{"id":87310,"date":"2022-08-28T14:00:08","date_gmt":"2022-08-28T12:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87310"},"modified":"2022-08-28T14:48:11","modified_gmt":"2022-08-28T12:48:11","slug":"umkaempfte-tage-schlaflose-naechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87310","title":{"rendered":"Umk\u00e4mpfte Tage, schlaflose N\u00e4chte"},"content":{"rendered":"<p><em>Vor 35 Jahren errangen die Demokratiebewegungen in S&uuml;dkorea einen bedeutsamen Etappensieg im Kampf gegen die Milit&auml;rdiktatur.<\/em> Korea hatte das historische &bdquo;Pech&ldquo;, nach 36-j&auml;hriger japanischer Kolonialherrschaft (1910-45) in Folge des Zweiten Weltkriegs in Nord und S&uuml;d geteilt zu werden. W&auml;hrend sich im Norden die Herrschaft der Kim-Dynastie konsolidierte, regierte im S&uuml;den eine Milit&auml;rclique, die das Land mit eiserner Faust &ndash; sprich: weitgehend qua Kriegsrecht &ndash; in die &bdquo;Moderne&ldquo; katapultierte &ndash; mit gro&szlig;en sozialen Verwerfungen. Der turbulente Sommer 1987 markierte in vielfacher Hinsicht eine Zivilisierung von Politik und Gesellschaft. Ein R&uuml;ckblick von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir sind keine Maschinen, wir sind doch Menschen!&ldquo;<\/p>\n<p>Letzte Worte des 1948 geborenen Textilarbeiters Chun Tae-Il bei seiner Selbstverbrennung am 13. November 1970\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Um ein solches Wachstum zu erreichen, kann man eben nicht anders, als erst einmal drei Generationen von Arbeitern zu verheizen.&ldquo;<\/p>\n<p>Westdeutscher Industrieller &ndash; zitiert nach: Frankfurter Rundschau vom 9. Februar 1979\n<\/p><\/blockquote><p>S&uuml;dkorea in den 1970er Jahren. Die Milit&auml;rdiktatur unter Park Chung-Hee sa&szlig; fest im Sattel. Als &bdquo;Frontstaat&ldquo; im Kalten Krieg genoss das Regime die uneingeschr&auml;nkte Unterst&uuml;tzung seitens seines engsten Verb&uuml;ndeten, den USA. Auch andere westliche Regierungen hatten erkannt, dass das Land ein geeigneter Ort war, um zu investieren und das unersch&ouml;pfliche Potential an billigen Arbeitskr&auml;ften zu nutzen. Die Gener&auml;le hatten unter ihrer Herrschaft wirtschaftliche Gro&szlig;unternehmen &ndash; sogenannte <em>Finanzkonglomerate (chaebol)<\/em> &ndash; heranwachsen lassen und mit Hilfe gro&szlig;z&uuml;gig gew&auml;hrter Subventionen aufgep&auml;ppelt. Deren Eigent&uuml;mer und Bosse verschrieben sich im Gegenzug mit Haut und Haaren den staatlichen &bdquo;Ordnungskr&auml;ften&ldquo;.<\/p><p>In S&uuml;dkorea, der Republik Korea, waren unabh&auml;ngige Gewerkschaften strikt verboten. Aufm&uuml;pfige Arbeiter wurden von staatlichen oder firmeneigenen Greiftrupps sofort &bdquo;ausgeschaltet&ldquo;. Es herrschten &ndash; laut der in Genf ans&auml;ssigen Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) &ndash; mit durchschnittlich 54,4 Wochenstunden die weltweit l&auml;ngsten Arbeitszeiten. Arbeitsunf&auml;lle im &bdquo;wachstumsorientierten&ldquo; Land waren an der Tagesordnung. Mitte der 1980er Jahre rangierte S&uuml;dkorea im internationalen Vergleich auf Rang 1, was die Arbeitsunfallh&auml;ufigkeit mit Todesfolgen betraf. Eine unabh&auml;ngige Presse, die &uuml;ber solche Missst&auml;nde h&auml;tte berichten k&ouml;nnen, existierte nicht. Die Medien wurden ebenso unterdr&uuml;ckt wie kritische Stimmen aus Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur.