{"id":86817,"date":"2022-08-11T11:01:32","date_gmt":"2022-08-11T09:01:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86817"},"modified":"2022-08-11T16:18:16","modified_gmt":"2022-08-11T14:18:16","slug":"gasmangel-der-wahnsinn-nimmt-seinen-lauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86817","title":{"rendered":"Gasmangel \u2013 der Wahnsinn nimmt seinen Lauf"},"content":{"rendered":"<p>Wenn der Gasverbrauch von Deutschland und seinen Nachbarn in diesem Winterhalbjahr auf dem Niveau der Vorjahre bleibt, ist bereits im November die Situation erreicht, in der nicht jeder Kunde mehr mit Gas versorgt werden kann. Selbst bei optimistischen &ndash; und dabei unrealistischen &ndash; Szenarien l&auml;sst sich der &bdquo;Gas-Blackout&ldquo; bestenfalls nach hinten verschieben. Das ist das Ergebnis einer <a href=\"https:\/\/www.bundesnetzagentur.de\/DE\/Fachthemen\/ElektrizitaetundGas\/Versorgungssicherheit\/aktuelle_gasversorgung\/HintergrundFAQ\/Gas_Szenarien.pdf;jsessionid=9F69AE0EFA01F2B730B1B622B3555845?__blob=publicationFile&amp;v=4\">umfangreichen Studie<\/a> der Bundesnetzagentur. Dies wirft zahlreiche Fragen auf, die &uuml;ber die Landesgrenzen hinausgehen. Deutschland ist n&auml;mlich nicht nur Importeur, sondern auch (Re-)Exporteur von Gas und vor allem die Schweiz und Tschechien h&auml;ngen direkt von deutschen Gasexporten ab. Vor allem f&uuml;r die gasintensive chemische Industrie wird der Winter hart &ndash; Kollateralsch&auml;den wie eine St&ouml;rung der Lieferketten, massive Sch&auml;den der Volkswirtschaft und Arbeitslosigkeit inklusive. Die Prognosen sind schockierend. Um so wichtiger w&auml;re es, bereits jetzt umzudenken und die selbstzerst&ouml;rerischen Sanktionen gegen Russland auf den Pr&uuml;fstand zu stellen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1006\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-86817-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220811_Gasmangel_der_Wahnsinn_nimmt_seinen_Lauf_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220811_Gasmangel_der_Wahnsinn_nimmt_seinen_Lauf_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220811_Gasmangel_der_Wahnsinn_nimmt_seinen_Lauf_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220811_Gasmangel_der_Wahnsinn_nimmt_seinen_Lauf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=86817-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220811_Gasmangel_der_Wahnsinn_nimmt_seinen_Lauf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220811_Gasmangel_der_Wahnsinn_nimmt_seinen_Lauf_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn man sich die <a href=\"https:\/\/www.bundesnetzagentur.de\/DE\/Fachthemen\/ElektrizitaetundGas\/Versorgungssicherheit\/aktuelle_gasversorgung\/start.html\">aktuellen Rahmendaten<\/a> der Bundesnetzagentur zur Gasversorgung anschaut, k&ouml;nnte man sich eigentlich entspannt zur&uuml;cklehnen. Die Gasimporte aus Russland sind zwar massiv eingebrochen, daf&uuml;r liefern die Niederlande, Norwegen und die LNG-Importe &uuml;ber Belgien aber zumindest so viel Gas, dass Deutschland recht bequem &uuml;ber den Winter k&auml;me. Selbst ganz ohne russisches Gas w&uuml;rden die Importe mit 125 GW[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] den Verbrauch von 107 GW &uuml;bersteigen. Doch dummerweise sind nur rund 60 Prozent des importierten Gases am Ende f&uuml;r deutsche Verbraucher bestimmt. Die Bundesnetzagentur beziffert die Gasexporte Deutschlands mit 89 GW. Sollte also kein russisches Gas flie&szlig;en, st&uuml;nde unter dem Strich ein Gasmangel von erschreckenden 366 TWh. Um eine Gr&ouml;&szlig;enordnung zu bekommen: Das entspr&auml;che exakt dem Gesamtverbrauch der deutschen Industrie im Jahre 2021. Die Haushalte verbrauchten 2021 &uuml;brigens mit 306 TWh weniger als die Industrie. Ab November w&auml;ren bei diesem Szenario die Gasspeicher leer und es m&uuml;ssten Abnehmer vom Netz genommen werden.