{"id":8643,"date":"2011-03-11T09:09:44","date_gmt":"2011-03-11T08:09:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8643"},"modified":"2014-08-11T14:41:34","modified_gmt":"2014-08-11T12:41:34","slug":"rezension-wolfgang-hetzer-finanzmafia-wie-banken-und-banditen-unsere-demokratie-gefaehrden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8643","title":{"rendered":"Rezension: Wolfgang Hetzer, \u201eFinanzmafia \u2013 Wie Banken und Banditen unsere Demokratie gef\u00e4hrden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wolfgang Hetzer, seit 2002 Leiter der Abteilung &bdquo;Intelligence: Strategic Assessment &amp; Analysis&ldquo; im Europ&auml;ischen Amt f&uuml;r Betrugsbek&auml;mpfung (OLAF) in Br&uuml;ssel, geht in seinem neuen Buch der Frage nach, &bdquo;ob die internationalen Finanzm&auml;rkte zum Tummelplatz einer besonderen Art der Organisierten Kriminalit&auml;t geworden sind, die es in einem Milieu h&ouml;chster krimineller Energie, exquisiter fachlicher Qualifikation und korruptiver Verflechtung geschafft hat, die Zusammenh&auml;nge zwischen Arbeit, Leistung und Erfolg als Grundlage einer b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und einer rechtsstaatlichen Kultur in einer jahrelangen hemmungslosen und selbsts&uuml;chtigen Bereicherungsorgie zu zerst&ouml;ren&ldquo;. (S.12) Als Jurist und entsprechend seiner Profession als &bdquo;Betrugsbek&auml;mpfer&ldquo; besch&auml;ftigt er sich vor allem auch mit der strafrechtlichen Aufarbeitung der Finanzkrise. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Die pflichtwidrige Vernichtung fremden Kapitals ist eine Straftat&ldquo;, so lautet der erste Satz in der Einleitung. Doch es gebe eben keinen Straftatbestand der &bdquo;Kapitalvernichtung&ldquo; und bislang sei noch niemand wegen der Verursachung der Finanzkrise rechtskr&auml;ftig verurteilt worden. (S. 11) Die naheliegende Frage wer die Verantwortung f&uuml;r einen derart hohen Schaden trage, f&uuml;hre aus Sicht des ehemaligen Bundesfinanzministers Steinbr&uuml;ck ins &bdquo;Nirwana&ldquo;. Die Teilnahme an Systemkriminalit&auml;t sei offenbar ohne Strafbarkeitsrisiko. Das Strafrecht sei in seiner gegenw&auml;rtigen Verfassung daf&uuml;r nicht geeignet. Die Definitionsversuche von Organisierter Kriminalit&auml;t (OK) oder auch der Korruption (273) b&ouml;ten angesichts der in der Finanzkrise zu Tage getretenen kriminellen Energie kein ausreichendes Raster, obwohl die Praktiken, die in der Finanzwirtschaft eingesetzt worden seien, zu einer &bdquo;strukturellen und funktionellen &Uuml;berschneidung mit der OK gef&uuml;hrte haben&ldquo;. (S. 124) Das Zusammenspiel von &ouml;konomischen Interessen, politischen Ambitionen und nationalen Egoismus l&auml;gen jedoch (bisher) au&szlig;erhalb der Reichweite strafrechtlicher Normen. Diese Vorg&auml;nge folgten &bdquo;dem Primat der Politik&ldquo;. (S. 13) <\/p><p>Die Zuschreibung strafrechtlich relevanter Verantwortlichkeit, sei ein anspruchsvoller Prozess und die historische Erfahrung zeige, dass strafrechtlich begr&uuml;ndete Vorw&uuml;rfe quasi gegenstandslos w&uuml;rden, wenn bestimmte Verhaltensweisen fester Bestandteil eines geradezu irrationalen Zusammenhangs