{"id":8615,"date":"2011-03-09T16:03:11","date_gmt":"2011-03-09T15:03:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8615"},"modified":"2019-07-05T11:33:31","modified_gmt":"2019-07-05T09:33:31","slug":"fluchtpunkt-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8615","title":{"rendered":"Fluchtpunkt Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>In den deutschen Medien und in der Politik beherrscht derzeit das Schicksal tausender Fl&uuml;chtlinge aus Nordafrika auf der italienischen Insel Lampedusa die &Uuml;berschriften. Griechenland als europ&auml;ischer Fluchtpunkt f&uuml;r Evakuierte und f&uuml;r Migranten ist v&ouml;llig aus dem Blickfeld geraten. Dabei erfolgten im Jahr 2010 etwa 90 Prozent aller illegalen Grenz&uuml;bertritte auf EU-Gebiet &uuml;ber die Landgrenze zwischen Griechenland und der T&uuml;rkei. Nicht nur die Lage in Italien sondern auch die sich zuspitzende Situation in Griechenland verlangen nach einer gesamteurop&auml;ischen Migrationspolitik, die dem Prinzip der Solidarit&auml;t gegen&uuml;ber den Fl&uuml;chtlingen ebenso gerecht wird wie gegen&uuml;ber den betroffenen Aufnahmel&auml;ndern. Eine L&ouml;sung darf nicht am Veto derjenigen Mitgliedsstaaten scheitern, die bislang weniger betroffen sind. Von Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Fl&uuml;chtlingsdrama auf Kreta<\/strong><\/p><p>Auf den Nordwesten von Kreta sind derzeit viele Augen gerichtet. Die Nato-Luftwaffenbasis auf der Halbinsel Suda ist denkbarer Ausgangspunkt f&uuml;r eine k&uuml;nftige milit&auml;rische Intervention in Libyen. Und das Ankern von US-Kriegsschiffen in der Bucht von Suda zeigt, dass diese Option zumindest vorbereitet wird. Weniger Beachtung fand in den Medien ein anderes Ereignis, das sich letzten Sonntag im Hafen von Suday Bay abspielte. Hier hatte in den fr&uuml;hen Morgenstunden des 6. M&auml;rz das Kreuzfahrtschiff &bdquo;Ionian King&ldquo; angelegt. An Bord befanden sich keine Touristen, sondern 1288 evakuierte Arbeiter aus Libyen,  in der Mehrzahl Bangladeschis. Das Schiff war vom koreanischen Industrie- und Baukonzern Daewoo gechartert worden, um die Arbeiter einer seiner libyschen Gro&szlig;baustellen nach Kreta zu bringen, von wo sie in ihre ferne Heimat weiterreisen sollten.<\/p><p>Kurz nachdem die &bdquo;Ionian King&ldquo; festgemacht hatte, versuchten 49 der Passagiere sich &uuml;ber die Hecktrossen an Land zu hangeln. Einige schafften es, die meisten st&uuml;rzten ins Hafenwasser und versuchten schwimmend an Land zu kommen. 33 von ihnen wurden von der griechischen K&uuml;stenwache um 2 Uhr morgens an Land aufgegriffen und ins Krankenhaus gebracht, einer von ihnen starb unterwegs an Unterk&uuml;hlung. Zwei M&auml;nner aus Bangladesch wurden tot aus dem Wasser geborgen. Nach Abgleich der Passagierliste werden noch elf Personen vermisst. Nach ihnen wird seit Sonntagmorgen gesucht, an der Aktion sind Patrouillenboote der K&uuml;stenwache und der Kriegsmarine sowie Fischerboote und ein Rettungshubschrauber der Luftwaffe beteiligt.<\/p><p>Mehrere der &Uuml;berlebenden erkl&auml;rten gegen&uuml;ber der &ouml;rtlichen Polizei, sie h&auml;tten bef&uuml;rchtet, von den griechischen Beh&ouml;rden in ihre Heimat zur&uuml;ck geschickt zu werden. Das klingt einerseits erstaunlich, weil nach Aussage der koreanischen Botschaft in Athen alle Passagiere auf dem Luftweg nach Bangladesch zur&uuml;ckgebracht werden sollen. Andererseits ist es ziemlich einleuchtend, dass ein Arbeiter, der gerade seinen Job in Libyen verloren hat und sich unerwartet auf europ&auml;ischen Boden wiederfindet, nicht in sein Herkunftsland  zur&uuml;ck will, das er mangels Arbeit verlassen hat.