ist, den &bdquo;Laden&ldquo; am Laufen zu halten. Sie ist den Sponsoren, den Spendern, den M&auml;rkten, den Anlaufstellen f&uuml;r Waren dankbar. Ohne sie k&ouml;nnte die Tafel einpacken. Dass die finanziellen Mittel dann aber auch noch gek&uuml;rzt werden sollen, und derlei hat sie in ihrer langen beruflichen Laufbahn schon oft erlebt, das l&auml;sst sie wieder w&uuml;tend werden, so die Sozialarbeiterin. Denn es gehe nicht nur um die Lebensmittelversorgung, es gehe auch um die berufliche Existenz auf dem sozialen, dem gef&ouml;rderten Arbeitsmarkt. Viele Langzeitarbeitslose seien Teil der ALI. Diese Existenzen seien wieder gef&auml;hrdet, mahnt Schumann.<\/p><p><strong>Wo geht die Reise hin? Noch &auml;rmer?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Noch kommen wir aktuell an gute Lebensmittel, unsere Strukturen sind stabil, wir haben flei&szlig;ige Mitstreiter. Doch wir m&uuml;ssen immer mehr Leute versorgen. Zunehmend ist auch die Zahl der Rentner, die unsere Angebote nutzen, ihr eigenes Geld reicht einfach nicht mehr aus&ldquo;, sagt die ALI-Chefin. Die alten Leute k&auml;men gern in den Tagestreff der Tafel, sie k&ouml;nnen Kaffee trinken, Mittag essen, ein Schw&auml;tzchen halten. Manche alten Leutchen schauten auch mal in die Kleiderkammer, so als gingen sie shoppen. &bdquo;Sie haben drau&szlig;en die sozialen Kontakte aufgegeben, weil ihnen das Geld dazu fehlt &ndash; hier bei uns finden sie eine Art Ersatz. Wir k&uuml;mmern uns, unsere Leute sind da und es herrscht eine herzliche Atmosph&auml;re&ldquo;, so Schumann.<\/p><p>&bdquo;Auch die Fl&uuml;chtlinge aus der Ukraine sind f&uuml;r uns eine Herausforderung. Wir sind da, ja. Die Menschen werden vom Landratsamt zu uns geschickt. Es wirkt aber so, als sollen wir zusehen, wie wir das regeln. Im Amt sorgt niemand daf&uuml;r, dass wir mehr Lebensmittel und diese auch regelm&auml;&szlig;ig erhalten.&ldquo; Sorgen bereiten Schumann zudem die Preissteigerungen bei den Waren des t&auml;glichen Bedarfs, m&ouml;gliche Lieferengp&auml;sse und die sp&uuml;rbaren Steigerungen der Kosten f&uuml;r Energie. &bdquo;Wir haben immerhin f&uuml;nf Fahrzeuge, die nicht mit hei&szlig;er Luft fahren.&ldquo;<\/p><p><strong>Aufgeben? Nein!<\/strong><\/p><p>Konstanze Schumann, seit 30 Jahren &bdquo;im Gesch&auml;ft&ldquo;, denkt nicht ans Aufgeben, wenn sie auch manchmal resigniert und traurig ist, denn anstatt dass die Zeiten und Bedingungen besser werden, werden sie schlechter, beobachtet sie, und sagt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aber das ist ja kein Naturgesetz, das ist gemacht, das ist gewollt oder eben nicht gewollt. Nicht gewollt ist, denke ich, dass es den einfachen Leuten gut geht. Und deswegen schreibe ich an die Damen und Herren der Politik immer wieder Briefe und lade sie ein, zu uns an die Basis zu kommen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Aus Berlin kamen Antwortbriefe. Einer davon, von der FDP, betitelte die Sorgen und Ank&uuml;ndigungen mit dem lapidaren Wort &bdquo;Aufreger&ldquo;. &bdquo;Aufreger &ndash; das ist ein kleinmachendes Wort, finde ich, es ist auch nicht tr&ouml;stend, wenn beschwichtigend gesagt wird, dass zu keiner Zeit eine Mittelk&uuml;rzung geplant war. Warum berichten dann so viele davon? Ist es nicht doch anders?&ldquo;, so Schumann.<\/p><p>Aus eigener Erfahrung wei&szlig; sie, dass beim Sparen, beim G&uuml;rtel-enger-Schnallen schnell an der d&uuml;nnsten Stelle gebohrt wird. Die richtigen Werkzeuge dazu haben sie in Berlin, so die Sozialarbeiterin voller Ironie. Erfolg mit dem an die T&uuml;re Klopfen habe sie dennoch, so Schumann: &bdquo;Tats&auml;chlich haben sich in den n&auml;chsten Wochen und Monaten Landtagsabgeordnete bei uns zum Besuch angek&uuml;ndigt. Und sogar die Bundestagsvizepr&auml;sidentin Yvonne Magwas (CDU), selbst aus dem Vogtland stammend, will vorbeischauen&ldquo;, sagt Schumann und meint mit einem Anflug von Hoffnung: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe geh&ouml;rt, da sie jetzt ja in der Opposition t&auml;tig ist, wird von ihrer Seite an einem Forderungskatalog an die Regierung gearbeitet. Da bin ich ja mal gespannt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: addkm \/ Shutterstock<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76641\">Wenn am Monatsende das Geld knapp wird<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Millionen Menschen suchen in Deutschland in diesen Tagen die Tafeln auf, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2022-07\/lebensmittel-tafeln-anstieg-zwei-millionen\">schreiben die Medien<\/a>. Tendenz steigend. Die Meldung, dass Finanzminister Christian Lindner (FDP) Einschnitte im Sozialbereich plant, schl&auml;gt hohe Wellen und die Sorgenfalten auch gerade derer, die in den Tafeln f&uuml;r hilfsbed&uuml;rftige Menschen t&auml;tig sind, werden gr&ouml;&szlig;er und tiefer. Und die, die in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86042\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":86043,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,189,146,132],"tags":[881,849,636,218],"class_list":["post-86042","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-parteien-und-verbaende","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-nahrungsmittel","tag-tafeln","tag-teilhabe"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/shutterstock_1218132919.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86042","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=86042"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86042\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":86111,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86042\/revisions\/86111"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/86043"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=86042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=86042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=86042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}