{"id":862,"date":"2005-09-05T15:05:08","date_gmt":"2005-09-05T13:05:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=862"},"modified":"2016-03-06T09:19:15","modified_gmt":"2016-03-06T08:19:15","slug":"das-duell-das-keines-war-spiegelfechterei-auf-neoliberalem-paukboden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=862","title":{"rendered":"Das \u201eDuell\u201c, das keines war. Spiegelfechterei auf neoliberalem Paukboden."},"content":{"rendered":"<p>Schr&ouml;der versuchte vergeblich, seine Reformen als Erfolg darzustellen, und Merkel m&auml;kelte daran herum. Die entscheidende Frage, wie das Schr&ouml;dersche &bdquo;Weiter so&ldquo; und das Merkelsche &bdquo;noch Weiter so&ldquo; Erfolge bei Wachstum und Besch&auml;ftigung bringen und den Sozialstaat erhalten kann, wurde weder gestellt noch beantwortet. Das war kein &bdquo;Duell&ldquo;, sondern eine mediale Selbstinszenierung von vier Talk-show-&bdquo;Stars&ldquo;, einem Kanzler und einer Kanzlerkandidatin, die versuchten, mit einge&uuml;bten Floskeln beim Gegner Treffer zu landen. Dass es in zwei Wochen um eine wirkliche Richtungsentscheidung gehe, konnte man nun wahrlich nicht erkennen, es geht um einen Kanzler, der seinen Kurs fortsetzen will, oder eine Kanzlerin, die verspricht, dass sie das Land auf diesem Kurs noch viel r&uuml;cksichtsloser umkrempeln will.<br>\n<!--more--><br>\nWas wurde seit Wochen ein Spektakel inszeniert, vergleichbar nur wie das Aufheizen der Stimmung vor einem gro&szlig;en Fu&szlig;ballspiel oder einem Boxkampf. Alle sprachen nur noch vom &bdquo;Duell&ldquo; &ndash; was ja &uuml;blicherweise einen Sieger und ein Opfer auf dem Kampfplatz hinterl&auml;sst. Gemessen an dieser k&uuml;nstlich erzeugten Erwartungshaltung war das, was Gerhard Schr&ouml;der und Angela Merke geboten haben, eine Entt&auml;uschung. Die aus den Talk-Shows von ARD, ZDF, RTL und Sat1 bekannten Stichwortgeber kamen mit keiner einzigen Frage &uuml;ber das &uuml;bliche oberfl&auml;chliche Frageritual hinaus. <\/p><p>Es geh&ouml;rt schon viel Chuzpe dazu, wenn Gerhard Schr&ouml;der den Fernsehzuschauern weis zu machen versuchte, dass er erst damit habe beginnen m&uuml;ssen, einen Reformstau aufzul&ouml;sen, und dass seine &bdquo;Reformen&ldquo; zu greifen beginnen. Noch dreister ist da nur noch, wenn Frau Merkel, die ja alle diese &bdquo;Reformen&ldquo; mitgemacht und &uuml;ber Bundesrat und Vermittlungsausschuss eher noch versch&auml;rft hat, Schr&ouml;der deren Erfolglosigkeit vorh&auml;lt, aber nicht mehr anbietet, als dass man jetzt nicht stehen bleiben d&uuml;rfe und dass man weiter gehen m&uuml;sse, als die Sozialdemokraten gegangen sind. <\/p><p>Was wurde da vom Kanzler und seiner Herausforderin nicht einmal mehr &uuml;ber die Arbeitspl&auml;tze schaffende Wirkung der Senkung von Lohnnebenkosten geschwafelt! Hilflos verwies Frau Merkel darauf, dass Wirtschaftsforschungsinstitute bei einer ein-prozentigen Senkung der Arbeitslosenversicherungsbeitr&auml;ge f&uuml;r die Arbeitgeber massenhaft Arbeitspl&auml;tze prognostizierten. Beide Diskutanten sangen das hohe Lied auf die kapitalgedeckte Altersvorsorge als zweite S&auml;ule zur Erhaltung eines ausk&ouml;mmlichen Lebensstandards im Alter. Pech f&uuml;r Frau Merkel, dass ihr Vision&auml;r und designierter Finanzminister Paul Kirchhof die Alterssicherung komplett auf Kapitaldeckung umstellen und das Umlageverfahren auslaufen lassen will. Da konnte Schr&ouml;der nat&uuml;rlich leicht davon ablenken, dass sein Kapitaldeckungsversuch, die Riesterrente, von der Bev&ouml;lkerung bisher nicht angenommen wurde, und die Menschen in ihrer &uuml;berwiegenden Mehrheit am Umlagesystem festhalten wollen. Keiner oder keine unter unserem, sich selbst beweihr&auml;uchernden, journalistischen Spitzenpersonal hat Frau Merkel danach gefragt, warum und wie ihre Forderung nach einer weiteren Senkung der