{"id":87282,"date":"2022-08-26T10:30:49","date_gmt":"2022-08-26T08:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87282"},"modified":"2022-08-26T14:32:54","modified_gmt":"2022-08-26T12:32:54","slug":"ausgeklatscht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87282","title":{"rendered":"Ausgeklatscht"},"content":{"rendered":"<p>Als zu Beginn der Corona-Pandemie die prek&auml;re Personalsituation in den deutschen Kliniken zu einem &ouml;ffentlichen Thema wurde, bestand f&uuml;r eine kurze Zeit die Chance, dass sich wirklich nachhaltig etwas am <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59319\">skandal&ouml;sen Pflegenotstand<\/a> &auml;ndern k&ouml;nnte. Doch die Hoffnung w&auml;hrte nur kurz. Es gab Applaus und warme Worte, ge&auml;ndert hat sich seitdem jedoch nichts. Nun liegt endlich der erste <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/sw\/pflegenotstand?s=&amp;p=1&amp;n=1&amp;nid=136597\">Referentenentwurf mit Eckpunkten f&uuml;r eine bessere Pflegepersonalregelung<\/a> vor. 2025 soll das Gesetz dann allgemein gelten. Doch wie es derzeit aussieht, weist der Gesetzentwurf so viele L&uuml;cken auf, dass Karl Lauterbach vielleicht besser den Bundestag auffordern sollte, noch einmal eine Runde f&uuml;r die Pflegekr&auml;fte zu klatschen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5247\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87282-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826_Ausgeklatscht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826_Ausgeklatscht_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826_Ausgeklatscht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826_Ausgeklatscht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87282-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826_Ausgeklatscht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220826_Ausgeklatscht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist ein vielbesch&auml;ftigter Mann. G&auml;be es f&uuml;r jeden Tweet ein Honorar &ndash; der Mann w&auml;re heute Million&auml;r. Abseits von PR-Arbeit in eigener Sache und seiner &ouml;ffentlich ausgelebten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86932\">Corona-Zwangsfixierung<\/a>  bleibt verst&auml;ndlicherweise wenig Zeit f&uuml;r andere Dinge. So &uuml;berrascht es nicht wirklich, dass sein Ministerium erst jetzt die ersten Eckpunkte f&uuml;r eine &bdquo;neue&ldquo; Rechtsverordnung vorlegt hat, die ihrerseits auf ein Konzept f&uuml;r ein neues &ldquo;Pflegepersonalbemessungsinstrument&rdquo; (PPR 2.0) aufsetzt, das Lauterbachs Amtsvorg&auml;nger Jens Spahn bereits im Januar 2020 &ndash; also vor mehr als zweieinhalb Jahren &ndash; vom Deutschen Pflegerat, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Verdi &uuml;bergeben wurde. Doch bei diesen zweieinhalb Jahren wird es nicht bleiben.<\/p><p>Zur Erinnerung: Im Oktober 2019 wurde endlich seitens des Gesetzgebers eine <a href=\"https:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/themen\/pflege\/pflegepersonaluntergrenzen.html\">&bdquo;Personaluntergrenze&ldquo; f&uuml;r das Pflegepersonal verabschiedet<\/a>. Diese Regelung wurde jedoch <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/kliniken-in-deutschland-warum-es-so-leicht-ist-die-untergrenzen-fuer-pflegekraefte-zu-umgehen-a-b2a6909b-5ad3-4914-830d-d249286f67ae\">nie ernsthaft befolgt<\/a>, da es weder Kontrollen noch nennenswerte Sanktionen gab, und &bdquo;wegen Corona&ldquo; ohnehin, kaum war sie in Kraft, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62701\">wieder ausgesetzt<\/a>.<\/p><p>Nun soll alles besser werden. Zum 31. Januar 2023 soll nun erst einmal ein Sachverst&auml;ndigenrat eine Verordnung zur Personalbemessung im Pflegesystem vorbereiten und dazu zum 31. August 2023 einen Abschlussbericht vorlegen. Zum 30. November 2023 will das Ministerium dann einen ersten echten Gesetzesentwurf vorlegen, ab 2024 soll das neue Gesetz dann erst einmal gelten, wobei Verst&ouml;&szlig;e erst ab 2025 sanktioniert werden sollen. F&uuml;nf verlorene Jahre.