geworden seien oder Widerspr&uuml;chlichkeit zum Funktionsprinzip mutiert sei. (S. 147) So h&auml;tten Ratingagenturen, auf die sich die Banker bei ihren &bdquo;Irrt&uuml;mern&ldquo; beriefen, Schadensersatzklagen mit der (geradezu l&auml;cherlichen) Berufung auf das Recht der freien Meinungs&auml;u&szlig;erung abwehren k&ouml;nnen. (S. 153) Sie rechtfertigten sich damit, dass einzelne die Akteure keine Schuld tr&uuml;gen und dass sie allenfalls &bdquo;Teil des Systems&ldquo; seien. (271)<\/p><p>Es gebe kaum aus sich heraus lesbare Straftatbest&auml;nde; das Kapitalmarktstrafrecht, f&uuml;r das es noch nicht einmal eine verbindliche Definition gebe, sei weit verstreut und mache die Anwender orientierungslos. (S. 148) <\/p><p>Hetzer ist skeptisch, ob es jemals einen Funktionswandel des Strafrechts geben wird, der ein Sanktionsrepertoire bieten k&ouml;nnte, das auch den Herausforderungen einer &bdquo;Systemkriminalit&auml;t&ldquo; gerecht werden k&ouml;nne. (S. 151) Am Beispiel der Vermittlung von ABS-Anleihen (forderungsbesicherten Wertpapiere) dekliniert Hetzel &uuml;ber 12 Seiten des Buches (172 &ndash; 184) durch, wie diffizil die strafrechtliche &Uuml;berpr&uuml;fung des Untreuetatbestandes ist. Immerhin gelangt er zum Ergebnis, dass unter bestimmten Voraussetzungen ein Anfangsverdacht bestehe, um strafrechtliche Ermittlungen aufzunehmen. Er muss aber gleichzeitig einr&auml;umen, dass in der juristischen Literatur und noch mehr in der Rechtsprechung die Debatte &uuml;ber die m&ouml;gliche Strafbarkeit verantwortlicher Bankmanager immer noch am Anfang stehe. Von einer Sanktionierung der zur Aufsicht berufenen Politiker sei noch nicht einmal die Rede. (185) <\/p><p>Bei der Deutschen Industriebank (IKB) zum Beispiel habe die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue nach &sect; 266 StGB eingestellt. Hetzer ist der Meinung, dass dies voreilig war, und er h&auml;lt eine weitere Diskussion &uuml;ber die Untreuestrafbarkeit schon im Hinblick auf &auml;hnlich gelagerte F&auml;lle bei der NSH-Nordbank oder der Landesbank Baden-W&uuml;rttemberg f&uuml;r notwendig. Ausf&uuml;hrlich er&ouml;rtert Hetzer die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 23. Juni 2010 hinsichtlich des Strafverfahrens gegen ehemalige Vorst&auml;nde der Berliner Bank (u.a. den CDU-Politiker Klaus-R&uuml;diger Landowsky). Letztlich hatte die Verfassungsbeschwerde gegen deren strafrechtliche Verurteilung wegen Untreue Erfolg, weil das vorausgegangene Urteil des Strafgerichts den wirtschaftlichen Nachteil (also den Schaden) nicht ausreichend &bdquo;bestimmt&ldquo; ermittelt habe. Dennoch ist Hetzer der Meinung, dass das h&ouml;chstrichterliche Urteil bei einer weiteren juristischen Aufarbeitung der Finanzkrise eine wichtige Rolle spielen k&ouml;nne. (200) <\/p><p>Noch weniger als beim Straftatbestand der Untreue, sei die juristische Aufbereitung zur Strafbarkeit wegen Betrugs vorangekommen. Der rechtswissenschaftliche Diskurs habe auch da gerade erst begonnen (202). Nach seinen strafrechtsdogmatischen und rechtspolitischen Betrachtungen kommt er im Gegensatz zur landl&auml;ufigen Verteidigungsstrategie zu der Einsch&auml;tzung, dass die Finanzkrise &bdquo;eben nicht (nur) ein blo&szlig;es Systemversagen ist. Sie ist durch massenhaftes objektiv straftatbestandsm&auml;&szlig;iges Verhalten der verantwortlichen Personen im Bankensektor mit verursacht worden. Staatliche Instanzen haben dabei grob fahrl&auml;ssig geholfen.