{"id":86869,"date":"2022-08-14T11:45:33","date_gmt":"2022-08-14T09:45:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86869"},"modified":"2022-08-14T12:53:02","modified_gmt":"2022-08-14T10:53:02","slug":"das-getreideabkommen-mit-der-ukraine-afrika-geht-bisher-leer-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86869","title":{"rendered":"Das Getreideabkommen mit der Ukraine: Afrika geht bisher leer aus"},"content":{"rendered":"<p>Am 22. Juli 2022 wurde in Istanbul ein Getreideabkommen zwischen der Ukraine, Russland und der T&uuml;rkei unter Vermittlung der Vereinten Nationen vereinbart. Der Vertrag basiert auf der internationalen Vereinbarung &uuml;ber die Sicherheit der Meere aus dem Jahr 1974. International wurde das Abkommen begr&uuml;&szlig;t, weil man davon ausging, dass auf diese Weise eine drohende Hungerkatastrophe in vielen Entwicklungsl&auml;ndern gemildert oder abgewendet w&uuml;rde. Im Folgenden soll dargestellt und bewertet werden, ob mit diesem Abkommen tats&auml;chlich humanit&auml;re oder eher wirtschaftliche Ziele verfolgt werden. Von <strong>J&uuml;rgen H&uuml;bschen<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Inhalt des Getreideabkommens<\/strong><\/p><p>Die Vertragsparteien einigten sich grunds&auml;tzlich darauf, f&uuml;r 120 Tage den Export von Getreide, Nahrungsmitteln und auch D&uuml;nger aus den ukrainischen Schwarzmeerh&auml;fen Chordonomorsk, Odessa und Pivdenny zu erm&ouml;glichen. Im Gegenzug sollte garantiert werden, den Export landwirtschaftlicher G&uuml;ter aus Russland nicht zu sanktionieren.<\/p><p>Wesentliche Inhalte:<\/p><ul>\n<li>Die Vertragsparteien garantieren ein sicheres Umfeld f&uuml;r alle im Rahmen dieses Abkommens eingesetzten Schiffe. Das bezieht sich auf die f&uuml;r den Export erforderlichen Einrichtungen in den Hafenanlagen und auf den Seeweg durch das Schwarze Meer.<\/li>\n<li>Die Vertragsparteien verpflichten sich, Handelsschiffe, andere zivile Schiffe und f&uuml;r den Export ben&ouml;tigte Hafeneinrichtungen nicht anzugreifen. <\/li>\n<li>In Istanbul wird ein gemeinsames Koordinierungsb&uuml;ro (Joint Coordination Center; JCC) etabliert, in dem Vertreter der Ukraine, Russlands, der T&uuml;rkei und der UNO vertreten sind.<\/li>\n<li>Es werden gemeinsame Inspektionsteams gebildet, die in Istanbul die Ladung und Besatzung aller Schiffe, die aus der Ukraine kommen oder H&auml;fen in der Ukraine zum Ziel haben, kontrollieren, ob die Vertragsbestimmungen eingehalten werden.<\/li>\n<li>Ukrainische Gew&auml;sser liegen ausschlie&szlig;lich in der nationalen Zust&auml;ndigkeit.<\/li>\n<li>Sollte es erforderlich sein, werden Minensucher eingesetzt, um einen sicheren Aufenthalt in den H&auml;fen und eine ungef&auml;hrdete Passage der Schiffe, die vorzugsweise im Konvoi eingesetzt werden, zu garantieren.<\/li>\n<li>Diesen Transitkorridoren d&uuml;rfen sich Kriegsschiffe, Milit&auml;rflugzeuge und\/oder Drohnen nur auf eine vom JCC festgesetzte Distanz n&auml;hern.<\/li>\n<li>Die Vereinbarung wird automatisch jeweils um 120 Tage verl&auml;ngert, falls keine der Vertragsparteien Einspruch erhebt.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Die bislang bekannte Umsetzung der Vereinbarung<\/strong><\/p><p>Die erste Phase des Abkommens diente dazu, die 28 wegen des Krieges in ukrainischen H&auml;fen blockierten Schiffe freizubekommen. 14 von ihnen sind bislang wohl mittlerweile mit Getreide beladen und in See gestochen. Konkret wurde berichtet, dass das erste Schiff am 1. August mit einer Ladung Mais in Richtung Libanon abgefahren, aber dort noch nicht angekommen ist. Der K&auml;ufer hat angeblich den Liefervertrag gek&uuml;ndigt, weil er zu lange auf die Ladung warten musste. Von der libanesischen Regierung ist nicht bekannt, dass es eine Order f&uuml;r eine Maislieferung gab.  Aktuell liegt das Schiff vor der t&uuml;rkischen K&uuml;ste, weil es noch keinen neuen K&auml;ufer f&uuml;r die Ladung gibt. <\/p><p>Am 5. August haben weitere drei Schiffe die Ukraine verlassen und zwar mit den Zielen Gro&szlig;britannien, Irland und T&uuml;rkei. Andere Ziele wurden nicht genannt. Bekannt wurde allerdings, dass bislang &ndash; mit nur einer Ausnahme &ndash; alle Schiffe auf Grund privater Vertr&auml;ge, als sogenannte &bdquo;Commercial Ships,&ldquo; in See gestochen sind. Im Klartext hei&szlig;t das, dass die Ladung der Schiffe gekauft wurde und der K&auml;ufer den jeweiligen Zielhafen bestimmt. <\/p><p><strong>Vier Konzerne kontrollieren den gesamten Exportmarkt f&uuml;r Agrarstoffe<\/strong><\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu wissen, dass lediglich vier Konzerne den In- und Export von Agrarstoffen weltweit kontrollieren und abwickeln: <\/p><ol>\n<li>Cargill;<\/li>\n<li>Archer Daniels Midland;<\/li>\n<li>Louis Dreyfus Company;<\/li>\n<li>Bunge.