{"id":86723,"date":"2022-08-09T11:00:56","date_gmt":"2022-08-09T09:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86723"},"modified":"2022-08-09T16:31:16","modified_gmt":"2022-08-09T14:31:16","slug":"das-9-euro-ticket-sieben-thesen-von-winfried-wolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86723","title":{"rendered":"Das 9-Euro-Ticket \u2013 sieben Thesen von Winfried Wolf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum eine blo&szlig;e Verl&auml;ngerung nicht sinnvoll ist und wie ein Gesamtprogramm aus sozialer und klimapolitischer Sicht aussehen sollte<\/strong>. Zutreffend ist, dass das 9-Euro-Ticket &ndash; ungewollt, seitens der FDP-Erfinder &ndash; einen <em>Einstieg<\/em> in einen besseren und sozial akzeptablen &ouml;ffentlichen Verkehr bieten <em>kann<\/em>. Die blo&szlig;e Forderung nach &ldquo;Verl&auml;ngerung&rdquo; sehe ich jedoch ausgesprochen kritisch. Ein Bejubeln des 9-Euro-Tickets als &ldquo;Erfolg&rdquo; ist auf alle F&auml;lle falsch. Dazu die folgenden sieben Thesen von <strong>Winfried Wolf.<\/strong> <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5615\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-86723-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220809_Das_9_Euro_Ticket_sieben_Thesen_von_Winfried_Wolf_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220809_Das_9_Euro_Ticket_sieben_Thesen_von_Winfried_Wolf_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220809_Das_9_Euro_Ticket_sieben_Thesen_von_Winfried_Wolf_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220809_Das_9_Euro_Ticket_sieben_Thesen_von_Winfried_Wolf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=86723-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220809_Das_9_Euro_Ticket_sieben_Thesen_von_Winfried_Wolf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220809_Das_9_Euro_Ticket_sieben_Thesen_von_Winfried_Wolf_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>1. KLIMA &amp; VERLAGERUNG <\/strong><\/p><p>Es gibt keine belastbaren Belege daf&uuml;r, dass es in den Monaten Juni und Juli zu weniger das Klima belastendem Verkehr &ndash; also zu einer echten Verkehrsverlagerung &ndash; gekommen w&auml;re. Es spricht alles daf&uuml;r, dass es in der <em>Summe <\/em>und perspektivisch zu <em>mehr<\/em> Klimabelastung kommt &ndash; zu einem auf Dauer weiter steigendem Pkw-Verkehr <em>und<\/em> zu einem deutlichen Plus im &ouml;ffentlichen Verkehr. <\/p><p>2021 gab es erneut einen massiven Zuwachs der Pkw-Flotte um gut eine Million (netto!) auf 48,7 Millionen Pkw. Auch 2022 gibt es laut Kraftfahrzeugbundesamt den ununterbrochenen Trend bei den Neuzulassungen: Erneut gibt es Monat f&uuml;r Monat NETTO einen Zuwachs bei der Pkw-Flotte &ndash; auch in den 9-Euro-Ticket-Monaten Juni und Juli, und auch im zuletzt registrierten Monat Juli 2022.<\/p><p>Konkret: Im Juli 2022 gab es 205.911 <em>neu<\/em> zugelassene Pkw; im gesamten Zeitraum Januar bis Juli 2022 waren es 1,4 Millionen Neuzulassungen. Damit d&uuml;rfte es im gesamten Verlauf von 2022 ein Plus von gut 2,2 Millionen bei den Neuzulassungen und um ein Plus von deutlich mehr als eine Million im Bestand geben &ndash; also NETTO deutlich mehr als 2021.