<\/p><p>Um was geht es eigentlich bei diesem Gesetz? Bislang ist es den Krankenh&auml;usern de facto freigestellt, wieviel Pflegepersonal sie einsetzen. Personal kostet Geld und da die Ertr&auml;ge des &bdquo;Wirtschaftsunternehmens&ldquo; Krankenhaus nicht an die Krankenpflege gekoppelt sind, besagt die betriebswirtschaftliche Logik, dass ein niedriger Personalstand gut f&uuml;r Rendite ist. Gerade f&uuml;r die renditeorientierten privaten Krankenhauskonzerne ist dies der entscheidende Punkt. Vergessen Sie das ganze Gerede von Qualit&auml;t und sozialer Verantwortung &ndash; es geht ganz profan ums Geld. <\/p><p>Wohin diese Fehlentwicklung gef&uuml;hrt hat, beobachten wir seit Jahren. Immer mehr Mitarbeiter verlassen die &bdquo;Knochenm&uuml;hle&ldquo; Krankenhaus und junge Menschen haben verst&auml;ndlicherweise immer weniger Lust, einen Beruf in der Pflege zu erlernen. Versuche, die L&uuml;cke mit ausl&auml;ndischen Pflegekr&auml;ften zu schlie&szlig;en, schlugen fehl. Wer qualifiziert ist, geht in ein Land, in dem der Job besser bezahlt ist und die Arbeitsbedingungen besser sind. Wer nicht ausreichend qualifiziert ist, findet zwar in Deutschland einen Job, wirft aber oft auch genauso schnell wieder hin und kehrt in sein Heimatland zur&uuml;ck. Sprach- und kulturelle Barrieren tun ihr &Uuml;briges.<\/p><p>So gibt es in der Tat einen faktischen Fachkr&auml;ftemangel, dennoch mangelt es nicht an Fachkr&auml;ften. Nach einer <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/pressemitteilungen-2675-neue-studie-mindestens-300-000-zusatzliche-pflegekrafte-40798.htm\">Studie<\/a> der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung lie&szlig;en sich alleine in der Krankenpflege bis zu 378.000 Vollzeitstellen besetzen, wenn man das Personal wieder zur&uuml;ckholt, das aufgrund der &Uuml;berlastung entweder dem Job ganz den R&uuml;cken gekehrt hat oder ihn nur noch in Teilzeit bew&auml;ltigen kann. <\/p><p>In der Pflege gibt es einen Teufelskreis. Weil die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, verl&auml;sst das Personal die H&auml;user, und die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, weil es nicht gen&uuml;gend Personal gibt. Dieser Teufelskreis l&auml;sst sich nur dadurch brechen, dass massiv Personal eingestellt wird. Um dies zu erreichen, m&uuml;ssen die Krankenh&auml;user gezwungen werden, mehr Personal auf den Stationen einzusetzen; denn nur dann sinkt die Belastung und nur dann findet man &uuml;berhaupt die n&ouml;tigen Mitarbeiter.<\/p><p>Aber wie kann man Krankenh&auml;user zwingen, Personal einzustellen? Schon heute gibt es schlie&szlig;lich sogenannte Pflegeschl&uuml;ssel, die in einigen Bereichen eine &ndash; immer noch zu geringe &ndash; Mindestbesetzung vorschreiben. Doch diese Vorschriften sind eigentlich eher unverbindliche Empfehlungen. Die Einhaltung der Mindestbesetzung wird nicht kontrolliert und man hat den Krankenhausbetreibern einen ganzen Wust an M&ouml;glichkeiten mit auf den Weg gegeben, um die Zahlen zu sch&ouml;nen. So werden beispielsweise in vielen H&auml;usern Mitarbeiter aus dem administrativen Bereich, wie Stationssekret&auml;rinnen, einfach als Pflegepersonal mitgerechnet und Springer sowie Bereitschaftskr&auml;fte werden einfach in allen Stationen als Vollzeitkr&auml;fte mitgez&auml;hlt, die laut interner Regelung Zugriff auf diese Mitarbeiter anmelden k&ouml;nnen. Kontrolliert wird das ohnehin nicht, Sanktionen sind die absolute Ausnahme. Und selbst wenn einmal sanktioniert wird, ist der wirtschaftliche Verlust dadurch wesentlich geringer als die Personalkosten, die n&ouml;tig w&auml;ren, um den Pflegeschl&uuml;ssel zu erf&uuml;llen. Stellen Sie sich das wie eine Parkuhr vor, die 20 Euro pro Stunde verlangt, obgleich ein Ticket wegen Falschparkens nur f&uuml;nf Euro kostet und ohnehin niemand kontrolliert. Wer w&uuml;rde da Geld in die Parkuhr werfen?