{"id":86917,"date":"2022-08-15T10:30:50","date_gmt":"2022-08-15T08:30:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86917"},"modified":"2023-03-12T10:50:41","modified_gmt":"2023-03-12T09:50:41","slug":"wenn-die-ideale-haltung-eines-menschen-ein-gewisses-mass-ueberschreitet-dann-ist-misstrauen-voellig-am-platze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86917","title":{"rendered":"\u201eWenn die ideale Haltung eines Menschen ein gewisses Ma\u00df \u00fcberschreitet, dann ist Misstrauen v\u00f6llig am Platze\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich vor, Sie lernen auf einer Party einen Arzt kennen und fragen diesen, was denn seine Motivation zum Arztberuf gewesen sei. Und der Arzt antwortet: &bdquo;Die Kohle nat&uuml;rlich.&ldquo; Viele Menschen w&auml;ren angesichts so einer Antwort wahrscheinlich schockiert und w&uuml;rden diesen Arzt nicht sympathisch finden &ndash; und sich nicht bei ihm behandeln lassen. Nicht so unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong>. Er meint: So ein Arzt ist ehrlich. Und das sei schon mal eine gute Grundlage. Man sollte sich lieber vor den &bdquo;demonstrativen Menschen- und Menschheitsrettern&ldquo; in Acht nehmen. Denn diese seien oft von gar nicht so sch&ouml;nen Motiven angetrieben.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1342\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-86917-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220815_Wenn_die_ideale_Haltung_eines_Menschen_ein_gewisses_Mass_ueberschreitet_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220815_Wenn_die_ideale_Haltung_eines_Menschen_ein_gewisses_Mass_ueberschreitet_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220815_Wenn_die_ideale_Haltung_eines_Menschen_ein_gewisses_Mass_ueberschreitet_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220815_Wenn_die_ideale_Haltung_eines_Menschen_ein_gewisses_Mass_ueberschreitet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=86917-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220815_Wenn_die_ideale_Haltung_eines_Menschen_ein_gewisses_Mass_ueberschreitet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220815_Wenn_die_ideale_Haltung_eines_Menschen_ein_gewisses_Mass_ueberschreitet_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer pr&auml;gte den Begriff des &bdquo;Helfersyndroms&ldquo; (Wolfgang Schmidbauer, Hilflose Helfer, &Uuml;ber die seelische Problematik der helfenden Berufe). Grob vereinfacht beschreibt er darin, dass Menschen, die in Helferberufen arbeiten, dies gar nicht so selten deshalb tun, um eigene seelische Besch&auml;digungen oder unerf&uuml;llte seelische Bed&uuml;rfnisse zu kompensieren. Warum sind Helferberufe dabei hilfreich? Weil der Helfer immer die Rolle des Starken, Wissenden, &uuml;ber den Dingen Stehenden hat &ndash; und sich dementsprechend stark, sicher und souver&auml;n f&uuml;hlen kann. Und seine eigenen Gef&uuml;hle von Schw&auml;che, Hilflosigkeit und Bed&uuml;rftigkeit verdr&auml;ngen oder abspalten kann &ndash; solange er in der Rolle bleiben kann. Denn<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;seine pers&ouml;nlichen Beziehungen, seine eigene Partner- oder Elternschaft sind ebenso unvollkommen und gest&ouml;rt wie die seiner Klienten&ldquo; (Schmidbauer, S. 218).\n<\/p><\/blockquote><p>Das Problem beim Helfersyndrom-Helfer (und das ist jetzt meine Interpretation, die m&ouml;glicherweise von Schmidbauers Sicht etwas abweicht): Er hat eigentlich kein echtes Interesse daran, dass sein Klient oder Patient gesund wird oder psychisch erstarkt. Denn er braucht bed&uuml;rftige und schwache Menschen um sich, um sich selbst stark und selbstbewusst f&uuml;hlen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Auch in der Politik gibt es so etwas wie ein Helfersyndrom. Es &auml;u&szlig;ert sich darin, dass Politiker oder politische Aktivisten sich mit gro&szlig;er moralischer Geste f&uuml;r die Benachteiligten, Ausgebeuteten, Unterdr&uuml;ckten oder die Rettung der Erde oder der Menschheit engagieren. Kurz: F&uuml;r das Gute.