{"id":86166,"date":"2022-07-24T14:00:24","date_gmt":"2022-07-24T12:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86166"},"modified":"2022-07-24T15:49:11","modified_gmt":"2022-07-24T13:49:11","slug":"geldsegen-vom-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86166","title":{"rendered":"Geldsegen vom Staat"},"content":{"rendered":"<p>Immer weniger Mitglieder, aber immer mehr Geld vom Staat. Rund 594 Millionen Euro an &raquo;Staatsleistungen&ldquo; werden auch in diesem Jahr den Kirchen aufgrund von Regelungen aus dem 19. Jahrhundert &uuml;berwiesen. Dabei sollten diese Zahlungen schon vor 102 Jahren abgeschafft werden. Doch passiert ist bislang nichts. Von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn man Menschen &ndash; ganz gleich, ob gl&auml;ubig oder ungl&auml;ubig &ndash; versucht, die sogenannten &raquo;Staatsleistungen&ldquo; zu erkl&auml;ren, trifft man auf Kopfsch&uuml;tteln. Kaum jemand wei&szlig; davon. Es geht dabei nicht um staatliche Zahlungen, etwa f&uuml;r den Betrieb von Kinderg&auml;rten, Krankenh&auml;usern, Pflege- und Seniorenheimen, die ohnehin fast vollst&auml;ndig an Caritas oder Diakonie von &ouml;ffentlichen Haushalten (also von allen Steuerzahlern) geleistet werden. Nein, die Kirchen bekommen das Geld als &ndash; salopp formuliert &ndash; &raquo;Ausgleichszahlungen&ldquo; aufgrund der S&auml;kularisation Anfang des 19. Jahrhunderts. Zur Zeit der napoleonischen Kriege wurden die geistlichen Territorien und Kircheng&uuml;ter des &raquo;Heiligen R&ouml;mischen Reichs&laquo; s&auml;kularisiert, das hei&szlig;t, sie wurden der Hoheit der gr&ouml;&szlig;eren weltlichen Landesf&uuml;rsten unterstellt. Der Staat verpflichtete sich gegen&uuml;ber den Kirchen im Gegenzug dazu, sie f&uuml;r ihre Verluste zu entsch&auml;digen und etwa den Unterhalt der Pfarrer sicherzustellen.<\/p><p>Sowohl die Weimarer Reichsverfassung (1919) als auch das Grundgesetz (1949) verlangen, dass diese Staatsleistungen beendet, d.h. abgel&ouml;st werden. Ein frommer Wunsch. Keine Regierung der letzten Jahrzehnte, gleich ob christ- sozialdemokratisch oder rot-gr&uuml;n, sah hier Handlungsbedarf. Die eherne Komplizenschaft von Staat und Kirche &uuml;berdauerte alle Regierungen. Nun sind FDP und Gr&uuml;ne gemeinsam mit der SPD nicht mehr Opposition, sondern Regierung. Doch die Ampel schaltet nicht um: der Entwurf wartet noch immer auf seine Umsetzung. Ein andauernder Verfassungsbruch.<\/p><p>Immerhin: Im M&auml;rz 2020 hatten B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen, FDP und Die Linke einen gemeinsamen &raquo;Entwurf f&uuml;r ein Grunds&auml;tzegesetz zur Abl&ouml;sung der Staatsleistungen&laquo; in den Bundestag eingebracht. Er sah vor, dass sich die Abl&ouml;sezahlung am Bewertungsgesetz orientieren und auf das 18,6-Fache des jeweiligen Zahlungsbetrages aus dem Jahr 2020 belaufen sollte. Zus&auml;tzlich sind 20 Jahre lang die bisherigen Staatsleistungen weiterzuzahlen. Mittlerweile belaufen sich diese Zahlungen, die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich hoch sind, auf eine Gesamtsumme von nicht weniger als eine halbe Milliarde. Pro Jahr. Aus dem Geld aller Steuerzahler, ob religi&ouml;s oder nicht. Insgesamt sollen seit Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik auf diesem Wege mindestens 19 Milliarden Euro in die Kirchenkassen geflossen sein.