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>All das<em> muss<\/em> praktische Auswirkungen haben. Doch selbst wenn der Pkw-Verkehr &ldquo;nur&rdquo; gleich bleiben w&uuml;rde, laufen die Loblieder auf das Plus im Schienennahverkehr doch darauf hinaus, dass es ein Plus der verkehrsbedingten Klimabelastung gibt wegen des erg&auml;nzenden deutlichen Anstiegs im &ouml;ffentlichen Verkehr.<\/p><p><strong>2. SOZIALE LAGE &amp; UNSOZIALE MOBILIT&Auml;T<\/strong><\/p><p>Nun gibt es das Argument &ldquo;Keiner kann denjenigen, die finanziell schlecht gestellt sind, vorschreiben, wie oft und wohin sie fahren wollen&rdquo;. <\/p><p>Das wirkt wie ein Totschlagargument &ndash; doch es ist sachfremd. In der bestehenden Wirtschaftsordnung gibt es schlicht <em>immer und grunds&auml;tzlich<\/em> ein solches &ldquo;VORSCHREIBEN&rdquo;. Die Reichen haben weitgehend freie Mobilit&auml;t &ndash; per ICE, per Porsche, per Jacht, und demn&auml;chst per City-Heli. Die Mobilit&auml;t der Armen <em>ist immer<\/em> eingeschr&auml;nkt. Der Aufkleber &ldquo;Mein Porsche f&auml;hrt auch ohne Wald&rdquo; war in der zweiten H&auml;lfte der 1980er Jahre zynisch-popul&auml;r; das dr&uuml;ckt auch heute noch die soziale (und klima-sch&auml;digende) Struktur von Mobilit&auml;t aus, die ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Struktur ist. Den gr&ouml;&szlig;ten &ouml;kologischen Fu&szlig;abdruck haben nun mal die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler von FDP und Gr&uuml;nen. <\/p><p>Es geht darum, wie wir die Mobilit&auml;t derjenigen, die wenig Einkommen haben,<em> erweitern<\/em> &ndash; und wie das eingepflegt wird in den Gesamtkontext von Ressourcen <em>und<\/em> Klimabelastung &ndash; und (damit) in den modal split, also in die Verteilung der f&uuml;nf verschiedenen Verkehrsarten: Zufu&szlig;gehen, Radeln, motorisierter Autoverkehr, &ouml;ffentlicher Verkehr (Busse &amp; Bahnen) und Flugverkehr.<\/p><p>W&uuml;rde man im Flugverkehr den Nulltarif einf&uuml;hren, dann w&uuml;rden die Leute per Jet zur Weekend-Broadway-Auff&uuml;hrung nach New York City fliegen. Die Billigfliegerei zeigt bereits die gesamte Problematik auf &ndash; das Spannungsfeld zwischen sozialen Forderungen und &ldquo;Mobilit&auml;t f&uuml;r alle&rdquo; einerseits und Klimabelastung bzw. Umweltzerst&ouml;rung andererseits.<\/p><p><strong>3. ABSOLUTES MUSS: TEMPOLIMITS <\/strong><\/p><p>Jede F&ouml;rderung des &ouml;ffentlichen Verkehrs<em> muss <\/em>von Beschr&auml;nkungen des motorisierten Verkehrs auf Stra&szlig;e und in der Luft begleitet werden. Das ist aktuell nicht der Fall. Der motorisierte Individualverkehr (MIV) w&auml;chst, wie beschrieben, zumindest mittelfristig weiter. Der Flugverkehr nimmt in diesen Monaten massiv (mit zweistelligen Wachstumsraten) zu. Und es gibt keinerlei Begrenzungen f&uuml;r diese beiden, das Klima besonders belastenden Verkehrsarten.<\/p><p>Es gibt bei denen, die eine &ldquo;Verl&auml;ngerung des 9-Euro-Tickets&rdquo; fordern, auch keine lautstark vorgetragenen Forderungen, den MIV und den Flugverkehr einzuschr&auml;nken; die Subventionen in H&ouml;he von mehr als 25 Milliarden Euro pro Jahr f&uuml;r diese Verkehrsarten zu streichen oder zumindest zu k&uuml;rzen.