{"id":87304,"date":"2022-08-28T11:45:18","date_gmt":"2022-08-28T09:45:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87304"},"modified":"2022-09-02T16:34:21","modified_gmt":"2022-09-02T14:34:21","slug":"ist-gendern-links","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87304","title":{"rendered":"Ist Gendern links?"},"content":{"rendered":"<p>Sehen wir ein Machtspiel, im Zuge dessen die B&uuml;rger lernen sollen, ihren eigenen sprachlichen Intuitionen zu misstrauen? Verwandelt sich die gemeinsame Sprache von einem Allgemeingut quasi zum Eigentum einer selbsternannten &ldquo;sprachsensiblen&rdquo; Sprachelite, die k&uuml;nftig &uuml;ber richtig und falsch in der Sprache bestimmt? Ist Toleranz gegen&uuml;ber jeweils Andersdenkenden der Schl&uuml;ssel beim aktuellen Sprachstreit? Der Professor f&uuml;r germanistische Linguistik <strong>Ralf Vogel <\/strong>hat zu dem Themenkomplex des Genderns einige Gedanken aufgeschrieben. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7866\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87304-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Ist-Gendern-links-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Ist-Gendern-links-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Ist-Gendern-links-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Ist-Gendern-links-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87304-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Ist-Gendern-links-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220826-Ist-Gendern-links-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Zum Autor:<\/strong> <em>Ralf Vogel ist Professor f&uuml;r germanistische Linguistik an der Universit&auml;t Bielefeld.<\/em><\/p><p>Ich habe mich seit meiner friedensbewegten Jugend Anfang der 80er Jahre im politisch linken Spektrum verortet, von dem aus ich auch sprachpolitische Ma&szlig;nahmen zu bewerten versuche. <\/p><p>Sogenanntes Gendern ist aktuell zum Gegenstand des &ouml;ffentlichen Diskurses geworden. Es ist eine sprachpolitische Ma&szlig;nahme und somit auch v&ouml;llig zu Recht Gegenstand eines <em>politischen <\/em>Diskurses, f&uuml;r den die Linguistik keine Deutungshoheit beanspruchen kann. Ich glaube trotzdem, aus einer differenzierteren linguistischen Perspektive hilfreiche Denkanst&ouml;&szlig;e geben zu k&ouml;nnen. Ich bin allerdings auch einer der Unterzeichner des <a href=\"https:\/\/www.linguistik-vs-gendern.de\/\">Aufrufs gegen das Gendern im &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk (&Ouml;RR)<\/a> und insofern nicht neutral. <\/p><p>Sprachwissenschaftler sind es gewohnt, ihren Gegenstand und ihre Disziplin als unpolitisch zu betrachten. Ich denke, dass das in beiden F&auml;llen ein Trugschluss ist. Sicher, Sprache wird von uns als quasi naturgegebener Gegenstand angesehen und die theoretischen Vorstellungen, die man &uuml;ber die Beugung des Verbs, &uuml;ber Kasus, Numerus oder Genus entwickelt, sind, sofern sie wissenschaftlich sind, tats&auml;chlich frei von gesellschaftsideologischen Aspekten. <\/p><p>In der Geschichte der Linguistik war dies nicht immer so. In Grammatiken des Deutschen aus dem 18. Jahrhundert