{"id":87,"date":"2003-12-05T18:06:40","date_gmt":"2003-12-05T16:06:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=87"},"modified":"2024-10-13T01:22:16","modified_gmt":"2024-10-12T23:22:16","slug":"eichels-kritiker-reden-viel-unsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87","title":{"rendered":"Eichels Kritiker reden viel Unsinn"},"content":{"rendered":"<p>Eichels Kritiker reden viel Unsinn. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> &ndash; Au&szlig;enansicht<br>\n<!--more--><br>\nDie &ouml;ffentliche Meinungsbildung in Europa hat ein Problem. Selbst sehr komplizierte Fragen werden nicht sachlich und differenziert debattiert. Es wird ma&szlig;los &uuml;bertrieben, es wird &ndash; auch in sensiblen W&auml;hrungsfragen &ndash; ohne R&uuml;cksicht auf empfindliche und teure Folgen agitiert.<\/p><p>Jetzt gab es wieder einen solchen Disput. Weil der deutsche Finanzminister in Br&uuml;ssel die Aussetzung eines Strafverfahrens gegen Deutschland wegen Verletzung des Kreditlimits von drei Prozent erwirkt hat, spricht Guido Westerwelle von einer Katastrophe f&uuml;r den Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt und empfiehlt der Kommission eine Klage gegen Deutschland. Der Bundesbank-Pr&auml;sident sieht eine der S&auml;ulen der W&auml;hrungsunion ins Wanken geraten, sein Stellvertreter prognostiziert einen erheblichen Glaubw&uuml;rdigkeits- und Vertrauensverlust, Norbert Walter von der Deutschen Bank sieht einen Todessto&szlig; gegen den Stabilit&auml;tspakt, f&uuml;r Roland Koch ist er schon tot, nach Edmund Stoiber &uuml;bernimmt Deutschland auch das Gesch&auml;ft des Totengr&auml;bers, Angela Merkel meint, Schr&ouml;der und Eichel h&auml;tten sich systematisch am Erbe der Deutschen Mark vers&uuml;ndigt.<\/p><p>Diese starken Worte werden der Komplexit&auml;t des Problems nicht gerecht. Der Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt hat bisher nicht geholfen, dem zweiten Teil seines Namens gerecht zu werden. An der Wachstumsschw&auml;che kann man sich aber nicht einfach vorbeimogeln.<\/p><p>Zweierlei ist dar&uuml;ber hinaus besonders bemerkenswert an der Debatte: Das Erste ist ein gef&auml;hrlicher Denkfehler und das Zweite eine grenzenlose Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen in Br&uuml;ssel. Das Zweite zuerst: Wenn der f&uuml;r Konjunktur und W&auml;hrung zust&auml;ndige Kommissar nach einer Mehrheitsentscheidung des Finanzministerrates davon spricht, damit werde gegen Geist und Regeln des Stabilit&auml;tspaktes versto&szlig;en und er erw&auml;ge eine Klage beim Europ&auml;ischen Gerichtshof, dann hat er die sensible Stimmungslage in der europ&auml;ischen Wirtschaft und die Sensibilit&auml;t von W&auml;hrungsfragen nicht begriffen. Sein Job w&auml;re, alles zu vermeiden, was Spekulationen auf den M&auml;rkten anheizen k&ouml;nnte. Er tut das Gegenteil. Pedro Solbes sollte seinen Hut nehmen. <\/p><p>Nun zum bemerkenswerten Denkfehler, der hinter dem lauten Wehklagen &uuml;ber die Br&uuml;sseler Entscheidung steckt. Wenn eine Familie beschlie&szlig;t, 500 Euro im Jahr zus&auml;tzlich zu sparen, dann schaffen sie es in der Regel; sie geben nicht mehr aus, streichen die Ferien etcetera. Wenn aber der Bundesfinanzminister &ndash; wie vor drei Jahren unter Beifall und Kopfnicken der meisten oben Zitierten geschehen &ndash; beschlie&szlig;t, den &ldquo;Konsolidierungskurs fortzusetzen&rdquo;, obwohl es Zeichen f&uuml;r eine beginnende Rezession gibt, dann verst&auml;rkt er diese gef&auml;hrlichen Tendenzen und macht seinen eigenen Konsolidierungserfolg zunichte. Was einzelwirtschaftlich vern&uuml;nftig ist, kann gesamtwirtschaftlich je nach Lage total falsch sein.