{"id":87171,"date":"2022-08-23T09:00:38","date_gmt":"2022-08-23T07:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87171"},"modified":"2023-06-16T11:21:36","modified_gmt":"2023-06-16T09:21:36","slug":"der-weg-in-den-ukrainekrieg-highway-to-war-or-road-with-many-crossroads-oder-der-kampf-um-die-deutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87171","title":{"rendered":"Der Weg in den Ukrainekrieg: \u201aHighway to War\u2018 or \u201aRoad with many Crossroads\u2018? \u2013 oder: Der Kampf um die Deutung"},"content":{"rendered":"<p>Die K&auml;mpfe um die Interpretation des politischen Geschehens werden zu Kriegszeiten genauso erbittert gef&uuml;hrt wie milit&auml;rische Schlachten. Der siegreiche Narrativ kann &uuml;ber die Zukunft entscheiden.&nbsp;Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3924\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87171-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220823_Der_Weg_in_den_Ukrainekrieg_oder_Der_Kampf_um_die_Deutung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220823_Der_Weg_in_den_Ukrainekrieg_oder_Der_Kampf_um_die_Deutung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220823_Der_Weg_in_den_Ukrainekrieg_oder_Der_Kampf_um_die_Deutung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220823_Der_Weg_in_den_Ukrainekrieg_oder_Der_Kampf_um_die_Deutung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87171-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220823_Der_Weg_in_den_Ukrainekrieg_oder_Der_Kampf_um_die_Deutung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220823_Der_Weg_in_den_Ukrainekrieg_oder_Der_Kampf_um_die_Deutung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Vor einiger Zeit konnte man es im <em>Deutschlandfunk<\/em>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87171#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] mal wieder h&ouml;ren: &bdquo;2008 wurde Georgien von Russland &uuml;berfallen.&ldquo;&nbsp;Sie, gesch&auml;tzte Leserinnen und Leser, sagen vielleicht, das stimme doch gar nicht! Seit mittlerweile zw&ouml;lfeinhalb Jahren sei durch eine unabh&auml;ngige Fact Finding Commission[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87171#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] im Auftrag der EU unter Vorsitz der renommierten Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini l&auml;ngst eindeutig gekl&auml;rt, dass georgisches Milit&auml;r in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 eine Gro&szlig;offensive gegen S&uuml;dossetien mit Panzern, Kampfjets, Raketenwerfern und Streubomben auf die schlafende Zivilbev&ouml;lkerung und auf die dort stationierten russischen Friedenstruppen gestartet habe. 162 Zivilisten und 14 Angeh&ouml;rige russischer Friedenstruppen seien dabei ums Leben gekommen.<\/p><p><strong>Fake News als &sbquo;Factum&lsquo;<\/strong><\/p><p>Tja, da haben Sie recht. Dennoch &auml;ndert das nichts daran, dass bis auf den heutigen Tag selbst in renommierten deutschen Leitmedien wie der <em>ZEIT<\/em>[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] oder den <em>Tagesthemen<\/em>[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] unwidersprochen behauptet werden kann, <em>Russland <\/em>sei der Aggressor gewesen. Eine Fake News, die sich l&auml;ngst als &sbquo;Factum&lsquo; durchgesetzt hat.<\/p><p>Und eine beeindruckende Leistung des mit allen amerikanischen PR-Wassern gewaschenen damaligen georgischen Pr&auml;sidenten Michail Saakaschwili, der es fertigbrachte, einen Krieg zu beginnen und sich anschlie&szlig;end &ndash; mit wohlwollendem R&uuml;ckenwind aus den westlichen Medien &ndash; der Welt auch noch als verfolgte Unschuld zu pr&auml;sentieren. F&uuml;r Russland dagegen, das den Krieg mit einem v&ouml;llig &uuml;berzogenen Strike Back tief in georgisches Kernland milit&auml;risch zwar gewonnen, publizistisch aber haushoch verloren hatte, ein Desaster. Schlie&szlig;lich lautet seitdem die westliche Erz&auml;hlung &ndash; wie k&uuml;rzlich in einer Sendung bei <em>Arte<\/em> mit dem bezeichnenden Titel &bdquo;Die R&uuml;ckkehr des russischen B&auml;ren&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] wieder aufgew&auml;rmt &ndash; Saakaschwili sei im Sommer 2008 &bdquo;den Russen in die Falle gelaufen&ldquo;.