<\/p><p><strong>Folgenreicher Freitod<\/strong><\/p><p>Der bis dahin unbekannte Arbeiter Chun Tae-Il setzte ein Fanal, als er sich Ende des Jahres 1970 zum Freitod entschloss. Der junge Mann geh&ouml;rte zur damals gro&szlig;en Schar von Textilarbeitern. Die Textilbranche war in den fr&uuml;hen Jahren der Milit&auml;rdiktatur der Motor s&uuml;dkoreanischer Industrieentwicklung. Chun Tae-Ils Opfer lie&szlig; nicht nur im Untergrund eine neue Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung aufkeimen. Sein Tod trug zur Entfaltung einer ebenso vielschichtigen wie vitalen Demokratisierungsbewegung des Landes bei. Selbst jene sozialen Schichten, die vom Status quo profitierten und sich als konservativ und unpolitisch verstanden, erahnten im Suizid des jungen Arbeiters spiegelbildlich die harsche Realit&auml;t in ihrem Land.<\/p><p>Schrittweise sensibilisiert und politisiert wurden sie durch &bdquo;von unten&ldquo; agierende sozialpolitische Gruppierungen und zeitweilig bestehende Netzwerke, deren Mitglieder sich aus proletarischen, akademischen, k&uuml;nstlerischen und kirchlichen &bdquo;Milieus&ldquo; rekrutierten. All diesen Menschen gemein war die zentrale Erfahrung brutaler politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ausgrenzung. Ein selbstbestimmtes, w&uuml;rdevolles Leben war unter den gegebenen Bedingungen unm&ouml;glich. Diese galt es im langwierigen Prozess mittels politischer B&uuml;ndnisarbeit im Innern sowie mit Hilfe neuer, &ouml;ffentlicher Begrifflichkeiten und internationaler Aufmerksamkeit auf den Punkt zu bringen und zu &uuml;berwinden.<\/p><p><strong>Die da oben, die da unten<\/strong><\/p><p>&bdquo;<em>Sam-Min&ldquo;<\/em> wurde seit Beginn der 1980er Jahre zum Schl&uuml;sselbegriff einer Bewegung, die damit gleichzeitig ihre programmatischen Ziele formulierte. &bdquo;Sam-Min&ldquo;, die drei &bdquo;Min&ldquo;, stand als Kurzformel f&uuml;r drei Begriffe, die jeweils das sinokoreanische &bdquo;Min&ldquo; (Volk) als Wortbestandteil enthalten: <em>&bdquo;Minjok&ldquo;<\/em> (Nation), <em>&bdquo;Minju&ldquo;<\/em> (Demokratie) und <em>&bdquo;Minjung&ldquo;<\/em>. F&uuml;r &bdquo;Minjung&ldquo; findet man im Lexikon &bdquo;Volk, Masse, die Massen&ldquo; als &Uuml;bersetzung. Koreaner betonen aber in der Regel die Un&uuml;bersetzbarkeit dieses Begriffes. Dieser klassenunspezifische Terminus lie&szlig;e sich am ehesten mit &bdquo;die da unten&ldquo; &uuml;bersetzen, womit s&auml;mtliche Personen und Selbstorganisationen gemeint sind, die gesellschaftlich ausgegrenzt, politisch entrechtet, kulturell unterdr&uuml;ckt und sozial marginalisiert sind.