oder von noch fr&uuml;her findet sich meist eine Mischung aus Beschreibung und Bewertung dergestalt, dass Variantenvielfalt in der deutschen Sprache beschrieben wird, aber gleichzeitig klar gesagt wird, welche Varianten nicht schicklich seien, meist verbunden mit einem ver&auml;chtlichen Zungenschlag gegen&uuml;ber den vermeintlich ungebildeten Schichten, Handwerker, Bauern usw. Im 19. Jahrhundert findet sich parallel zur Restauration des deutschen Nationalstaats auch eine Linguistik, die die deutsche Sprache zu einem Organismus aufwertet. Hier ist der Ursprung der sprachideologischen Haltung, die jeden Sprachwandel als Sprachverfall deutet, und die &Uuml;bernahme von Lehnw&ouml;rtern als eine Art Verschmutzung der urspr&uuml;nglich reinen deutschen Sprache. Die moderne Linguistik enth&auml;lt sich seither solcher Wertungen.<\/p><p>Vielmehr, und auch das ist eine politisch relevante Haltung, achten wir die Vielfalt der Sprachen auf der Welt. Alle Sprachen gelten uns gleich viel. Diese Haltung ist heute eine unabdingbare Grundlage jeder linguistischen Bet&auml;tigung. Und dies hat auch seine politische Entsprechung erhalten beispielsweise im Diskriminierungsverbot aufgrund von Sprache im Grundgesetz, wie auch in <a href=\"https:\/\/www.coe.int\/de\/web\/european-charter-regional-or-minority-languages\">der Europ&auml;ischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats<\/a> , die besonderes Augenmerk auf die innere Mehrsprachigkeit vieler Gesellschaften legt.<\/p><p>Gleiches gilt f&uuml;r uns aber auch f&uuml;r die Ausdrucksvielfalt <em>innerhalb einer einzigen Sprache<\/em>. Man kann &bdquo;<em>Sonnabend&ldquo; <\/em>oder &bdquo;<em>Samstag&ldquo; <\/em>sagen. Beide Ausdrucksweisen sind gleich viel wert. Und darin stimmen wir mit den Tr&auml;gern der Sprache, den Menschen, die sie verwenden und denen sie folglich geh&ouml;rt, &uuml;berein. Frei nach Rosa Luxemberg k&ouml;nnte man daher ein Prinzip des sprachlichen Pluralismus formulieren: Freiheit ist immer die Freiheit des Anderssprechenden. Nennen wir es das linguistische Rosa-Prinzip, oder im Folgenden einfach Rosa-Prinzip. Ich mag dieses Prinzip auch deshalb, weil es einem eine Haltung abverlangt, die jenseits der Frontlinien der Gendern-Debatte liegt. <\/p><p>Die menschliche Sprachf&auml;higkeit beinhaltet ganz wesentlich die F&auml;higkeit des Menschen, sich verst&auml;ndigen zu k&ouml;nnen, <em>obwohl <\/em>man nicht <em>genau <\/em>die gleiche Sprache spricht, was praktisch immer der Fall ist. Unser sprachlicher Alltag besteht tats&auml;chlich darin, dass wir die vielf&auml;ltige Realit&auml;t unserer Sprache vollumf&auml;nglich anerkennen und mit ihr problemlos umgehen. Wir k&ouml;nnen das und machen das, ohne dass es uns gro&szlig; bewusst w&uuml;rde. Eine gemeinsame Sprache zu haben, hei&szlig;t demnach, einander zu verstehen, obwohl man keine gemeinsame Sprache hat.<\/p><p>Sprache im Alltag ist also echter gelebter Pluralismus. Wer im &Uuml;brigen nach Anschauungsmaterial f&uuml;r gelebten innersprachlichen Pluralismus sucht, der kann im vielgescholtenen &Ouml;RR immerhin doch auch ein hervorragendes Beispiel finden. Ich meine die ZDF-Sendung <em>Bares f&uuml;r Rares<\/em>, in der Wertsch&auml;tzung in jeder Hinsicht Programm ist. <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/show\/bares-fuer-rares\">&Uuml;berzeugen Sie sich selbst<\/a>.