<\/p><p>Bleiben die russischen Lieferungen via Nord Stream 1 auf dem jetzigen Niveau von 20 Prozent, w&uuml;rde sich bei ansonsten gleichen Rahmenbedingungen die Lage kaum verbessern. Der Gasmangel w&uuml;rde dann auch noch 248 TWh betragen. Und selbst bei 40 Prozent Lieferleistung &uuml;ber Nord Stream 1 st&uuml;nde am Ende noch ein Gasmangel von 144 TWh, dann w&auml;ren die Speicher jedoch erst im Dezember leer. Die Mangelsituation w&uuml;rde &uuml;brigens in allen diesen drei Szenarien bis in den sp&auml;ten April andauern. Deutschland h&auml;tte also vier bis f&uuml;nf Monate nicht gen&uuml;gend Gas, um alle Abnehmer zu versorgen.<\/p><p>Das sind die wenig erfreulichen Ergebnisse der aktuellen <a href=\"https:\/\/www.bundesnetzagentur.de\/DE\/Fachthemen\/ElektrizitaetundGas\/Versorgungssicherheit\/aktuelle_gasversorgung\/HintergrundFAQ\/Gas_Szenarien.pdf;jsessionid=9F69AE0EFA01F2B730B1B622B3555845?__blob=publicationFile&amp;v=4\">Berechnungen der Bundesnetzagentur<\/a>. Die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstehende Beh&ouml;rde hat bei ihren Kalkulationen zahlreiche variable Parameter verwendet. Die Ergebnisse sind jedoch pessimistisch &ndash; egal an welchen Stellschrauben man dreht. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220811_BNA.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220811_BNA.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Quelle: Bundesnetzagentur<\/p><p>Unterstellt man beispielsweise eine konstante Lieferung &uuml;ber Nord Stream 1, die 20 Prozent der maximalen Kapazit&auml;t betr&auml;gt, gibt es nur drei Teilszenarien, bei denen es in diesem Winter zu keinem Gasmangel k&auml;me &ndash; und diese drei Teilszenarien sehen allesamt sowohl f&uuml;r den Verbrauch als auch f&uuml;r den Export eine Reduktion um ganze 20 Prozent vor. Doch selbst dann w&auml;ren lt. Bundesnetzagentur im n&auml;chsten Sommer die Speicher so leer, dass im Winterhalbjahr 23\/24 der &bdquo;Gas-Blackout&ldquo; kommen wird. Die <a href=\"https:\/\/www.bundesnetzagentur.de\/DE\/Fachthemen\/ElektrizitaetundGas\/Versorgungssicherheit\/aktuelle_gasversorgung\/HintergrundFAQ\/FAQ_Szenarien.pdf;jsessionid=9F69AE0EFA01F2B730B1B622B3555845?__blob=publicationFile&amp;v=4\">Parameter dieser Rechenmodelle<\/a> sind &uuml;brigens keinesfalls pessimistisch. Im Gegenteil. Man kalkuliert beispielsweise ein, dass die zurzeit im Bau befindlichen LNG-Terminals an der Nordseek&uuml;ste nicht nur p&uuml;nktlich an Neujahr in Betrieb gehen, sondern dann auch gleich aus dem Stand eine Auslastung von 90 Prozent generieren. Auch die Annahme, dass die Exporte auf gleichem Niveau bleiben und nicht steigen, ist angesichts der Lieferausf&auml;lle im &uuml;ber die Ukraine f&uuml;hrenden Transgas-Pipeline-System sehr optimistisch. <\/p><p><strong>Was bedeutet eine Reduktion beim Verbrauch und beim Export um 20 Prozent? <\/strong><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220811_verbrauch.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220811_verbrauch.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Im Jahr 2021 verbrauchte die deutsche Volkswirtschaft rund 1.000 TWh Erdgas. 