&ldquo; (202)<\/p><p>Scharf geht Hetzer auch mit dem Skandal ins Gericht, dass keinerlei Anstrengungen unternommen w&uuml;rden, die illegitime Beute aus Scheingewinnen der Vergangenheit oder aus voreilig bezahlten und unangemessenen Boni zu konfiszieren. Die Praxis der Beutesicherung selbst in staatlich geretteten Banken w&uuml;rde einfach fortgesetzt. Es sei jedoch h&ouml;chste Zeit, dass das traditionell gegen die &bdquo;Unterschicht&ldquo; eingesetzte Strafrecht auch gegen die &bdquo;Oberschicht&ldquo; gleichm&auml;&szlig;ig angewendet werde: &bdquo;Wenn es jemals irgendein Feld gegeben hat, wo dies &uuml;berf&auml;llig ist, so ist es die Finanzkrise.&ldquo; (203)<\/p><p>Trotz dieses flammenden Appells gelangt Hetzer zu einem eher ern&uuml;chternden (und entt&auml;uschenden) Fazit: &bdquo;Es ist &auml;u&szlig;erst ungewiss, ob die Anwendung des Strafrechts gegen&uuml;ber einzelnen Verantwortungstr&auml;gern in Wirtschaft, Finanzindustrie und Politik geeignete pr&auml;ventive und repressive Wirkungen haben k&ouml;nnte, weil der notwendige Kl&auml;rungsprozess im Hinblick auf rechtsstaatliche Strafbarkeitsvoraussetzungen und sinnvolle Sanktionen gerade erst begonnen hat.&ldquo; (283)<\/p><p>Hetzer reist als &bdquo;Lehrst&uuml;cke&ldquo; f&uuml;r Dilettantismus und Versagen von Managern und Kontrolleuren die (teilweise ins Unappetitliche abrutschende) Machenschaften der Manager der Privatbank Sal. Oppenheim und der HSH Nordbank an. Ausf&uuml;hrlich behandelt er die &bdquo;unheilige Allianz von Politikern und Bankern&ldquo; im Zusammenhang mit dem Deal der BayernLB mit der Hypo Group Alpe Adria. F&uuml;r jeden der hinter die Kulissen dieses Zusammenspiels zwischen Regierungen, Finanzinstituten und Wirtschaftsunternehmen schaue, m&uuml;sse sich die Frage stellen, ob es sich hier nicht geradezu um organisierte Kriminalit&auml;t handle. <\/p><p>Im Schlusskapitel wirft Hetzer die Frage auf, ob Korruption nicht geradezu zur Leitkultur&ldquo; geworden sei. Es sei nicht mehr zu &uuml;bersehen, dass sich die Gewinnabsichten von Wirtschaftssubjekten, die Ambitionen von Politikern, die Finanzierungsbed&uuml;rfnisse von Parteien und die Geldgier von Amtstr&auml;gern immer h&auml;ufiger kreuzten. (276) Angesichts der daraus entstandenen &bdquo;anspruchsvollen&ldquo; Korruption m&uuml;ssten die vergleichsweise einfachen Begriffe des Strafrechts zerschellen. &bdquo;Wenn K&auml;uflichkeit den inneren Charakter eines Gemeinwesens pr&auml;gt, degeneriert Rechtsgehorsam ohnehin zur l&auml;cherlichen Attit&uuml;de.&ldquo; (276)<\/p><p>Wie es sich f&uuml;r einen Juristen geh&ouml;rt, beschreibt Hetzer im ersten Drittel seines Buches den Sachverhalt auf den er danach seine strafrechtlichen Er&ouml;rterungen bezieht und unter die Straftatbest&auml;nde der Untreue, des Betrugs, der Organisierten Kriminalit&auml;t und der Korruption zu subsumieren versucht.