<\/p><p>Die banalste aller Forderungen &ndash; die nach Geschwindigkeitsbegrenzungen von 30-80-100 (notfalls: 120) km\/h &ndash; wird auch nicht erhoben &ndash; oder nur gemurmelt.&nbsp; <\/p><p>Angesichts des Klimanotstands &ndash; und bei dem notwendigen Ankn&uuml;pfen an die Friday-for-Future-Bewegung &ndash; muss jede Forderung nach Verbilligung des &ouml;ffentlichen Verkehrs mit Forderungen nach Restriktionen f&uuml;r den MIV verbunden sein. Dabei hat die Forderung nach Tempolimit(s) im Zentrum zu stehen. <\/p><p>Das blo&szlig;e Fordern nach Billig-Verkehr ist nichts als billig. Das ist eine Forderung, die von den FDP-Gelben und von den Olivgr&uuml;nen kommt. <\/p><p><strong>4. BESCH&Auml;FTIGTE &amp; GEWERKSCHAFTEN <\/strong><\/p><p>Aktuell wird kaum thematisiert, dass die beiden im Bereich Schiene engagierten Gewerkschaften sich negativ zu einer Verl&auml;ngerung des 9-Euro-Tickets &auml;u&szlig;ern. Gemeint sind die EVG und die GDL. Sie f&uuml;hren an, dass durch das 9-Euro-Ticket die Belastungen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten massiv zugenommen h&auml;tten, dass die Zust&auml;nde in den Z&uuml;gen oft nicht (mehr) akzeptabel seien und dass Pendler und Stammkundschaft abgeschreckt werden w&uuml;rden. In Wirklichkeit produziere das 9-Euro-Ticket vor allem <em>zus&auml;tzliche<\/em> Billig-Verkehre. Es w&uuml;rde nicht &ndash; oder nicht wesentlich &ndash; zu einer Verlagerung beitragen. <\/p><p>Verdi Berlin-Brandenburg hat sich &auml;hnlich positioniert. Verdi (Bund) pl&auml;diert generell f&uuml;r ein neues und preiswertes Tarifsystem, eingebettet in einen Ausbau des &ouml;ffentlichen Verkehrs. Was zu unterst&uuml;tzen ist.<\/p><p>Gewerkschaften und deren Positionen sollten bei unseren Forderungen immer mit-bedacht werden. Aktuell haben wir hier den eher seltenen Fall vorliegen, dass die beiden Bahn-Gewerkschaften, die sich oft deutlich unterschiedlich positionieren, sich gemeinsam kritisch zur Verl&auml;ngerung des 9-Euro-Tickets &auml;u&szlig;ern. Sicher nicht zuletzt als Reflex der Reaktionen an der Basis, bei den Bahnbesch&auml;ftigten selbst.<\/p><p><strong>5. BILLIG &amp; MARKTWIRTSCHAFT <\/strong><\/p><p>Um es klar zu sagen: Ich bin grunds&auml;tzlich und perspektivisch f&uuml;r Nulltarif im &ouml;ffentlichen Nahverkehr. Und f&uuml;r ein sehr preisg&uuml;nstiges System im gesamten &uuml;brigen &ouml;ffentlichen Verkehr. Allerdings muss dies eingebettet sein in ein Rahmenger&uuml;st. Und es muss mit dem Gebot Klimavertr&auml;glichkeit verkn&uuml;pft &ndash; also mit einem <em>Abbau<\/em> von verkehrsbedingten Klimabelastungen verbunden &ndash; sein. Dies geht nur, wenn es deutliche Restriktionen f&uuml;r den MIV und die Luftfahrt gibt, wenn es zu einer tats&auml;chlichen Verlagerung von Verkehren auf F&uuml;&szlig;e, auf Pedale und zum &ouml;ffentlichen Verkehr kommt.