<\/p><p><strong>Kreta als &bdquo;Umschlagplatz&ldquo; f&uuml;r Evakuierte aus Nordafrika<\/strong><\/p><p>Was sich f&uuml;r Arbeitsmigranten aus der Dritten Welt als unverhoffte Chance darstellt, versch&auml;rft f&uuml;r Kreta und Griechenland eine Problematik, die sich in der krisenhaft durchgesch&uuml;ttelten Gesellschaft immer sch&auml;rfer zuspitzt. Seit Beginn des libyschen B&uuml;rgerkriegs ist die s&uuml;dlichste griechische Insel zum Umschlagplatz f&uuml;r evakuierte, also &bdquo;legale&ldquo; Fl&uuml;chtlinge geworden. So wurden in den letzten beiden Wochen &uuml;ber 10 000 chinesische Arbeiter von Libyen nach Kreta gebracht und von dort nach China weiter geflogen. Nach Sch&auml;tzung der Athener Zeitung Kathimerini werden griechische Reeder mit den fortlaufenden Evakuierungsleistungen rund 20 Millionen Euro verdienen. Den meisten Griechen ist das egal. Sie besch&auml;ftigt einzig die Frage, ob die Beh&ouml;rden gew&auml;hrleisten k&ouml;nnen, dass die Transitpassagiere nicht in Griechenland bleiben.<\/p><p><strong>Der Ruf nach Z&auml;unen<\/strong><\/p><p>Die Stimmung im Lande l&auml;sst sich anhand von Mail-Zuschriften illustrieren, mit denen Leser der griechischen Tageszeitung Ta Nea auf den Bericht aus Suda reagiert haben. Ta Nea ist eine gem&auml;&szlig;igt linke, der Pasok-Regierung in kritischer Distanz verbundene Zeitung. Obwohl die Mail-Verfasser also kaum dem rechtsradikalen Spektrum zuzurechnen sind, &auml;u&szlig;ern sich fast alle extrem feindselig und teilweise zynisch &uuml;ber die ungl&uuml;cklichen Bangladeshi von Suda. Bezeichnender noch: In fast allen Mails wird die Regierung beschuldigt, den Schutz der griechischen Au&szlig;engrenze gegen lathrometanastes (&bdquo;Schmuggelmigranten&ldquo;, das griechische Wort f&uuml;r &bdquo;illegale&ldquo; Zuwanderer) zu vernachl&auml;ssigen, obwohl es sich in diesem Fall gar nicht um &bdquo;Illegale&ldquo; handelt.<\/p><p>Ein Leser sieht schon 100 Millionen Nordafrikaner ankommen: und dann w&uuml;rden die Griechen &bdquo;gar nicht mehr wissen, wo sie hintreten sollen und m&uuml;ssen selber emigrieren, damit sie von den Migranten nicht bei lebendigem Leib verschlungen werden&ldquo;. Ein anderer sieht Kreta als &bdquo;Experimentierfeld der Islamisierung&ldquo;, freigegeben von der Regierung Papandreou, weil sie die Bangladeschis einfach an Land gehen l&auml;sst! Beim Thema illegale Migration bl&uuml;hen die absurdesten Verschw&ouml;rungstheorien noch wilder als &uuml;blich. In einer Zuschrift hei&szlig;t es: &bdquo;Die Deutschen sagen: Es ist keine L&ouml;sung, wenn wir aus der EU ausscheiden. Jetzt hab ich verstanden, warum!&ldquo; Nach dieser Theorie soll  Kreta vom Touristengebiet in eine Migranten-Kolonie der EU umgewandelt werden. Ganz in diesem Sinne fragt ein anderer Leser, ob Athen von der EU &bdquo;dicke Gelder kassiert, damit sie noch mehr Migranten herein lassen&ldquo;. <\/p><p>Den gemeinsamen Nenner der Beschwerden und Bef&uuml;rchtungen dr&uuml;ckt diese Zuschrift aus: &bdquo;Jetzt reicht&rsquo;s. Wir Griechen haben tausend Probleme am Hals, es gibt keine Arbeit, kein Geld, um uns selbst und unsere Kinder &uuml;ber Wasser zu halten und in W&uuml;rde zu leben&hellip; Die Grenzen m&uuml;ssen dicht gemacht werden, hier und jetzt. &Uuml;berall muss es Z&auml;une geben. Wir d&uuml;rfen keinen einzigen Migranten mehr herein lassen, auch dann nicht, wenn sie nur weiter reisen wollen.