Spitzensteuers&auml;tze, nach eine weiteren Beseitigung des K&uuml;ndigungsschutzes f&uuml;r Arbeitssuchende oder nach Aufweichung der Tarifvertr&auml;ge zu mehr Wachstum beitragen k&ouml;nnte. <\/p><p>Wie die Arbeitslosengeld-II-Empf&auml;nger bei den derzeitigen Energiepreisen und bei den derzeitigen &bdquo;neu justierten&ldquo; Bedarfss&auml;tzen &uuml;ber den Winter kommen k&ouml;nnen sollen, dazu fiel Schr&ouml;der nicht viel mehr ein, als an die Mineral&ouml;lkonzerne zu appellieren, gegen Spekulanten zu wettern und darauf hinzuweisen, dass eben die Energiepreise am Markt &bdquo;hergestellt&ldquo; werden. Jeder, der in den letzten Tagen einen Blick in die Zeitungen geworfen hat, sah und h&ouml;rte nur das schon bis zum &Uuml;berdruss Gelesene. Es ging in den gesamten eineinhalb Stunden sowohl Schr&ouml;der als auch Merkel nur darum, die in ihren Wahlkampfreden getesteten Applauspassagen an passender Stelle unterzubringen.<br>\nSchr&ouml;der sprach besch&ouml;nigend statt von Sozialabbau von der &bdquo;Neujustierung der sozialen Sicherungssysteme&ldquo; um unserer Kinder und Enkel willen. Er buhlte mit der Mittelmachtrolle Deutschlands und &ndash; durchaus zu Recht &ndash; mit seiner Haltung zum Irak-Krieg. Er landete Treffer bei der Absicht der Union, die Pendlerpauschale zu streichen, und er punktete bei der Benzinpreisexplosion, als er die von Frau Merkel geforderten Senkung der &Ouml;kosteuer mit deren Plan zur Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer gegenrechnete. Er konnte &ndash; gut pr&auml;pariert &ndash; Kirchhof als Buhmann aufbauen und sich an dessen unseri&ouml;sen und unrealistischen Vorschl&auml;gen abarbeiten. Schr&ouml;der konnte unterbringen, dass man das Land nicht so schlecht reden d&uuml;rfe, dass die Deutschen auf ihre Leistungen stolz sein k&ouml;nnten, dass Stoiber mit seiner Beschimpfung der Ostdeutschen seinen Frust &uuml;ber seine Wahlniederlage ablasse, dass Gerhard seine Frau Doris liebt oder dass er wisse, woher er komme, und er sprach nat&uuml;rlich vom &bdquo;Respekt gegen&uuml;ber den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern&ldquo;, der Frau Merkel angesichts ihrer Siegesgewissheit abgehe &ndash; dabei spielte er doch selbst den Siegessicheren. Er hat weitgehend den Katalog abarbeiten k&ouml;nnen, von dem die &bdquo;Spin-Doctores&ldquo; der Meinung sind, dass der Kanzler damit Sympathiepunkte erzielen k&ouml;nnte.<br>\nNeu und richtig war sein Argument, dass das Desaster bei der staatlichen Hilfe f&uuml;r die Hurrikanopfer im S&uuml;den der USA beweise, wie wichtig staatliche Handlungsf&auml;higkeit bei der Abhilfe von unverschuldeter Not ist, und zu welchen schrecklichen Konsequenzen die &bdquo;Entstaatlichung&ldquo; f&uuml;hre.<\/p><p>Auch Merkel hat sich geradezu zwanghaft bem&uuml;ht, mit den ihr von ihren Beratern auf den Weg gegebenen Schlagwaffen Treffer zu landen. Die Diskussion um die Zukunft Deutschlands war ihr nicht zu schade, die bl&ouml;den Schr&ouml;der-Zitate von den Lehrern als &bdquo;faulen S&auml;cken&ldquo; oder von dem &bdquo;Ged&ouml;ns&ldquo; beim Ministerium f&uuml;r Familie, Jugend und Gleichstellung noch einmal aufzutischen. Sie hat die Wut &uuml;ber die Benzinpreise genauso populistisch f&uuml;r sich zu nutzen versucht wie die Stimmung gegen die europ&auml;ischen B&uuml;rokraten. Sie hat Schr&ouml;ders Sprunghaftigkeit ebenso angeprangert, wie sie mit den &Auml;ngsten der Menschen im Hinblick auf ihre Altersversorgung oder mit dem fremdenfeindlichen Motiv der &bdquo;Aufnahmef&auml;higkeit&ldquo; der EU im Hinblick auf die Verhandlungen mit der T&uuml;rkei gespielt hat. <\/p><p>Ansonsten bramarbasierte sie vom &bdquo;besser auf die Beine kommen&ldquo;, von der &bdquo;wirtschaftlich fortschrittlichen Kraft&ldquo;, vom &bdquo;Kurswechsel&ldquo;, von der &bdquo;Weiche aufw&auml;rts&ldquo;, von der &bdquo;Vorfahrt f&uuml;r