<\/p><p>Ist das Rosa-Prinzip ein linkes Prinzip? Ich w&uuml;rde denken, ja &ndash; eines von vielen nat&uuml;rlich, aber wer sich nicht daran h&auml;lt, kann eigentlich nicht f&uuml;r sich beanspruchen, links zu sein. <\/p><p>Das Rosa-Prinzip hat eine weitere Konsequenz: Wer die Ausdrucksweise eines anderen nicht akzeptiert, versucht sich &uuml;ber ihn zu stellen. Da die Abschaffung von Herrschaftsverh&auml;ltnissen zwischen Menschen ein linkes Ziel ist, ist diese Selbsterh&ouml;hung wiederum nicht links. <\/p><p>Sprachliche Freiheit, sprachliche Gleichheit in Vielfalt: Gibt es auch sprachliche Br&uuml;derlichkeit? Ja, auch das kann man aus dem Rosa-Prinzip indirekt herauslesen. Hier geht es um sprachliche Bedeutung und um den wichtigsten Beitrag, den die Linguistik in der Debatte leisten kann.<\/p><p>Eine Sprache ist ein Zeichensystem, bei dem grunds&auml;tzlich <em>willk&uuml;rlich <\/em>Formen und Bedeutungen zu Zeichen verbunden werden. Aber diese Verbindungen, einmal gesetzt, definieren dann die Sprache. Ein Fisch ist ein <em>Fisch<\/em> und ein Tisch ist ein <em>Tisch<\/em>, und wer die beiden W&ouml;rter verwechselt, wendet die Sprache falsch an. Dass dem so ist, ist eine <em>soziale <\/em>Tatsache, wie &uuml;berhaupt alle sprachlichen Tatsachen soziale Tatsachen sind. Es liegt au&szlig;erhalb der Macht des Einzelnen, zu erwirken, dass ein Fisch k&uuml;nftig in der Gemeinschaft als <em>Tisch<\/em> bezeichnet wird. Versuchen Sie es. Das Inventar einer Sprache stellt sich im Rahmen einer ungesteuerten sozialen Dynamik ein, die auf der unentwegten kommunikativen T&auml;tigkeit der Gesellschaft beruht. F&uuml;r die deutsche Sprache sprechen wir hier von &uuml;ber 100 Millionen Menschen. Die Sprache wird in diesem Rahmen auch kontinuierlich ver&auml;ndert. <\/p><p>Gleichwohl sind diese konventionalisierten sprachlichen Zeichen nur <em>Werkzeuge<\/em> der Kommunikation. Wir verwenden diese Werkzeuge, um uns auszutauschen, also Bedeutungen, Ideen, Vorstellungen, W&uuml;nsche usw. zu kommunizieren. Was dabei f&uuml;r den Adressaten einer &Auml;u&szlig;erung z&auml;hlt, ist nicht, was die verwendeten W&ouml;rter konventionell bedeuten, sondern was der Sprecher mit der Verwendung dieser W&ouml;rter <em>meint<\/em>, was er versucht zu kommunizieren. <\/p><p>Wenn Sie sich oben gefragt haben, wie es gelingt, einander zu verstehen, ohne die gleiche Sprache zu haben, dann liegt hier die Antwort: Eine streng genommen gemeinsame Sprache ist nicht n&ouml;tig, weil gelingende Kommunikation davon nicht abh&auml;ngt. Die sprachlichen Zeichen sind beim Verstehen einer &Auml;u&szlig;erung eher so etwas wie Anhaltspunkte. <\/p><p>Das Wesen des Verstehens liegt also darin, zu erkennen, was jemand mit einer &Auml;u&szlig;erung <em>meint<\/em>, nicht in dem, was die verwendeten W&ouml;rter hergeben, wenn sie quasi wortw&ouml;rtlich verstanden werden. Wenn es anders w&auml;re, k&ouml;nnte es sprachkreative Erscheinungen wie beispielsweise Metaphern gar