{"id":8707,"date":"2011-03-17T10:22:55","date_gmt":"2011-03-17T09:22:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8707"},"modified":"2014-08-12T11:31:12","modified_gmt":"2014-08-12T09:31:12","slug":"storfall-mappus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8707","title":{"rendered":"St\u00f6rfall Mappus"},"content":{"rendered":"<p>Die momentan angedachte Kehrtwende in der Atompolitik ist f&uuml;r Stefan Mappus nicht nur ein ideologischer GAU. Unter der Regie von Mappus investiert das Land Baden-W&uuml;rttemberg momentan rund sechs Milliarden Euro in Deutschlands gr&ouml;&szlig;tes Kernkraftunternehmen &ndash; die EnBW. Was bereits ohne Wende in der Atompolitik eine riskante Spekulation mit dem Geld des Steuerzahlers darstellt, erscheint im Lichte der aktuellen Diskussion als gigantisches Fehlmanagement. Die Rechnung wird in jedem Falle der Steuerzahler bezahlen. Schlauerweise hat Mappus jedoch daf&uuml;r gesorgt, dass das Ausma&szlig; der Verluste erst nach den Landtagswahlen offenbar wird. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nEine Abschaltung von Neckarwestheim I sei &bdquo;v&ouml;llig indiskutabel&ldquo; und w&auml;re &bdquo;das schiere Gegenteil von dem, was man unter Redlichkeit in der Politik versteht&ldquo;. Diese Worte <a href=\"http:\/\/www.themenportal.de\/nachrichten\/mappus-abschaltung-von-neckarwestheim-i-voellig-inakzeptabel-27270\">stammen<\/a> von Stefan Mappus &ndash; dem Mann, der an diesem Montag eine sagenhafte 180&deg;-Wende hingelegt hat und das Uraltkraftwerk Neckarwestheim I dauerhaft vom Netz genommen hat. Ist Mappus nun das Gegenteil von Redlichkeit in der Politik? Dem mag so sein, die Entscheidung, Neckarwestheim vom Netz zu nehmen, war dennoch korrekt. Paradoxerweise wird diese Entscheidung dem Steuerzahler jedoch noch arge Kopfschmerzen bereiten. Betreiber des Kernkraftwerks Neckarwestheim I ist die EnBW und die geh&ouml;rt seit wenigen Tagen mehrheitlich dem Land Baden-W&uuml;rttemberg. Die EnBW betreibt in Neckarwestheim und Philippsburg jeweils zwei Reaktoren. Neben Neckarwestheim I steht auch Philippsburg I auf der aktuellen Liste der Altreaktoren, die nun auf Wunsch der Bundesregierung vor&uuml;bergehend vom Netz genommen werden.<\/p><p>Wenn es in Deutschland einen &bdquo;Atomkonzern&ldquo; gibt, so ist dies die EnBW. Nach <a href=\"http:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.kernkraftwerke-enbw-entgeht-ein-millionengewinn.59ead1b7-b2b3-446f-9690-c911c972f4bd.html\">Brancheninformationen<\/a> f&auml;hrt sie 90% ihres Gewinns durch die Stromproduktion ein, 75% davon stammt aus den Atommeilern. Kein anderer Stromversorger hat einen derart hohen Atomstromanteil wie die EnBW &ndash; mehr als die <a href=\"http:\/\/www.enbw.com\/content\/de\/investoren\/_media\/_pdf\/gb_2010.pdf\">H&auml;lfte des Stroms [PDF &ndash; 7.2 MB]<\/a>, den die EnBW vertreibt, stammt aus den vier Kernkraftwerken, vermarktet wird er unter anderem &uuml;ber die bundesweit aktive Tochter &bdquo;Yello Strom&ldquo;. Da die alten Kernkraftwerke bereits abgeschrieben sind und der Steuerzahler die eigentlich anzusetzenden Nebenkosten (z.B. <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/fuer-den-gau-haftet-der-steuerzahler\/3953976.html\">Versicherung f&uuml;r den Katastrophenfall<\/a> und die Entsorgung des Atomm&uuml;lls) &uuml;bernimmt, sind diese Anlagen echte &bdquo;Cash-Cows&ldquo;. Jeder Altmeiler der EnBW bringt dem Betreiber jedes Jahr einen Reingewinn von mehr als 100 Millionen Euro ein. Ohne Kernkraft