{"id":86355,"date":"2022-07-28T12:03:06","date_gmt":"2022-07-28T10:03:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86355"},"modified":"2022-07-29T09:28:57","modified_gmt":"2022-07-29T07:28:57","slug":"ist-die-documenta-noch-zu-retten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86355","title":{"rendered":"Ist die documenta noch zu retten?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Offener Brief von Werner Ruf, Ingo Wandelt &amp; Rainer Werning an den documenta 15-Aufsichtsrat, an die Bundesregierung und an die Medien. <\/strong><\/p><p>Wir, die Unterzeichner dieses Offenen Briefes, sind besorgt dar&uuml;ber, dass die international renommierte Kunstausstellung <em>documenta <\/em>wom&ouml;glich das letzte Mal in ihrer gewohnten Art stattfindet. <em>Ruangrupa<\/em>, das diesj&auml;hrige indonesische Kurator*innen-Team der <em>documenta,<\/em> verfolgte das ehrgeizige Ziel, endlich einmal dem &bdquo;Globalen S&uuml;den&ldquo; des Planeten eine Stimme zu verschaffen. Es sollten aus seiner Sicht Blicke auf eine postkoloniale Welt gelenkt werden, die zuvor durch Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus und andere Formen von erfahrener Unterdr&uuml;ckung und Ausbeutung gepr&auml;gt worden war. <em>&bdquo;Lumbung&ldquo;<\/em>, die Reisscheune als Hort einer gemeinschaftlich verwalteten und genutzten Lebensressource, h&auml;tte als Leitidee einer vitalen interkulturellen Kommunikation dienen k&ouml;nnen.<br>\n<!--more--><br>\nDie lobenswerte Idee, Menschen der vormaligen Dritten Welt f&uuml;r sich selbst sprechen zu lassen, birgt nat&uuml;rlich die &bdquo;Gefahr&ldquo;, dass in unserer eigenen Geschichtsschreibung unbeachtete Tatsachen pl&ouml;tzlich relevant werden, die beharrlich be- und verschwiegen blieben. Wer besitzt die Deutungshoheit &uuml;ber das, was &bdquo;dort unten&ldquo; geschah und geschieht? Wenn &bdquo;die aus dem S&uuml;den&ldquo; Deutungsmacht erhalten, wird dann nicht m&ouml;glicherweise &bdquo;unser&ldquo; &uuml;ber Jahrhunderte gepflegtes Weltbild mitsamt dem darin transportierten Herrschaftsanspruch infrage gestellt?<\/p><p>Das indonesische K&uuml;nstlerkollektiv <em>Taring Padi <\/em>zeigte ein aus vielen hundert Bildern bestehendes, wimmelbildartiges Banner, das bereits vor zwei Jahrzehnten entstand. Es wurde seitdem vielerorts gezeigt, ohne Proteste auszul&ouml;sen. <em>Zwei auf diesem Banner befindliche Bildausschnitte<\/em> wurden zum Anlass genommen, die<em> documenta 15 <\/em>vorschnell politisch zu instrumentalisieren beziehungsweise sie als &bdquo;antisemitisch&ldquo; zu denunzieren. Mit dem Resultat, dass sie insgesamt in Bausch und Bogen verdammt, ja sogar ihr sofortiger Abbruch gefordert wurde. Selbst hochrangige deutsche Politiker*innen glaubten in diesen Bildausschnitten eine Existenzgef&auml;hrdung des Staates Israel zu erkennen, w&auml;hrend andere einen Besuch in Kassel bewusst mieden.<\/p><p>Das K&uuml;nstlerkollektiv von <em>Taring Padi<\/em> hat indes fr&uuml;hzeitig erkl&auml;rt, dass es sich bei der inkriminierten &bdquo;<em>Banner-Installation People&rsquo;s Justice (2002) um einen Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt (handelt), die wir w&auml;hrend der 32-j&auml;hrigen Milit&auml;rdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt. Die Darstellung von Milit&auml;rfiguren auf dem Banner ist Ausdruck dieser Erfahrungen. Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, z. B. f&uuml;r die korrupte Verwaltung, die milit&auml;rischen Gener&auml;le und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und milit&auml;rische Gewalt zu kritisieren (&hellip;).