{"id":87133,"date":"2022-08-22T09:00:51","date_gmt":"2022-08-22T07:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133"},"modified":"2022-08-22T10:38:09","modified_gmt":"2022-08-22T08:38:09","slug":"125-jahre-zionismus-von-norman-paech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133","title":{"rendered":"125 Jahre Zionismus \u2013 Von Norman Paech"},"content":{"rendered":"<p>Wir ver&ouml;ffentlichen einen Text, der Grundlage eines am 19. August gehaltenen Vortrags von Norman Paech war. Der Autor war Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Jurist und war Professor f&uuml;r Politikwissenschaft und &Ouml;ffentliches Recht an der Universit&auml;t Hamburg. Seit 2005 Mitglied der Partei Die Linke. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Norman Paech<\/strong><\/p><p>Wenn wir heute unter dem Titel &bdquo;125 Jahre Zionismus&ldquo; zusammenkommen, so verweist diese Zahl nat&uuml;rlich zun&auml;chst auf das historische Ereignis des ersten zionistischen Weltkongresses in Basel im Jahr 1897. Aber zugleich wissen wir, dass dieser Kongress, das hei&szlig;t seine Botschaft, sein Auftrag und seine Bestimmung, sich nicht mit dem Kongress selbst erf&uuml;llt haben, sondern &uuml;ber sein unmittelbares Ziel, die Gr&uuml;ndung eines j&uuml;dischen Staates, bis heute fortwirken. Und wohl erst in den letzten Jahren wird auch hier in Europa das als Katastrophe erkannt, was die pal&auml;stinensische Gesellschaft schon seit &uuml;ber 70 Jahren erlebt und deren Wurzel eben hier in Europa, in Basel, liegt.<\/p><p>Gemessen an dem biblischen Anspruch auf die j&uuml;dische Heimstatt in Pal&auml;stina, der &uuml;ber 2.000 Jahre zur&uuml;ckreicht, ist der Zionismus als nationale Bewegung und ideologisches Projekt eines j&uuml;dischen Staates in Pal&auml;stina sehr jungen Datums. Denn als Antwort auf die Probleme der in alle Welt zerstreuten Juden in einer nichtj&uuml;dischen Umwelt aktualisierte er sich erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Assimilation nicht mehr als Konzept des &Uuml;berlebens ausreichte. Die Rechtlosigkeit und Verfolgung der Juden in Russland und Rum&auml;nien trieben nach den staatlich gef&ouml;rderten Pogromen seit 1881 etwa 1,3 Mio. Ostjuden in einem gro&szlig;en Exodus nach Westen. Sie best&auml;tigten nicht nur das Scheitern der Assimilation, sondern auch der gleichberechtigten autonomen Koexistenz. Die f&uuml;hrenden Theoretiker der j&uuml;dischen Autonomie, Moses Hess, Leo Pinsker und Theodor Herzl, sahen die L&ouml;sung der Judenfrage in der Forderung nach einem j&uuml;dischen Territorium, die sich erst 1897 mit dem Basler Programm des Zionistischen Kongresses auf Pal&auml;stina festlegte. <\/p><p>Wir haben es mit zwei wesentlichen Antrieben im Zionismus zu tun. Wir sprechen hier vom politischen Zionismus und nicht von der religi&ouml;s begr&uuml;ndeten Zionssehnsucht, die orthodoxe Erl&ouml;sungserwartung, die nur einen Teil der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung bewegt. Zum einen war die Herausbildung von Nationalstaaten in Europa ein Beispiel f&uuml;r die eigene Organisation eines Kollektivs aus den weit verstreut lebenden Mitgliedern einer noch zu bildenden homogenen j&uuml;dischen Gesellschaft. Sp&auml;testens seit der Franz&ouml;sischen Revolution und auf der Basis ihrer b&uuml;rgerlich-revolution&auml;ren Prinzipien formte sich eine Staatenwelt, in der die Juden nur G&auml;ste und zumeist ungebetene G&auml;ste waren. Daraus erwuchs zum anderen in fast allen Staaten ein &bdquo;j&uuml;disches Problem&ldquo;, welches eine L&ouml;sung verlangte, da sich der Antisemitismus geradezu epidemisch ausbreitete. Und diese L&ouml;sung war die Abkehr von der Diaspora und die Suche nach einem Territorium, denn man hatte ja kein eigenes.