w&uuml;rde EnBW die H&auml;lfte der Stromkapazit&auml;t wegfallen und das Unternehmen w&auml;re gezwungen, diese Strommengen durch Eink&auml;ufe zu substituieren. Dies h&auml;tte jedoch ma&szlig;geblichen Einfluss auf das Betriebsergebnis und den Unternehmenswert der EnBW. <\/p><p>Stefan Mappus hat ohne Konsultation des Landtags in einer Nacht- und Nebelaktion die &Uuml;bernahme der 45-Prozent-Beteiligung des franz&ouml;sischen Stromriesen EDF durchgeboxt. Besonders pikant an diesem Deal ist auch der Umstand, dass Mappus das Gesch&auml;ft &uuml;ber seinen alten Freund und Trauzeugen Dirk Notheis durchf&uuml;hren lie&szlig;. Der Kaufpreis f&uuml;r den EDF-Anteil betr&auml;gt 4,67 Milliarden Euro &ndash; erst vor zehn Jahren hatte das Land Baden-W&uuml;rttemberg seine Anteile an die EDF verkauft. F&uuml;r Experten liegt dieser Preis, der immerhin 850 Millionen Euro &uuml;ber dem B&ouml;rsenwert des Aktienpakets zur Zeit des Angebots liegt, ohnehin zu hoch. Nach dem Ungl&uuml;ck von Fukushima erscheint  er geradezu grotesk hoch. Laut <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,751317,00.html\">Stuttgarter Nachrichten<\/a> soll der Mappus-Intimus Notheis noch vor wenigen Wochen intern gewitzelt haben: &bdquo;Der EnBW-Deal ist ein Bombengesch&auml;ft [&hellip;], es sei denn, es geht irgendwo noch ein Atomkraftwerk in die Luft&ldquo;. Dieser Fall ist eingetreten und nun r&auml;chen sich die &Uuml;bernahmekonditionen f&uuml;r das Land Baden-W&uuml;rttemberg gleich doppelt.<\/p><p>Um die &Uuml;bernahme rechtlich wasserdicht zu gestalten, musste das Land Baden-W&uuml;rttemberg nicht nur der EDF, sondern auch allen Kleinaktion&auml;ren ein &Uuml;bernahmeangebot <a href=\"http:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.atomkraft-enbw-deal-koennte-teuer-werden.b29526b1-a501-4181-8127-533b6fe3f579.html\">machen<\/a>. Bis zum 18. M&auml;rz k&ouml;nnen Kleinaktion&auml;re in der ersten Phase ihre Anteile f&uuml;r den offiziellen &Uuml;bernahmepreis von 41,50 Euro pro Aktie an die EnBW verkaufen. Bis zum Auslaufen des &Uuml;bernahmeangebots ist die EnBW-Aktie de facto vom Markt abgekoppelt, da jeder Aktion&auml;r die Aktie zu einem g&uuml;nstigeren Preis aufkaufen und zum &Uuml;bernahmepreis an die EnBW weiterreichen k&ouml;nnte. Die eigentliche Bewertung der M&auml;rkte kann daher erst nach Ablauf des &Uuml;bernahmeangebots vorgenommen werden. Da Mappus sich so kurz vor den Wahlen jedoch nicht dem Risiko einer potentiellen Fehlinvestition aussetzen wollte, richtete Notheis eine &ndash; ansonsten eher ungew&ouml;hnliche &ndash; zweite Angebotsphase ein, die vom 24. M&auml;rz bis zum 6. April geht und somit den Wahlsonntag abdeckt. Anl&auml;sslich der aktuellen Ereignisse in Japan, Berlin und Stuttgart ist davon auszugehen, dass ein Gro&szlig;teil der Kleinaktion&auml;re die 41,50 Euro dankbar als Rettungsring annimmt. Das Land Baden-W&uuml;rttemberg muss dann 5,9 Milliarden Euro f&uuml;r die Beteiligung investieren. Sehr viel Geld f&uuml;r einen Atomkonzern, dessen Wert sich durch das Abschalten seiner Kernkraftwerke buchst&auml;blich in Luft aufl&ouml;sen wird. Die eigentliche Rechnung wird dem B&uuml;rger dann am 7. April pr&auml;sentiert, dem ersten Tag, an dem die Aktie wieder frei gehandelt werden wird. Man muss kein Prophet sein, wenn man bereits jetzt einen kolossalen Sturz des EnBW-Kurses vorhersagt. <\/p><p>Mappus Atom-Deal hat jedoch noch einen zweiten elementaren Haken. Die &Uuml;bernahme wird nicht aus dem laufenden Haushalt, sondern &uuml;ber eine Sonderanleihe komplett fremdfinanziert. Das ist das Standardvorgehen von Private-Equity-Fonds &ndash; besser bekannt als &bdquo;Heuschrecken&ldquo;.  