<\/p><p>Bedacht sein muss auch: Wir leben in einer Wirtschaftsordnung, in der gilt, dass das, was nichts kostet, oft als &ldquo;&hellip; ist nichts wert&rdquo; empfunden wird. Bei den konkreten Bedingungen, unter denen das 9-Euro-Ticket eingef&uuml;hrt und umgesetzt wurde und noch umgesetzt wird, wird diese Art Denke dadurch verst&auml;rkt, dass es f&uuml;r diese Ma&szlig;nahme (bewusst!) keinerlei Vorbereitungen gab, dass es kein (oder kaum ein) erweitertes Zug- und Bus-Angebot gibt, weswegen es (auch) einen Rekord von Zugausf&auml;llen gibt (10.000 im zweiten Vierteljahr 2022), weswegen (auch) die Zugp&uuml;nktlichkeit auf ein Rekordniveau sank, weswegen es in jeder Woche zu Dutzenden Zugr&auml;umungen wegen &Uuml;berf&uuml;llung kommt &hellip; <\/p><p>Damit wird der <em>Eindruck<\/em>, &ldquo;billig&rdquo; im Preis hei&szlig;t auch &ldquo;wenig wert&rdquo;, verst&auml;rkt. Das kann einer Autopartei nur recht sein. Freundinnen und Freunde des &ouml;ffentlichen Verkehrs sollten f&uuml;r eine Verkehrspolitik eintreten, die zu einer hohen Wertsch&auml;tzung dieser Verkehrsart beitr&auml;gt.<\/p><p><strong>6. RAHMEN &amp; SKIZZE <\/strong><\/p><p>Wie einleitend gesagt: Auch wenn das 9-Euro-Ticket eine FDP-Idee war und auch wenn dieses in deren Autofahrer-Ideologie passt (&ldquo;Wir schenken dem Volk f&uuml;r einen Sommer Billigstreisen, dann ist Ruhe im Karton, es gibt keine Forderung nach Tempolimits&nbsp; und wir k&ouml;nnen unsere Pro-Auto-Politik fortsetzen&rdquo;), so bietet es uns doch Ans&auml;tze, an denen angekn&uuml;pft werden muss. Dazu die folgenden Punkte als Skizze:<\/p><p>ANSCHLUSS-TICKET <\/p><p>Notwendig ist irgendeine Art Anschluss-Ticket. Es w&auml;re falsch, ab dem 1.9. zur&uuml;ck zum Stand 31. Mai 2022 zu fallen. Optimal w&auml;re gewesen, Bund und L&auml;nder und Bahn und der Verband &ouml;ffentlicher Verkehrsbetriebe (VDV) h&auml;tten sich auf ein bundesweites Modell oberhalb der 9 Euro geeinigt. Siehe den folgenden Punkt.<\/p><p>DAS EIN-EURO-PRO-TAG-TICKET <\/p><p>Die Forderung nach einem 365-Euro-Ticket, das bundesweit f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Nahverkehr, also f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Nahverkehr in St&auml;dten und f&uuml;r den Schienenpersonennahverkehr ist, scheint unter den gegebenen Bedingungen angemessen. Das hei&szlig;t: ein 1 Euro pro Tag. Ein solches Ticket sollte auch auf monatlicher oder viertelj&auml;hrlicher Basis bezahlt werden k&ouml;nnen.&nbsp; Es sollte erg&auml;nzt werden um einen Tarif f&uuml;r Menschen mit niedrigen Einkommen, ggfs. f&uuml;r Hartz-IV-Empfangende mit Nulltarif.&nbsp;<\/p><p>KLIMATICKET im SCHIENENFERNVERKEHR <\/p><p>In Erg&auml;nzung sollte es ein Klima-Ticket im Schienenfernverkehr geben. Das Beispiel &Ouml;sterreich, wo das Klimaticket im Jahr 1095 Euro (also 3-Euro am Tag) kostet, erscheint vorbildlich. Allerdings gilt dieses im Nachbarland f&uuml;r <em>alle<\/em> Verkehrsarten des &ouml;ffentlichen Verkehrs (f&uuml;r die st&auml;dtischen &Ouml;ffis ebenso wie f&uuml;r den Nahverkehr auf der Schiene UND f&uuml;r den Schienenpersonenfernverkehr). Angewandt auf Deutschland und im Fall eines 365-Euro-Tickets im gesamten &Ouml;PNV und Schienenpersonennahverkehr sollte das Klimaticket auch f&uuml;r den &Ouml;PNV und SPNV g&uuml;ltig sein.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Die bislang genannten Punkte m&uuml;ssen zusammengedacht und angeboten werden, damit es nicht zu problematischen Verlagerungen vom Schienenpersonenfernverkehr auf regionale Schienenverkehre kommt.