<\/p><p><strong>Leiden Linke unter einem Helfersyndrom?<\/strong><\/p><p>Viele Leser werden jetzt wahrscheinlich fragen: Wollen Sie etwa behaupten, dass Linke, die diese Agenda verfolgen, unter einem Helfersyndrom leiden? Meine Antwort: Nein, wenn es sich um &bdquo;echte&ldquo; Linke handelt. Und das sind Linke, die sich f&uuml;r oder gegen etwas engagieren, weil es in ihrem <em>politischen Interesse<\/em> liegt.<\/p><p>Der 2015 verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr, einer der Architekten der Ostpolitik der SPD, hat dies einmal gut auf den Punkt gebracht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ein Politiker anf&auml;ngt, &uuml;ber &sbquo;Werte&rsquo; zu schwadronieren, anstatt seine Interessen zu benennen, wird es h&ouml;chste Zeit, den Raum zu verlassen&ldquo; (Zitiert nach Michael L&uuml;ders: Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos st&uuml;rzte, C. H. Beck-Verlag, M&uuml;nchen 2017).\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Satz von Egon Bahr l&auml;sst ein Konzept wie die &bdquo;werteorientierte Au&szlig;enpolitik&ldquo; als das erscheinen, was es ist: scheinheilig. Egon Bahr hat dies anl&auml;sslich einer Diskussion mit Sch&uuml;lern in der Ebert-Gedenkst&auml;tte in Heidelberg auch noch mal anders auf den Punkt gebracht. Dort gab er den Sch&uuml;lern Folgendes mit auf den Weg:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erz&auml;hlt.&ldquo; (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung vom 04.12.2013)\n<\/p><\/blockquote><p>Sind Menschen, die ihr politisches Engagement mit einem Ideal begr&uuml;nden, sich also zum Beispiel f&uuml;r Demokratie oder Naturschutz engagieren wollen, also immer Scheinheilige? Nein, das w&auml;re nun auch &uuml;bertrieben. Es geht nicht nur um handfeste materielle Interessen oder nur um Machtaus&uuml;bung, sondern auch um ideelle Werte oder weltanschauliche Grundhaltungen.<\/p><p>Also zum Beispiel, dass man es nicht mitangucken kann, wenn Tiere grausam an der Verm&uuml;llung der Meere durch Plastik verenden. Etwa wenn V&ouml;gel kleine Plastikteile f&uuml;r Beutetiere halten und an ihre Jungen verf&uuml;ttern. Oder Delphine oder Schildkr&ouml;ten sich in Fischernetzen oder anderem Plastikm&uuml;ll verheddern.<\/p><p>Au&szlig;erdem gibt es durchaus eine gesunde Form von Macht- und Geltungsstreben. Denn Macht zu haben, mitmischen zu k&ouml;nnen, Einfluss aus&uuml;ben zu k&ouml;nnen, etwas zu gelten, das macht auch Spa&szlig;. Und das muss man keineswegs negativ bewerten. Denn es gibt auch eine gesunde Form narzisstischer Best&auml;tigung, die Freude an der Selbstwirksamkeit und Selbstentfaltung. Ehrgeiz muss also nicht unbedingt &bdquo;psychologisch verd&auml;chtig&ldquo; sein. Aber wie gesagt: Auch die Altruisten handeln nicht nur selbstlos.<\/p><p>Wer dies leugnet und vorgibt, aus rein altruistischen Motiven Gutes tun zu wollen, der macht sich selbst etwas vor. Der Arzt und Psychologe Alfred Adler (und Begr&uuml;nder der Individualpsychologie) hat dies sehr sch&ouml;n in seinem Buch &bdquo;Menschenkenntnis&ldquo; auf den Punkt gebracht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn die ideale Haltung eines Menschen ein gewisses Ma&szlig; &uuml;berschreitet, wenn seine G&uuml;te und Menschlichkeit Formen annimmt, die schon auff&auml;llig sind, dann ist Misstrauen vollst&auml;ndig am Platz.&ldquo; (Alfred Adler, Menschenkenntnis).