&ldquo;<\/em><\/p><p>So ist das Schweinsgesicht mit einem Helm, auf dem <em>MOSSAD<\/em> steht, nur <em>eines<\/em> von mehreren &auml;hnlich behelmten Figuren mit K&uuml;rzeln wie <em>KGB, CIA, INTEL,<\/em> <em>007<\/em>, die in ihrer <em>Gesamtheit<\/em> f&uuml;r internationale Geheimdienste stehen. Diese dienten als Korsettstangen des Regimes von General Suharto (1965-1998). &Uuml;ber dessen blutigen antikommunistischen Feldzug schrieb bereits die Wochenzeitschrift <em>DIE ZEIT<\/em> am 3. November 1967:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die r&auml;chende Armee hat nicht gez&ouml;gert, die einmalige Chance zur Vernichtung ihres einzigen Rivalen wahrzunehmen. Mit offizieller Billigung, ausgef&uuml;hrt von der Armee, von militanten Jugendgruppen der Moslems und der PNI (Partai Nasional Indonesia), begann dann der wohl gr&ouml;&szlig;te Massenmord seit Hitlers Tagen. Er kam einem Pogrom der PKI-Anh&auml;nger (der seinerzeit weltweit drittst&auml;rksten Kommunistischen Partei Indonesiens &ndash; die Autoren) gleich und wurde schlie&szlig;lich &ndash; au&szlig;er Kontrolle geraten &ndash; zu einem nationalen Amoklauf, wobei Privatfehden und allgemeine soziale Konflikte unter dem bequemen Deckmantel des Antikommunismus bereinigt wurden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der zweite inkriminierte Bildausschnitt zeigt ein Gesicht mit Haifischz&auml;hnen, die Zigarre eines Kapitalisten im Mund, den Kopf bedeckt mit einem Hut, auf dem SS-Runen zu sehen sind. Ebenso sind Konturen von Schl&auml;fenlocken erkennbar. Steht das etwa f&uuml;r den &bdquo;hassenswerten, raffgierigen Juden&ldquo; oder einen gewieften Makler, der symbolhaft das Finanzkapital repr&auml;sentiert, das die Reicht&uuml;mer und Bodensch&auml;tze der L&auml;nder der &bdquo;Dritten Welt&ldquo; an der B&ouml;rse verh&ouml;kert? Die SS-Runen am Hut zielen wohl auf die Menschenfeindlichkeit und Brutalit&auml;t des angeklagten kolonialen Systems. Wird hier &bdquo;der Jude&ldquo; angegriffen oder das internationale Finanzsystem? Das Interpretationsproblem verlagert sich eher ins Auge des westlichen, genauer deutschen Betrachters, als dass es eine eindeutige Aussage &uuml;ber &bdquo;das Judentum&ldquo; w&auml;re. Daf&uuml;r spricht auch die Tatsache, dass die inkriminierte Figur europ&auml;ische Kleidung tr&auml;gt. In diesem Sinne spricht selbst der israelische Soziologe Moshe Zuckermann von einem &bdquo;rein deutschen Eklat&ldquo;. Jedenfalls sind beide inkriminierten Bildausschnitte <em>kein <\/em>antisemitisches Werk, sondern strikt <em>anti-suhartoistisch<\/em> intendiert. Diese Grundintention des Banners kommt dem westlichen Auge offensichtlich nicht einmal in den Sinn.<\/p><p>Die Verortung der SS-Figur erfolgt in unmittelbarer N&auml;he zu zombie&auml;hnlichen Kreaturen, ebenfalls mit Rei&szlig;z&auml;hnen. Im Gesamtkontext sprechen <em>starke Indizien<\/em> daf&uuml;r, dass es sich hier tats&auml;chlich um eine SS-Figur handelt und keineswegs um die Herabsetzung &bdquo;des Juden&ldquo; als besondere Inkarnation des B&ouml;sen. Ein Intimus von Suharto und gleichzeitig dessen Biograf war n&auml;mlich kein Geringerer als der hartgesottene Nazi, SS-Obersturmbannf&uuml;hrer und Kriegsverbrecher Rudolf Oebsger-R&ouml;der. Unter dem Namen O.&thinsp;G. Roeder war dieser Mann f&uuml;r die eigentliche in- wie ausl&auml;ndische Imagepflege Suhartos als stets &bdquo;l&auml;chelndem General&ldquo; verantwortlich. Nach dem 2. Weltkrieg war R&ouml;der unter anderem hauptberuflich f&uuml;r die Organisation Gehlen (daher das O.G. vor dem Namen), dem Vorl&auml;ufer des <em>Bundesnachrichtendienstes (BND)<\/em>, t&auml;tig. Sp&auml;ter arbeitete er in Jakarta sowohl f&uuml;r den BND als auch als Korrespondent f&uuml;r die <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> und die <em>Neue Z&uuml;rcher Zeitung<\/em>.