<\/p><p>Hier muss im &Uuml;brigen der Busfernverkehr mit-bedacht werden. Dabei ist eine Regelung anzustreben, bei der der Busfernverkehr nicht in Schmutzkonkurrenz zum Schienenfernverkehr tritt &ndash; wie das grunds&auml;tzlich bis zum 31. Mai 2022 der Fall war.<\/p><p>VERKEHRSVERMEIDUNG &amp; NICHT-MOTORISIERTER VERKEHR<\/p><p>Wir d&uuml;rfen nicht vergessen, dass der f&uuml;r das Klima (UND oft auch f&uuml;r die Menschen) beste Verkehr derjenige ist, der <em>nicht stattfindet<\/em>, der &uuml;berfl&uuml;ssig gemacht wird &ndash; weil es wieder Strukturen der N&auml;he gibt, weil es ein Wohlf&uuml;hlen im &bdquo;Sesshaften&ldquo; gibt, weil die St&auml;dte wieder f&uuml;r die Menschen da sind. <\/p><p>Der ZWEITbeste Verkehr ist derjenige, der nicht motorisiert stattfindet: der zu Fu&szlig; und per Rad geleistet wird. <\/p><p>Das soll hier nicht weiter vertieft werden. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es hier leicht zu Zielkonflikten kommen kann. Der modal split als<em> Ganzes <\/em>ist entscheidend. Beispielsweise kann aktuell beim 9-Euro-Ticket oft &bdquo;bike&amp;ride&ldquo; nicht mehr stattfinden, weil die Z&uuml;ge &uuml;berf&uuml;llt sind.<\/p><p>FINANZIERUNG <\/p><p>Die Kosten dieser Tickets m&uuml;ssen zu 100 Prozent vom Bund f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Verkehrsbetriebe und f&uuml;r die &uuml;brigen Betreiber erstattet werden. Beim 365-Euro-Ticket d&uuml;rfte es sich um einen Betrag in H&ouml;he von 20-25 Milliarden Euro handeln &ndash; pro Jahr. Beim Klimaticket im Fernverkehr d&uuml;rfte nochmals ein Betrag von rund 8-10 Milliarden Euro f&auml;llig werden. Hinzu kommt ein Festbetrag von rund 100 Milliarden Euro, um in den Ausbau der Infrastrukturen und in neue Verkehrsmittel zu investieren.<\/p><p>Das Argument lautet: Wenn ein einmaliges 100-Milliarden-Euro-Sonderverm&ouml;gen f&uuml;r R&uuml;stung, erg&auml;nzt um 25 Milliarden Euro Mehrausgaben f&uuml;rs Milit&auml;r pro JAHR m&ouml;glich sind, dann muss Vergleichbares auch in dem Bereich, der f&uuml;r das Klima entscheidend ist, machbar sein: Einmalig 100 Milliarden Euro f&uuml;r eine Grundsanierung und f&uuml;r den Ausbau der Infrastrukturen PLUS pro Jahr 25-30 Milliarden Grundsubventionierung.<\/p><p>TEMPOLIMITs &ndash; und andere EINSCHR&Auml;NKUNGEN von MIV und FLUGVERKEHR<\/p><p>Zentral ist die Forderung nach Tempi 30-80-100. Wenn es am Ende &ldquo;120&rdquo; auf Autobahnen sind, dann w&auml;re das auch ein wesentlicher Fortschritt. Gleichzeitig m&uuml;ssen die Subventionen bei diesen Verkehrsarten (einschlie&szlig;lich der Subventionierung f&uuml;r E-Pkw) nach einem konkreten Zeitplan und bis auf null zur&uuml;ckgefahren werden. Diese Subventionen sind pro Jahr mindestens so hoch, wie das 365-Euro-Ticket bundesweit kosten wird. Rechnet man die externen Kosten (und deren Reduktion durch weniger MIV usw.) ein, so ergibt sich eine volle Kostendeckung f&uuml;r das 365-Euro-Ticket und f&uuml;r das Klimaticket durch erstens den radikalen Abbau dieser Subventionen und zweitens durch die entsprechend niedrigeren externen Kosten (unter anderem bei den Krankenkassen und im Umwelt- und Klimabereich).