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die dunklen Seiten der Guten<\/strong><\/p><p>Ein gutes Beispiel daf&uuml;r ist die katholische Ordensschwester Mutter Teresa, die international ber&uuml;hmt wurde f&uuml;r ihre Hilfeleistungen f&uuml;r Arme, Obdachlose, Kranke und Sterbende. 1979 bekam sie f&uuml;r ihre Arbeit den Friedensnobelpreis. In der Katholischen Kirche wird Mutter Teresa als Heilige verehrt und galt lange Zeit als Vorbild f&uuml;r N&auml;chstenliebe und Hilfsbereitschaft. Mittlerweile jedoch haben Wissenschaftler, die ihre Arbeit durchleuchteten, begr&uuml;ndete Zweifel daran. Bei Wikipedia hei&szlig;t es dazu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Inzwischen sind aber sowohl ihre Arbeit als auch ihre Person umstritten, unter anderem wegen der sozialen und hygienischen Zust&auml;nde in den von ihrem Orden betriebenen Sterbeh&auml;usern, der intransparenten Verwendung von Spendengeldern sowie dem vermuteten Hauptziel der Missionierung anstatt der bedingungslosen Hilfe&ldquo; (Wen das Thema interessiert: Bei Wikipedia finden sich Literaturhinweise mit kritischen Texten zur Arbeit Mutter Teresas).\n<\/p><\/blockquote><p>Wikipedia zitiert u. a. den Autor Aroup Chatterjee. Nach dessen Recherchen seien leicht heilbare Patienten vom Sterbehaus nicht immer in ein Krankenhaus eingewiesen worden, sondern es sei ihnen bisweilen durch die Behandlung im Sterbehaus wom&ouml;glich sogar geschadet worden, beispielsweise durch die Verwendung nicht sterilisierter, mehrfach verwendeter Spritzen. Weiterhin soll die Gabe von Schmerzmitteln untersagt worden sein. Laut Mutter Teresa sei durch das Leid eine besondere N&auml;he zu Jesus Christus erfahrbar, Schmerzen und Leiden daher positiv zu bewerten. W&auml;hrend sie selbst laut des Autoren Serge Lariv&eacute;e kurz vor ihrem Tod palliativmedizinische Methoden in Anspruch genommen habe, um ihr Leiden lindern zu lassen.<\/p><p>Ich halte diese kritischen Berichte durchaus f&uuml;r glaubhaft. Denn nach meiner Erfahrung sind Menschen, die demonstrativ ihr &bdquo;Gutsein&ldquo; zur Schau tragen, mit &auml;u&szlig;erster Vorsicht zu genie&szlig;en. Dahinter stehen oft ganz und gar nicht altruistische Motive, sondern verdr&auml;ngte Triebe aggressiver Natur (zum Beispiel das Streben nach Macht, Geltung oder Besitz). Solche Triebe sind nicht an sich schlecht. Sie werden nur zum Problem, wenn sie verdr&auml;ngt und verleugnet werden und keiner bewussten Kontrolle und Einbindung unterliegen. <\/p><p>Ein gutes Beispiel daf&uuml;r ist die Verleugnung und Unterdr&uuml;ckung sexueller Bed&uuml;rfnisse von Geistlichen in der Katholischen Kirche. Oder wie ist es anders zu erkl&auml;ren, dass es ausgerechnet in der Katholischen Kirche zu massenhaftem Kindesmissbrauch durch Geistliche kommen konnte? Die Ursache daf&uuml;r ist oft, und hier wird es psychoanalytisch, ein strenges &Uuml;ber-Ich, das ganz nat&uuml;rliche triebhafte Reaktionen verbietet. Menschen d&uuml;rfen dann keine &bdquo;b&ouml;sen&ldquo; Gedanken oder Gel&uuml;ste haben. Das gilt nicht nur f&uuml;r Sexualit&auml;t. Es gibt auch noch andere Formen der Askese, die Menschen wie eine katholische Monstranz des moralisch einwandfreien Lebens vor sich her tragen. Etwa den Veganismus, wenn er fanatisch betrieben wird.<\/p><p><strong>Wozu &bdquo;moralische&ldquo; Menschen f&auml;hig sind<\/strong><\/p><p>Wohin die Selbstgerechtigkeit von Moralaposteln f&uuml;hren kann, daf&uuml;r findet sich ein Beispiel in einem Buch des Psychoanalytikers Arno Gruen. Er zitiert aus einem Bericht &uuml;ber einen Fall, der sich am 7. Februar 1968 im US-Staat Arizona ereignete. Es geht um eine junge Frau namens Linda:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Linda kam nach einer Tanzveranstaltung in Tempe am Freitagabend nicht nach Hause. Am Samstag gab sie zu, die Nacht mit einem Leutnant der Luftwaffe verbracht zu