20 Prozent Einsparung w&auml;ren somit 200 TWh. Das entspricht zwei Drittel des Gesamtverbrauchs der Haushalte. Mit &bdquo;k&uuml;rzer Duschen&ldquo; und einem &bdquo;Pulli im Home-Office&ldquo; ist es da nicht getan. In einer im Mai <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/news\/2022-05\/07\/eon-berechnung-sieht-gas-einsparpotenzial-bei-haushalten\">erstellten Prognose<\/a> gab der Energieversorger E.ON das gesamte potenzielle Einsparvolumen der Haushalte mit 103 TWh an. Dabei nahm man jedoch an, dass 10 Prozent der Haushalte ihre Gasheizung durch Photovoltaik und 20 Prozent durch eine W&auml;rmepumpe ersetzen &ndash; das ist bestenfalls eine sehr langfristige Annahme, die nichts mit der Situation in wenigen Wochen zu tun hat. Dabei ist klar, dass es in den privaten Haushalten zu Einsparungen kommen wird &ndash; nicht, weil man gerne f&uuml;r die Ukraine friert, sondern weil die Gaspreise die Verbraucher zwingen werden, die Heizung hier und da herunterzuschalten. Gemessen am zu erwartenden Gasmangel ist dies jedoch bestenfalls ein Tropfen auf dem hei&szlig;en Stein.<\/p><p>Will man mehr oder weniger freiwillig die 20 Prozent Einsparung realisieren, geht dies nur &uuml;ber die Industrie. Nun ist es leicht gesagt, dass die Industrie halt weniger verbrauchen soll. Deutschland war schon vor dem Preisschock ein Land mit vergleichsweise hohen Preisen f&uuml;r Energie und man sollte davon ausgehen, dass die meisten Gro&szlig;abnehmer ihren Verbrauch bereits technisch optimiert haben. Hier lohnt auch ein n&auml;herer Blick darauf, <a href=\"https:\/\/gas.info\/fileadmin\/Public\/PDF-Download\/Faktenblatt-Konsequenzen-Erdgasimportembargo.pdf\">wof&uuml;r die Industrie eigentlich Gas ben&ouml;tigt<\/a>. Denn sowohl in puncto Einsparungen als auch bei den zu erwartenden Abschaltungen wird dies im Herbst und Winter ein brisantes Thema werden.<\/p><p><strong>Gasverbraucher Industrie<\/strong><\/p><p>Mehr als 30 Prozent des gesamten Energiebedarfs der deutschen Industrie wird mit Erdgas gedeckt. Die chemische Industrie ist mit einem Gesamtverbrauch von 120 TWh pro Jahr der gr&ouml;&szlig;te Abnehmer. Gas kommt dort vor allem bei der Prozessw&auml;rmeerzeugung, aber auch als Einsatzstoff zur Anwendung, um vor allem Ammoniak, Wasserstoff und Methanol herzustellen. Ammoniak wird vor allem f&uuml;r die D&uuml;ngemittelproduktion ben&ouml;tigt. Hier sind wohl ohnehin keine &bdquo;Zwangsma&szlig;nahmen&ldquo; n&ouml;tig, da viele deutsche Grundstoff- und D&uuml;ngemittelhersteller ihre Produktion aufgrund der hohen Gaspreise bereits heruntergefahren oder <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/industrie\/landwirtschaft-duengerhersteller-drosseln-produktion-weltweit-drohen-einbussen-bei-ernten\/28151352.html\">ganz eingestellt haben<\/a> &ndash; eine Folge davon werden deutlich h&ouml;here Erzeugerpreise in der Landwirtschaft und damit h&ouml;here Lebensmittelpreise sein. Auch die Nahrungsmittelindustrie ist ein Gro&szlig;kunde von Gas. Gas treibt Getreide- und &Ouml;lm&uuml;hlen an und wird ben&ouml;tigt, um die K&uuml;hlkette z.B. bei Molkereiprodukten aufrecht zu erhalten. Auch hier sind nennenswerte Einsparungen und Abschaltungen schwer vorstellbar. <\/p><p>Schwer vorstellbar ist es auch, Raffinerien &ndash; ebenfalls ein Gro&szlig;verbraucher von Gas &ndash; vom Netz zu nehmen. Hier wird Gas n&auml;mlich f&uuml;r den Prozessdampf ben&ouml;tigt und weder Benzin noch Diesel k&ouml;nnten hergestellt werden, wenn das Gas ausf&auml;llt. Problematisch wird dies auch in der Glas- und Keramikindustrie, die sehr hohe Temperaturen im Herstellungsprozess ben&ouml;tigt. Erkaltet eine Glas-Schmelzwanne erst einmal, ist sie irreversibel