<\/p><p>Die Konsequenzen lie&szlig;en nicht lange auf sich warten: Die USA griffen dem &sbquo;von Russland angegriffenen&lsquo; schuldlosen kleinen Land im Kaukasus mit Milit&auml;rhilfen gro&szlig;z&uuml;gig unter die Arme, die T&uuml;r zu einer k&uuml;nftigen NATO-Mitgliedschaft blieb nach wie vor offen und Russland hatte in der westlichen &Ouml;ffentlichkeit nun wieder das Image eines unberechenbaren potenziellen Aggressors.<\/p><p>Man versteht, warum der Kampf um die Deutung genauso erbittert gef&uuml;hrt wird wie milit&auml;rische Schlachten: <em>Die Deutung, die sich heute durchsetzt<\/em> &ndash; bzw. mit der geballten Macht der Leitmedien, oft mit Unterst&uuml;tzung professioneller Propaganda-Think-Tanks, durchgesetzt wird &ndash; <em>bestimmt die Handlungen von morgen.<\/em><\/p><p><strong>Die konstruierte Kausalit&auml;t<\/strong><\/p><p>Womit wir beim gegenw&auml;rtigen russischen Krieg gegen die Ukraine angelangt w&auml;ren.<\/p><p>Auf der Ebene der Fakten ist unbestreitbar: Russland hat am 24. Februar v&ouml;lkerrechtswidrig die Ukraine angegriffen, es hat zahlreiche Milit&auml;ranlagen im ganzen Land zerst&ouml;rt, russische Truppenverb&auml;nde r&uuml;ckten gegen St&auml;dte wie Mykolajiw, Charkiw, Sumy, Tschernihiw und die Hauptstadt Kiew vor, St&auml;dte wie Cherson und Melitopol im S&uuml;den wurden eingenommen, der gesamte Donbass steht kurz davor, zivile Einrichtungen beschossen, modernste Waffensysteme wie die Hyperschallrakete &bdquo;Kinschal&ldquo; erlebten in einem zynischen &bdquo;realen Feldversuch&ldquo; ihre Feuertaufe, &uuml;ber tausend ukrainische Zivilisten wurden get&ouml;tet, Millionen Menschen sind nach wie vor auf der Flucht, die Hafenstadt Mariupol und andere ukrainische St&auml;dte liegen zu gro&szlig;en Teilen in Tr&uuml;mmern.<\/p><p>Die Frage ist: Wie <em>deuten, <\/em>wie<em> interpretieren<\/em> wir diese Fakten? In welche Geschichte ordnen wir sie ein? Genauer: Welche Geschichte <em>konstruieren<\/em> wir um sie herum? Noch genauer: Nach welcher &ndash; tats&auml;chlichen oder vorgeblichen &ndash; <em>Kausalit&auml;t<\/em> ordnen wir welche Ereignisse aus der Vergangenheit zu einer (zumindest logisch stringent aussehenden) Vorgeschichte der aktuellen Kriegshandlungen und welche m&ouml;gliche Folgerungen ziehen wir daraus f&uuml;r Putins mutma&szlig;liches morgiges Verhalten und die &uuml;bermorgigen westlichen Konsequenzen?<\/p><p>Die Folgen der jeweiligen Narrative auf der Handlungsebene werden sich &ndash; siehe die mit publizistischer Gewalt durchgesetzte (Fake-)Interpretation des Georgienkrieges &ndash; gravierend unterscheiden und die k&uuml;nftige Politik des Westens vermutlich auf Jahrzehnte bestimmen.<\/p><p>&sbquo;<strong>Highway to War&lsquo; &hellip;<\/strong><\/p><p>Bezogen auf Russlands Aggression gegen die Ukraine bieten sich aus westlicher Perspektive im Prinzip zwei h&ouml;chst unterschiedliche Deutungen an. Der ersten, die die westliche Berichterstattung aktuell erdr&uuml;ckend dominiert, liegt eine Mischung aus folgenden &ndash; hier als Frage formulierten &ndash; Unterstellungen zugrunde: Hat Pr&auml;sident Putin von Beginn seiner &sbquo;Herrschaft&lsquo; an auf diesen Moment hingearbeitet? Zeigt er jetzt sein wahres Gesicht? Will er die Sowjetunion wiederherstellen? Sind als n&auml;chstes das Baltikum, Polen und Moldau dran? Stehen russische Truppen &uuml;bermorgen wieder vorm Brandenburger Tor?<\/p><p>Aus welchen Motiven handelt er? Machtgier? Unstillbarer Hass auf den Westen und seine Werte? Will er als &bdquo;Wladimir, der Gro&szlig;e&ldquo; in die Geschichte eingehen? Kriegt er den Hals nicht voll? Ist er etwa krank? Realit&auml;tsblind? Gr&ouml;&szlig;enwahnsinnig? Am Ende gar verr&uuml;ckt?