haben. Die Eltern beschlossen eine Strafe, die Linda eine Lehre sein sollte. Sie befahlen ihr, den Hund zu erschie&szlig;en, der ihr seit zwei Jahren geh&ouml;rte. Am Sonntag brachten sie Linda und den Hund in die W&uuml;ste in der N&auml;he ihres Hauses. Das M&auml;dchen musste ein Grab schaufeln, dann hielt die Mutter den Hund fest. Der Vater gab seiner Tochter eine Pistole und befahl ihr, den Hund zu erschie&szlig;en. Stattdessen setzte das M&auml;dchen aber die Pistole an ihre rechte Schl&auml;fe und erschoss sich selbst&ldquo; (Arno Gruen, Wider den Gehorsam, Stuttgart 2014, S. 66).\n<\/p><\/blockquote><p>So ein grausames Verhalten (der Eltern) ist das Ergebnis moralisierenden Schwarz-Wei&szlig;-Denkens. Dabei spielt es keine Rolle, ob es, wie in diesem Fall, um eine stockkonservative Moral geht oder um eine liberale, &bdquo;weltoffene&ldquo; Moral. Nicht die Inhalte sind entscheidend, sondern das rigide Unterscheiden zwischen &bdquo;gut&ldquo; und &bdquo;b&ouml;se&ldquo;. Anders ausgedr&uuml;ckt: Die politisch Korrekten sind mit ihren rigiden Forderungen und Verhaltensweisen den Eltern aus diesem Fallbeispiel weitaus &auml;hnlicher, als ihnen lieb sein wird. Hinter ihrer moralischen Fassade verbirgt sich eine enorme Feindseligkeit und Lust an der Vernichtung, die totalit&auml;re Z&uuml;ge hat.<\/p><p>Ein gutes Beispiel daf&uuml;r berichtete k&uuml;rzlich der Literaturwissenschaftler Torsten Teichert. Dieser war fr&uuml;her Sozialdemokrat und pers&ouml;nlicher Referent des ehemaligen Hamburger B&uuml;rgermeisters Klaus von Dohnanyi. Er trat aus der SPD aus und war f&uuml;r genau 97 Tage Mitglied bei der Linkspartei. In einem Interview mit dem Magazin Cicero (<a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/innenpolitik\/interview-mit-ex-spd-politiker-torsten-teichert-die-linke-scholz-spd\">siehe hier<\/a>) beschrieb er, wie es ihm dort erging:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe in einer Rede Jeremy Corbyn erw&auml;hnt, den ehemaligen britischen Labour-Chef. Ein junger Mann warf mir deswegen in Anwesenheit des gesamten Bezirksvorstands vor, ich solle mich gef&auml;lligst von Corbyn distanzieren, weil er Antisemit sei, sonst st&uuml;nde ich selbst unter Verdacht, ein Antisemit zu sein. Ich pers&ouml;nlich halte Corbyn nicht f&uuml;r einen Antisemiten, wei&szlig; aber, dass es auch andere Meinungen gibt. Interessant ist die Zwangslogik, die aus den Verd&auml;chtigungen entsteht: Ich muss uns jetzt beweisen, dass ich kein Antisemit bin. Sie sehen: Es geht schnell ins Pers&ouml;nliche &uuml;ber, und diese Attacken kommen ganz stark aus der Bewegungslinken, deren Vertreter die reine Lehre der vier heiligen S&auml;ulen vertreten (Teichert meint sogenannte &bdquo;Bewegungslinke&ldquo;, die sich kaum f&uuml;r &ouml;konomische Verteilungsfragen interessieren, daf&uuml;r aber um so mehr f&uuml;r Antirassismus, Feminismus, Migrationsverbundenheit und &Ouml;kologie; UB). Zwischen diesen, die ja offenbar in der Mehrheit sind, und dem Wagenknecht-Fl&uuml;gel gibt es keine B&uuml;ndnisse mehr. <strong>Denunziationen stehen auf der Tagesordnung.<\/strong> Die Partei ist so mit sich besch&auml;ftigt, dass sie ihren eigentlichen Gegner aus den Augen verliert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So eine Kombination aus Feindseligkeit, Herrschsucht und B&ouml;sartigkeit bei gleichzeitig hochmoralischer Fassade ist typisch f&uuml;r Menschen, die in ihrer Kindheit nicht &bdquo;b&ouml;se&ldquo; sein oder um etwas konkurrieren oder k&auml;mpfen durften, sondern immer &bdquo;gut&ldquo; sein mussten. Diese Menschen konnten also ihre Aggression nicht offen zeigen und deshalb auch nicht lernen, sie konstruktiv zu integrieren und in vern&uuml;nftige Bahnen zu lenken. Aber was psychisch unterdr&uuml;ckt oder verdr&auml;ngt wird, ist nicht verschwunden. Und so kommen die Agressionen der &bdquo;Guten&ldquo; unter dem Deckmantel des moralisch Guten wieder zum Vorschein. Dann aber oft um so b&ouml;sartiger.