<\/p><p>Allen Str&ouml;mungen des politischen Zionismus war die Ablehnung jeglicher Integrationsversuche der j&uuml;dischen Gesellschaft in den arabischen Raum gemeinsam. Ob Sozialisten, Nationalreligi&ouml;se oder Pragmatiker wie Ben Gurion, sie einigte die Front gegen die Diaspora. Besonders deutlich hat Max Nordau, langj&auml;hriger Weggef&auml;hrte von Theodor Herzl, diese Integrationsverweigerung vertreten. Ihre kulturelle Arroganz spiegelt sich in der offenen Verachtung f&uuml;r die asiatische Umgebung. Ebenso bezeichnend ist ihre ausschlie&szlig;liche Ausrichtung auf die westliche Zivilisation: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Das j&uuml;dische Volk wird seine wesenhafte Besonderheit im Rahmen der westlichen Kultur entfalten, wie alle anderen Kulturv&ouml;lker, und nicht au&szlig;erhalb dieser. N&auml;mlich in einem wilden, kulturlosen Asiatismus&ldquo;. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><\/blockquote><p>Auch in der j&uuml;dischen Arbeiterbewegung wurde mit der Parole von &bdquo;Poale Zions&ldquo; (Arbeiter Zions): <em>&bdquo;J&uuml;discher Boden! J&uuml;dische Arbeit! J&uuml;dische Waren!&ldquo;<\/em> den arabischen Arbeitern der Arbeitsmarkt verwehrt. Die &bdquo;Gleichheit&ldquo; der sozialistischen Gesellschaft sollte nur f&uuml;r die j&uuml;dischen Siedler gelten. Ein F&uuml;hrer der zionistischen Arbeiterbewegung, David Hacohen, bekannte 1968 in der Zeitung <em>Ha&rsquo;aretz<\/em>: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich musste mit meinen Freunden viel &uuml;ber den j&uuml;dischen Sozialismus streiten: musste die Tatsache verteidigen, dass ich keine Araber in meiner Gewerkschaft akzeptierte, dass wir Hausfrauen predigten, nicht in arabischen Gesch&auml;ften zu kaufen, dass wir an Obstplantagen Wache hielten, um arabische Arbeiter daran zu hindern, dort Arbeit zu finden, dass wir j&uuml;dische Frauen attackierten und die arabischen Eier, die sie gekauft hatten, vernichteten, dass wir den &sbquo;J&uuml;dischen Nationalfonds&lsquo; hochpriesen, der Hankin nach Beirut schickte, um Land von abwesenden Gro&szlig;grundbesitzern zu kaufen und die arabischen Fellachen vertrieb, dass es verboten ist, einen einzigen j&uuml;dischen Dunam an einen Araber zu verkaufen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Diese Form des Siedlerkolonialismus zielte gerade nicht wie in S&uuml;dafrika auf die Ausbeutung der kolonisierten Arbeitskraft, sondern auf ihre Verdr&auml;ngung und Vertreibung. Es ist die israelische Form der Apartheid, aber es ist Apartheid. Darin waren sich Herzl und Nordau<strong> <\/strong>einig: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die arme Bev&ouml;lkerung trachten wir, unbemerkt &uuml;ber die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchgangsl&auml;ndern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern. Das Expropriationswerk muss ebenso wie die Fortschaffung der Armen mit Zartheit und Behutsamkeit erfolgen.&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><\/blockquote><p>Das Konzept des Transfers (ein Euphemismus f&uuml;r Vertreibung) der arabischen Bev&ouml;lkerung war in den f&uuml;hrenden K&ouml;pfen der zionistischen Bewegung von ihren Anf&auml;ngen an vorhanden.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Einer ihrer fr&uuml;hen Ideologen, Berl Katznelson, trat f&uuml;r eine klare politische Trennung beider V&ouml;lker ein. Er war zutiefst von der technologischen und sozialen R&uuml;ckst&auml;ndigkeit der arabischen Kultur und Gesellschaft &uuml;berzeugt, die f&uuml;r die Entfaltung der j&uuml;dischen Gesellschaft und die Judaisierung des Landes von Eretz Israel nur hinderlich sein konnte. Der &bdquo;Orientalismus&ldquo;, wie es Edward Said nannte, dieses Zionismus ist von der Verachtung der islamischen Welt, der Arroganz der eigenen zivilisatorischen Mission und dem unbedingten Wunsch, sich vollst&auml;ndig in den Westen zu integrieren, gepr&auml;gt. Ja, er verstand sich und versteht sich noch heute als sein Vorposten in barbarischer Umgebung, &bdquo;die Villa im Dschungel&ldquo; wie es Ehud Barack formulierte. Der Zionismus ist von Anfang an rassistisch.