<\/p><p>Der Ausbruch der &bdquo;gravierendste(n) globale(n) Finanzkrise seit der Gro&szlig;en Depression&ldquo;, werde &uuml;blicherweise auf den Sommer 2007 datiert. Die Entwicklung dahin sei allerdings schon seit vielen Jahren auch f&uuml;r Spitzenpolitiker hinreichend klar erkennbar gewesen und die gro&szlig;e Krise sei keineswegs zu Ende. (S. 15) Die Politik habe in den meisten L&auml;ndern nicht einmal im Ansatz begriffen, was da eigentlich passiert sei. Auch die Medien erweckten den Eindruck, als ob es sich um ein Geschehen handelte, das vorausschauender Steuerung entzogen war. Diese Sicht sei nicht nur irref&uuml;hrend, sondern schlicht falsch und allenfalls das Produkt eine geschickten Medienpolitik der verantwortlichen Entscheidungstr&auml;ger und Machthaber. (S. 17) <\/p><p>Schon hinter dem Begriff &bdquo;Krise&ldquo; steckten wirtschaftliche Interessen und politisches Kalk&uuml;l, unterstelle dieser Sprachgebrauch doch einen episodischen Charakter und gaukle Beherrschbarkeit vor und Politiker k&ouml;nnten sich dabei sogar als Schutzherrn des Gemeinwohls darstellen. (S.33). Dabei h&auml;tten doch die Entscheidungstr&auml;ger in Wirtschaft und Politik in einer Mischung aus Ambition und Inkompetenz selbst die Bedingungen geschaffen, &bdquo;unter denen sich die internationale Finanzwirtschaft in ein Schlachtfeld verwandeln konnte.&ldquo; (S. 34) &bdquo;Keine Naturgewalt hat diese Finanzkrise ausgel&ouml;st, sondern besch&auml;mendes Versagen in den Vorstandsetagen.&ldquo; (S. 34)<\/p><p>Ausl&ouml;ser der Finanzmarktkrise sei ein dreifaches Staatsversagen in den USA gewesen, n&auml;mlich eine jahrelange Niedrigzinspolitik der Notenbank, die Verweigerung einer Regulierung der Finanzm&auml;rkte und der Verzicht auf die Rettung von Lehman Brothers. Aber auch in Deutschland sei z.B. schon 2004 mit dem Investmentmodernisierungsgesetz den &bdquo;Heuschrecken&ldquo; der Luftraum er&ouml;ffnet worden. Vor allem die &bdquo;rot-gr&uuml;ne&ldquo; Bundesregierung habe den Siegeszug der Finanzm&auml;rkte beg&uuml;nstigt und die Aufl&ouml;sung der &bdquo;Deutschland AG&ldquo; in Gestalt des &bdquo;rheinischen Kapitalismus&ldquo; vorangetrieben. (S. 77) Mit dem Investmentmodernisierungsgesetz unter Finanzminister Eichel im Jahre 2003 wollte die Bundesregierung die Leistungsf&auml;higkeit und die Attraktivit&auml;t des Investmentstandortes Deutschland steigern (S. 91). Ohne eine risiko-orientierte Folgenabsch&auml;tzung seien Hedge-Fonds (die &bdquo;Leitw&ouml;lfe der internationalen Spekulation&ldquo; (S. 101)) und andere Investmentprodukte, die mit ausl&auml;ndischen Anlagestrategien wettbewerbsf&auml;hig sein sollten, zugelassen worden, um Kapitalfl&uuml;sse ins Ausland zu verringern. Letztlich habe damit der Gesetzgeber eine formvollendete Einladung an alle &bdquo;Global Players&ldquo; zur noch erfolgreicheren Geldw&auml;sche ausgesprochen. (S. 102) Die sozialdemokratische gef&uuml;hrte Bundesregierung habe die legalen Grundlagen daf&uuml;r geschaffen, dass auch Deutschland in den Mahlstrom des internationalen Finanzkapitalismus geriet. (S. 104)<\/p><p>Das politische Handeln im Dienste der &bdquo;allm&auml;chtigen&ldquo; Privatwirtschaft unter dem Etikett &bdquo;Marktwirtschaft&ldquo; habe einer rein