{"id":86911,"date":"2022-08-15T09:17:28","date_gmt":"2022-08-15T07:17:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86911"},"modified":"2022-08-15T10:05:21","modified_gmt":"2022-08-15T08:05:21","slug":"tarifpolitik-und-lohnentwicklung-sind-keine-rechenuebungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86911","title":{"rendered":"Tarifpolitik und Lohnentwicklung sind keine Rechen\u00fcbungen"},"content":{"rendered":"<p>Die momentanen Preissteigerungen sind auch in den Gewerkschaften ein hei&szlig; debattiertes Thema. Fordert man h&ouml;here L&ouml;hne oder w&auml;ren vielleicht auch Einmalzahlungen ein geeigneter Weg, die Preisschocks aufzufangen, ohne &uuml;ber die Lohn-Preisspirale die Inflation anzutreiben? Dazu hatte sich auch Heiner Flassbeck <a href=\"https:\/\/www.relevante-oekonomik.com\/2022\/08\/11\/woran-die-demokratie-schliesslich-scheitern-wird\/\">zu Wort gemeldet<\/a> &ndash; die NachDenkSeiten hatten auf seine Texte in den Hinweisen des Tages verwiesen. <strong>Ralf Kr&auml;mer<\/strong>, Gewerkschaftssekret&auml;r bei ver.di im Bereich Wirtschaftspolitik, widerspricht Flassbeck in einem Gastartikel f&uuml;r die NachDenkSeiten, mit dem wir die Debatte auch unseren Lesern nahebringen wollen.<br>\n<!--more--><br>\nIn seinem Text &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.relevante-oekonomik.com\/2022\/08\/11\/woran-die-demokratie-schliesslich-scheitern-wird\/\">Woran die Demokratie schlie&szlig;lich scheitern wird<\/a>&ldquo; vom 11.08.2022 stellt Heiner Flassbeck zun&auml;chst zutreffend fest, dass die gegenw&auml;rtigen starken Preissteigerungen auf tempor&auml;re Preisschocks durch Lieferprobleme, Knappheiten und Spekulation mit Rohstoffen (v.a. Energie) zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind und nicht auf die Geldpolitik der Zentralbanken mit Niedrigzinsen und Wertpapieraufk&auml;ufen. Es ist auch zutreffend, dass die sehr niedrigen Inflationsraten der vergangenen zwei Jahrzehnte mit der schlechten Lohnentwicklung zu tun haben, die den Besch&auml;ftigten und den Gewerkschaften durch die Arbeitsmarktlage und neoliberale &bdquo;Flexibilisierung&ldquo; der Arbeitsm&auml;rkte (und der damit verbundenen Schw&auml;chung der Lohnabh&auml;ngigen in den Lohnauseinandersetzungen) aufgezwungen wurde. <\/p><p>Allerdings ist schon das zu differenzieren, weil es gilt vor allem f&uuml;r die 2000er Jahre, die durch sinkende Reall&ouml;hne (also preisbereinigt) und eine stark fallende Lohnquote (Anteil der L&ouml;hne am Volkseinkommen) gekennzeichnet waren. In den 2010er Jahren waren durchgehend Reallohnzuw&auml;chse zu verzeichnen, die sogar die gesamtwirtschaftlichen Produktivit&auml;tszuw&auml;chse &uuml;berstiegen und zu einem Wiederanstieg der Lohnquote f&uuml;hrten. Dabei war die Zunahme der effektiven L&ouml;hne in den meisten Jahren sogar h&ouml;her als die der Tarifabschl&uuml;sse (sog. positive Lohndrift). In den 2000er Jahren war die Lohndrift negativ gewesen, es sanken die realen Effektivl&ouml;hne, w&auml;hrend die reale Tarifentwicklung zumeist noch minimal positiv war (aber dennoch erheblich zu niedrig, unter den Produktivit&auml;tssteigerungen). Das war v.a. eine Folge der Ausweitung des Niedriglohnsektors und der abnehmenden Tarifbindung. Wirksame Tarife stabilisieren die Lohnentwicklung und damit auch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220815_Tarifpolitik-01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220815_Tarifpolitik-01.