&ldquo;<\/p><p>Der Ruf nach Z&auml;unen wie die Kritik an der Regierung verweisen auf zwei Brennpunkte der Migrations-Problematik, die Griechenland lange vor den j&uuml;ngsten Entwicklungen in Nordafrika besch&auml;ftigt haben. Der erste Brennpunkt ist die Landgrenze zur T&uuml;rkei im &auml;u&szlig;ersten Nordosten des Landes, &uuml;ber die seit Sommer 2010 t&auml;glich rund 300 illegale Migranten gekommen sind. Nach Sch&auml;tzungen von Frontex, der &bdquo;Europ&auml;ischen Agentur f&uuml;r die operative Zusammenarbeit an den Au&szlig;engrenzen&ldquo;, erfolgten im Jahr 2010 etwa 90 Prozent aller illegalen Grenz&uuml;bertritte auf EU-Gebiet &uuml;ber diese Grenze. Vor der nordafrikanischen Krise hatte sich der Fl&uuml;chtlingsstrom also weitgehend vom westlichen Mittelmeer (Andalusien, Lampedusa) an die &ouml;stliche EU-Au&szlig;engrenze zwischen Griechenland und der T&uuml;rkei verlagert.<\/p><p><strong>Frontex und der Schengenzaun<\/strong><\/p><p>Diese Verlagerung war eine direkte Folge der verst&auml;rkten Aktivit&auml;ten der Frontex-Einheiten zwischen Nordafrika und Spanien bzw. Italien. F&uuml;r Athen war es daher logisch, den &bdquo;Schutz&ldquo; der EU-Grenztruppe auch f&uuml;r ihre eigene Grenze anzufordern. Seit Sommer 2009 &uuml;berwachen Frontex-Einheiten die griechisch-t&uuml;rkische Seegrenze in der &Auml;g&auml;is, seit November 2010 auch die Landgrenze in Thrakien. Die &bdquo;Schwachstelle&ldquo; an dieser Grenze im Nordosten (aus Sicht der Athener Regierung und der Frontex) ist ein 12,5 Kilometer langen Abschnitt, der nicht mit dem Lauf des Flusses Evros (t&uuml;rkisch: Maric) identisch ist. Hier m&uuml;ssen die Migranten also nicht durch den (stellenweise rei&szlig;enden) Fluss, sondern k&ouml;nnen trockenen Fu&szlig;es und relativ unbehelligt von der T&uuml;rkei auf EU-Territorium gelangen. Genau f&uuml;r diesen Abschnitt plant die Papandreou-Regierung den Bau eines Grenzzauns, der die illegale Zuwanderung entscheidend eind&auml;mmen soll. Eine detailgenaue Reportage &uuml;ber diesen Grenzabschnitt und den geplanten Zaun hat der griechische Journalist Yiannis Papadopoulos geschrieben. Sein Bericht von beiderseits der Grenze ist in der deutschen Le Monde diplomatique vom Januar 2011 nachzulesen. (Siehe <a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/2011\/02\/11\/a0012.text.name,askI6evYv.n,0\">Schengenzaun<\/a>)<\/p><p><strong>Das Dilemma der Migranten in Griechenland<\/strong><\/p><p>F&uuml;r dieselbe Ausgabe habe ich einen Info-Kasten &uuml;ber das Dilemma der Migranten in Griechenland verfasst. (Siehe <a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/2011\/02\/11\/a0061.text.name,askI6evYv.n,1\">Fluchtpunkt Griechenland<\/a>) Darin wird auch auf das Urteil des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) vom 21. Januar 2011 verwiesen, das gravierende M&auml;ngel des griechischen Asylverfahrens kritisiert. Diese rechtsstaatlichen Defizite haben zur Folge, dass in Griechenland nur ein winziger Bruchteil der Antr&auml;ge auf politisches Asyl anerkannt wird: 2009 waren es 0,3 Prozent gegen&uuml;ber 31 Prozent im EU-Durchschnitt. Noch fataler f&uuml;r die Asylbewerber ist, dass &uuml;ber ihren Antrag im Durchschnitt erst nach f&uuml;nf Jahren entschieden wird, weshalb bei den Athener Beh&ouml;rden und Gerichten derzeit fast 50 000 unerledigte Antr&auml;ge liegen.