<\/p><p><strong>Wenn man im Spiegel etwas sieht, was man nicht wahrhaben will<\/strong><\/p><p>Ein Beispiel daf&uuml;r w&auml;re die Kabarettistin Sarah Bosetti, die in sehr feindseliger Weise gegen Ungeimpfte hetzte und diese mit einem Blinddarm verglich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;W&auml;re die Spaltung der Gesellschaft wirklich etwas so Schlimmes? Sie w&uuml;rde ja nicht in der Mitte auseinanderbrechen, sondern ziemlich weit rechts unten. Und so ein Blinddarm ist ja nicht im strengeren Sinne essentiell f&uuml;r das &Uuml;berleben des Gesamtkomplexes&ldquo; (Quelle: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/sarahbosetti\/status\/1466829037645582341?lang=de\">Bosettis Twitterseite<\/a>).\n<\/p><\/blockquote><p>Der CDU-Politiker Arnold Vaatz sah darin &bdquo;Vernichtungsphantasien gegen Menschen&ldquo; und meinte, hier w&uuml;rde offen eine Argumentationskette der Nazis aufgegriffen und verwies auf eine &auml;hnliche &Auml;u&szlig;erung des SS-Arztes Fritz Klein. Dieser verglich Juden mit einem eiternden Blinddarm, der aus dem Volksk&ouml;rper entfernt werden m&uuml;sse. Deshalb legte er eine Programmbeschwerde beim ZDF ein, das Bosetti mit diesem Satz in einer Sendung auftreten lassen hatte.<\/p><p>Man kann nat&uuml;rlich dar&uuml;ber streiten, ob man dies gleichsetzen kann. Aber wer sich mit dem Thema &bdquo;Politik und Sprache&ldquo; besch&auml;ftigt hat, der wei&szlig;, dass K&ouml;rpermetaphern nahezu immer ein sprachliches Symptom f&uuml;r Hass und Gewaltbereitschaft sind. Das sollten eigentlich gerade Linke wissen, die st&auml;ndig einen rassistischen Sprachgebrauch anprangern. Aber genau das ist das T&uuml;ckische unbewusster Triebregungen: Sie entziehen sich der bewussten Kontrolle und bahnen sich einen Weg ans Tageslicht. Wenn ein Mensch das, was er wirklich denkt, verbergen will oder seine wirkliche Haltung sogar vor sich selbst verleugnet, hinterl&auml;sst sein Denken bzw. seine wahre Haltung doch Spuren in seiner Sprache. Und wenn er sich noch so sehr dagegen wehrt.<\/p><p>Als nach dieser &Auml;u&szlig;erung Bosettis ein Shitstorm gegen sie losbrach, war dies aus Bosettis Sicht nat&uuml;rlich das Werk b&ouml;ser Rechtsradikaler (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=d4QIFFS53Rc\">siehe dazu Bosettis Video auf Youtube hier<\/a>). Bosetti konnte nicht ertragen, was sie unfreiwillig &uuml;ber sich offenbart hatte. In ihrem &bdquo;Entschuldigungsvideo&ldquo; erkl&auml;rte sie, &bdquo;Blinddarm&ldquo; sei kein &bdquo;belastetes&ldquo; Wort wie etwa das &bdquo;N-Wort&ldquo;. Und sie habe das Wort nicht wie ein Nazi gebraucht. Menschen mit K&ouml;rperteilen zu vergleichen, sei ja nicht un&uuml;blich. Ein Blinddarm sei nichts Negatives.<\/p><p>Mit anderen Worten: Sie hatte nicht die geringsten Zweifel an sich und dem, was ihre Sprache &uuml;ber sie verriet. Stattdessen stilisierte sie sich zum Opfer eines rechtsradikalen Shitstorms und beklagte, dass in der &Ouml;ffentlichkeit jetzt immer in Bezug auf sie wieder ein Gef&uuml;hl des &bdquo;Da war doch mal was&ldquo; von Leuten wiederbelebt w&uuml;rde, die selber zu Recht f&uuml;r ihre eigene, <em>echte<\/em> Menschenfeindlichkeit kritisiert w&uuml;rden. Dass ihre Hetze gegen Ungeimpfte vielleicht Ausdruck eines menschenfeindlichen Hasses gewesen sein k&ouml;nnte: auf diesen Gedanken kam Bosetti in ihrem Rechtfertigungsvideo nicht.<\/p><p>So sind sie, die Moralisten. Ambivalenz k&ouml;nnen sie nicht ertragen. Erst recht nicht, wenn es sie selbst und ihr Verhalten betrifft. Sie selbst sind stets nur die Guten. Basta! Und die Anderen die B&ouml;sen. Und wehe, ein Anderer hat eine andere Meinung: Der ist b&ouml;se.