<\/p><p>Ohne Unterst&uuml;tzung des seinerzeit st&auml;rksten imperialistischen Interessenten Gro&szlig;britannien h&auml;tten die strategische Geschicklichkeit Herzls und der aufkeimende j&uuml;dische Nationalismus aber nicht ausgereicht, das Projekt eines j&uuml;dischen Staates &uuml;ber die Jahrzehnte zu realisieren. Schon mit der britisch-franz&ouml;sischen Interessenaufteilung durch das Sykes-Picot-Abkommen 1916, die Balfour-Deklaration ein Jahr sp&auml;ter und durch die Mandats&uuml;bertragung an Gro&szlig;britannien 1920 war die Teilung und Unterwerfung der einheimischen Bev&ouml;lkerung vorgezeichnet. Sie wurde niemals gefragt. Als der britische Au&szlig;enminister Lord Balfour am 2. November 1917 in einem Brief an Lord Rotschild die &bdquo;Errichtung einer nationalen j&uuml;dischen Heimstatt in Pal&auml;stina&ldquo; versprach, versuchte Gro&szlig;britannien zun&auml;chst damit eine besondere Verantwortlichkeit f&uuml;r Pal&auml;stina zu erlangen, um gegen&uuml;ber Frankreich am Ende des Weltkrieges bei den Teilungsverhandlungen eine starke Position zu haben. <\/p><p>Ende 1917 war die Besetzung Pal&auml;stinas vollzogen, Frankreich und die USA hatten beim Sieg &uuml;ber das Ottomanische Reich in Pal&auml;stina und Syrien geholfen. Wenn allerdings die zionistische Bewegung aus diesem Versprechen, welches auch in die Pr&auml;ambel des britischen V&ouml;lkerbundmandats &uuml;ber Pal&auml;stina aufgenommen wurde, einen v&ouml;lkerrechtlichen Anspruch auf eine Staatsgr&uuml;ndung herleiten wollte, widersprach das den Intentionen der britischen Regierung. Sie sah in der Erkl&auml;rung ausdr&uuml;cklich keine Rechtsgarantie f&uuml;r einen j&uuml;dischen Staat in Pal&auml;stina. Zu dieser Zeit waren 91 Prozent der Bev&ouml;lkerung Araber, denen 97 Prozent des Bodens geh&ouml;rte. Dennoch wurde von dieser einheimischen Bev&ouml;lkerung in der Mandatsurkunde bis auf eine fl&uuml;chtige Erw&auml;hnung der arabischen Sprache keine Kenntnis genommen. Die britisch-zionistische Kolonisationspolitik der folgenden Jahre widersprach eindeutig Art. 22 der V&ouml;lkerbundsatzung, der tiefgreifende Ver&auml;nderungen in dem Gebiet durch den Mandatar untersagte.<\/p><p>Im Gr&uuml;ndungsjahr des Staates Israel 1948 lebten in Pal&auml;stina etwa 650.000 Juden. Das waren 31 Prozent der Gesamtbev&ouml;lkerung. Sie verf&uuml;gten &uuml;ber 5,67 Prozent Grundbesitz, gelangten aber durch die Teilungsresolution der UNO in den Besitz von 56,47 Prozent des gesamten pal&auml;stinensischen Bodens.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Sie hatte damit den j&uuml;dischen Landbesitz verzehnfacht, ohne die einheimische Mehrheitsbev&ouml;lkerung zu fragen. Die UNO als Organisator der Kolonisation.<\/p><p>Mit der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 verlie&szlig; die H&auml;lfte der arabischen Bev&ouml;lkerung ihre Heimat. Sie wurden vertrieben und fl&uuml;chteten vor dem j&uuml;dischen Terror, ihr Land wurde von den Israelis annektiert. In den Grenzen des j&uuml;dischen Staates verblieben nach dem Exodus 1948\/49 nur noch ca. 300.000 Araber, eine 10-prozentige Minderheit.<\/p><p>Die Teilung Pal&auml;stinas w&auml;re ohne die Stimme der Sowjetunion, die einer der entschiedensten Bef&uuml;rworter eines israelischen Staates war, nicht m&ouml;glich gewesen. Bereits im Mai 1947 hatte Andrej Gromyko in einer Rede betont: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Sie wissen, dass es in Westeuropa kein einziges Land gab, dem es gelang, das j&uuml;dische Volk gegen die Willk&uuml;rakte und Gewaltma&szlig;nahmen der Nazis zu sch&uuml;tzen. Die L&ouml;sung des Pal&auml;stinaproblems, basierend auf der Teilung Pal&auml;stinas in zwei separate Staaten, wird von grundlegender historischer Bedeutung sein, weil eine solche Entscheidung die legitimen Anspr&uuml;che des j&uuml;dischen Volkes ber&uuml;cksichtigt&ldquo;. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] <\/p><\/blockquote><p>Was immer das geostrategische Kalk&uuml;l in der Konkurrenz zu Gro&szlig;britannien gewesen sein mag, genauso wie bei den westlichen Gro&szlig;m&auml;chten war die Entscheidung f&uuml;r einen j&uuml;dischen Staat auch der Versuch der Wiedergutmachung, das Versagen der eigenen Geschichte angesichts der Vernichtung der Juden in Europa zu kompensieren. Allerdings entzog Stalin schon 1949 seine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den jungen Staat, um mit einer proarabischen, antizionistischen Au&szlig;enpolitik st&auml;rkeren Einfluss auf die arabischen Nationalbewegungen zu bekommen. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Der Vorwurf, der Zionismus habe ein kolonialistisches Projekt verfolgt und mit der Gr&uuml;ndung Israels verwirklicht,[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] wird immer wieder mit den Argumenten zu entkr&auml;ften versucht, dass nur eine Minderheit der Juden dieser Ideologie gefolgt sei und vor allem die Vernichtung der Juden durch die Shoah und ihre Vertreibung aus ihren L&auml;ndern ignoriert werde.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Kolonialismus definiert sich allerdings nicht &uuml;ber seine deklarierten Motive und Gr&uuml;nde, sondern durch die Methoden und Folgen seiner Praxis &ndash; einer Praxis des Landraubs, der Zerst&ouml;rung von gesellschaftlichen Strukturen und der Lebensgrundlagen der einheimischen Bev&ouml;lkerung, einer Praxis des permanenten Angriffs auf die W&uuml;rde, Gesundheit und pers&ouml;nliche Sicherheit der Menschen, die schlie&szlig;lich in die Vertreibung der Kolonisierten m&uuml;ndet, um sie durch die zionistischen Siedler ersetzen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Zweifellos ist die Katastrophe der Shoah f&uuml;r Juden wie auch viele Nichtjuden die zentrale Legitimation der Staatsgr&uuml;ndung Israels. Die erlittene Vernichtungsgeschichte ist so tief in das j&uuml;dische Bewusstsein eingegraben, dass sich ihm die M&ouml;glichkeit vertrauensvollen Zusammenlebens in nichtj&uuml;dischen Gesellschaften f&uuml;r viele verschlossen hat. Selbst in der Diaspora wird die Existenz eines j&uuml;dischen Staats als unverzichtbare R&uuml;ckversicherung und &Uuml;berlebensgarantie f&uuml;r den Fall einer neuen Katastrophe erlebt. Doch hat die ideologische Vereinnahmung der Shoah durch den Zionismus gerade bei j&uuml;dischen Autoren scharfe Kritik hervorgerufen. Denn der Zionismus in Israel versteht die Shoah nicht als Zivilisationsbruch mit dem Auftrag, den neuen Menschen &sbquo;nach Auschwitz&lsquo; zu schaffen. Er funktionalisiert die Shoah zur Selbstrechtfertigung des j&uuml;dischen Staates mit dem weitergreifenden Anspruch auf Eretz Israel, &bdquo;dem Land der Urv&auml;ter&ldquo;[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>], das noch weit &uuml;ber die Grenzen der Jordans hinausgeht. Dahinter verschwindet das pal&auml;stinensische Schicksal der Enteigneten und Vertriebenen bis hin zum Verbot, an den Tag der Staatsgr&uuml;ndung als Tag der pal&auml;stinensischen Katastrophe, Naqba, &ouml;ffentlich zu erinnern. <\/p><p>An die Stelle der Shoah als Gr&uuml;ndungsmythos sind andere Mythen getreten, wie der Mythos von Eretz Israel und der Sicherheitsmythos. Die Sicherheit ist zum zentralen Ordnungsfaktor Israels geworden, der <em>&bdquo;auf einer aus der j&uuml;dischen Leidensgeschichte erwachsenen Auffassung der Unaufl&ouml;sbarkeit der feindseligen Verh&auml;ltnisse zwischen Juden und den <\/em><em>Gojim<\/em><em>&ldquo;<\/em> beruht, um die israelisch-deutsche Historikerin Tamar Amar-Dahl zu zitieren.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Damit hat jedoch der Wunsch nach Frieden nie die gleiche H&ouml;he der Staatsprinzipien erreichen k&ouml;nnen. Im Laufe der Jahre <em>&bdquo;etablierte sich eine politische Kultur, in der weniger die Politik, sondern vielmehr das Milit&auml;r im Endeffekt als zust&auml;ndig f&uuml;r den Konflikt gilt&ldquo;<\/em>[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] &ndash; und die Gewalt, k&ouml;nnen wir hinzuf&uuml;gen.