<\/p><p>Verteidigt die Ukraine unter Wolodimir Selenski nicht nur das eigene Land, sondern vielmehr heldenhaft unsere westlichen Werte? Die Freiheit Europas? Uns?<\/p><p>Stehen EU und NATO im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen &ndash; nat&uuml;rlich wegen Krieg und Holocaust &ndash; der Ukraine gegen&uuml;ber in einer besonderen moralischen Verantwortung, Pflicht, gar Bringschuld? (Eine Klaviatur, die der ukrainische Pr&auml;sident und sein ehemaliger forscher Botschafter in Deutschland virtuos bespielten und immer noch bespielen.)<\/p><p>Folgt man dieser in groben Strichen skizzierten Erz&auml;hlung, dass Putin nun endlich das realisiert, was er bereits seit Jahren oder Jahrzehnten anstrebte, so liegen die Konsequenzen auf der Hand. Es sind exakt diejenigen, die gerade ohne den geringsten innergesellschaftlichen Widerstand in den EU- und NATO-Staaten fl&auml;chendeckend durchgesetzt werden: Astronomische Aufr&uuml;stungsprogramme, eine Remilitarisierung des Denkens und Handelns, Abbruch nahezu s&auml;mtlicher politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und humanit&auml;ren Kontakte mit der Russischen F&ouml;deration und ihren Menschen sowie eine die Grenze des Absurden &uuml;berschreitende &Auml;chtung und Exklusion von allem, was nur noch im Entferntesten etwas mit Russland zu tun hat. Sie reicht mittlerweile von der Entlassung oder Ausladung politisch unliebsamer prominenter Kulturschaffender[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] &ndash; sofern sie den geforderten Distanzierungserkl&auml;rungen nicht nachkommen &ndash; &uuml;ber die Verbannung russischer Waren aus den Superm&auml;rkten[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] bis hin zum weltweiten Importverbot[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] russischer Katzen durch die International Federation of Felines und ihrem Ausschluss[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] von den Wettbewerben der International Cat Federation &hellip;<\/p><p>Zugleich verlangt diese Erz&auml;hlung aber auch gebieterisch eine Neubewertung der <em>Vergangenheit<\/em>: Wenn n&auml;mlich Putin schon immer auf den Krieg gegen die Ukraine und wom&ouml;glich noch Schlimmeres abzielte, dann erweisen sich nat&uuml;rlich all diejenigen, die bis vor Kurzem noch daf&uuml;r geworben hatten, die russische Perspektive zumindest mal zur Kenntnis zu nehmen, als &bdquo;geistige Brandstifter&ldquo;[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>], bestenfalls als &bdquo;n&uuml;tzliche Idioten&ldquo;[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>], die nun &ouml;ffentlich Abbitte und Bu&szlig;e zu leisten haben. Die ehemalige ARD-Moskaukorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz, der gerade von seinem Posten als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums zur&uuml;ckgetretene Matthias Platzeck, der Ex-Vorsitzende des NATO-Milit&auml;rausschusses, General Harald Kujat, der langj&auml;hrige SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi oder Sahra Wagenknecht&nbsp;k&ouml;nnen von diesen Anschuldigungen ein Lied singen.<\/p><p>Soweit der nahezu unangefochten herrschende mediale Narrativ, der in der Retrospektive eine Linearit&auml;t konstruiert, die geradewegs in den gegenw&auml;rtigen Krieg f&uuml;hrt.<\/p><p>&hellip; <strong>or &sbquo;Road with many Crossroads&lsquo;?<\/strong><\/p><p>Eine andere Erz&auml;hlung, die aktuell allerdings postwendend in geradezu Pawlow&lsquo;scher Reflexmanier mit dem Totschlagvorwurf der Russland- und damit Angriffskriegsverteidigung kaltgestellt wird, w&uuml;rde in folgende Richtung gehen: <em>Auf der langen Stra&szlig;e bis zu dem Punkt, an dem wir heute stehen, hat es zahlreiche Kreuzungen, viele potenzielle Abbiegungen gegeben, bei denen die Geschichte einen ganz anderen Verlauf genommen h&auml;tte, h&auml;tte der Westen rechtzeitig russische Sicherheitsbed&uuml;rfnisse respektiert.