<\/p><p>Die &bdquo;Sam-Min&ldquo;-Bewegung war eine zur Verwirklichung der Demokratie, zur Selbstverwirklichung der Nation (was an allererster Stelle den Gedanken der Unabh&auml;ngigkeit von au&szlig;en und der Wiedervereinigung einschloss) sowie zur Befreiung und Entfaltung des &bdquo;Minjung&ldquo;. Hinter diesen Slogans fanden Kr&auml;fte und Str&ouml;mungen unterschiedlicher Herkunft und Zielrichtung Platz: von den in unseren politischen Denkkategorien am ehesten noch als &bdquo;sozialreformerisch&ldquo; zu bezeichnenden gem&auml;&szlig;igten Politikern wie Kim Dae-Jung und Teilen der parlamentarischen Opposition bis hin zu eindeutig sozialrevolution&auml;r und antiimperialistisch orientierten Gruppen und Str&ouml;mungen der Studenten-, aber auch der Arbeiter- und Bauernbewegung.<\/p><p>Michael Denis schrieb seinerzeit:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das gemeinsame Dach dieser Bewegung hat im letzten Jahrzehnt immer wieder geknirscht und gebr&ouml;ckelt, ist teilweise auseinandergebrochen, das interne Kr&auml;fteverh&auml;ltnis hat sich erheblich verschoben. Zahlreiche Organisationen und B&uuml;ndnisse wurden gegr&uuml;ndet und oft, kaum dass sie sich im immer unsicheren halblegalen Raum entfalten konnten, schon wieder verboten, zerschlagen, aufgel&ouml;st. Andere traten an ihre Stelle &ndash; und dennoch sind die Gemeinsamkeiten der Bewegung nicht aufgebraucht. Ihre Lebens- und &Uuml;berlebenskraft &uuml;ber Jahrzehnte von kleinen und gro&szlig;en Niederlagen hinweg, durch alle Spielarten der gewaltsamen Unterdr&uuml;ckung, geistigen Erstickung, des individuellen und kollektiven Leidens hindurch &ndash; sie ist es, die den, der von au&szlig;en kommt, betroffen macht.<\/p>\n<p>Es ist eine Bewegung, deren explizite Verst&auml;ndigung &uuml;ber politische und programmatische Ziele, &uuml;ber Mittel, Wege und Strategien des politischen Kampfes sich lange Zeit nicht entfalten konnte. Sie hat nicht das Korsett gro&szlig;er Parteien und Verb&auml;nde, deren organisatorische Bindekraft und Erfahrung im R&uuml;cken (&hellip;) Weniger die gro&szlig;en Zukunftsentw&uuml;rfe als ihre gro&szlig;e Erinnerungsf&auml;higkeit und Beharrlichkeit ist es, die Widerstandskr&auml;fte freisetzt und f&uuml;r das Regime so bedrohlich ist.&ldquo;<\/p>\n<p>in: Denis\/Dischereit\/Song\/Werning 1988, S. 154 f.\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;<strong>Zucht und Ordnung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Diese Widerstandskr&auml;fte wagten es im Rahmen einer Debatte um eine Verfassungs&auml;nderung, im Fr&uuml;hjahr 1986 erstmals &ouml;ffentlich und massiv aufzutreten. Was wenige Jahre zuvor g&auml;nzlich undenkbar gewesen w&auml;re, war nunmehr Wirklichkeit &ndash; in etlichen Gro&szlig;st&auml;dten fanden Protestkundgebungen gegen die Regierung statt, an denen sich jeweils 20.000 bis 50.000 Menschen beteiligten. Der Sturz des Marcos-Regimes in den Philippinen (Ende Februar 1986) und der &bdquo;Aquino-Faktor&ldquo; (Corazon C. Aquino wurde dessen Nachfolgerin) wirkten befl&uuml;gelnd. Da sich Seoul als Austragungsort der 24. Olympischen Sommerspiele im September 1988 &bdquo;herausputzte&ldquo;, gerieten die dortigen Machthaber und ihre Politik zunehmend auch ins Rampenlicht internationalen Medieninteresses.