&nbsp;<\/p><p>AUSBAU &Ouml;FFENTLICHE VERKEHRE &ndash; ABBAU STRASSENVERKEHR<\/p><p>Mittelfristig sind die geforderten Reduzierungen der Preise im &ouml;ffentlichen Verkehr nur sinnvoll, wenn es parallel einen Ausbau des Angebots im &ouml;ffentlichen Verkehr und einen Abbau beim MIV und bei der Luftfahrt gibt. Im Grunde w&auml;ren diese Schritte als Vorbereitung f&uuml;r die Ticket-Reduktionen notwendig gewesen &ndash; so wie das in &Ouml;sterreich der Fall war.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Aktuell gibt es das Gegenteil &ndash; die Unterfinanzierung der Infrastrukturen h&auml;lt an, die Nachfrage steigt &ndash; damit wird die Infrastruktur noch mehr als bislang BE- und oft &Uuml;BERLASTET.<\/p><p>Wenn hier nicht <em>sofort<\/em> gegengesteuert wird, kann das in einem Desaster enden (siehe auch das Burgrain-Garmisch-Partenkirchen-Bahnungl&uuml;ck am 3.6.2022).<\/p><p>Unter den gegebenen Bedingungen (des &uuml;berst&uuml;rzt als Sommergag eingef&uuml;hrten 9-Euro-Tickets) muss versucht werden, beides umgesetzt zu bekommen, was hei&szlig;t, dass auf einen schnell nachholenden Ausbau der Infrastrukturen und der Angebote gedr&auml;ngt werden muss. Das FDP-gef&uuml;hrte Bundesverkehrsministerium plant jedoch in die entgegengesetzte Richtung &ndash; und richtet die finanziellen Mittel entsprechend aus.<\/p><p>Elementare Bestandteile dieser Vorbereitung und dieses Ausbaus sind:<\/p><ul>\n<li>Ein Sofortprogramm zur Sanierung der Schieneninfrastruktur; mit dem prim&auml;ren Ziel einer Beseitigung der rund 1.000 Langsamfahrstellen im Schienennetz (der offiziell ausgewiesenen und der in den Fahrplan klammheimlich integrierten)<\/li>\n<li>Ein Sofortprogramm zur Beseitigung von deutlich mehr als hundert &bdquo;Flaschenh&auml;lsen&ldquo; (spezifischen Engp&auml;ssen) im Schienennetz (z.B. durch die Beseitigung der Eingleisigkeit bei spezifischen Streckenabschnitten, wie es solche auch heute noch sogar bei Hauptstrecken gibt).[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/li>\n<li>Deutlicher Ausbau des &ouml;ffentlichen Verkehrs allgemein und der Schiene (Busse, Trams; Schiene). Dabei muss das Ziel gelten: 100-Prozent-Elektrifizierung Schiene bis 2030. Die Zweigleisigkeit im Schienennetz von aktuell nur rund 55 Prozent sollte bis 2035 deutlich erh&ouml;ht werden (Ziel: 75 Prozent). Notwendig ist ein Ausbau des Schienennetzes auf den Stand, den es bis 1993 gab, was eine Steigerung der Betriebsl&auml;nge des Schienennetzes um rund 20 Prozent bedeutet. <\/li>\n<li>Zur&uuml;ckstellen (Moratorium und oft Stopp) der &ldquo;Gro&szlig;projekte&rdquo; (wie S21, Altona-Diebsteich, Fehmarnbelt-Querung, Fernbahntunnel Frankfurt am Main, 2. S-Bahn-Stammstrecke M&uuml;nchen)<\/li>\n<li>Stopp von jedem weiteren Stra&szlig;enbau; R&uuml;ckbau der Stra&szlig;eninfrastruktur. Vergleichbares gilt f&uuml;r den Flugverkehr.<\/li>\n<li>Tempolimits (siehe oben).