<\/p><p>Die Probleme der Asylbewerber sind in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit jedoch kein Thema. Die Debatte steht ganz im Zeichen der Angst vor der &bdquo;Migrantenflut&ldquo;, die neuerdings nicht nur von Osten und Norden, sondern auch noch von S&uuml;den droht. Dass sich diese Angst mit der &ouml;konomischen Krise versch&auml;rft hat, ist nicht &uuml;berraschend. Das Sparprogramm der Regierung hat innerhalb der letzten 10 Monate die Masseneinkommen drastisch reduziert und die Zahl der Arbeitslosen fast verdoppelt. (Vgl. <a href=\"?p=7613\">Griechenland: Schock-Therapie oder Schock ohne Therapie? (III)<\/a>; <a href=\"?p=7773\">Griechenland: Alternative zum Totsparen: Die Reichen m&uuml;ssen bluten. (IV)<\/a>; <a href=\"?p=7863\">Griechenland (V): Gibt es einen Ausweg aus der Sackgasse?<\/a>)<br>\nDeshalb sehen viele Griechen heute in der Pr&auml;senz illegaler Migranten &ndash; die unvermeidlich mit der Entstehung mafioser Strukturen einhergeht &ndash; nicht nur eine kulturelle Bedrohung, sondern auch eine &ouml;konomische Konkurrenz. Dass die Illegalen von der &ouml;konomischen Krise noch h&auml;rter betroffen sind als selbst die prek&auml;rsten Gruppen der Einheimischen, hat auf diese Wahrnehmung keinen Einfluss.<\/p><p><strong>470.000 illegale Migranten<\/strong><\/p><p>Nach Sch&auml;tzung der EU-Kommission leben auf griechischem Boden inzwischen knapp    300.000 illegale Migranten (sans papier). Das griechische Sozialforschungs-Institut ELIAMEP d&uuml;rfte n&auml;her an der Realit&auml;t liegen, wenn es die Zahl auf 470 000 sch&auml;tzt (darunter 190.000 aus Afrika und Asien). Das w&auml;ren immerhin 4,5 Prozent der Bev&ouml;lkerung. Rechnet man diesen Prozentsatz f&uuml;r die deutschen Verh&auml;ltnisse hoch, w&uuml;rde dies etwa 3,5 Millionen Menschen entsprechen. Was das f&uuml;r die Entwicklung von Rechtsradikalismus und Xenophobie hierzulande bedeuten w&uuml;rde, soll sich jeder Leser selbst ausmalen. Wobei in Griechenland die entstehenden Probleme verdichtet auftreten, weil sich die illegalen Einwanderer auf die beiden Gro&szlig;st&auml;dte Athen und Thessaloniki konzentrieren, wo regelrechte sans-papier-Ghettos entstanden sind.<\/p><p>Seit Beginn der Einwanderungswelle in den 1990er-Jahren (aus Albanien und anderen Balkanl&auml;ndern) wurden in Griechenland 630.000 Einwanderer legalisiert; aber auch sie werden von weiten Teilen der Gesellschaft noch als &bdquo;Fremde&ldquo; empfunden. Auch diese legalen Migranten, die bei Nachweis regelm&auml;&szlig;iger Besch&auml;ftigung eine Art &bdquo;Greencard&ldquo; erhalten, stehen heute unter gro&szlig;em Druck. Viele von ihnen bangen seit Beginn der &ouml;konomischen Krise um ihren legalen Status. Immer weniger finden einen Arbeitgeber, der ihnen die Sozialkassenbeitr&auml;ge zahlt, die sie f&uuml;r eine Verl&auml;ngerung ihrer Aufenthaltsberechtigung nachweisen m&uuml;ssen (weshalb viele diese Beitr&auml;ge heute aus eigener Tasche zahlen). Die Migrantenverb&auml;nde sch&auml;tzen, dass bis Anfang 2011 bereits ein Viertel der &bdquo;Legalen&ldquo; in ihre Herkunftsl&auml;nder zur&uuml;ckgewandert ist, vor allem nach Albanien, Bulgarien und Rum&auml;nien.