{"id":8662,"date":"2011-03-11T15:51:37","date_gmt":"2011-03-11T14:51:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8662"},"modified":"2014-08-11T15:17:53","modified_gmt":"2014-08-11T13:17:53","slug":"libyen-im-toten-winkel-der-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8662","title":{"rendered":"Libyen im toten Winkel der Medien"},"content":{"rendered":"<p>Der Volksaufstand in Libyen unterscheidet sich gleich in vielfacher Hinsicht von den Revolutionen in den Nachbarl&auml;ndern &Auml;gypten und Tunesien. W&auml;hrend die Diktatoren Mubarak und Ben Ali nach relativ kurzer Zeit dem friedlichen Druck der Stra&szlig;e nachgaben und den Weg f&uuml;r Reformen freimachten, verteidigt der libysche Diktator Gaddafi seine Macht mit &auml;u&szlig;erster Gewalt. W&auml;hrend die &auml;gyptische und die tunesische Armee bei den Aufst&auml;nden die Rolle des stabilisierenden Mediators einnahmen, k&auml;mpfen in Libyen regierungstreue und abtr&uuml;nnige Fraktionen der Armee gegeneinander. Aus Perspektive der westlichen &Ouml;ffentlichkeit besteht der gr&ouml;&szlig;te Unterschied zwischen den Konflikten jedoch in der medialen Berichterstattung.<br>\nVon Jens Berger.<br>\n<!--more--><\/p><p>Sowohl in &Auml;gypten als auch in Tunesien konzentrierten sich die relevanten Geschehnisse des Aufstands auf die Zentren der Gro&szlig;st&auml;dte. Trotz Behinderung durch die staatlichen Beh&ouml;rden konnten die internationalen Medien &ndash; allen voran der arabische Sender Al Jazeera &ndash; der Welt&ouml;ffentlichkeit ein vermeintlich transparentes Bild des Konflikts vermitteln. Meldungen und Augenzeugenberichte lie&szlig;en sich relativ schnell und zuverl&auml;ssig verifizieren oder falsifizieren. Schaut man sich den B&uuml;rgerkrieg in Libyen an, muss man das genaue Gegenteil attestieren: Die Gemengelage ist un&uuml;bersichtlich und f&uuml;r den um Neutralit&auml;t bem&uuml;hten Beobachter kaum zu durchschauen. Selbst die gro&szlig;en Nachrichtenagenturen melden vornehmlich Berichte aus der Kategorie H&ouml;rensagen. Verifizierbar sind diese Meldungen nur selten, allzu oft widersprechen sie sich sogar.<\/p><p>Hat Gaddafi wirklich Zivilisten von seiner Luftwaffe bombardieren lassen? &Uuml;bt das Regime systematische Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus? Und wie verh&auml;lt es sich mit den Regierungsgegnern? Stehen sie f&uuml;r Demokratie oder handelt es sich vielmehr um einen Machtkampf zwischen verschiedenen St&auml;mmen, in dem es vor allem um die Pfr&uuml;nde und die Einnahmen aus den &Ouml;lexporten des Landes geht? All diese Fragen werden von den gro&szlig;en Medien nicht beantwortet. Vielleicht k&ouml;nnen sie diese Fragen auch gar nicht beantworten. In Libyen tobt ein B&uuml;rgerkrieg und die meisten Quellen sind Teil einer Konfliktpartei. Die Medien neigen seit jeher jedoch dazu, bei Konflikten zu einer der Konfliktparteien zu tendieren und die Neutralit&auml;t dabei aufzugeben. Welche Konfliktpartei dabei die Herzen und Mikrophone der Medien gewinnt, h&auml;ngt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Im Libyen-Konflikt ist nicht sonderlich schwer zu erraten, welche Konfliktpartei den Medien sympathischer ist.<\/p><p>Muammar al-Gaddafi ist der Prototyp des Anti-Helden. Er ist ein Diktator, der nicht viel von Menschenrechten h&auml;lt und keinerlei demokratische Legitimation besitzt &ndash; darin unterscheidet er sich allerdings nicht von den anderen arabischen Despoten, die vom Westen hofiert werden. Im Unterschied zu den seri&ouml;s wirkenden Despoten der &Ouml;lmonarchien am Golf wirkt Gaddafi jedoch f&uuml;r westliche Augen ziemlich skurril. Mit seiner Operettenuniform, seinem wirren Haar und seinen &uuml;bergro&szlig;en Sonnenbrillen wirkt er wie das Abziehbild eines irren Diktatoren. Seine Rhetorik, die zweifelsohne auf das eigene Volk und nicht auf internationale Beobachter ausgerichtet ist, unterstreicht diesen Eindruck. Selbst der neutralste Beobachter d&uuml;rfte Probleme damit haben, keine spontane Antipathie zu empfinden, wenn er sich eine Rede Gaddafis ansieht.