nicht geben, keinen Sprachwandel, generell keine sprachlichen Neuerungen, aber damit auch keine Sprache, weil alle Einheiten der Sprache irgendwann einmal als Neuerungen in die Sprache aufgenommen wurden. Das ist also auch wieder ein fundamentaler Aspekt der Sprache. <\/p><p>Das Prinzip, das ich hier beschrieben habe, besteht darin, dass in der allt&auml;glichen zwischenmenschlichen Kommunikation dem Verstehen dessen, was das Gegen&uuml;ber meint, <em>Vorrang <\/em>gegeben wird gegen&uuml;ber dem, was andere oder man selbst mit derselben Wortwahl meinen w&uuml;rden, oder was sich in einer anderen Situation an gemeinter Bedeutung erg&auml;be. <\/p><p>Verstehen beruht also auf <em>Empathie<\/em>. Auch diese sprachliche Br&uuml;derlichkeit ist eine Konsequenz des Rosa-Prinzips, die sich allerdings wie gesagt erst ergibt, wenn man die Eigenarten sprachlicher Kommunikation ber&uuml;cksichtigt. Umgekehrt gilt dann auch, dass mein Verlangen, dass eine Person auf eine bestimmte Weise zu mir spricht, einen Eingriff in deren Ausdrucksfreiheit darstellen w&uuml;rde, also einen Versto&szlig; gegen das Rosa-Prinzip.<\/p><p>Ob eine sprachpolitische Ma&szlig;nahme links ist, kann man nun daran festzustellen versuchen, ob sie dem Rosa-Prinzip gerecht wird: also Vielfalt achten, keine Selbst&uuml;berh&ouml;hung, Einf&uuml;hlung. Eigentlich ganz einfach. <\/p><p>Sind Linke daf&uuml;r anf&auml;llig, gegen das Rosa-Prinzip zu versto&szlig;en? Eindeutig ja. Es gab mal eine Zeit, in der Bef&uuml;rworter und Gegner einer Technologie, nennen wir sie behelfsweise mal <em>Atomkernkraft<\/em>, an ihrer Bezeichnung f&uuml;r diese Technologie erkennbar waren, wie eine Art sprachliches Parteiabzeichen. <\/p><p>Das hatte etwas Praktisches, hatte aber die Nebenwirkung, dass man sich auf der Linken skurrile Erkl&auml;rungen f&uuml;r die eigene Ausdruckspr&auml;ferenz ausdachte wie dass <em>Kernkraft <\/em>harmloser kl&auml;nge als <em>Atomkraft<\/em>, weil <em>Atomkraft <\/em>an <em>Atombombe <\/em>erinnert &ndash; und <em>Kernkraft <\/em>nicht an Kernwaffen, sondern an Apfelkerne oder so. Das L&auml;cherliche daran ist r&uuml;ckblickend die Verwechslung von Narrativen und ihrer Propagandasprache mit der Realit&auml;t. Beide Parteien h&auml;tten sich ja auf eine gemeinsame Bezeichnung einigen k&ouml;nnen, wie das in den meisten anderen Politikfeldern auch der Fall ist. Und das h&auml;tte die Kontroverse in keiner Weise beeinflusst. <\/p><p>Der linke Versto&szlig; gegen das Rosa-Prinzip besteht hier in der Nicht-Akzeptanz des Ausdrucks <em>Kernkraft<\/em>. Der Verst&auml;ndigung tat das Ganze im &Uuml;brigen aber keinen Abbruch. Schlie&szlig;lich kann man sich nicht streiten, wenn man sich nicht versteht. <\/p><p>Nehmen wir noch ein anderes Beispiel, bevor wir zum Gendern kommen. Im Zuge der Fl&uuml;chtlingskrise der EU wurde von Seiten der Aktivisten <em>Gefl&uuml;chtete\/r<\/em> als neue Bezeichnung anstelle von <em>Fl&uuml;chtling<\/em> eingef&uuml;hrt. Das am Beispiel <em>Atom-\/Kernkraft <\/em>beschriebene Muster wiederholt sich hier. Man kann wieder Vertreter einer bestimmten politischen Position an der Ausdrucksweise erkennen. <\/p><p>Das Problem mit dem