<\/p><p><strong>Kampf gegen Abschiebung<\/strong><\/p><p>Diese Option besteht f&uuml;r die meisten Migranten aus Asien und Afrika nicht, schon gar nicht, wenn sie &bdquo;Illegale&ldquo; sind. Es ist genau diese Gruppe, die in Griechenland am verzweifeltsten gegen die Abschiebung k&auml;mpft. Dieser Kampf hat im Februar fast zu einer Regierungskrise gef&uuml;hrt. Eine Gruppe von &uuml;ber 200 vorwiegend nordafrikanischen sans-papier-Migranten, die in Kreta einen Hungerstreik begonnen hatten, war mit Hilfe griechischer Unterst&uuml;tzergruppen nach Athen gereist. Hier besetzten sie in der Universit&auml;t ein Geb&auml;ude der Juristischen Fakult&auml;t, um ihre Protestaktion im Zentrum der Hauptstadt fortzuf&uuml;hren. Ihre Forderung lautet: Legalisierung f&uuml;r alle illegalen Migranten. Eine Forderung, die von der Regierung schon deshalb abgelehnt wurde, weil sie damit mindestens 80 Prozent der Bev&ouml;lkerung gegen sich aufbringen w&uuml;rde. <\/p><p>Die Krise wurde nach mehreren Tagen dadurch entsch&auml;rft, dass ein Athener B&uuml;rger den Hungerstreikenden ein neues Quartier zur Verf&uuml;gung stellte. Doch inzwischen ist die Situation erneut eskaliert. Schon &uuml;ber 100 Mitglieder der Gruppe m&uuml;ssen inzwischen im Krankenhaus behandelt werden, einige sind nach Auskunft der &Auml;rzte in lebensbedrohlichem Zustand. Wenn kein Kompromiss gefunden wird, ist in den n&auml;chsten Tagen mit dem ersten Todesopfer zu rechnen. Das will die Regierung offensichtlich vermeiden. Sie hat den Hungerstreikenden deshalb einen legalen Aufenthaltsstatus f&uuml;r ein Jahr angeboten. Mehr kann und wird sie nicht konzedieren, weil die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung &ndash; und der W&auml;hler &ndash; darin eine &bdquo;Einladung&ldquo; an die potentiellen Migranten in Lybien und Nordafrika sehen w&uuml;rde. <\/p><p><strong>Sparzw&auml;nge versch&auml;rfen die Fremdenfeindlichkeit<\/strong><\/p><p>Hinzu kommt ein weiteres legitimatorisches Dilemma: Unter Berufung auf die Sparzw&auml;nge hat die Pasok-Regierung bislang alle Forderungen von Gewerkschaften und einzelnen Berufsgruppen abgelehnt und ihre Linie kompromisslos durchgezogen &ndash; zum Beispiel gegen&uuml;ber den Besch&auml;ftigten der &ouml;ffentlichen Verkehrsbetriebe von Athen, die seit Weihnachten fast jeden zweiten Tag streiken. Ein Nachgeben ausgerechnet gegen&uuml;ber Forderungen von &bdquo;Fremden&ldquo; w&uuml;rde die Xenophobie mit Sicherheit weiter anheizen. Schon bei der Besetzung der Juristischen Fakult&auml;t durch die Hungerstreik-Gruppe war die gr&ouml;&szlig;te Bef&uuml;rchtung der Regierung, dass  rechtsradikale Gruppen wie &bdquo;Chrysi Avghi&ldquo; (siehe dazu meine Analyse der Kommunalwahlen vom November 2010 <a href=\"?p=7429\">Griechenland nach den Kommunalwahlen (I)<\/a>; <a href=\"?p=7461\">Griechenland nach den Kommunalwahlen (II)<\/a>) versuchen k&ouml;nnten, das Universit&auml;tsgeb&auml;ude zu st&uuml;rmen. Die Jungfaschisten haben zwar nur eine begrenztes W&auml;hlerpotential, sind aber entschlossen und in der Lage, in bestimmten Problemzonen &ndash; etwa in der Athener Innenstadt &ndash;  gewaltsame Auseinandersetzungen mit Migrantengruppen zu provozieren.  <\/p><p><strong>Einige Schlussfolgerungen:<\/strong><\/p><p>Ein neuer Migrationsstrom aus Nordafrika w&uuml;rde f&uuml;r das Krisenland Griechenland noch gr&ouml;&szlig;ere Schwierigkeiten bedeuten als zum Beispiel f&uuml;r Italien.