<\/p><p>Es kann allerdings nicht Aufgabe der Medien sein, Stereotype zu pflegen und Hollywood dabei zu kopieren, filmreife Geschichten vom Kampf der &bdquo;Guten&ldquo; gegen die &bdquo;B&ouml;sen&ldquo; zu erz&auml;hlen. Diese Interpretation der Geschehnisse ist unserem Kopf vorbehalten, Aufgabe der Medien ist es, uns m&ouml;glichst objektive Fakten zu pr&auml;sentieren, anhand derer wir uns ein Urteil bilden k&ouml;nnen. So funktioniert Demokratie. So funktioniert die Berichterstattung &uuml;ber den Konflikt in Libyen allerdings nicht. Hier werden gestellte Kampfszenen mit Paramilit&auml;rs als <a href=\"http:\/\/bazonline.ch\/ausland\/naher-osten-und-afrika\/Die-meisten-Kampfbilder-sind-gestellt\/story\/27307628\">Berichte aus der Kampfzone gesendet<\/a>. Hier werden nur sehr wenige Worte &uuml;ber die Legitimation und die Ziele der Aufst&auml;ndischen <a href=\"http:\/\/www.theatlantic.com\/international\/archive\/2011\/03\/inside-libyas-chaotic-secretive-rebel-leadership\/72270\/\">verloren<\/a>. In Kommentaren werden bereits Parallelen zum Kosovo-Konflikt gezogen und es wird als <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/wird-libyen-das-zweite-kosovo\/3932866.html\">Faktum dargestellt<\/a>, dass in Libyen &bdquo;ein Massaker&ldquo; stattf&auml;nde, w&auml;hrend man im &bdquo;Kleingedruckten&ldquo; dann einr&auml;umt, dass &bdquo;noch&ldquo; keine Massaker an Zivilisten ver&uuml;bt wurden. Auch die kleinen L&uuml;gen und Verdrehungen, die man bereits aus anderen Konflikten kennt, findet man in der Berichterstattung &uuml;ber den Libyen-Konflikt wieder. So betitelt die Agentur Reuters ein Bild, auf dem ein Protestzug vor einer Bilderwand mit den Opfern eines <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Abu_Salim_prison\">Massakers an Gef&auml;ngnisinsassen<\/a> aus dem Jahre 1996 zu sehen ist, als Protestzug vor einer Bilderwand mit Opfern des <a href=\"http:\/\/www.daylife.com\/photo\/0fFl4ficubcrm?q=Benghazi\">momentanen B&uuml;rgerkrieges<\/a>. Der Zweck heiligt hier nicht die Mittel.<\/p><p>Man mag diese Kritik an den Medien als &bdquo;Korinthenkackerei&ldquo; bezeichnen, schlie&szlig;lich geh&ouml;ren die Sympathien in diesem Konflikt gr&ouml;&szlig;tenteils den Aufst&auml;ndischen. Es geht jedoch um mehr. Die &ouml;ffentliche Diskussion im Westen dreht sich momentan darum, ob die NATO &ndash; zur Not auch gegen das V&ouml;lkerrecht &ndash; im Libyen-Konflikt intervenieren sollte. Eine solche Intervention w&auml;re v&ouml;lkerrechtlich ein kriegerischer Akt. Ein solcher Akt will jedoch sehr gut begr&uuml;ndet sein und darf nur eine absolute ultima ratio darstellen. Um zu bewerten, ob Massaker an der Zivilbev&ouml;lkerung stattfinden und ob tats&auml;chlich das &ndash; <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/politik\/afrika\/artikel\/1\/wir-koennen-in-libyen-nicht-eingreifen\/\">v&ouml;lkerrechtlich umstrittene<\/a> &ndash; Nothilferecht Anwendung finden kann, sind jedoch m&ouml;glichst transparente und m&ouml;glichst objektive Informationen notwendig. Beides ist im Falle Libyen nicht gegeben.<\/p><p>Schon im Kosovo-Krieg wurde das Nothilferecht anhand von Berichten &uuml;ber Massaker, die sich im Nachhinein als <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/tv\/diestory\/sendungsbeitraege\/2010\/1116\/2_luege.jsp\">L&uuml;gen herausstellten<\/a>, hergeleitet. Die &Ouml;ffentlichkeit sollte aus dieser Geschichte lernen und die Medienberichte kritisch hinterfragen. Das erste Opfer jedes Krieges ist die Wahrheit. Es gibt keinen Grund anzunehmen, warum dies beim libyschen B&uuml;rgerkrieg anders sein sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Volksaufstand in Libyen unterscheidet sich gleich in vielfacher Hinsicht von den Revolutionen in den Nachbarl&auml;ndern &Auml;gypten und Tunesien. W&auml;hrend die Diktatoren Mubarak und Ben Ali nach relativ kurzer Zeit dem friedlichen Druck der Stra&szlig;e nachgaben und den Weg f&uuml;r Reformen freimachten, verteidigt der libysche Diktator Gaddafi seine Macht mit &auml;u&szlig;erster Gewalt. W&auml;hrend die &auml;gyptische<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8662\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,171],"tags":[1061,1060,947,912,1052],"class_list":["post-8662","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-militaereinsaetzekriege","tag-al-jazeera","tag-al-gaddafi-muammar","tag-arabellion","tag-buergerkrieg","tag-libyen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8662","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8662"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8662\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22780,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8662\/revisions\/22780"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8662"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8662"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8662"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}