besch&auml;digt und kann im Grunde entsorgt werden. Nun wird aber vor allem das in Deutschland produzierte Spezialglas f&uuml;r die Automobil-, die Bau-, Lebensmittel-, Pharma- und Medizinindustrie als Vorprodukt ben&ouml;tigt. Ein Ausfall h&auml;tte ungeahnte Folgen f&uuml;r die nationalen und auch internationalen Lieferketten. <\/p><p>Gleiches gilt f&uuml;r die Automobilbranche. Hier sind es die Formung von Stahlblechen und die Lacktrocknung, die im gro&szlig;en Stil mit Gas betrieben werden. VW hat sein Stammwerk in Wolfsburg &uuml;brigens erst im Dezember 2021 im Zuge des Kohleausstiegs komplett auf den Gasbetrieb umgestellt. Das muss man nun wohl r&uuml;ckg&auml;ngig machen, will man die Sparziele erreichen oder den Betrieb trotz Gasmangels aufrechterhalten. Last but not least &ndash; ein weiterer Gro&szlig;verbraucher ist die Papier- und Zellstoffindustrie. Anders als im Corona-Notstand k&ouml;nnte es im Gas-Notstand also vielleicht durchaus sinnvoll sein, Klopapier zu hamstern. Ein Gutes h&auml;tte ein Ausfall der Papierindustrie jedoch auch &ndash; es k&ouml;nnten auch keine Zeitungen und Zeitschriften mehr gedruckt werden; vielleicht l&ouml;st die Existenzangst der Journalisten ja dann auch eine inhaltliche Neuorientierung in der Frage der Sanktionspolitik aus? <\/p><p>Sie sehen schon, es wird nicht einfach, einfach mal 20 Prozent Gas zu sparen, ohne dabei volkswirtschaftliche Verwerfungen auszul&ouml;sen. Aber dies ist auch keine Frage der Freiwilligkeit. Viele Betriebe werden ihre Produktion ohnehin aufgrund der massiv gestiegenen Energiepreise einstellen oder verlagern und wenn am Ende der Gasmangel eintritt, werden die verbliebenen Gro&szlig;abnehmer aus der Industrie wohl die ersten sein, die vom Netz getrennt werden. Dies betrifft aus technischen Gr&uuml;nden &uuml;brigens vor allem Standorte in Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg, w&auml;hrend der Norden und das Ruhrgebiet aufgrund der Struktur der Gasverteilungsnetze l&auml;nger am Netz bleiben k&ouml;nnen. Man darf gespannt sein, ob Markus S&ouml;der die Zeichen der Zeit erkennt und sich als erster Unionspolitiker auf die Seite der Tauben schl&auml;gt.<\/p><p><strong>Export &ndash; das k&ouml;nnte Europa sprengen<\/strong><\/p><p>Die hier beschriebenen Szenarien betreffen erst einmal nur die Lage im Inland. Aber selbst wenn es Deutschland &ndash; was unrealistisch erscheint &ndash; schaffen sollte, seinen Gasverbrauch um 20 Prozent zu senken, w&uuml;rde der Gasmangel auch dann eintreten, wenn nicht gleichzeitig die Exporte in relevantem Ma&szlig;e sinken. Im Szenario der Bundesnetzagentur st&uuml;nde dann ein Mangel in H&ouml;he von 112 TWh zu Buche, der ab Januar 2023 dazu f&uuml;hrt, dass die Speicher leer sind. An wen exportiert Deutschland eigentlich Gas?<\/p><p>Im Jahre 2020 waren die gr&ouml;&szlig;ten deutschen Gaskunden Tschechien (&uuml;ber 50 Prozent der Exporte), die Niederlande, &Ouml;sterreich, die Schweiz und Frankreich. Die Niederlande und Frankreich fallen in diesem Jahr heraus, da sie &uuml;ber Nord Stream 1 mitversorgt wurden und die gesunkenen Kapazit&auml;ten sowie Streitereien rund um die W&auml;hrungsfrage auf dieser Pipeline bereits zu einem Lieferstopp in diese beiden L&auml;nder f&uuml;hrten. Frankreich ist jetzt &uuml;brigens der <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus239659985\/Atomland-Ausgerechnet-Frankreich-importiert-mehr-russisches-Fluessiggas-als-je-zuvor.html\">gr&ouml;&szlig;te LNG-Importeur f&uuml;r russisches Gas<\/a>. Im Winter 2021\/2022 kam Polen als gro&szlig;er Kunde deutscher