spekulativen Wirtschaft gedient, die keine andere Funktion mehr gehabt habe, als Spekulationen und ihren Profiten den Weg zu ebnen. (S. 36)<br>\nDie destabilisierenden Auswirkungen seien zu einem erheblichen Teil der Lobbyarbeit jener Akteure zuzuschreiben, die sich immer gr&ouml;&szlig;ere Spielr&auml;ume erk&auml;mpfen konnten. Dies sei auch geschehen, weil die Mehrzahl der &Ouml;konomen, Politiker, Journalisten und Regulierer an das neoliberale Versprechen geglaubt h&auml;tten, dass entfesselte Finanzm&auml;rkte Effizienz und Wachstum weltweit f&ouml;rdern w&uuml;rden. Es sei zur Abdankung gesamtwirtschaftlichen Denkens gekommen. (S.72) <\/p><p>Hetzer zeichnet etwa am Beispiel der Rettung der Hypo Real Estate nach, wie die Politik von den Bankern &uuml;ber den Tisch gezogen wurde und wie sich die &Ouml;ffentlichkeit in Bonusdebatten verzettelte, statt dort anzusetzen, dass die Banken nur deshalb so agieren konnten, weil sie darauf vertrauen konnten, dass sie im Krisenfall wegen ihrer Bedeutung f&uuml;r die Wirtschaft vom Staat gerettet werden. (S. 28) <\/p><p>Ausgiebig geht Hetzer auf die Krisenanalyse des damaligen Finanzministers Peer Steinbr&uuml;ck ein. Er h&auml;lt ihm vor, dass er nur &bdquo;eine Gemengelage aus mehreren Faktoren in beliebiger Reihenfolge&ldquo; aufz&auml;hle, (S. 29) die entscheidenden Gesichtspunkte jedoch in &bdquo;(selbst-)gef&auml;lliger Bescheidenheit&ldquo; (S. 31) herunterspiele: &bdquo;Die Geldkrisen der Gegenwart sind m&ouml;glicherweise kein Ausdruck von Marktversagen, keine Krise des Kapitalismus, kein Argument gegen die Gier und schon gar kein Beweis f&uuml;r den Unsinn von Managergeh&auml;ltern und Renditezielen. Sie sind wohl eher Ausdruck eines staatskapitalistischen Systemversagens&ldquo; (S. 31), kritisiert Hetzer den ehemaligen Finanzminister. In bislang unvorstellbarem Ausma&szlig; habe sich die Bundesregierung in die Abh&auml;ngigkeit der Finanzwirtschaft man&ouml;vriert und so die Allgemeinheit einer aus den Fugen geratenen Bankenwelt ausgeliefert. &bdquo;Die Politiker h&auml;tten sich als fremdbestimmte Komparsen in einem Theater postieren lassen, dessen selbst ernannte Regisseure in den Bankent&uuml;rmen die Handlung bestimmten.&ldquo; (S. 30)<\/p><p>Alle Versprechungen f&uuml;r eine Remedur seien bis jetzt wirkungslos geblieben, was auch daran l&auml;ge, dass die Politik der Finanzwelt erlaube, die sie betreffenden Regeln selbst zu formulieren. Es werde jedoch nicht den Banken ans Geld gegangen, indem etwa sicherheitsrelevante Vorschriften zur Eigenkapitalausstattung erlassen w&uuml;rden, deren Einhaltung rigoros &uuml;berwacht und sanktioniert w&uuml;rde. Alle Politik bleibe blo&szlig;es &bdquo;Gefuchtel&ldquo;. (S. 60, siehe auch S. 131)<\/p><p>Pr&auml;ziser als auf dem Feld der &Ouml;konomie und der finanzwirtschaftlichen Analyse argumentiert Hetzer auf seinem ureigenen Feld der Organisierten Kriminalit&auml;t: &bdquo;Die Finanzkrise bietet viele anschauliche Beispiele daf&uuml;r, dass sich die OK in &auml;u&szlig;erst besorgniserregender Weise entwickelt hat und sogar zum sicherheitspolitischen Problem erster Ordnung geworden ist.