<\/p><p>Die als vorolympische Generalprobe gedachten 10. Asien-Spiele im Herbst 1986 wurden zu einer Probe der Gener&auml;le f&uuml;r &bdquo;Zucht und Ordnung&ldquo;. Vor und w&auml;hrend dieser Spiele nahm das Regime in beispiellosen Gro&szlig;razzien &bdquo;vorsichtshalber&ldquo; 264.000 &bdquo;potentielle Unruhestifter&ldquo;, das hie&szlig; jeden 150. Einwohner, vor&uuml;bergehend fest! Aus Pr&auml;sident Chun Doo-Hwans Imagepflege war ein Publicity-Debakel geworden: Die allgegenw&auml;rtige Pr&auml;senz von Geheimdienstschergen und Uniformierten hinterlie&szlig; bei zun&auml;chst den Milit&auml;rs wohlgesonnenen Journalisten den Eindruck von Bespitzelung und Gewalt. Um die Sicherheit der Spiele zu gew&auml;hrleisten, wurde eine aus knapp eintausend Mann zusammengesetzte Spezialeinheit aufgebaut. &bdquo;Aufr&uuml;hrerisches Gedankengut&ldquo; sollte nicht die &bdquo;nationale W&uuml;rde und Sicherheit&ldquo; beeintr&auml;chtigen.<\/p><p>Als Ende Oktober 1986 8.000 Elitesoldaten der <em>&bdquo;Anti-Terrorist Task Force&ldquo;<\/em>, des <em>&bdquo;Antiterroristischen Sondereinsatzkommandos&ldquo;<\/em>, die Konkuk-Universit&auml;t in der Hauptstadt Seoul st&uuml;rmten und &uuml;ber 1.500 Studierende festnahmen, waren das, wie die <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> am 14. November 1986 hervorhob, &bdquo;selbst f&uuml;r die h&auml;ufig mit studentischen Aktivisten befasste Justiz Rekordzahlen&ldquo;. Mit dem Verbot von 14 &bdquo;freien&ldquo; Gewerkschaften am 7. November setzte das Regime sein Kesseltreiben fort. Tags darauf erhielten der aus knapp zwei Dutzend Organisationen bestehende oppositionelle Dachverband <em>Mintongryon (Vereinigte Minjung-Bewegung f&uuml;r Demokratie und Wiedervereinigung),<\/em> die Union der Jugendverb&auml;nde Koreas und das Gedenkhaus f&uuml;r Chun Tae-Il die schriftliche Aufforderung, sich binnen 48 Stunden aufzul&ouml;sen und ihre Aktivit&auml;ten einzustellen. Die oktroyierte Selbstbeschneidung betraf auch das Menschenrechtskomitee des <em>Nationalen Christlichen Kirchenrates Koreas (NCCK).<\/em> Reverend Moon Ik-Hwan, einer der eloquentesten Wortf&uuml;hrer der Mintongryon, wurde neuerlich zu einer dreij&auml;hrigen Gef&auml;ngnisstrafe verdonnert.<\/p><p>Diese Ma&szlig;nahmen erfolgten im Zusammenhang mit der gegen insgesamt 10.000 Personen und 30 Organisationen entfesselten &bdquo;S&auml;uberungskampagne gegen prokommunistische Elemente&ldquo;. &bdquo;Die linksgerichteten Kr&auml;fte in unserer Gesellschaft&ldquo;, hatte die Seouler Tageszeitung Chosun-Ilbo auf ihrer Titelseite vom 21. Oktober 1986 einen Regierungsbeamten zitiert, &bdquo;gilt es bis zur Wurzel auszurotten&ldquo;. Eine staatlich gebilligte Aufforderung zur physischen Ausschaltung unsicherer Kantonisten!<\/p><p>Die <em>&bdquo;Aff&auml;re Park Chong-Chul&ldquo;<\/em> r&uuml;ckte im Januar 1987 eine besonders von der au&szlig;erparlamentarischen Opposition stets vehement angeprangerte Praxis staatlichen Terrors ins &ouml;ffentliche Bewusstsein: Folter. Um dem inhaftierten Linguistikstudenten Park &bdquo;Gest&auml;ndnisbeihilfe&ldquo; zu leisten, hatten Angeh&ouml;rige der ber&uuml;chtigten <em>&bdquo;Antikommunistischen Geheimpolizei&ldquo;<\/em> ihn der sogenannten &bdquo;Wasserkur&ldquo; unterzogen und ertr&auml;nkt. Der 21-j&auml;hrige Park war einer von damals etwa 3.000 politischen Gefangenen, von denen viele 1986 festgenommen worden waren und einige bereits seit den 1970er Jahren einsa&szlig;en.