<\/em><\/p><p>Diese Erz&auml;hlung ginge zur&uuml;ck bis ins Fr&uuml;hjahr 1990 in die Zeit der Verhandlungen[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] mit Gorbatschow, die k&uuml;nftige B&uuml;ndniszugeh&ouml;rigkeit[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] eines wiedervereinten Deutschland betreffend. Sie w&uuml;rde die Bedenken[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>], die Boris Jelzin in den Neunziger Jahren gegen&uuml;ber dem damaligen US-Pr&auml;sidenten Bill Clinton im Vorfeld der ersten NATO-Osterweiterung 1999 &auml;u&szlig;erte, ebenso ber&uuml;cksichtigen wie die Warnungen des Nestors der amerikanischen Russlandpolitik, George F. Kennan[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]. Sie w&uuml;rde die Bedeutung der insgesamt f&uuml;nf NATO-Erweiterungen mit 14 neuen Mitgliedern f&uuml;r das russische Sicherheitsbed&uuml;rfnis herausarbeiten. Sie w&uuml;rde sich mit dem Bruch der 1990 verabschiedeten &bdquo;Charta von Paris&ldquo; durch den Angriffskrieg der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien im Fr&uuml;hjahr 1999 und der v&ouml;lkerrechtswidrigen Aggression der von den USA und Gro&szlig;britannien angef&uuml;hrten &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; gegen den Irak im M&auml;rz 2003 &ndash; die Zahl der Toten geht in die Hunderttausende &ndash; besch&auml;ftigen. <\/p><p>Sie w&uuml;rde die von den USA nicht unterzeichneten bzw. gek&uuml;ndigten R&uuml;stungskontroll- und Abr&uuml;stungsvertr&auml;ge &ndash; vom A-KSE-Vertrag &uuml;ber die Abr&uuml;stung konventioneller Streitkr&auml;fte in Europa, den ABM-Vertrag zur Begrenzung strategischer Raketenabwehrsysteme, den INF-Vertrag &uuml;ber die Vernichtung landgest&uuml;tzter Kurz- und Mittelstreckenraketen bis zur K&uuml;ndigung des Open-Skies-Treaty &ndash; unter die Lupe nehmen. Sie w&uuml;rde die Bedeutung des weltweiten amerikanischen Raketen&sbquo;abwehr&lsquo;systems Aegis mit seinen angriffsf&auml;higen Modulen unmittelbar vor der russischen Haust&uuml;r in Rum&auml;nien und Polen w&uuml;rdigen. Und sie w&uuml;rde die diversen vom Westen offen oder klandestin unterst&uuml;tzten Regime-Change-Versuche in Osteuropa und im postsowjetischen Raum von Serbien, Georgien, Kirgistan bis zum Euromaidan in Kiew nicht vergessen.<\/p><p>Sie w&uuml;rde auch die beiden gro&szlig;en Reden Putins in Deutschland &ndash; 2001, zwei Wochen nach 9\/11 vor dem Deutschen Bundestag[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] und im Februar 2007 auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz[<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] &ndash;&nbsp; nochmals genauer studieren. Das Gleiche w&uuml;rde f&uuml;r die russischen Vorschl&auml;ge eines Gemeinsamen Sicherheitsraumes von Vancouver bis Wladiwostok (der damalige Pr&auml;sident Medwedew im Juni 2008) und einer Freihandelszone zwischen der EU und Russland (Wladimir Putin in einem Gastbeitrag[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] in der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em> am 25. November 2010) gelten.<\/p><p>Man sieht: &Uuml;berall an dieser endlos langen Stra&szlig;e gab es Kreuzungen. <em>Es hat keinen linearen Highway in diesen russischen Angriffskrieg gegeben, auch wenn die westlichen Leitmedien uns dies jetzt tagt&auml;glich einh&auml;mmern!<\/em><\/p><p>M&ouml;glicherweise war die allerletzte Chance eines noch rechtzeitigen Abbiegens Mitte Dezember letzten Jahres, als Russland seine Sicherheitsinteressen &ndash; zugegebenerma&szlig;en in gereiztem ultimativen Ton und diplomatisch h&ouml;chst kontraproduktiv &ndash; in Briefen[<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] gegen&uuml;ber der NATO und den USA unmissverst&auml;ndlich formulierte. Niemand wei&szlig;, <em>wann<\/em> genau Putin definitiv die Entscheidung zum Angriff auf die Ukraine, d.h. zur Verwandlung der als Drohkulisse aufmarschierten russischen Truppen in eine Aggressionsarmee, getroffen hat. Es ist nicht auszuschlie&szlig;en, dass dieser Krieg heute nicht stattfinden w&uuml;rde, wenn der Westen sp&auml;testens auf die Briefe vom 17. Dezember flexibler reagiert h&auml;tte!