<\/p><p>Und das macht sie so gef&auml;hrlich. Denn wer keine anderen Meinungen ertragen kann, neigt dazu, diese zu unterdr&uuml;cken, wenn er die Macht dazu hat. So wie es jetzt von der Bundesinnenministerin Nancy Faeser vorgemacht wird. Sie hat eine neue Kategorie in den Verfassungsschutzbericht einf&uuml;hren lassen. Dort gibt es jetzt die Kategorie &bdquo;Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates&ldquo;. Dort hei&szlig;t es unter anderem:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese Form der Delegitimierung erfolgt meist nicht durch eine unmittelbare Infragestellung der Demokratie als solche, sondern &uuml;ber eine st&auml;ndige Agitation gegen und Ver&auml;chtlichmachung von demokratisch legitimierten Repr&auml;sentantinnen und Repr&auml;sentanten sowie Institutionen des Staates und ihrer Entscheidungen. Hierdurch kann das Vertrauen in das staatliche System insgesamt ersch&uuml;ttert und dessen Funktionsf&auml;higkeit beeintr&auml;chtigt werden. Eine derartige Agitation steht im Widerspruch zu elementaren Verfassungsgrunds&auml;tzen wie dem Demokratieprinzip oder dem Rechtsstaatsprinzip&ldquo; (Verfassunsschutzbericht 2021, S. 112).\n<\/p><\/blockquote><p>Man ist also ein Verfassungs- und Demokratiefeind, wenn man es wagt, die Regierung, eine Beh&ouml;rde oder sonstige Institutionen des Staates oder einen Repr&auml;sentanten des Staates zu kritisieren. Da bin ich wohl mein Leben lang falsch informiert gewesen oder habe in der Schule nicht richtig aufgepasst. Ich dachte n&auml;mlich immer, genau das, dass man eine Regierung kritisieren und delegitimieren darf, genau das sei die Essenz von Demokratie. Und das Umgekehrte, wenn Kritiker der Regierung von eben dieser als Staatsfeinde behandelt werden, dass das typisch sei f&uuml;r autorit&auml;re und totalit&auml;re Staaten.<\/p><p>Aber da muss ich mich wohl geirrt haben. Und es ist nat&uuml;rlich vollkommen demokratisch und verfassungskonform, wenn vor Demonstrationen gewarnt wird. So wie das ein Sprecher des Hamburger Verfassungsschutzes bez&uuml;glich einer neu angemeldeten Demonstration gemacht hat. Das Motto der Demonstration: &bdquo;F&uuml;r Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung &ndash; gegen Spaltung und Extremismus&ldquo;. Das geht nat&uuml;rlich zu weit. Davor musste der Verfassungsschutz nat&uuml;rlich warnen. Und das tat ein Sprecher desselben dann auch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Niemand hat etwas gegen Demonstrationen, die Versammlungsfreiheit ist und bleibt ein hohes Gut in unserer Demokratie. Aber wer am Samstag dort in Niendorf und Poppenb&uuml;ttel mitmacht, steht Seite an Seite mit <strong>Feinden unserer Demokratie<\/strong>&ldquo; (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.mopo.de\/hamburg\/polizei\/verfassungsschutz-warnt-vor-demos-in-hamburg-feinde-unserer-demokratie\/\">mopo.de<\/a>).\n<\/p><\/blockquote><p>Aha. Mir f&auml;llt dazu ein ber&uuml;hmter Satz ein: &bdquo;Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.&ldquo; Und wir wissen ja alle: Es ist auch niemals eine Mauer gebaut worden.<\/p><p>Titelbild: Triff\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/fbfd8c3c1e184ecea34ffa800607622a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich vor, Sie lernen auf einer Party einen Arzt kennen und fragen diesen, was denn seine Motivation zum Arztberuf gewesen sei. Und der Arzt antwortet: &bdquo;Die Kohle nat&uuml;rlich.&ldquo; Viele Menschen w&auml;ren angesichts so einer Antwort wahrscheinlich schockiert und w&uuml;rden diesen Arzt nicht sympathisch finden &ndash; und sich nicht bei ihm behandeln lassen. 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