<\/p><p>Dem Tod des jungen Studenten folgte ein nationaler Aufschrei. Stellvertretend f&uuml;r zahlreiche &bdquo;F&auml;lle&ldquo; dieser Art symbolisierte Park &uuml;ber Nacht das aufbegehrende Minjung. Und: Der Protest erfuhr einen Gesichts- und Generationenwechsel. Das st&auml;dtische B&uuml;rgertum, lange eine der verl&auml;sslichsten St&uuml;tzen der Machthaber, ging nunmehr buchst&auml;blich auf die Barrikaden. Professoren, Angestellte, Gesch&auml;ftsleute, Bankiers und Geistliche, darunter eine wachsende Zahl buddhistischer M&ouml;nche, die sich in kl&ouml;sterlicher Abgeschiedenheit mit den Herrschenden arrangiert hatten, klagten auf der Stra&szlig;e demokratische Verh&auml;ltnisse ein.<\/p><p>Wenige Wochen sp&auml;ter forderte das martialische Vorgehen staatlicher Sicherheitskr&auml;fte ein weiteres Opfer. Lee Han-Yol, Student der renommierten Yonsei-Universit&auml;t in Seoul, lag, nachdem er von einer Tr&auml;nengasgranate am Kopf getroffen worden war, einen Monat lang im Koma, bis er schlie&szlig;lich seinen schweren Verletzungen erlag. Sein Begr&auml;bnis wurde zu einer gigantischen Anklage gegen das Regime; weit &uuml;ber eine Million Menschen s&auml;umten allein in der Metropole Seoul die Stra&szlig;en, um ihrer Trauer und Wut &uuml;ber das Vorgehen der Beh&ouml;rden Ausdruck zu verleihen.<\/p><p><strong>Geordneter &Uuml;bergang<\/strong><\/p><p>Im Fr&uuml;hsommer 1987 war die innenpolitische Lage im Lande derma&szlig;en angespannt, dass der Milit&auml;rmachthaber Chun Doo-Hwan &ouml;ffentlich erwog, neuerlich das Kriegsrecht zu verh&auml;ngen und das Milit&auml;r zur &bdquo;Eind&auml;mmung von Unruhen&ldquo; zu mobilisieren. Das allerdings rief flugs jene gewieften Krisenmanager im US-amerikanischen Au&szlig;en- und Verteidigungsministerium auf den Plan, die sich ein Jahr zuvor in den Philippinen &ndash; in der Endphase der langj&auml;hrigen Marcos-Diktatur &ndash; buchst&auml;blich die Klinke in die Hand gegeben hatten, um in dem Inselstaat eine im Interesse Washingtons &bdquo;geordnete &Uuml;bergangsl&ouml;sung&ldquo; herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p>Im Falle der Philippinen setzte man nach den desastr&ouml;sen Erfahrungen in Nicaragua und im Iran Ende der 1970er Jahre auf ein neue, &bdquo;aufgekl&auml;rte&ldquo; Strategie von Krisenmanagement. Dort n&auml;mlich hatte man Marcos bereits Monate vor dessen Sturz signalisiert, dass er strategisch unhaltbar geworden und lediglich taktisch von Interesse sei. Man dr&auml;ngte ihn zu vorgezogenen Wahlen und nutzte derweil die Chance, mit Corazon Aquino und dem gem&auml;&szlig;igten Politiker Salvador Laurel ein Tandem hoff&auml;hig zu machen, das schlie&szlig;lich das Erbe des verhassten Despoten antrat. In Nicaragua, Iran und andernorts hatte Washington zuvor seinen G&uuml;nstlingen bis zur Neige die Stange gehalten. Mit der Konsequenz, dass das politische Ende des Somoza-Clans beziehungsweise der j&auml;he Sturz von Schah Reza Pahlavi gleichzeitig das (zumindest zeitweilige) Ausscheren beider L&auml;nder aus der US-amerikanischen Einflusszone bedeutete.