<\/li>\n<\/ul><p><strong>7. STRUKTUREN DES &Ouml;FFENTLICHEN EIGENTUMS<\/strong><\/p><p>Durchdenkt man &ldquo;nur&rdquo; das 9-Euro-Ticket, dann ist bereits klar, dass die aktuelle Struktur im &ouml;ffentlichen Verkehr nicht zu den Forderungen nach einem deutlich preiswerteren &ouml;ffentlichen Verkehr passt. Der &ouml;ffentliche Verkehr wird hierzulande (und europaweit) zunehmend von Privaten dominiert &ndash; im Bereich des Schienenpersonennahverkehr zu 50 Prozent, im &uuml;brigen Bereich je nach Definition zu 10 bis 25 Prozent.<\/p><p>Die gesamten &ouml;ffentlichen Verkehre werden bereits heute zu einem erheblichen Teil mit &ouml;ffentlichen Geldern subventioniert (beim SPNV zu 60-65 Prozent; durch die &ldquo;Regionalisierungsmittel&rdquo; des Bundes, die an die Bundesl&auml;nder zur &bdquo;Bestellung&ldquo; von SPNV gehen). Das skizzierte Gesamtprogramm l&auml;uft darauf hinaus, dass diese &ouml;ffentliche Finanzierung auf mehr als 85 Prozent ansteigt. <\/p><p>Damit aber wird die gesamte Struktur &ouml;ffentlich-privat absurd; der bereits bestehende Flickenteppich ist noch mehr kontraproduktiv, als er es heute bereits ist. Der Tarifwirrwarr mit &bdquo;Waben&ldquo; und Verkehrsverbunds-Grenzen und Umwelt- und L&auml;ndertickets, unterschiedlichen Bestimmungen f&uuml;r Seniorentickets oder Radmitnahme usw. usf. wird immer verwirrender.<\/p><p>Wir ben&ouml;tigen eine komplette Neustrukturierung des &ouml;ffentlichen Verkehrs. Grunds&auml;tzlich ist dabei dezentrales &ouml;ffentliches Eigentum so weit wie m&ouml;glich zu bevorzugen und bundesweites &ouml;ffentliches Eigentum nur dort sinnvoll, wo dies strukturell notwendig ist (so beim Schienenpersonenfernverkehr).<\/p><p>Wobei es dann auch hei&szlig;en sollte: Wo &ldquo;&ouml;ffentlich&rdquo; draufsteht, wo &ldquo;&ouml;ffentlich finanziert&rdquo; wird, muss auch &ldquo;&ouml;ffentlich&rdquo;, also &ouml;ffentliches Eigentum, drinstecken.<\/p><p>In ein solches Gesamtprogramm eingebettet, sollte die Debatte um das 9-Euro-Ticket genutzt und f&uuml;r eine &uuml;berzeugende Klimapolitik im Interesse der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung, vor allem im Interesse der finanziell schlecht Gestellten, geworben werden.<\/p><p>N&auml;here Infos siehe: <a href=\"http:\/\/www.klimabahn-initiative.de\">klimabahn-initiative.de<\/a><\/p><p>Titelbild: 1take1shot\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Siehe: <a href=\"https:\/\/www.kba.de\/DE\/Statistik\/04_auskunft_statistik_ueberblick.html?nn=3504038\">kba.de\/DE\/Statistik\/04_auskunft_statistik_ueberblick.html?nn=3504038<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vor Einf&uuml;hrung des 9-Euro-Tickets gab es das Argument, ein Klimaticket in Deutschland m&uuml;sste aufgrund der gr&ouml;&szlig;eren Fl&auml;che Deutschlands deutlich teurer sein als dasjenige in &Ouml;sterreich. Das m&uuml;sste nochmals durchdacht werden. Allerdings wurde bis Mai ein 365-Euro-Ticket nur f&uuml;r den &Ouml;PNV im jeweiligen Verkehrsverbund (oder in einer spezifischen Region) vorgeschlagen. Inzwischen sieht es so aus, dass das 365-Euro-Ticket &uuml;berwiegend als bundesweit g&uuml;ltiges Nahverkehrsticket propagiert wird. Dabei wird argumentiert, dass der Durchschnittsmensch sich nicht dauerhaft auf Achse quer durch Deutschland befindet; das Ticket in der Regel im regionalen Bereich, in dem eine Person lebt, eingesetzt werden wird. Vergleichbar k&ouml;nnte man auch im Fall des Klimatickets