linken Aktivismus ist aber auch hier, dass er das Bed&uuml;rfnis nach einer Begr&uuml;ndung hat, die auch hier darauf basiert, die nicht verwendete Alternative schlechtzureden. <em>Fl&uuml;chtling<\/em> soll irgendwie ver&auml;chtlich oder diskriminierend klingen, was auch an der Endung <em>-ling<\/em> liegen soll wie in <em>H&auml;ftling<\/em>, <em>Schw&auml;chling<\/em>. Erneut sehen wir selektive Wahrnehmung: Varianten, die nicht in die Argumentation passen, wie <em>S&auml;ugling, Zwilling<\/em>,<em> Liebling<\/em>, werden ausgeblendet. Dass hier mit der Verwendung des Partizips auch eine Strategie des Genderns angewandt wird, mag eine weitere Motivation f&uuml;r die Ausdrucksweise sein. <\/p><p>Grunds&auml;tzlich, und das ist beim Gendern auch so, versucht hier eine Minderheit, der Mehrheit ihr Sprachgef&uuml;hl aufzuzwingen: &ldquo;Ich empfinde <em>Fl&uuml;chtling<\/em> als diskriminierend, und wenn du das nicht genauso f&uuml;hlst, dann stimmt mit deinem Sprachgef&uuml;hl etwas nicht.&rdquo; <\/p><p>Wir sehen, wie hier ein Machtspiel beginnt, im Zuge dessen die Sprecher des Deutschen lernen sollen, ihren eigenen nat&uuml;rlichen sprachlichen Intuitionen zu misstrauen (eine Art <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gaslighting\">&bdquo;Gaslichtern&ldquo;<\/a>). Wer sich darauf einl&auml;sst, wird abh&auml;ngig von den Empfehlungen von Experten, also den Aktivisten, und pl&ouml;tzlich verwandelt sich die gemeinsame Sprache von einem Allgemeingut quasi zum Eigentum einer selbsternannten &bdquo;sprachsensiblen&ldquo; Sprachelite, die k&uuml;nftig &uuml;ber richtig und falsch in der Sprache bestimmt. <\/p><p>Das ist allerdings eben nur eine theoretische M&ouml;glichkeit. Es gab schon so viele derartige Versuche, Sprache zu kapern. Sie sind alle j&auml;mmerlich gescheitert und das wird immer so sein. Deshalb kann man das ganze Gewese um Gendern und andere Sprachempfehlungen eigentlich auch ziemlich gelassen sehen. <\/p><p>Kommen wir nun zum Gendern. Wer mir bis hierher gefolgt ist, wird zun&auml;chst einmal schlussfolgern, dass eine neue Ausdrucksweise an sich nichts Schlechtes sein kann. Wer dem Rosa-Prinzip folgt, der kann sich weder gegenderter Ausdrucksweise verschlie&szlig;en, noch beispielsweise Anglizismen oder jugendsprachlicher und anderweitiger Sprachakrobatik. Aber Sie werden vielleicht ahnen, wo der Hase im Pfeffer liegt.<\/p><p>Ich habe selbst eigentlich immer bestimmte unorthodoxe orthographische Mittel wie das Binnen-I verwendet, je nach Lust und Laune. Das Spiel mit den Ambivalenzen und Ausdrucksm&ouml;glichkeiten von Sprache und Schrift geh&ouml;rt zum sprachlichen Alltag und f&uuml;r viele von uns macht es den eigentlichen Spa&szlig; an der Besch&auml;ftigung mit Sprache aus. <\/p><p>In dem Moment aber, wo diese spielerische Praxis den politischen Raum betreten hat, war alle Unbefangenheit dahin. Das Gendern wurde zu einem sprachlichen Parteiabzeichen. Die Gleichstellungsb&uuml;ros &ouml;ffentlicher Institutionen verfassen Sprachratgeber, die als Empfehlungen tarnen, was mit empfindlichen sozialen Sanktionen bewehrt einer Forderung nach unbedingtem Sprachgehorsam entspricht. <\/p><p>Alternative