<\/p><p>Aber wer es jetzt noch wagt, diese Argumente zu &auml;u&szlig;ern, hat sich im aktuellen Leitmediendauerfeuer[<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] definitiv als &bdquo;geistiger Brandstifter&ldquo;, wenn nicht als Angriffskriegs-Apologet entlarvt und darf sein k&uuml;nftiges Leben als publizistische Leiche fristen.<\/p><p>Was die Argumentation allerdings nicht widerlegt.<\/p><p><strong>Die Alternativen<\/strong><\/p><p>Die Konsequenzen der jeweiligen Deutungen liegen auf der Hand und diejenige, die sich durchsetzt, wird die westliche Politik der n&auml;chsten Jahrzehnte bestimmen.<\/p><p>Setzt sich die &bdquo;Highway to War&ldquo;-Geschichte durch &ndash; wof&uuml;r zurzeit so gut wie alles spricht &ndash; dann stehen wir unmittelbar vor einer erneuten Spaltung des europ&auml;ischen Kontinents, inclusive eines neuen, diesmal rund tausend Kilometer weiter &ouml;stlichen Eisernen Vorhanges, der Neuauflage des atomaren Wettr&uuml;stens mit immer zielgenaueren Tr&auml;gersystemen bei immer k&uuml;rzeren Vorwarnzeiten, kurz: vor einem Kalten Krieg 2.0, der angesichts der h&ouml;chst instabilen geopolitischen Rahmenbedingungen und der Tatsache, dass sich kaum noch ein relevanter Akteur an Regeln h&auml;lt, erheblich gef&auml;hrlicher sein wird als der erste. Den Worst Case mag man sich nicht ausmalen!<\/p><p>W&uuml;rde sich jedoch allen Erwartungen zum Trotz doch noch die Erkenntnis durchsetzen, dass ohne die Ber&uuml;cksichtigung auch russischer Sicherheitsinteressen, ohne den m&uuml;hsamen Versuch, die aktuell v&ouml;llig verfahrene Lage nun als Ausgangspunkt f&uuml;r einen kompletten Restart im Sinne einer neuen Europ&auml;ischen Sicherheitskonferenz, eines &bdquo;Helsinki 2.0&ldquo;, zu nutzen, mit dem Ziel einer neuen europ&auml;ischen Sicherheitsstruktur, die den epochalen Satz der blutig gesch&auml;ndeten &bdquo;Charta von Paris&ldquo;: <em>&bdquo;Sicherheit ist unteilbar, und die Sicherheit jedes Teilnehmerstaates ist untrennbar mit der aller anderen verbunden&ldquo; <\/em>wieder zu ihrem zentralen Eckpfeiler erkl&auml;rt, eine friedliche Zukunft auf unserem Kontinent nicht m&ouml;glich ist, dann h&auml;tte die Welt vielleicht noch eine Chance.<\/p><p>Wir haben die Wahl.<\/p><p>Titelbild: lefthanderman\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/interview-mit-schriftstellerin-nino-haratischwili-zum-krieg-in-der-ukraine-dlf-5f910ec1-100.html\">deutschlandfunk.de\/interview-mit-schriftstellerin-nino-haratischwili-zum-krieg-in-der-ukraine-dlf-5f910ec1-100.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.rferl.org\/a\/EU_Report_On_2008_War_Tilts_Against_Georgia\/1840447.html\">rferl.org\/a\/EU_Report_On_2008_War_Tilts_Against_Georgia\/1840447.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/2017-11\/petersburger-dialog-deutschland-russland-ronald-pofalla\">zeit.de\/politik\/2017-11\/petersburger-dialog-deutschland-russland-ronald-pofalla<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/tt-6175.html\">tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/tt-6175.html<\/a> (18:42) <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/098406-000-A\/putin-die-rueckkehr-des-russischen-baeren\/\">arte.tv\/de\/videos\/098406-000-A\/putin-die-rueckkehr-des-russischen-baeren\/<\/a> (08:43)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.firstthings.com\/web-exclusives\/2022\/03\/the-cancellation-of-russian-culture\">firstthings.com\/web-exclusives\/2022\/03\/the-cancellation-of-russian-culture<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/unternehmen\/supermaerkte-russland-produkte-krieg-101.html\">tagesschau.de\/wirtschaft\/unternehmen\/supermaerkte-russland-produkte-krieg-101.