Arbeit&ldquo;, von &bdquo;Visionen&ldquo; oder &ndash; wo sie ausnahmsweise mal konkret wurde &ndash; davon, dass die Streichung der Pendlerpauschale und der Zuschl&auml;ge f&uuml;r Nacht- und Sonntagsarbeit ja von den Tarifparteien durch Lohnerh&ouml;hungen ausgeglichen werden k&ouml;nnten &ndash; und das, obwohl doch die Schw&auml;chung der Gewerkschaften eines ihrer wichtigsten Ziele ist. Sie sprach viel von &bdquo;den Menschen&ldquo; und von einem &bdquo;sozial gerechten und menschlichen Leben&ldquo;. Sie lobte gar noch Paul Kirchhofs Frauenbild mit der Trias K&uuml;che, Kinder, Kirche, als modern, weil dessen T&ouml;chter schlie&szlig;lich alle einen Beruf aus&uuml;bten. Im &uuml;brigen hat Frau Merkel alles vermieden, womit sie irgendwo bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern h&auml;tte anecken k&ouml;nnen. <\/p><p>Das &bdquo;Duell&ldquo; erinnerte ziemlich stark an die Choreographie der Runde der Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen zwischen Peer Steinbr&uuml;ck und J&uuml;rgen R&uuml;ttgers: Steinbr&uuml;ck verteidigte dabei einen gescheiterten Reformkurs, und R&uuml;ttgers bot hohle und menschelnde Phrasen. Das schien Vorbild auch f&uuml;r die Inszenierung auf Bundesebene zu sein. <\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der baut nach neun Niederlagen seiner Partei bei Landtagswahlen seit der Ausrufung der Agenda offenbar immer noch darauf, durch seine zweifelsohne vorhandenen medialen Pr&auml;sentationsf&auml;higkeiten den Leuten einreden zu k&ouml;nnen, dass seine Reformen sozial gerecht gewesen seien, dass die Zumutungen gegen&uuml;ber der unteren H&auml;lfte der Gesellschaft und der Umverteilung von unten nach oben am Wahltag vergessen seien, ohne den Arbeitnehmern &ndash; auf die er ja f&uuml;r eine Wiederwahl angewiesen w&auml;re &ndash; plausible Argumente nennen zu k&ouml;nnen, wie es f&uuml;r sie wieder aufw&auml;rts gehen k&ouml;nnte. Im &bdquo;Duell&ldquo; sprach Schr&ouml;der viel von Vertrauen, um das er werbe; worauf sich das Vertrauen der Menschen bei einem &bdquo;Weiter so&ldquo; st&uuml;tzen k&ouml;nnte, darauf blieb der noch amtierende Bundeskanzler eine Antwort schuldig. <\/p><p>Angela Merkel sagte Schr&ouml;der voraus, dass er in vierzehn Tagen in der SPD keine Rolle mehr spielen werde. Sie d&uuml;rfte damit nicht falsch liegen. Das Tragische daran ist, dass dann &ndash; im Falle eines Wahlsieges &ndash; Merkel eine Rolle als Kanzlerin spielen w&uuml;rde, die diesen Kurs, der Schr&ouml;der scheitern lie&szlig;, nur noch drastischer und schneller voran treiben w&uuml;rde, wom&ouml;glich mit einer SPD, dann aber eben ohne Schr&ouml;der.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schr&ouml;der versuchte vergeblich, seine Reformen als Erfolg darzustellen, und Merkel m&auml;kelte daran herum. 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Das war kein &bdquo;Duell&ldquo;, sondern eine mediale Selbstinszenierung von vier Talk-show-&bdquo;Stars&ldquo;, einem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=862\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,41,190],"tags":[315,312,410,411,482],"class_list":["post-862","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","category-wahlen","tag-merkel-angela","tag-reformpolitik","tag-reformstau","tag-schroeder-gerhard","tag-tv-duell"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/862","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=862"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/862\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31862,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/862\/revisions\/31862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=862"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=862"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=862"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}