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Das zeigt, dass die Zusammenh&auml;nge zwischen Inflation, Lohnentwicklung und Tarifpolitik nicht ganz so schlicht sind, wie sie bei Flassbeck dargestellt werden. Die mittelfristige Inflation (im Durchschnitt des Konjunkturzyklus, krisenbedingt schwanken die Gewinne st&auml;rker) wird nicht nur von den L&ouml;hnen bestimmt, sondern auch von der Entwicklung der Profitmargen (und der Verm&ouml;genseinkommen). Und auf die Lohnentwicklung wirken auch weitere Faktoren neben der Tariflohnentwicklung ein &ndash; und diese ist wiederum selbst weitgehend gepr&auml;gt durch die &ouml;konomischen Bedingungen. Von den wichtigen Unterschieden in der Entwicklung zwischen verschiedenen Branchen, Besch&auml;ftigtengruppen, Unternehmen je nach Gr&ouml;&szlig;e und individueller Lage usw. ganz abgesehen. <\/p><p>Eine sinkende Lohnquote zeigt an, dass die Profite (und Verm&ouml;genseinkommen) st&auml;rker steigen als die L&ouml;hne, Letztere evt. sogar sinken, und umgekehrt. Es geht also auch um Verteilungsauseinandersetzungen, wobei es zyklen&uuml;bergreifend nur langsame und begrenzte Ver&auml;nderungen gibt. Aber diese werden durchaus bewirkt, der Neoliberalismus und seine Dominanz seit Anfang der 1980er Jahre hatte den Zweck und auch erheblichen Erfolg, die Verteilungsverh&auml;ltnisse zugunsten des v.a. gro&szlig;en Kapitals und zu Lasten der abh&auml;ngig Arbeitenden zu verschieben.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220815_Tarifpolitik-02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220815_Tarifpolitik-02.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Schr&auml;g werden Flassbecks Ausf&uuml;hrungen dann, wo er sich &uuml;ber den Umgang der Gewerkschaften mit der gestiegenen Inflationsrate &auml;u&szlig;ert. Zutreffend ist zun&auml;chst, dass Inflation eine Zuwachsrate des Preisniveaus meint. Diese ist seit Mitte 2021 stark gestiegen, wahrscheinlich wird sie im Jahresdurchschnitt 2022 um oder &uuml;ber sieben Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahr betragen. Im n&auml;chsten Jahr wird die Inflationsrate voraussichtlich wieder sinken, aber mittlerweile sind auch f&uuml;r 2023 jahresdurchschnittlich um die f&uuml;nf Prozent zu erwarten. Auf jeden Fall ist es aber so, dass das Preisniveau (also nicht die Zuwachsrate) insgesamt in den kommenden Jahren erheblich h&ouml;her als 2021 liegen und weiter steigen wird. Das gilt auch, wenn einzelne Preise, etwa f&uuml;r Gas und &Ouml;lprodukte, wieder sinken sollten (auch dann werden sie &uuml;ber dem fr&uuml;heren Niveau bleiben) und die Inflationsrate wieder niedriger wird. Auch das schreibt Flassbeck selbst.<\/p><p>Aber dann schreibt er: &bdquo;Einmalzahlungen der Arbeitgeber oder einmalige Entlastungen der Geringverdiener durch den Staat sind folglich eine ernstzunehmende L&ouml;sung.&ldquo; Ein dauerhaft h&ouml;heres Preisniveau bedeutet aber auch bei wieder geringeren Inflationsraten, dass die Menschen dauerhaft, jeden Monat, jedes Jahr, h&ouml;here und weiter steigende Ausgaben f&uuml;r den gleichen Lebensstandard haben. Um dies auszugleichen, helfen Einmalzahlungen oder einmalige Entlastungen eben nicht, denn die gibt es nur einmalig und im folgenden Monat und Jahr nicht mehr, dann sind sie ausgegeben &ndash; aber die Preise sind eben nicht wieder auf den Stand wie vorher gesunken. Bei den Tarifsteigerungen ist dann wichtig, dass sie &bdquo;tabellenwirksam&ldquo; sind, also dauerhaft und auch als Ausgangsbasis f&uuml;r k&uuml;nftige Steigerungen die Lohntabellen erh&ouml;hen. Das k&ouml;nnen neben prozentualen Erh&ouml;hungen auch Sockelbetr&auml;ge sein, also &uuml;berproportionale Erh&ouml;hungen niedrigerer L&ouml;hne, aber eben keine Einmalzahlungen.