Mittel, wie das landauf landab in allen Schichten und Regionen h&ouml;chst gebr&auml;uchliche und vorrangig verwendete Mittel des sogenannten generischen Maskulinums, werden als diskriminierend diffamiert. Diejenigen, die mit &Uuml;berzeugung gendern, tun das ausgesprochen demonstrativ und inszenieren sich als die besseren Menschen. Es ist offensichtlich, dass das Rosa-Prinzip hier gravierend verletzt ist. In mehreren Punkten. <\/p><p>Es beginnt aber damit, dass auch hier die Abwertung der Ausdrucksalternative keine Basis in der Realit&auml;t hat. Nehmen wir eine Durchsage in einem Kaufhaus kurz vor Ladenschluss: <em>Liebe Kunden, bitte beenden Sie z&uuml;gig Ihren Einkauf. Wir schlie&szlig;en in f&uuml;nf Minuten. Vielen Dank f&uuml;r Ihren Besuch<\/em>. <\/p><p>Das ist ganz gew&ouml;hnlicher Sprachgebrauch, wie er st&auml;ndig im deutschen Sprachraum vorkommt. Niemand, auch keine Gendern-Bef&uuml;rworter, w&uuml;rde bestreiten, dass der hier verwendete Ausdruck <em>Kunden<\/em> geschlechtsneutral gemeint ist und dass das auch problemlos so verstanden wird. Das ist ein unbestreitbares linguistisches Faktum. Auch die weiblichen Kunden werden das Kaufhaus verlassen.<\/p><p>Jede Empfehlung, dass anstelle von <em>Kunden<\/em> Ausdrucksweisen wie <em>Kund*innen<\/em> oder <em>Kundinnen und Kunden<\/em> besser zu verwenden seien, und <em>Kunden<\/em> zu vermeiden, geht mit einer Verletzung des Rosa-Prinzips einher. Die Sprachvielfalt wird nicht geachtet; man stellt sich &uuml;ber diejenigen, die sich f&uuml;r das generische Maskulinum entscheiden; man weigert sich, den Ausdruck so zu verstehen &ndash; wie man ihn verstanden hat. <\/p><p>An dieser Stelle werden dann psycholinguistische Studien zitiert, die angeblich beweisen sollen, dass Ausdr&uuml;cke wie <em>Kunden<\/em> von uns eben doch unbewusst (womit auch unterstellt wird: <em>in Wirklichkeit<\/em>, als ob das Unbewusste die Wirklichkeit w&auml;re) als m&auml;nnlich interpretiert werden. Sehen wir einmal davon ab, dass die hier meist prominent genannten Studien nach meiner Einsch&auml;tzung teils katastrophale methodische Fehler beinhalten und dass die so &bdquo;gemessenen&ldquo; Effekte selten die klaren Schlussfolgerungen erlauben, die aus ihnen gezogen werden. <\/p><p>Das Grundproblem bleibt dabei das Folgende: Es ist &uuml;berhaupt nicht zu erkennen, wieso solche vermeintlichen psychologischen Tatsachen f&uuml;r die Bewertung von Sprache relevant sein sollen, die wie gesagt prim&auml;r ein soziales Ph&auml;nomen ist. <\/p><p>Wenn es wirklich so w&auml;re, dass wir uns bei der Verwendung generischer Maskulina st&auml;ndig missverstehen, dann w&auml;re uns das l&auml;ngst aufgefallen. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte aus der Beobachtung der tats&auml;chlich stattfindenden Kommunikation, dass dem so w&auml;re. Sprache ist nicht perfekt, und Missverst&auml;ndnisse kommen immer wieder vor, aber die generischen Maskulina sind hier in keiner Weise auff&auml;llig. <\/p><p>Es gibt also keinerlei Hinweise aus dem realen Sprachgebrauch, dass die deutsche Sprache an dieser Stelle reformbed&uuml;rftig w&auml;re. Ich w&auml;hle diesen Ausdruck hier bewusst, weil die gleiche Masche zu beobachten ist wie bei neoliberalen Reformen: Man redet ein &ouml;ffentliches Gut schlecht, das gut etabliert und sicher nicht perfekt ist, aber im Prinzip gut funktioniert. Und dann setzt man etwas an dessen Stelle, wobei man damit vorrangig ein Eigeninteresse bedient.