<\/li>\n<\/ol><p>Gemeinsam sind sie als &bdquo;ABCD-Gruppe&ldquo; oder einfach &bdquo;ABCD&ldquo; bekannt. Archer Daniels Midland (wiederum ADM abgek&uuml;rzt), Bunge und Cargill sind US-Unternehmen, Louis Dreyfus hat seinen Sitz in der niederl&auml;ndischen Hauptstadt Amsterdam. Alle vier wurden zwischen 1818 und 1902 gegr&uuml;ndet und, von ADM abgesehen, stehen sie bis heute unter dem Einfluss ihrer Gr&uuml;nderfamilien. Sie handeln, transportieren und sie verarbeiten auch viele Rohstoffe. Die Konzerne besitzen Hochseeschiffe, H&auml;fen, Eisenbahnen, Raffinerien, Silos, &Ouml;lm&uuml;hlen und Fabriken. Ihr Weltmarktanteil liegt bei 70 Prozent. Cargill ist die Nummer eins, gefolgt von ADM, Dreyfus und Bunge.<\/p><p>Nur ein einziges Schiff wurde bislang vom &bdquo;World Food Program&ldquo; der UNO f&uuml;r &bdquo;food aid&ldquo; (Hungerhilfe) gechartert, mit dem direkten Kurs in ein Land, dessen Bev&ouml;lkerung vom Hunger bedroht ist. Das Land wurde expressis verbis nicht genannt. Bekannt ist in diesem Zusammenhang lediglich, dass es bislang z.B. kein Schiff in den Jemen, nach &Auml;thiopien oder Somalia gab. Nach Aussage der UNO war das vorrangige Ziel nicht, die hungernde Bev&ouml;lkerung in bestimmten L&auml;ndern zu versorgen, sondern durch die Exportm&ouml;glichkeiten der Ukraine die Preise auf dem Weltmarkt zu senken, was offensichtlich schon zu wirken beginnt.<\/p><p>St&eacute;phan Dujarric, ein Sprecher des UN-Generalsekret&auml;rs, stellte dazu fest:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In vielen Entwicklungsl&auml;ndern ist der Nahrungsimport nicht Teil einer humanit&auml;ren Ma&szlig;nahme, sondern eine wirtschaftliche Operation.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Zusammenfassende Bewertung<\/strong><\/p><p>Das Abkommen zwischen Russland und der Ukraine ist grunds&auml;tzlich positiv, vor allem, weil damit bewiesen wurde, dass Gespr&auml;che zwischen Russland und der Ukraine m&ouml;glich sind, wenn man sich darum bem&uuml;ht! Aufgrund der Berichterstattung konnte man davon ausgehen, dass die UNO, unter deren &Auml;gide der Vertrag verhandelt wurde, auch die Federf&uuml;hrung bei dessen Umsetzung hat. Ich war, wie sicherlich viele, vielleicht sogar die meisten, Menschen, die den Hergang des Abkommens verfolgt hatten, bisher der Meinung, der Vertrag w&uuml;rde in erster Linie dazu dienen, die von Hungersnot bedrohten L&auml;nder bei der Versorgung ihrer Bev&ouml;lkerung zu unterst&uuml;tzen. Deshalb hatte ich erwartet, die UNO w&uuml;rde eine Reihenfolge f&uuml;r die L&auml;nder festlegen, in denen die Bev&ouml;lkerung am dringendsten auf diese Lieferungen angewiesen ist, die daf&uuml;r erforderlichen Schiffe chartern und die Ladungen zu einem zuvor festgelegten Kurs bezahlen. Auf diese Weise w&auml;ren Preisspekulationen vermieden worden und keine neuen &bdquo;Kriegsgewinnler&ldquo; entstanden.<\/p><p>Das war offensichtlich eine Fehleinsch&auml;tzung. Vorrangig sollten wohl die blockierten Schiffe mit in der Ukraine gelagertem Getreide in See stechen, um die Silos f&uuml;r die neue Ernte zu leeren und durch die erh&ouml;hte Menge an Getreide auf dem Weltmarkt die Preise zu senken. Wie es die Vertreterin der UNO erkl&auml;rt hat, stehen bei dem Abkommen nicht humanit&auml;re, sondern wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund.<\/p><p>Deshalb muss jetzt darauf geachtet werden, wer eigentlich an diesem Getreideexport verdient und ob und wann die Schiffsladungen wirklich in die L&auml;nder gehen, die am meisten darauf angewiesen sind. Zum jetzigen Zeitpunkt entsteht der Eindruck, dass in erster Linie die Ukraine und die gro&szlig;en Konzerne und privaten Investoren von diesem Abkommen profitieren. Wer sp&auml;ter beim &bdquo;Zwischenhandel&ldquo; in den Entwicklungsl&auml;ndern zus&auml;tzlich noch die Hand aufh&auml;lt, bevor das Getreide in den T&ouml;pfen der hungernden Menschen ankommt, kann man nur vermuten.<\/p><p>Titelbild: Elena Larina \/ shutterstock<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86359\">Das Getreide und der Krieg<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85741\">Die US-amerikanische Realpolitik im Ukraine-Krieg und die bisher verdr&auml;ngten Konsequenzen f&uuml;r Deutschland und Europa<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/5ec50f5a96a046b59121d389e45fb250\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. Juli 2022 wurde in Istanbul ein Getreideabkommen zwischen der Ukraine, Russland und der T&uuml;rkei unter Vermittlung der Vereinten Nationen vereinbart. 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