<\/p><p>Auf heute angewandt: Es ist ein schwerer Fehler zu glauben, Deutschland w&uuml;rde weniger Schulden machen, wenn Eichel, wie von Solbes verlangt, die sechs Milliarden zus&auml;tzlich einspart. Volkswirtschaftlich betrachtet folgt eben aus der Sparabsicht nicht in jeder Lage der Sparerfolg. Dies zu lernen hat Eichel immerhin von 1999 bis heute gebraucht. Daf&uuml;r haben wir mit dem Verlust an Volkseinkommen, Arbeitslosigkeit und h&ouml;heren Schulden bezahlt. Aber er hat es immerhin gelernt. Die meisten anderen leider noch nicht. Eichel kann wegen seiner Weigerung zur weiteren Haushaltsk&uuml;rzung am Ende des Jahres m&ouml;glicherweise mehr gespart haben als mit der Methode Solbes. <\/p><p>Wenn man die Struktur des Denkfehlers begriffen hat, wird man in der aktuellen Debatte immer wieder Einlassungen entdecken, die den Charakter von Nonsens-S&auml;tzen haben. Wenn jemand fordert, Eichel solle seinen Konsolidierungskurs durch Einsparungen fortsetzen, oder wenn die Bundesregierung sich entschuldigt, sie m&uuml;sse jetzt mehr Schulden machen, um die Stagnation zu &uuml;berwinden, dann ist das einfach Nonsens. Wir machen ja, wenn wir so die Stagnation &uuml;berwinden, am Ende nicht mehr Schulden, sondern weniger. Und Eichels bisheriger Konsolidierungskurs war ja auch nur ein deklarierter und kein tats&auml;chlicher. Also k&ouml;nnen wir froh sein, wenn er diese Absichtserkl&auml;rungskonsolidierung k&uuml;nftig sein l&auml;sst. <\/p><p>Dass der Denkfehler so unwidersprochen und oft gemacht wird, hat etwas mit Verlust an kritischer Substanz zu tun. Der kritische Geist hat sich davongemacht. Eine offene differenzierte und tabufreie Debatte ist kaum mehr m&ouml;glich. Das gilt vor allem f&uuml;r die heute so in die Mitte des Geschehens ger&uuml;ckten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen. &Uuml;berall festgezurrte Meinungen. Und dazu Glaubenskrieger, die sofort zuschlagen, wenn sich irgendwo Zweifel regen. <\/p><p>Man darf nicht sagen, wir h&auml;tten ein Konjunkturproblem und m&uuml;ssten endlich gegensteuern. Wehe, man deutet die Gefahr einer prozyklischen Spirale nach unten an und erinnert gar an Br&uuml;ning. Sollte man es gar wagen, zu er&ouml;rtern, ob es angesichts der Massenarbeitslosigkeit und der explodierenden Zahl von Insolvenzen, die massenweise entmutigte Unternehmer und finanziell sowie psychisch ruinierte Familien hinterlassen, nicht sinnvoll w&auml;re, leichte Preissteigerungen hinzunehmen, wenn damit eine gute Konjunktur leichter zu erreichen und zu sichern w&auml;re, dann wird man unter Kuratel gestellt. W&uuml;rde man gar fragen, ob f&uuml;nf Prozent Preissteigerung nicht leichter zu ertragen sind als f&uuml;nf Prozent Arbeitslosigkeit, man w&uuml;rde aus dem Tempel gejagt. <\/p><p>In einer aufgekl&auml;rten Gesellschaft m&uuml;sste es nach so langer Erfahrung mit gro&szlig;en unausgesch&ouml;pften Produktionspotenzialen erlaubt sein, &uuml;ber alle M&ouml;glichkeiten offen zu sprechen. Es m&uuml;sste ja nicht gleich Recht bekommen, wer dazu ermuntert, die realen Folgen der hohen Arbeitslosigkeit gegen die realen Folgen leichter Preissteigerungen abzuw&auml;gen. Dennoch: Keine Gnade. Auch eine abgewogene differenzierte Betrachtung rettet den Zweifler an der Weisheit der herrschenden Schule nicht. Die Meinungsbildung zu solch wichtigen Fragen ist fest im Griff einer mafia&auml;hnlichen Gruppe von Wissenschaftlern, Bankern, politischen Beamten, Politikern und Publizisten. Der kritische Geist beugt sich. <\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r andere Fragen unserer Zeit. So ist es heute Mode zu sagen, wir h&auml;tten ein demographisches Problem. Wehe man weist darauf hin, dass wir auch in 50 Jahren noch ein sehr dicht besiedeltes Land sein werden. Heute ist es Mode, den Generationenkonflikt anzuheizen. Wenn dann einer wie der Frankfurter Professor Richard Hauser unl&auml;ngst bei einer Tagung in M&uuml;nchen vorrechnet, dass der bisher immer erreichte Produktivit&auml;tszuwachs von 1,5 Prozent j&auml;hrlich ausreichen w&uuml;rde, um auf Jahrzehnte hinaus die arbeitende Bev&ouml;lkerung und die Rentnergeneration besserzustellen, dann wird diese, die modische Dramatik d&auml;mpfende Information einfach ignoriert.<\/p><p><em>&copy; S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eichels Kritiker reden viel Unsinn. 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