<\/p><p>125 Jahre Zionismus sind nie das Versprechen eines friedlichen, gleichberechtigten und produktiven Zusammenlebens mit dem Volk gewesen, dem man den gr&ouml;&szlig;ten Teil seines Territoriums genommen hat, um dort selbst in Frieden leben zu k&ouml;nnen. Er hat zwar das Land, aber nicht den Frieden bekommen. Es hat gen&uuml;gend Angebote zur friedlichen Koexistenz von der pal&auml;stinensischen Seite gegeben. Sie sind alle ausgeschlagen worden, denn die Idee des &bdquo;j&uuml;dischen Staates&ldquo; kennt keine Gleichberechtigung, kein friedliches Zusammenleben mit dem arabischen Volk. Ein solcher Staat will das Land ohne arabisches Volk und daf&uuml;r auf die Gewalt des Terrors nicht verzichten.<\/p><p>In der Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung vom Mai 1948 hie&szlig; es noch: <em>&bdquo;Der Staat wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen&hellip;.Er wird all seinen B&uuml;rgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verb&uuml;rgen.&ldquo;<\/em> Genau 70 Jahre sp&auml;ter hei&szlig;t es in dem neuen Grundgesetz von 2018 jetzt: &bdquo;<em>Dieser Staat Israel ist der Nationalstaat des j&uuml;dischen Volkes, in dem es sein Recht auf nationale, kulturelle, historische und religi&ouml;se Selbstbestimmung aus&uuml;bt.&ldquo;<\/em> Und diese Selbstbestimmung baut auf Gewalt, Annexion und Vertreibung.<\/p><p>Frieden wird erst dann m&ouml;glich sein, wenn dieser Zionismus von der israelischen Gesellschaft &uuml;berwunden wird und die Staaten, die bisher seine zerst&ouml;rerische Mission gesch&uuml;tzt, ja unterst&uuml;tzt haben, sich von ihm trennen und dem folgen, was sie alle bei ihrer Aufnahme in die Vereinten Nationen unterschrieben haben: <\/p><blockquote><p>&bdquo;&hellip;Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Vertr&auml;gen und anderen Quellen des V&ouml;lkerrechts gewahrt werden k&ouml;nnen&hellip; und freundschaftliche, auf der Achtung vor dem Grundsatz der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der V&ouml;lker beruhende Beziehungen zwischen den Nationen zu entwickeln&hellip;&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><em>Hamburg, 19. August 2022<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Joseph Gorny, The Arab Question and the Jewish Problem, (hebr.), Tel Aviv, 1986, zit. n.  Tamar Amar-Dahl, Das zionistische Israel. J&uuml;discher Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts, Paderborn 2012, S. 33.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Theodor Herzl, Tageb&uuml;cher, Berlin 1922, Bd. 1, S. 98.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Vgl. Ilan Pappe, Die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas, 2007; Nur Masalha, A Land without a People: Israel, Transfer and the Palestinians 1949-96, London, 1997.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Walter Holstein, Kein Frieden um Israel, Wien, 1987, S. 184.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Arno Lustiger, Rotbuch: Stalin und die Juden, Berlin 1998, S. 185 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Vgl. Wolfgang Gehrcke, Jutta von Freyberg, Harri Gr&uuml;nberg, Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nah-Ost-Konflikt, 2009, S. 102<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] So u.a. Reinhard, Wolfgang, Die Unterwerfung der Welt, M&uuml;nchen 2016, S. 1244.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Theodor Bergmann, Der 100-j&auml;hrige Krieg um Israel, Hamburg 2011, S. 19.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Moshe Zuckermann, Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus, K&ouml;ln 2009, S. 43.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Tamar Amar-Dahl, Das zionistische Israel, S. 227.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Tamar Amar-Dahl, 2012, S. 229.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir ver&ouml;ffentlichen einen Text, der Grundlage eines am 19. August gehaltenen Vortrags von Norman Paech war. Der Autor war Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Jurist und war Professor f&uuml;r Politikwissenschaft und &Ouml;ffentliches Recht an der Universit&auml;t Hamburg. Seit 2005 Mitglied der Partei Die Linke. 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