<\/p><p>&bdquo;<em>Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind<\/em>&ldquo;, schrieb einst die Schriftstellerin Ana&iuml;s Nin. &bdquo;Wir&ldquo; haben &bdquo;hier&ldquo; einen gef&auml;hrlichen Cocktail aus Vorverurteilungen, hasserf&uuml;llter Ablehnung, zutiefst reaktion&auml;ren Reaktionen, politischem Opportunismus und Vandalismus gemixt. Was dazu f&uuml;hrte, dass ausl&auml;ndische G&auml;ste, ja selbst Kurator*innen und K&uuml;nstler*innen der diesj&auml;hrigen documenta physisch gef&auml;hrdet waren. All das hat nicht nur dieser internationalen Kunstschau betr&auml;chtlichen Schaden zugef&uuml;gt. Dar&uuml;ber hinaus erschallen sogar laute Rufe nach Beschneidung der Kunstfreiheit und Zensur &ndash; wohlverstanden, im Sommer 2022!<\/p><p>Anl&auml;sslich des 70-j&auml;hrigen Bestehens diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Republik Indonesien ist es an der Zeit, dass zumindest im politischen Berlin die Archive mit Blick auf die vielf&auml;ltige (west-)deutsche Unterst&uuml;tzung des Suharto-Terrorregimes und im Sinne stets beschworener Transparenz und &bdquo;wertebasierter Au&szlig;enpolitik&ldquo; ge&ouml;ffnet werden.<\/p><p>Wir fordern insbesondere den Aufsichtsrat der <em>documenta 15<\/em> auf, unverz&uuml;glich alles in seinen Kr&auml;ften Stehende zu tun, dass gesittete Umgangsformen und eine den Namen verdienende Dialogkultur mit entsprechenden &ouml;ffentlichen Foren regen Gedankenaustausches die verbleibende Zeit der <em>documenta 15<\/em> pr&auml;gen. Wir erwarten &uuml;berdies, ein eventuell avisiertes Beratergremium mit zumindest einem\/einer S&uuml;dostasienwissenschaftler*in zu besetzen.<\/p><p><em><strong>Ederm&uuml;nde\/Wuppertal\/K&ouml;nigsdorf am 27. Juli 2022<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li><strong>Prof. Dr. Werner Ruf<\/strong>, <em>em. Politologe &amp; Friedensforscher mit dem Schwerpunkt internationale Beziehungen<\/em><\/li>\n<li><strong>Dr. Ingo Wandelt<\/strong>, <em>Ethnologe &amp; Indonesist<\/em><\/li>\n<li><strong>Dr. Rainer Werning<\/strong>, <em>Sozialwissenschaftler &amp; Publizist mit den Schwerpunkten S&uuml;dost- und Ostasien<\/em><\/li>\n<\/ul><p>Aktualisierung 29.07.2022: Der obenstehende Offene Brief kann zur Unterst&uuml;tzung als <a href=\"https:\/\/chng.it\/htJ5xjSkPV\">Petition<\/a> unterzeichnet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ein Offener Brief von Werner Ruf, Ingo Wandelt &amp; Rainer Werning an den documenta 15-Aufsichtsrat, an die Bundesregierung und an die Medien. <\/strong><\/p>\n<p>Wir, die Unterzeichner dieses Offenen Briefes, sind besorgt dar&uuml;ber, dass die international renommierte Kunstausstellung <em>documenta <\/em>wom&ouml;glich das letzte Mal in ihrer gewohnten Art stattfindet. <em>Ruangrupa<\/em>, das diesj&auml;hrige indonesische Kurator*innen-Team der <em>documenta,<\/em> verfolgte das<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86355\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,35,123,917],"tags":[2871,1749,1620,1792,3254,2840,2177,2582,1216,2989],"class_list":["post-86355","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antisemitismus","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-kampagnentarnworteneusprech","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-antikommunismus","tag-documenta","tag-indonesien","tag-kolonialismus","tag-kunstfreiheit","tag-massenmord","tag-militaerdiktatur","tag-offener-brief","tag-petitionen","tag-suharto-haji-mohamed"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86355","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=86355"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":86366,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86355\/revisions\/86366"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=86355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=86355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=86355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}