<br>\nDie Handlungsm&ouml;glichkeiten der Regierung Papandreou sind eng begrenzt. Nach Meinungsumfragen sind drei Viertel der Bev&ouml;lkerung f&uuml;r den Bau des Grenzzauns in Thrakien oder fordern sogar noch sch&auml;rfere Abschottungsma&szlig;nahmen. Das bedeutet, dass mindestens eben so viele Griechen jedes Zugest&auml;ndnis an bislang &bdquo;geduldete&ldquo; Illegale ablehnen. <\/p><p>Athen kann sich theoretisch f&uuml;r eine &bdquo;Umverteilung&ldquo; der in Griechenland gestrandeten Migranten auf die &uuml;brigen EU-L&auml;nder einsetzen. Die Forderung ist berechtigt und logisch, w&uuml;rde aber die gesamte Fl&uuml;chtlings- und Asylpolitik der EU in Frage stellen, deren rechtliche Basis das sogenannte Dublin II-Verfahren ist. Dessen Grundprinzip, dass f&uuml;r das Schicksal der Migranten jeweils das &bdquo;Ersteintrittsl&auml;nder&ldquo; zust&auml;ndig ist, hat allerdings der Europ&auml;ische Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte mit seiner Entscheidung vom 21. Januar 2011 ausgehebelt, die eine R&uuml;ck&uuml;berstellung von Asylbewerben nach Griechenland untersagt.<br>\nDie griechische Regierung kann die Forderung nach einer gerechteren Lastenverteilung gegen&uuml;ber seinen EU-Partnern keinesfalls offensiv vertreten. Zumindest nicht vor dem n&auml;chsten Br&uuml;sseler Gipfel, auf dem der Schuldenstaat Griechenland wieder einmal als Bittsteller da steht (Verl&auml;ngerung der Tilgungsfristen, Senkung der Zinss&auml;tze, M&ouml;glichkeit eines R&uuml;ckkaufs der eigenen Staabsobligationen). Eine Diskussion um die EU-Migrationspolitik, die dem Prinzip der Solidarit&auml;t gegen&uuml;ber den Fl&uuml;chtlingen wie gegen&uuml;ber den Aufnahmel&auml;ndern gerecht wird, muss von der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit insgesamt gef&uuml;hrt werden. Und sie darf nicht am Veto der Mitgliedsstaaten scheitern, die bislang weniger betroffen sind. <\/p><p><strong>PS:<\/strong> Das Schicksal der elf vermissten Bangladeschis bleibt bis heute ungekl&auml;rt. Die gute Nachricht ist, dass in der Bucht von Suda keine Leichen gefunden wurden. Damit besteht die Hoffnung, dass die Vermissten irgendwo in Kreta Unterschlupf gefunden haben. Mit der Not von Individuen konfrontiert, gilt f&uuml;r die meisten Griechen immer noch &ndash; und auch in der Krise &ndash; das Gebot der mitmenschlichen Solidarit&auml;t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den deutschen Medien und in der Politik beherrscht derzeit das Schicksal tausender Fl&uuml;chtlinge aus Nordafrika auf der italienischen Insel Lampedusa die &Uuml;berschriften. Griechenland als europ&auml;ischer Fluchtpunkt f&uuml;r Evakuierte und f&uuml;r Migranten ist v&ouml;llig aus dem Blickfeld geraten. Dabei erfolgten im Jahr 2010 etwa 90 Prozent aller illegalen Grenz&uuml;bertritte auf EU-Gebiet &uuml;ber die Landgrenze zwischen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8615\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,22,159,173,20],"tags":[423,1055,1039,1056,305],"class_list":["post-8615","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europaische-union","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-griechenland","category-landerberichte","tag-austeritaetspolitik","tag-fluechtlinge","tag-frontex","tag-lampedusa","tag-menschenrechte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8615"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53141,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8615\/revisions\/53141"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}