<\/p><p>Leider lassen die Eckpunkte der gesetzlichen Neuregelung vermuten, dass auch Lauterbachs &bdquo;gro&szlig;e&ldquo; Reform genau die Umgehungsm&ouml;glichkeiten eingebaut hat, die dazu f&uuml;hren, dass auch das neue Gesetz in der Praxis keine gro&szlig;en Auswirkungen haben wird. <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/sw\/pflegenotstand?s=&amp;p=1&amp;n=1&amp;nid=136597\">So berichtet das &Auml;rzteblatt<\/a>, dem der erste Rohentwurf vorliegt, dass es dort an einer Stelle hei&szlig;t, dass sich &bdquo;die Festlegung der Erf&uuml;llungsgrade [&hellip;] an realisierbaren Werten orientieren und die Lage auf dem Arbeitsmarkt f&uuml;r Pflegekr&auml;fte ber&uuml;cksichtigen&ldquo; soll. Das ist paradox. Wenn Krankenh&auml;user nicht gewillt sind, mit besseren Arbeitsbedingungen oder L&ouml;hnen zus&auml;tzliche Pflegekr&auml;fte am Arbeitsmarkt f&uuml;r sich zu gewinnen, ist dies lt. Gesetz ein Ausnahmezustand, der dazu f&uuml;hrt, dass diese Pflegekr&auml;fte nicht mehr zwingend eingestellt werden m&uuml;ssen. Das ist exakt die Behauptung, mit der die Lobbyisten der Krankenhauskonzerne und die einzelnen H&auml;user seit Jahren hausieren gehen. Na klar, wer sich ernsthaft bem&uuml;ht, Arbeitskr&auml;fte zu bekommen, wird auch kein Personal bekommen. Wer 1.000 Euro f&uuml;r einen Porsche bezahlen will und kein Angebot bekommt, sollte lieber nicht von einem Porsche-Mangel schwadronieren. Und wer Pflegekr&auml;ften nur schlecht bezahlte Jobs auf &uuml;berlasteten Stationen im unattraktiven und aufreibenden Schichtdienst anbietet, sollte lieber nicht von einem Fachkr&auml;ftemangel schwadronieren. <\/p><p>Als zweite gro&szlig;e Umgehungsm&ouml;glichkeit sieht der Entwurf vor, dass H&auml;user, die sich &uuml;ber tarifvertragliche oder andere vertraglich getroffene Vereinbarungen zur Entlastung des Pflegepersonals abgesichert haben, generell nicht unter die neuen Regelungen fallen. In einer Branche, in der weniger als zehn Prozent der Besch&auml;ftigten gewerkschaftlich organisiert sind, es nur so von &bdquo;Gewerkschaften&ldquo; wimmelt und so mancher Betriebsrat froh &uuml;ber jedes kleine Z&uuml;ckerli ist, das man ihm anbietet, ist diese Ausnahmeregelung geradezu fatal. Es w&auml;re ein Wunder, wenn es nicht bis zum Jahr 2025 nur so an Entlastungstarifvertr&auml;gen hagelt, mit denen die Regulierungen des neuen Gesetzes ausgehebelt werden. Und wer mag den Betriebsr&auml;ten hier einen Vorwurf machen? Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Schlie&szlig;lich ist es noch lange nicht ausgemacht, dass sich durch das Gesetz auch faktisch etwas &auml;ndert.<\/p><p>Die gro&szlig;e Unbekannte sind und bleiben n&auml;mlich die Sanktionen. Hier g&auml;be es abseits hoher Strafzahlungen ja durchaus Mittel und Wege, die Krankenhausbetreiber &bdquo;sanft&ldquo; zu zwingen, mehr Personal einzustellen. Wenn ein Haus beispielsweise nicht auf allen Stationen gen&uuml;gend Personal vorhalten kann, so k&ouml;nnte man es zwingen, einzelne Stationen zu schlie&szlig;en &ndash; und zwar nicht die ohnehin oft defizit&auml;ren Stationen, die zur medizinischen Grundversorgung z&auml;hlen, sondern die ber&uuml;hmten &bdquo;Cash Cows&ldquo;, also die Fachabteilungen, die fette Gewinne abwerfen. <\/p><p>Letzten Endes verstehen die Krankenhauskonzerne nur eine Sprache &ndash; und das ist die Sprache des Geldes. Nur wenn es &ouml;konomisch sinnvoll ist, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und mehr Personal einzustellen, wird dies auch passieren. Ein Gesetz, das dies erm&ouml;glicht, m&uuml;sste harte, zielgenaue und vor allem teure Sanktionen beinhalten, die nicht so einfach umgangen werden k&ouml;nnen. Wenn aber schon der erste Entwurf an entscheidenden Stellen so wirkt, als stamme er aus der Feder der Lobbyisten von Asklepios, Helios oder Fresenius, ist die Erwartungshaltung gering, dass am Ende f&uuml;r die Pflegekr&auml;fte mehr herausspringt als eine Runde Applaus.<\/p><p>Titelbild: Supamotion\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/f560bbf64e364fd6b1513958b6ad7d52\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als zu Beginn der Corona-Pandemie die prek&auml;re Personalsituation in den deutschen Kliniken zu einem &ouml;ffentlichen Thema wurde, bestand f&uuml;r eine kurze Zeit die Chance, dass sich wirklich nachhaltig etwas am <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59319\">skandal&ouml;sen Pflegenotstand<\/a> &auml;ndern k&ouml;nnte. Doch die Hoffnung w&auml;hrte nur kurz. Es gab Applaus und warme Worte, ge&auml;ndert hat sich seitdem jedoch nichts. 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