<\/p><p>Diesen Fehler wollte man im s&uuml;dkoreanischen Sommer 1987 vermeiden. W&auml;hrend Chun eisern an seinem starren Kurs festhielt, ging sein ehemaliger Generalskumpan Roh Tae-Woo zun&auml;chst vorsichtig, dann &ndash; mit US-amerikanischer R&uuml;ckendeckung &ndash; beherzt auf Distanz zu seinem langj&auml;hrigen Mentor. Im Sommer 1981 hatte der Vier-Sterne-General Roh seine Armeeposten aufgegeben (als Chef des<em> Defense Security Command<\/em> war er an der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61075\">blutigen Niederschlagung des Kwangju-Aufstands<\/a> im Mai 1980 beteiligt gewesen), um fortan als Zivilist Schl&uuml;sselpositionen zu bekleiden und seine Kontakte mit den au&szlig;ermilit&auml;rischen Eliten zu verst&auml;rken. Stationen seiner Karriere: Innen- und Sportminister, Chef des Olympischen Organisationskomitees, Vorsitzender der regierenden Demokratischen Gerechtigkeitspartei (DJP) und ab dem 8. August 1987 auch deren Pr&auml;sident sowie DJP-Kandidat bei der f&uuml;r den 16. Dezember 1987 anberaumten Pr&auml;sidentschaftswahl.<\/p><p>Bereits seit dem Fr&uuml;hjahr 1987 hatte Roh Tae-Woo keine Gelegenheit ausgelassen, Dialogbereitschaft mit Oppositionellen zu signalisieren. Als Chun Doo-Hwan klar wurde, dass sein Kurs keinerlei Erfolgschancen hatte, ja, er sogar bef&uuml;rchten musste, im Falle (aus Washingtoner Sicht) unbotm&auml;&szlig;igen Verhaltens wie Marcos gegen seinen Willen au&szlig;er Landes geflogen zu werden, trat er die Flucht nach vorn an. Am 10. Juni ernannte er Roh zu seinem designierten Nachfolger und verschwand von der politischen B&uuml;hne. Als Letzterer drei Wochen sp&auml;ter, am 30. Juni 1987, seine &bdquo;Acht-Punkte-Erkl&auml;rung&ldquo; verk&uuml;ndete (s.u.), mutierte der Ex-General quasi &uuml;ber Nacht zu einem &bdquo;Demokratiebringer&ldquo;. Durch die nahezu wortgetreue &Uuml;bernahme der zentralen Forderungen der (parlamentarischen) Opposition trug er ma&szlig;geblich zu deren L&auml;hmung bei. Rohs Initiativen und Flexibilit&auml;t gingen so weit, Angeh&ouml;rigen von Tr&auml;nengasopfern zu kondolieren &ndash; eine Geste, zu der sich vor ihm kein ranghoher Politiker und Milit&auml;r jemals &bdquo;herabgelassen&ldquo; hatte.<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<em><strong>Die &raquo;Acht-Punkte-Erkl&auml;rung&laquo; Roh Tae-Woos *<\/strong><\/em>\n<ul>\n<li><em>Erstens: Eine Verfassungs&auml;nderung f&uuml;r Direktwahlen des n&auml;chsten Pr&auml;sidenten S&uuml;dkoreas, Pr&auml;sidentschaftswahlen sollen gem&auml;&szlig; der neuen Verfassung stattfinden, um damit einen friedlichen Machtwechsel nach dem R&uuml;cktritt von Pr&auml;sident Chun Doo-Hwan im Februar zu gew&auml;hrleisten.<\/em><\/li>\n<li><em>Zweitens: Eine Ver&auml;nderung der geltenden Wahlgesetze, um damit &bdquo;Freiheit zur Kandidatur&ldquo; und fairen Wettbewerb zu garantieren.<\/em><\/li>\n<li><em>Drittens: Die Amnestie und Wiederherstellung der B&uuml;rgerrechte f&uuml;r Kim Dae-Jung und die Freilassung aller im Zusammenhang &bdquo;mit der gegenw&auml;rtigen politischen Situation&ldquo; verhafteten Personen.