argumentieren, weswegen der in &Ouml;sterreich g&uuml;ltige Preis f&uuml;r dieses Ticket, 3 Euro pro Tag, auch hierzulande Sinn machen k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Die Einf&uuml;hrung des 365-Euro-Tickets in Wiens &Ouml;PNV am 1. Mai 2012 wurde mehrere Jahre im Voraus geplant. Parallel zum Ausbau des &ouml;ffentlichen Verkehrs wurde der Stra&szlig;enverkehr in der City (u.a. durch einen Abbau der Stellpl&auml;tze) erschwert. Auf diese Weise wurde eine Verdopplung der &Ouml;PNV-Jahreskarten erreicht. Es gab keine &uuml;berf&uuml;llten &ouml;ffentlichen Verkehrsmittel. Auch das Klimaticket wurde in &Ouml;sterreich im Sommer 2021 und im Vergleich zum deutschen 9-Euro-Ticket deutlich besser vorbereitet eingef&uuml;hrt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Selbst bei den wenigen aufwendigen Ausbauma&szlig;nahmen unterl&auml;sst es die Verkehrspolitik, solche Engp&auml;sse mit zu beseitigen. Als 2017 bis 2021 die S&uuml;dbahn (Ulm &ndash;Friedrichshafen &ndash; Lindau) elektrifiziert wurde, wurde der relativ kurze Streckenabschnitt Friedrichshafen &ndash; Lindau nicht zur Zweigleisigkeit ausgebaut (die l&auml;ngere Strecke Ulm &ndash; Friedrichshafen ist zweigleisig). Damit bleibt es bei einem Engpass auf diesem letzten Streckenabschnitt. Auch kam es nicht zur Beseitigung von relativ kleinen abzweigenden Strecken ohne Elektrifizierung (so im Fall des &bdquo;Diesellochs&ldquo; beim Abschnitt Aulendorf &ndash; Ki&szlig;legg).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Warum eine blo&szlig;e Verl&auml;ngerung nicht sinnvoll ist und wie ein Gesamtprogramm aus sozialer und klimapolitischer Sicht aussehen sollte<\/strong>. Zutreffend ist, dass das 9-Euro-Ticket &ndash; ungewollt, seitens der FDP-Erfinder &ndash; einen <em>Einstieg<\/em> in einen besseren und sozial akzeptablen &ouml;ffentlichen Verkehr bieten <em>kann<\/em>. Die blo&szlig;e Forderung nach &ldquo;Verl&auml;ngerung&rdquo; sehe ich jedoch ausgesprochen kritisch. Ein Bejubeln des 9-Euro-Tickets<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86723\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":86724,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,73],"tags":[1815,3231,2446,1494,2445,2447,2561,2764],"class_list":["post-86723","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-verkehrspolitik","tag-oepnv","tag-deutschlandticket","tag-flugverkehr","tag-infrastruktur","tag-schienenverkehr","tag-strassenverkehr","tag-tempolimit","tag-verkehrswende"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/shutterstock_2162614665.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86723","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=86723"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86723\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":86749,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86723\/revisions\/86749"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/86724"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=86723"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=86723"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=86723"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}