&ldquo; (S. 126) Im Mittelpunkt stehe die Korruption. Regierungen h&auml;tten erlaubt, dass das Finanzsystem und seine wichtigsten Vertreter au&szlig;er Kontrolle gerieten. Finanziers und Wirtschaftsf&uuml;hrer h&auml;tten ohne Regeln eine allgemeine Bereicherungsorgie veranstaltet. Armeen von Rechnungspr&uuml;fern, Buchhaltern und Rechtsanw&auml;lten h&auml;tten sich legalen und illegalen Industrien wie S&ouml;ldner zur Verf&uuml;gung gestellt, um schmutzige Gesch&auml;fte zu verdecken bzw. ihnen den Anschein der Rechtm&auml;&szlig;igkeit zu vermitteln. &bdquo;Ratingagenturen und Beratungsgesellschaften haben Unternehmen betr&uuml;gerisches Verhalten gelehrt und ihnen anschlie&szlig;end Unbedenklichkeitstestate erteilt. Die Offshore-Finanzzentren haben Geld jeder Herkunft akzeptiert und keine Fragen gestellt. Darin liegt insgesamt der korrupte Kern der Finanzkrise, die f&uuml;r die OK geradezu ein Jungbrunnen ist.&ldquo; (S. 127)<\/p><p>Allein auf den Cayman Islands seien mindestens 2000 Milliarden Euro steuerfrei &bdquo;gebunkert&ldquo; und selbstverst&auml;ndlich seien auch deutsche Banken und Finanzinstitute in das System der Steuerhinterziehung und betr&uuml;gerischen Anlagen integriert. Die Gewinne aus dieser Art Organisierten Kriminalit&auml;t &uuml;berstiegen die Beute von T&auml;tern des Kalibers Madloff um ein Vielfaches. Doch &bdquo;die partielle (und ungeeignete) Individualisierung von Schuld und die Ausnutzung einer billigen S&uuml;ndenbockfunktion t&auml;uschen dar&uuml;ber hinweg, dass das Kerngesch&auml;ft der gesamten weltweiten Finanzwirtschaft unsolide war und ist. Es besteht zu einem sehr gro&szlig;en Teil aus betr&uuml;gerischen Komplotten und kriminell-verschw&ouml;rerischer Kooperation und wird zum Teil von Regierungen initiiert beziehungsweise nach den Ma&szlig;st&auml;ben volkswirtschaftlicher Renditeerwartungen toleriert&ldquo;. (S. 129)<\/p><p><strong>Kritik:<\/strong><\/p><p>Das Buch vermittelt viele interessante, allerdings weit verstreute Einblicke und bem&uuml;ht sich sogar in einem Glossar dem Nicht-Fachmann die Finanzwelt n&auml;her zu bringen. Wer etwas &uuml;ber die Strategien der Hedge-Fonds-Manager, &uuml;ber deren Methoden der Geldw&auml;sche, &uuml;ber die Absurdit&auml;t von Kreditausfallversicherungen, &uuml;ber undurchschaubar komplexe Verbriefungen oder &uuml;ber die zweifelhafte Rolle der Ratinagenturen erfahren m&ouml;chte, findet hier viele solide und kritische Informationen. Leider gleicht das Buch insgesamt eher einem Flickenteppich der nur schwer als Gesamtbild zu erfassen ist. Dem Buch fehlt eine klare Struktur. Es ist vermutlich aus einer Vielzahl einzelner durchaus lesenswerter Aufs&auml;tze zusammengetragen. <\/p><p>Fehlverhalten auf den Finanzm&auml;rkten, die Irrwege der Privatisierung oder die Staatsschuldenkrise werden unvermittelt nebeneinander gestellt. Man Merkt, dass Hetzer kein &Ouml;konom ist, statt einer F&uuml;lle von Einzelbeispielen und nur in Spiegelstrichen aufgelistete Wurzeln (S. 141) der Finanzkrise, h&auml;tte man sich tiefgreifendere Analysen gew&uuml;nscht.<br>\nIn vielen Kapiteln tauchen immer wieder die gleichen Gedanken auf, so etwa, dass der Begriff Krise eine Verniedlichung der Dramatik sei oder Hetzers Kritik an der Behauptung, dass die Krise &uuml;berwunden sei. (So richtig diese Kritik auch ist.)