<\/em><\/li>\n<li><em>Viertens: Die F&ouml;rderung und den maximalen Schutz der Grundrechte. Die Regierung m&uuml;sse dabei alles tun, um eine Verletzung der Menschenrechte zu verhindern.<\/em><\/li>\n<li><em>F&uuml;nftens: Eine umfassende Ver&auml;nderung oder die Abschaffung der geltenden Pressegesetze, um damit vollst&auml;ndige Pressefreiheit zu garantieren.<\/em><\/li>\n<li><em>Sechstens: Die Wahl von Gemeinder&auml;ten, der sp&auml;ter auch freie Wahlen auf st&auml;dtischer und Provinzebene folgen sollen, und die Autonomie von Hochschulen und Universit&auml;ten.<\/em><\/li>\n<li><em>Siebtens: Den staatlichen Schutz f&uuml;r politische Parteien, solange sie sich &bdquo;vern&uuml;nftig&ldquo; politisch bet&auml;tigen.<\/em><\/li>\n<li><em>Achtens: Durchgreifende soziale Reformen, um damit Kriminalit&auml;t und tief verwurzelte Korruption, grundlose Ger&uuml;chte, regionale Rivalit&auml;t und &bdquo;Schwarz-Wei&szlig;-Denken&ldquo; auszumerzen und eine saubere und ehrliche Gesellschaft m&ouml;glich zu machen.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>* Quelle: dpa &ndash; zitiert nach: Frankfurter Rundschau vom 30. Juni 1987<\/em>\n<\/p><\/div><p><strong>Politischer &bdquo;Hahnenkampf&ldquo; mit selbstverschuldeter Schlappe<\/strong><\/p><p>Im September 1987 wurde Roh von US-Pr&auml;sident Ronald Reagan im Wei&szlig;en Haus empfangen und als neuer starker Mann des s&uuml;dkoreanischen Regimes von der &bdquo;Schutzmacht&ldquo; USA politisch aufgewertet. Eine gute Voraussetzung also, um derma&szlig;en gest&auml;rkt am 16. Dezember 1987 als Kandidat in die Pr&auml;sidentschaftswahl zu gehen. Im Vorfeld dieser Wahl hatte Kim Dae-Jung eine eigene<em> Partei f&uuml;r Frieden und Demokratie (PDP)<\/em> gegr&uuml;ndet und war somit aus der Phalanx der bis dahin geeinten Opposition ausgeschert, die sich neben Kim Young-Sam als der Garant f&uuml;r ein Ende der Diktatur empfahl. Aus der M&ouml;glichkeit, die herrschenden Milit&auml;rs mit dem Stimmzettel auszubooten, war pl&ouml;tzlich die Kontinuit&auml;t des Alten zur Gewissheit geworden &ndash; eine von der Opposition selbst verschuldete Schmach. Mit 35,9 Prozent der Stimmen gelang es Roh, sich vor seinen Rivalen Kim Young-Sam (27,5 Prozent) und Kim Dae-Jung (26,5 Prozent) zu platzieren.<\/p><p>Die Ende der 1980er Jahre in Westberlin von Auslandskoreanern herausgegebene deutschsprachige Zeitung <em>Minjuchoguk \/ Demokratie in Korea<\/em> res&uuml;mierte in ihrer Ausgabe vom 1. M&auml;rz 1988 verbittert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zwar redet man von Wahlbetrug und Wahlmanipulation und auch davon, dass die Geschichte die beiden Oppositionsf&uuml;hrer Kim Young-Sam und Kim Dae-Jung verschmerzen m&uuml;sse &ndash; die beiden Kims, die durch ihr karrieregesteuertes, starrk&ouml;pfiges Verhalten nicht nur dieses Wahldebakel verschuldet, sondern auch, was noch viel schlimmer ist, das siegessichere Volk demoralisiert und Resignation ausgel&ouml;st haben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So war es Roh Tae-Woo verg&ouml;nnt, neun Monate sp&auml;ter im glei&szlig;enden Scheinwerferlicht der Welt&ouml;ffentlichkeit die 24. Olympischen Sommerspiele in Seoul zu er&ouml;ffnen und sich der Welt als strahlender Saubermann zu pr&auml;sentieren. Doch im Fr&uuml;hjahr 1993 endete mit Rohs Amtszeit auch endg&uuml;ltig die &Auml;ra der Milit&auml;rs.