<\/p><p>Wenn der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke sagt, &bdquo;wir haben es mit absehbar dauerhaft steigenden Preisen [da steht nicht &bdquo;Inflationsraten&ldquo;, wie Flassbeck offenbar f&auml;lschlich interpretiert, RK] zu tun. Die m&uuml;ssen mit dauerhaft wirkenden Tarifl&ouml;hnen ausgeglichen werden. Alles andere f&uuml;hrt sonst unter dem Strich zu Reallohnverlust. (&hellip;) Einmalzahlungen reichen nicht.&ldquo;, dann hat er damit also v&ouml;llig recht. Wernekes Aussagen sind 100 Prozent zutreffend. Wenn Flassbeck dazu schreibt, &bdquo;Wie gesagt, nichts spricht f&uuml;r dauerhaft steigende Preise&lsquo;.&ldquo;, dann mangelt es hier bei ihm an der Klarheit der Gedanken, was er im Folgenden anderen vorwirft, denn die Preise steigen eben auch bei geringeren Inflationsraten weiter. Nur mit steigenden L&ouml;hnen werden zudem auch die Renten steigen, und auch Grundsicherung, Wohngeld und Baf&ouml;g m&uuml;ssen dauerhaft erh&ouml;ht werden, brauchen mehr als nur einen einmaligen Zuschlag.<\/p><p>Weiter schreibt Flassbeck, wenn es den Gewerkschaften gel&auml;nge, Tarifsteigerungen von acht Prozent durchzusetzen: &bdquo;Die Folge w&auml;re eine Inflationsrate von mindestens acht Prozent im n&auml;chsten Jahr.&ldquo; Auch das ist unzutreffend oder mindestens nicht zwingend, es hinge von mehreren weiteren Faktoren ab. Die einheimischen Lohnkosten machen nur einen gro&szlig;en Teil, aber nicht die Gesamtheit der Produktionskosten aus, und die Preise beinhalten zus&auml;tzlich die Profite. Wenn die Energiekosten wieder s&auml;nken und insgesamt die importierten Preise nicht oder nur noch langsamer stiegen, was Flassbeck selbst erwartet, und wenn die Unternehmen die Lohnsteigerungen nicht vollst&auml;ndig in die Preise &uuml;berw&auml;lzen, sondern auch ihre Margen reduzieren w&uuml;rden, w&auml;ren die Preissteigerungen weitaus niedriger als acht Prozent.<\/p><p>Einem weiteren R&uuml;ckgang der Inflationsraten und dann auch der Lohnsteigerungsraten in den kommenden Jahren st&uuml;nde nichts im Wege. Die Europ&auml;ische Zentralbank w&auml;re keineswegs gezwungen und w&uuml;rde bei einer realistischen Analyse darauf verzichten, mit massiven Zinserh&ouml;hungen zu reagieren und die Wirtschaft in eine versch&auml;rfte Krise zu treiben. Zumal, wie Flassbeck ansonsten selbst immer betont, die EZB die Entwicklung im ganzen Euroraum und nicht nur in Deutschland im Auge hat und die L&ouml;hne hierzulande weiterhin zu niedrig sind. Das zeigt sich an voraussichtlich auch weiterhin hohen Export&uuml;bersch&uuml;ssen (der kr&auml;ftige R&uuml;ckgang in den letzten Monaten ist tempor&auml;r durch Lieferkettenprobleme und das hohe Gewicht der importierten Energiepreise bedingt). Es geht aktuell um die Frage, ob die massiven und f&uuml;r viele unbezahlbaren Preissteigerungen (insb. die einlaufenden Heizkostenabrechnungen) &uuml;berwiegend auf die von L&ouml;hnen und Sozialeinkommen abh&auml;ngigen Menschen abgew&auml;lzt werden oder ob die Kapitalseite und auch kreditfinanziert der Staat einen m&ouml;glichst gro&szlig;en Anteil der Kosten tr&auml;gt.