Gro&szlig;h&auml;ndler hinzu. Die NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85534\">berichteten als eine der wenigen Medien dar&uuml;ber<\/a>. Die polnischen Speicher sind jetzt aber voll und p&uuml;nktlich zur Heizsaison am 27. September <a href=\"https:\/\/pgjonline.com\/news\/2022\/august\/baltic-pipe-to-start-gas-transmission-sept-27-minister\">soll die neue Baltic Pipe in Betrieb gehen<\/a>, die D&auml;nemark und Polen mit norwegischem Gas versorgt und die Ausf&auml;lle der russischen Lieferungen angeblich voll ersetzen soll. &Ouml;sterreich ist zwar auch an das italienische Netz angeschlossen und k&ouml;nnte so LNG-Importe beziehen, <a href=\"https:\/\/industriemagazin.at\/news\/oesterreich-und-lng-80-tanker-oder-leitung-aus-italien\/\">das reicht jedoch nicht aus, um den Bedarf zu decken<\/a>.<\/p><p>Blieben selbst unter sehr optimistischen Annahmen nur noch Tschechien und die Schweiz als besondere Problemf&auml;lle. Rund <a href=\"https:\/\/www.euractiv.de\/section\/energie\/news\/deutschlands-nachbarlaender-befuerchten-gas-versorgungsengpaesse\/\">75 Prozent der Schweizer Gasimporte<\/a> kommen aus bzw. &uuml;ber Deutschland. F&uuml;r Tschechien sieht es noch d&uuml;sterer aus, wenn &uuml;ber die Transgas- und die Jamal-Pipeline weiterhin kaum Gas nach Europa kommt. Dann w&auml;re Tschechien voll und ganz von Deutschland abh&auml;ngig. Tschechien ist &ndash; wie auch &Ouml;sterreich &ndash; als EU-Mitglied jedoch den &bdquo;EU-Solidarit&auml;tsregeln&ldquo; unterworfen und k&ouml;nnte &ndash; zumindest in der Theorie &ndash; sanktioniert werden, wenn es die vorgegebenen Einsparziele beim Gasverbrauch nicht umsetzt. Bei der Schweiz sieht dies vollkommen anders aus. Die Alpenrepublik w&auml;re daher und aufgrund der technischen\/geografischen Bedingungen wohl auch der erste Exportmarkt, der bei einem Gasmangel vom Netz genommen wird. <\/p><p>Die Export- und die damit verbundene Solidarit&auml;tsfrage hat daher auch das Zeug, Europa zu sprengen. Wie will die Bundesregierung den frierenden B&uuml;rgern erkl&auml;ren, dass sie ihr Volk frieren l&auml;sst, aber internationale Vertr&auml;ge mit der Schweiz, &Ouml;sterreich und Tschechien einh&auml;lt? Auf der anderen Seite k&ouml;nnte Deutschland zwar technisch die Exporte einstellen, m&uuml;sste sich dann aber als Vertragsbrecher sowohl moralisch als auch juristisch verantworten. Hinzu kommen die ber&uuml;hmten &bdquo;unknown unknowns&ldquo; &ndash; was passiert, wenn beispielsweise Polen sich mit der Ukraine, dem Baltikum oder Tschechien solidarisch erkl&auml;rt und daf&uuml;r Gas aus deutschen Speichern &uuml;ber die Jamal-Pipeline ein- und weiterverkauft? Was passiert, wenn Frankreichs hochtrabende LNG-Pl&auml;ne nicht aufgehen und der fest gebuchte deutsche Lieferant Niederlande k&uuml;nftig gr&ouml;&szlig;ere Mengen an Frankreich verkauft? Ein Unfall in einem der gro&szlig;en LNG-Exportterminals in den USA k&ouml;nnte auch s&auml;mtliche Pl&auml;ne in Europa zunichte machen. Deutschland hat sich w&auml;hrend der Eurokrise alles andere als solidarisch mit seinen Nachbarn gezeigt. Warum sollten sie bei der kommenden Gaskrise nun solidarisch mit Deutschland sein? <\/p><p><strong>Aufwachen, bevor es zu sp&auml;t ist<\/strong><\/p><p>Ist der Gasmangel unabwendbar? Kann Deutschland seine Lieferwege nicht diversifizieren? Nicht wirklich. Alle LNG-Terminals in der EU arbeiten zurzeit auf Anschlag. Selbst wenn Deutschland kleinere Mengen &ndash; die den Gasmangel nicht verhindern w&uuml;rden &ndash; zus&auml;tzlich akquirieren k&ouml;nnte, fehlen diese Mengen unseren Nachbarstaaten, die