<\/p><p>Auch in diesem Jahr k&ouml;nnen sich die beiden gro&szlig;en Kirchen &uuml;ber einen staatlichen Geldsegen freuen: Rund 594 Millionen Euro werden in die Bundesl&auml;nder &uuml;berwiesen. Davon entfallen etwa 59 Prozent auf die evangelische und 41 Prozent auf die katholische Kirche. Das sehen die Haushaltspl&auml;ne der Bundesl&auml;nder (au&szlig;er Bremen und Hamburg) vor, die die Humanistische Union (HU) seit Jahren auswertet. Die Zahlengaben beruhen auf den Haushaltspl&auml;nen der 14 Bundesl&auml;nder (Hamburg und Bremen zahlen als ehemalige Freie und Hansest&auml;dte keine Staatsleistungen an die Kirchen). <\/p><p>Die Gesamtsumme der Zahlungen f&uuml;r das Jahr 2022 bel&auml;uft sich auf 594 Mio. Euro (594.017.50). Das ist&nbsp;gegen&uuml;ber 2021&nbsp;(581 Mio. Euro) ein Anstieg um 2,2 Prozent. Bei Annahme der gleichen Anstiegsrate &ndash; die aufgrund der j&auml;hrlichen Anpassungsklauseln zu erwarten ist &ndash; werden die Staatsleistungen f&uuml;r 2023 die 600-Mio. Marke &uuml;bersteigen und sch&auml;tzungsweise rund 607 Mio. Euro&nbsp;betragen.<\/p><p>Der aktuelle HU-Bericht verweist darauf, dass auch in diesem Jahr bei den Haushaltsberatungen &bdquo;in keinem einzigen Bundesland die Abgeordneten die Staatsleistungen angesprochen, geschweige denn kritisch diskutiert haben&ldquo;. Auch nicht in den L&auml;ndern, die &ndash; gemessen an ihrer Einwohnerzahl &ndash; extrem viel Geld f&uuml;r die beiden Kirchen vorsehen, wie zum Beispiel Sachsen-Anhalt (40 Millionen Euro), Rheinland-Pfalz (66 Millionen Euro), Th&uuml;ringen (28 Millionen Euro) oder Baden-W&uuml;rttemberg (137 Millionen Euro).<\/p><p>Seit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes ergeben sich kumuliert Zahlungen der 14 L&auml;nder von &uuml;ber 20 Milliarden Euro. Hinzu kommen Zahlungen f&uuml;r ihre gesellschaftlich n&uuml;tzlichen sozialen Aktivit&auml;ten in Krankenh&auml;usern, Schulen, Kinderg&auml;rten, Pflegeeinrichtungen oder beim Denkmalschutz werden die Kirchen ohnehin auf andere Weise nahezu vollst&auml;ndig &ouml;ffentlich finanziert und genie&szlig;en dar&uuml;ber hinaus umfangreiche Steuer- und Abgabenprivilegien. Auch auf das solide Finanzpolster, das die gesetzliche Kirchensteuer den Kirchen ohnehin garantiert, m&uuml;ssen sie zuk&uuml;nftig nicht verzichten. Allein im Jahr 2020 nahm die Katholische Kirche rund 6,45 Milliarden Euro und die Evangelische Kirche etwa 5,63 Milliarden Euro durch die Kirchensteuer ein.<\/p><p>In Zeiten, in denen die Mitgliederzahlen der beiden gro&szlig;en Kirchen dramatisch zur&uuml;ckgehen (im Jahr 2020 traten rund 220.000 Personen aus der Evangelischen Kirche und ca. 221.000 Personen aus der Katholischen Kirche aus. Dieser Trend hat sich auch 2021 fortgesetzt: allein die Katholische Kirche verlor 360.000 Mitglieder), sind die horrenden Zahlungen der Staatsleistungen kaum mehr vermittelbar.<\/p><p>Tatsache ist: Immer mehr Menschen entscheiden sich f&uuml;r ein Leben in Konfessionsfreiheit. Vor 50 Jahren waren es in Deutschland unter vier Prozent, heute sind es &uuml;ber vierzig Prozent. Ihnen ist nicht l&auml;nger zuzumuten, weiterhin die institutionelle F&ouml;rderung exklusiv mit j&auml;hrlichen Steigerungsraten aus allgemeinen Steuermitteln mitzufinanzieren. Die Ampel-Regierung sollte dem permanenten Verfassungsbruch ein Ende zu setzen.<\/p><p><em><strong>Helmut Ortner<\/strong> hat bislang mehr als zwanzig B&uuml;cher, &uuml;berwiegend politische Sachb&uuml;cher und Biografien, ver&ouml;ffentlicht. Zuletzt erschienen: <a href=\"https:\/\/de.richarddawkins.net\/articles\/widerstreit\">Widerstreit: &Uuml;ber Macht, Wahn und Widerstand<\/a> und <a href=\"http:\/\/editionfaust.de\/produkt\/volk-im-wahn\/\">Volk im Wahn &ndash; Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der Vergangenheit<\/a> (April 2022). Seine B&uuml;cher wurden bislang in 14 Sprachen &uuml;bersetzt.<\/em><\/p><p>Titelbild: Rusya007 \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer weniger Mitglieder, aber immer mehr Geld vom Staat. Rund 594 Millionen Euro an &raquo;Staatsleistungen&ldquo; werden auch in diesem Jahr den Kirchen aufgrund von Regelungen aus dem 19. Jahrhundert &uuml;berwiesen. Dabei sollten diese Zahlungen schon vor 102 Jahren abgeschafft werden. Doch passiert ist bislang nichts. 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