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2022\/03\/03\/ban-on-russian-cats\/\">consortiumnews.com\/2022\/03\/03\/ban-on-russian-cats\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/2022\/03\/03\/russia-cat-ban-ukraine-war\/\">washingtonpost.com\/world\/2022\/03\/03\/russia-cat-ban-ukraine-war\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/beck-verlag-druckt-bestseller-von-krone-schmalz-nicht-mehr-nach-%2017859050.html\">faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/beck-verlag-druckt-bestseller-von-krone-schmalz-nicht-mehr-nach- 17859050.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/innenpolitik\/russland-und-der-westen-putins-propaganda-in-deutschland\">cicero.de\/innenpolitik\/russland-und-der-westen-putins-propaganda-in-deutschland<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/russia-programs\/2017-12-12\/nato-expansion-what-gorbachev-heard-western-leaders-early\">nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/russia-programs\/2017-12-12\/nato-expansion-what-gorbachev-heard-western-leaders-early<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.hoerspielundfeature.de\/russland-und-die-deutsche-einheit-1990-die-wurzeln-des-100.html\">hoerspielundfeature.de\/russland-und-die-deutsche-einheit-1990-die-wurzeln-des-100.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.hoerspielundfeature.de\/russland-und-der-westen-waehrend-jelzin-und-clinton-die-100.html\">hoerspielundfeature.de\/russland-und-der-westen-waehrend-jelzin-und-clinton-die-100.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/welt\/so-kann-man-aus-der-geschichte-lernen\/\">infosperber.ch\/politik\/welt\/so-kann-man-aus-der-geschichte-lernen\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/mediathek?videoid=4024571&amp;url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk=&amp;%20mod=mediathek#url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk\/dmlkZW9pZD00MDI0NTcxJnVybD1MMjFsWkdsaGRHaGxhMjky-WlhKc1lYaz0mbW9kPW1lZGlhdGhlaw==&amp;mod=mediathek\">bundestag.de\/mediathek?videoid=4024571&hellip;<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VPyZX_Na5Hk\">youtube.com\/watch?v=VPyZX_Na5Hk<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/putin-plaedoyer-fuer-wirtschaftsgemeinschaft-von-lissabon-bis-wla-diwostok-1.1027908\">sueddeutsche.de\/wirtschaft\/putin-plaedoyer-fuer-wirtschaftsgemeinschaft-von-lissabon-bis-wla-diwostok-1.1027908<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/im-westen-nichts-neues\/\">ostexperte.de\/im-westen-nichts-neues\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/krieg-in-der-ukraine-hoert-auf-mit-dem-kapitulationsgerede-a-e498992d-0302-4f06-a4c1-d31c5a9e575f\">spiegel.de\/ausland\/krieg-in-der-ukraine-hoert-auf-mit-dem-kapitulationsgerede-a-e498992d-0302-4f06-a4c1-d31c5a9e575f<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die K&auml;mpfe um die Interpretation des politischen Geschehens werden zu Kriegszeiten genauso erbittert gef&uuml;hrt wie milit&auml;rische Schlachten. Der siegreiche Narrativ kann &uuml;ber die Zukunft entscheiden.&nbsp;Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":87172,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,123,171,11],"tags":[2005,1645,2175,466,915,259,827,260],"class_list":["post-87171","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-fake-news","tag-georgien","tag-interventionspolitik","tag-nato","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-stigmatisierung","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/shutterstock_1955776105.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87171","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=87171"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87171\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99308,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87171\/revisions\/99308"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/87172"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=87171"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=87171"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=87171"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}