ihre Defizite dann &uuml;ber deutsche Gro&szlig;h&auml;ndler wieder ausgleichen. Ferner ist ein Import z.B. aus Frankreich <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/energiekrise-frankreich-will-deutschland-mit-gaslieferungen-unterstuetzen\/28550050.html\">technisch nicht im gr&ouml;&szlig;eren Ma&szlig;e m&ouml;glich<\/a>, da das Leitungsnetz auf die Verteilung von Ost nach West, aber nicht von West nach Ost ausgelegt ist. S&auml;mtliche Substitutionsszenarien haben daher einen sehr gro&szlig;en Zeitrahmen und spielen f&uuml;r diesen und auch den n&auml;chsten Winter keine realistische Rolle.<\/p><p>Um es kurz zu machen: Russland sitzt am l&auml;ngeren Hebel und wei&szlig; das auch ganz genau. Die Reduktion der Nord-Stream-1-Lieferungen &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &ndash; auf erst 40 Prozent und jetzt 20 Prozent ist genau die kritische Menge, mit der ein realer Gasmangel in Deutschland realistisch nicht mehr abwendbar ist. Deutschland schadet sich selbst. Und das ganz massiv! Es sind ja nicht &bdquo;nur&ldquo; die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86619\">horrenden Preissteigerungen<\/a>, sondern es l&auml;uft in der Tat darauf hinaus, dass im Winter &uuml;ber mehrere Monate Verbraucher vom Netz genommen werden m&uuml;ssen &ndash; ob dies &bdquo;nur&ldquo; die Industrie oder auch Privathaushalte betrifft, ist zurzeit schwer vorherzusagen. Die volkswirtschaftlichen Folgen werden jedoch enorm sein.<\/p><p>Schon in fr&uuml;heren Jahrhunderten haben westliche Gro&szlig;strategen den Fehler begangen, bei ihren Feldz&uuml;gen gegen Russland den Faktor Zeit zu untersch&auml;tzen. Russland kann sich zur&uuml;cklehnen. Das Land hat alles, was es braucht und Zugang zu den Dingen, die es nicht selber f&ouml;rdert oder produziert. Das gilt f&uuml;r Deutschland nicht und dies wird uns allen im ersten &bdquo;Gaskrisen-Winter&ldquo; noch sehr bewusst werden.<\/p><p>Ist die Krise abwendbar? Nat&uuml;rlich. W&uuml;rde Nord Stream 1 wieder voll liefern, w&auml;re das Thema Gasmangel zumindest in Deutschland erst einmal vom Tisch und auch die Preise w&uuml;rden sich sehr schnell wieder normalisieren. W&uuml;rde man auch die betriebsbereite Pipeline Nord Stream 2 &ouml;ffnen, w&auml;re der Spuk f&uuml;r ganz Europa mit einem Schlag vorbei. Die Bundesregierung hat es in der Hand. Sie kann weiterhin an ihrem selbstzerst&ouml;rerischen transatlantischen Kurs festhalten, das Abschlachten in der Ukraine in die L&auml;nge ziehen und Russland mit ohnehin kontraproduktiven Sanktionen belegen. Oder sie kann versuchen, auf Entspannungspolitik zu setzen, im Krieg in der Ukraine als &bdquo;ehrlicher Makler&ldquo; zu vermitteln und die Beziehungen zu Russland zu normalisieren. In Deutschlands Interesse w&auml;re die zweite L&ouml;sung. Aber offenbar geht es ja um &bdquo;h&ouml;here Dinge&ldquo;; doch die werden der Regierung im Winter um die Ohren fliegen, wenn die Menschen die Folgen dieser Politik am eigenen Leib zu sp&uuml;ren bekommen.<\/p><p>Titelbild: Oil and Gas Photographer\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] GW = Jahreswert, also durchschnittlicher GW-Wert x 8.760 h\/a<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/d4b679aa98204963bfb9e72946c05864\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Gasverbrauch von Deutschland und seinen Nachbarn in diesem Winterhalbjahr auf dem Niveau der Vorjahre bleibt, ist bereits im November die Situation erreicht, in der nicht jeder Kunde mehr mit Gas versorgt werden kann. 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