So ein Deal kann nur dann aufgehen, wenn das &uuml;bernommene Unternehmen die Fremdfinanzierung aus den laufenden Einnahmen finanziert. Stefan Mappus geht dabei von einer Dividende von mindestens 1,25 Euro pro Aktie aus. Solche Dividenden kann die EnBW jedoch nur aussch&uuml;tten, wenn sie ihren billig produzierten Atomstrom zu Premiumpreisen verkauft. Ohne die Uralt-Meiler in Neckarwestheim und Philippsburg f&auml;llt jedoch das gesamte &Uuml;bernahmekonzept zusammen wie ein Kartenhaus.<\/p><p>Die neue Landesregierung hat dann drei Optionen. Sie k&ouml;nnte beispielsweise die Dividende aus der EnBW herauspressen, die sich dann von gro&szlig;en Teilen ihrer Aktiva trennen muss. Dieses Vorgehen k&ouml;nnte man als Prinzip Heuschrecke bezeichnen. Am Ende h&auml;tte das Land zwar seine Fremdfinanzierung bedient, w&auml;re dann jedoch Besitzer einer wom&ouml;glich wertlosen H&uuml;lle. Der Verlierer w&auml;re der Steuerzahler. Die zweite Option w&auml;re die Finanzierung der anfallenden &Uuml;bernahmekosten aus dem laufenden Haushalt. Der baden-w&uuml;rttembergische Steuerzahler m&uuml;sste dann ganz direkt f&uuml;r die Fehlinvestition Mappus geradestehen. Als letzte Option g&auml;be es dann noch das Nachverhandeln mit dem Bund. Es ist keineswegs ausgemacht, dass die Kraftwerksbetreiber die Abschaltung ihrer Meiler ohne weiteres akzeptieren. In diesem Falle w&uuml;rden dann bundesweit die Steuerzahler f&uuml;r Mappus Fehlinvestition geradestehen. Egal welche Option gezogen wird, der Steuerzahler verliert in jedem Fall. <\/p><p>Stefan Mappus hat sich aufgrund seiner ideologischen Verblendung verzockt. Wahrscheinlich ist der Mann, der lieber Kohle- und Gaskraftwerke als Kernkraftwerke <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Mappus-fordert-Kohle-Ausstieg-article1037976.html\">stilllegen will<\/a> und sich vor wenigen Monaten noch eine Laufzeitverl&auml;ngerung von &bdquo;15 Jahren plus&ldquo; vorstellen konnte, der gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche St&ouml;rfall f&uuml;r sein Land. Selbst wenn er am Wahlsonntag stillgelegt wird, muss der B&uuml;rger noch &uuml;ber Jahre hinweg an den Sp&auml;tfolgen des Ministerpr&auml;sidenten-GAU leiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die momentan angedachte Kehrtwende in der Atompolitik ist f&uuml;r Stefan Mappus nicht nur ein ideologischer GAU. Unter der Regie von Mappus investiert das Land Baden-W&uuml;rttemberg momentan rund sechs Milliarden Euro in Deutschlands gr&ouml;&szlig;tes Kernkraftunternehmen &ndash; die EnBW. Was bereits ohne Wende in der Atompolitik eine riskante Spekulation mit dem Geld des Steuerzahlers darstellt, erscheint im<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8707\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[163,127,28],"tags":[700,556,1062,696,1068],"class_list":["post-8707","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-atompolitik","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-privatisierung","tag-atomausstieg","tag-enbw","tag-fukushima","tag-mappus-stefan","tag-notheis-dirk"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8707"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8707\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22791,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8707\/revisions\/22791"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}