<\/p><p>Zudem schreibt Flassbeck selbst, dass es unrealistisch ist, dass die Gewerkschaften fl&auml;chendeckend so hohe Lohnsteigerungen durchsetzen k&ouml;nnen &ndash; selbst wenn sie sie und vielleicht noch mehr fordern w&uuml;rden. Die durchgesetzten Tariferh&ouml;hungen liegen in der Regel erheblich unter den geforderten, oft etwa bei der H&auml;lfte (wenn man ehrlich rechnet, also bezogen auf jeweils 12 Monate). Wobei das kein Gesetz ist, sondern von vielen Bedingungen abh&auml;ngt, von der jeweiligen Durchsetzungsf&auml;higkeit der Gewerkschaften, die wiederum gepr&auml;gt ist durch den gewerkschaftlichen Organisationsgrad, die Kampfbereitschaft der Besch&auml;ftigten, von den &ouml;konomischen Bedingungen der jeweiligen Unternehmen, Wirtschaftszweige und gesamtwirtschaftlich, sowie auch der gesellschaftlichen und politischen Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Tarifforderungen. Tarifergebnisse werden grunds&auml;tzlich nie von den Gewerkschaften allein bestimmt, sondern sind Vertr&auml;ge mit den Arbeitgebern, Ergebnisse sozialer K&auml;mpfe, Kompromisse vor dem Hintergrund der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse der k&auml;mpfenden Klassen (Marx). Und wie gesagt sind die effektiven Lohnentwicklungen noch mal etwas anderes als die Tarifabschl&uuml;sse.<\/p><p>In der Realit&auml;t der gewerkschaftlichen Tarifpolitik geht es darum, unter Ber&uuml;cksichtigung all dessen die Erwartungen der Besch&auml;ftigten in Forderungen umzusetzen, die mobilisierungsf&auml;hig sind und zugleich nicht zu weit weg vom Realisierbaren. Unsere &Auml;u&szlig;erungen in Arbeitsk&auml;mpfen und in der &Ouml;ffentlichkeit m&uuml;ssen die Forderungen vertreten und begr&uuml;nden und das Selbstbewusstsein, die Argumentationsf&auml;higkeit und die Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen st&auml;rken, f&uuml;r die eigenen Interessen und eine gerechte Sache zu k&auml;mpfen. Niemand ist oder wird Mitglied einer Gewerkschaft und k&auml;mpft f&uuml;r Forderungen, die von vornherein Reallohnverluste oder andere Verschlechterungen bedeuten, h&ouml;chstens, wenn akut noch weit schlimmere Verschlechterungen drohen und um diese abzuwehren. Dabei wissen die Besch&auml;ftigten selbst, dass die Ergebnisse von Tarifverhandlungen hinter den Forderungen zur&uuml;ckbleiben werden und akzeptieren das auch, wenn nachvollziehbar nicht mehr durchsetzbar war, wie die in der Regel hohen Zustimmungsraten bei Abstimmungen &uuml;ber Tarifabschl&uuml;sse belegen.<\/p><p>Tarifpolitik ist keine akademische Rechen&uuml;bung, sondern ein komplexer sozialer Prozess mit vielen Beteiligten, f&uuml;r die es real um etwas geht und die sich daf&uuml;r auch ernsthaft und mit pers&ouml;nlichen Kosten und Risiken bewegen m&uuml;ssen. Das ist kein Geplapper oder Gezwitscher im Internet oder in Publikationen, wo man alles M&ouml;gliche schreiben kann, ohne dass es besondere Folgen h&auml;tte. Leider ist festzustellen, dass viele auch sehr qualifizierte &Ouml;konomen davon offenbar weit weniger Ahnung haben als auf der anderen Seite die Gewerkschaften (wenn man das mal so verallgemeinern will) von relevanter &Ouml;konomik. Vielleicht kann dieser Diskussionsbeitrag ja ein bisschen helfen, das zu &auml;ndern.<\/p><p>Titelbild: riekephotos\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die momentanen Preissteigerungen sind auch in den Gewerkschaften ein hei&szlig; debattiertes Thema. Fordert man h&ouml;here L&ouml;hne oder w&auml;ren vielleicht auch Einmalzahlungen ein geeigneter Weg, die Preisschocks aufzufangen, ohne &uuml;ber die Lohn-Preisspirale die Inflation anzutreiben? 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