<\/p><p>Hetzer sammelt akribisch eine Vielzahl von bedenklichen Entwicklungen auf den Finanzm&auml;rkten (etwa der Kreditausfallversicherungen), er geht rhapsodisch auf das Versagen von &bdquo;Wirtschaftsphysikern&ldquo; bei der Analyse von Finanzblasen ein, er kritisiert die Automatisierung internationaler Finanztransaktionen (den &bdquo;Technokapitalismus&ldquo;), doch er kommt meist &uuml;ber die schon vielfach nachzulesenden Beschreibungen dieser Ph&auml;nomene nicht hinaus. Stattdessen gelangt er zu dem ziemlich trivialen Befund, dass &bdquo;die Innovationen in der Finanzbranche, regulatorische L&uuml;cken und menschliche Fehler&ldquo; eine Risikoerh&ouml;hung bewirkt h&auml;tten, die schlie&szlig;lich in die Krise umgeschlagen seien. (S.71)<\/p><p>Hetzer referiert Peer Steinbr&uuml;ck, Friedrich Merz oder Wolfgang Sch&auml;uble &uuml;ber lange Passagen mit kritischem Unterton, ohne ihre Fehler und Fehleinsch&auml;tzungen im Detail kritisch abzuarbeiten. Bei dieser Kritik st&uuml;tzt er sich vielfach auf andere Kritiker.<br>\nDaran mag man erkennen, dass er sich trotz all seiner Kritik als EU-Beamter nicht allzu sehr aus der Deckung hervorwagen kann. Das erkl&auml;rt vielleicht auch, warum Hetzer die Kontroll- und Gegenma&szlig;nahmen des Europ&auml;ischen Parlaments und der Europ&auml;ischen Kommission f&uuml;r vern&uuml;nftig h&auml;lt und sich in seiner Skepsis dabei hinter anderen Autoren verstecken muss. <\/p><p>Dennoch enth&auml;lt das Buch eine faktenreiche Materialsammlung, man kann es geradezu als Nachschlagwerk f&uuml;r die kriminellen Machenschaften nutzen, die zur Finanzkrise gef&uuml;hrt haben und wie die Justiz sich an den Akteuren abzuarbeiten versucht. Doch gerade von der F&uuml;lle an Material f&uuml;hlt sich der Leser oftmals zugesch&uuml;ttet und hat M&uuml;he wieder einen roten Faden aufzunehmen. <\/p><p><em>Wolfgang Hetzer, Finanzmafia &ndash; Wie Banker und Banditen unsere Demokratie gef&auml;hrden.<br>\nWestend Verlag, Frankfurt\/Main 2011; 336 Seiten; 19,95 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Hetzer, seit 2002 Leiter der Abteilung &bdquo;Intelligence: Strategic Assessment &amp; Analysis&ldquo; im Europ&auml;ischen Amt f&uuml;r Betrugsbek&auml;mpfung (OLAF) in Br&uuml;ssel, geht in seinem neuen Buch der Frage nach, &bdquo;ob die internationalen Finanzm&auml;rkte zum Tummelplatz einer besonderen Art der Organisierten Kriminalit&auml;t geworden sind, die es in einem Milieu h&ouml;chster krimineller Energie, exquisiter fachlicher Qualifikation und korruptiver<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8643\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50,208],"tags":[293,1059,222,242,253],"class_list":["post-8643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-rezensionen","tag-finanzwirtschaft","tag-hetzer-wolfgang","tag-ikb","tag-landesbanken","tag-steinbrueck-peer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8643"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8653,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8643\/revisions\/8653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}