<\/p><p><em><strong>Anmerkung<\/strong><\/em><\/p><p>Der Verfasser erlebte die politisch turbulenten Sommerwochen 1987 in S&uuml;dkorea als Augenzeuge. Von 1986 bis 1988 war er verantwortlich f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit im Rahmen der <em>Korea-Olympia-Kampagne 88<\/em>, die &ndash; mit Sitz in Osnabr&uuml;ck und dort im Kinderhilfswerk <em>terre des hommes<\/em> angesiedelt &ndash; im Vorfeld und w&auml;hrend der 24. Olympischen Sommerspiele in Koordination mit s&uuml;dkoreanischen NGOs f&uuml;r eine kritisch begleitende Berichterstattung in den Medien sorgte.<\/p><p><em><strong>Literatur<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li>Cho, Young-Rae (2003): <em>A single spark: the biography of Chun Tae-Il,<\/em> translated by Chun, Soon-Ok. Seoul<\/li>\n<li>Denis, Michael; Dischereit, Esther; Song, Du-Yul; Werning, Rainer (1988): <em>S&uuml;dkorea: Kein Land f&uuml;r friedliche Spiele. <\/em>Reinbek bei Hamburg<\/li>\n<li>Moltmann, J&uuml;rgen (Hg.) (1984): Minjung. <em>Theologie des Volkes Gottes in S&uuml;dkorea,<\/em> unter Mitarbeit von G&uuml;nter Baum und Jong-Wha Park. Neukirchen-Vlyun<\/li>\n<li>Werning, Rainer (Hg.) (1988): <em>S&uuml;dkorea &ndash; Politik und Geschichte im Land der Morgenstille.<\/em> K&ouml;ln<\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Guitar photographer \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>Vor 35 Jahren errangen die Demokratiebewegungen in S&uuml;dkorea einen bedeutsamen Etappensieg im Kampf gegen die Milit&auml;rdiktatur.<\/em> Korea hatte das historische &bdquo;Pech&ldquo;, nach 36-j&auml;hriger japanischer Kolonialherrschaft (1910-45) in Folge des Zweiten Weltkriegs in Nord und S&uuml;d geteilt zu werden. W&auml;hrend sich im Norden die Herrschaft der Kim-Dynastie konsolidierte, regierte im S&uuml;den eine Milit&auml;rclique, die das Land<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87310\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":87312,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,60,20],"tags":[1740,282,927,2177,603,312,309,3275,1983,2490,1365,425,1556],"class_list":["post-87310","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","tag-arbeitsbedingungen","tag-buergerproteste","tag-folter","tag-militaerdiktatur","tag-ruecktritt","tag-reformpolitik","tag-repressionen","tag-roh-tae-woo","tag-suedkorea","tag-staatsterrorismus","tag-suizid","tag-unterschicht","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/shutterstock_715753720.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=87310"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87314,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87310\/revisions\/87314"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/87312"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=87310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=87310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=87310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}