<\/p><p>Ist der Antrieb der Akteure bei den neoliberalen Sozialreformen materieller Art, so ist f&uuml;r mich nicht offensichtlich, was hier der Antrieb ist, abgesehen davon, dass die Akteure, die das Gendern offensiv betreiben, sich als Teil einer Art sprachrevolution&auml;rer Bewegung zu sehen scheinen und ihre Befriedigung darin finden m&ouml;gen, dass sie ach so viel Gutes tun. Klar ist, dass die Gendern-Aktivisten so etwas wie symbolische Macht oder Deutungshoheit &uuml;ber die gemeinsame Sprache beanspruchen.<\/p><p>Das Problem liegt also nicht in den sprachlichen Mitteln des Genderns an sich (jeder darf sich so ausdr&uuml;cken, wie er m&ouml;chte), sondern darin, dass wir es hier mit einer sprachpolitischen Ma&szlig;nahme zu tun haben, die gegen das Rosa-Prinzip verst&ouml;&szlig;t, weil sie alternative Ausdrucksweisen und ihre Verwender diskriminiert. <\/p><p>Gegenstand unseres Protests gegen das Gendern sind also im Wesentlichen all die landauf landab verfassten Sprachratgeber bis hin zu Passagen in Gleichstellungsverordnungen, bei denen die Diskriminierung von Ausdrucksweisen und damit ihrer Verwender Programm ist. Die Adressaten des Protests sind die Gleichstellungsstellen, die diese Ratgeber und Richtlinien verfassen. Der &Ouml;RR ist dabei eine dieser Institutionen, bei denen das nur besonders sichtbar wird, weil es sich eben um Medienanstalten handelt.<\/p><p>Wie gehe ich pers&ouml;nlich damit um? Ich bin zur&uuml;ckgekehrt zum generischen Maskulinum, konsequenter als je zuvor. Ich finde das &ouml;ffentliche demonstrative Zurschaustellen von sprachlichen Parteinadeln absto&szlig;end. Deshalb habe ich auch im Grunde keine andere Wahl. Und au&szlig;erdem stehe ich schon aus Prinzip auf der Seite der Unterdr&uuml;ckten!<\/p><p>Was die interne Kommunikation an meinem Arbeitsplatz angeht, da bekenne ich mich zugleich zu einem hemmungslosen Opportunismus. Mir sind meine fachlichen und institutionellen Belange hundertmal wichtiger als ein Disput um unsinnige Sprachempfehlungen. Und genau deshalb kann ich gendern bis zum Umfallen, wenn ich m&ouml;chte, dass &uuml;bergeordnete Stellen meine Belange unterst&uuml;tzen. <\/p><p>Ok, auf Dauer ist das kein guter Zustand. Time will tell.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87576\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: keport \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehen wir ein Machtspiel, im Zuge dessen die B&uuml;rger lernen sollen, ihren eigenen sprachlichen Intuitionen zu misstrauen? Verwandelt sich die gemeinsame Sprache von einem Allgemeingut quasi zum Eigentum einer selbsternannten &ldquo;sprachsensiblen&rdquo; Sprachelite, die k&uuml;nftig &uuml;ber richtig und falsch in der Sprache bestimmt? Ist Toleranz gegen&uuml;ber jeweils Andersdenkenden der Schl&uuml;ssel beim aktuellen Sprachstreit? 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