{"id":87331,"date":"2022-08-27T11:45:50","date_gmt":"2022-08-27T09:45:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87331"},"modified":"2024-11-04T07:32:35","modified_gmt":"2024-11-04T06:32:35","slug":"helmut-schmidts-plaedoyer-fuer-einen-fernsehfreien-tag-und-seine-hintergruende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87331","title":{"rendered":"Helmut Schmidts Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen fernsehfreien Tag und seine Hintergr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"<p>Am 26. Mai 1978 ver&ouml;ffentlichte &bdquo;Die Zeit&ldquo; einen Essay des damaligen Bundeskanzlers: <strong>Pl&auml;doyer f&uuml;r einen fernsehfreien Tag<\/strong>.<br>\nSie finden den Text <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/220828-Medien-Plaedoyer-fuer-einen-fernsehfreien-Tag-ZEIT-ONLINE.pdf\">hier<\/a>. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_850\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87331-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Alte-Dokumente-Teil-6-Fernsehfreier-Tag-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Alte-Dokumente-Teil-6-Fernsehfreier-Tag-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Alte-Dokumente-Teil-6-Fernsehfreier-Tag-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Alte-Dokumente-Teil-6-Fernsehfreier-Tag-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87331-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220826-Alte-Dokumente-Teil-6-Fernsehfreier-Tag-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220826-Alte-Dokumente-Teil-6-Fernsehfreier-Tag-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220827-Schmidts.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/div><p>Der Vorschlag war nicht w&ouml;rtlich gemeint. Wie der Untertitel sagt, wollte Schmidt unter anderem die Debatte &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von personaler und elektronischer Kommunikation ansto&szlig;en. Der Vorschlag hatte praktische Konsequenzen f&uuml;r die damalige Medienpolitik und Medienentwicklung. Programmvermehrung und Kommerzialisierung von H&ouml;rfunk und Fernsehen wurden zumindest bis zur Regierungs&uuml;bernahme durch CDU und CSU, konkret durch Helmut Kohl und Schwarz-Schilling, im Jahre 1982 aufgehalten. Das Thema hat damals sehr viele Menschen bewegt. H&auml;tte es nachhaltig auch die medien-politischen Entscheidungen beeinflusst, dann s&auml;he die Welt heute anders aus.<\/p><p><strong>Zur Entstehungsgeschichte dieses Vorschlags<\/strong><\/p><p>Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes, deren Leiter ich damals war, ging einmal im Jahr, meist im November\/Dezember in Klausur, um &uuml;ber Schwerpunkte des kommenden Jahres zu beraten. So geschah es auch im Herbst 1977. Zum ersten Mal nicht in einem der &uuml;blichen unkreativen Hotels in der Eifel, sondern auf einem Bauernhof im Schwarzwald, auf dem Fiegenhof bei Oberkirch. <\/p><p>Bei unseren j&auml;hrlichen Klausuren stellten wir regelm&auml;&szlig;ig die Frage: Was w&auml;re im kommenden Jahr n&ouml;tig, was m&uuml;sste in der Sache geschehen, welche Debatte m&uuml;sste der Bundeskanzler ansto&szlig;en und was w&uuml;rde Kommunikation ausl&ouml;sen. Einer unserer Mitarbeiter verwies spontan auf ein Projekt in Ungarn, von dem er gelesen habe und das mit Sicherheit Kommunikation ausl&ouml;sen w&uuml;rde. Au&szlig;erdem sei es in der Sache jedenfalls ein Ansto&szlig; f&uuml;r eine wichtige Debatte. Wir berieten &uuml;ber diesen Vorschlag und nahmen ihn in das Planungspapier f&uuml;r das Jahr 1978 auf. Dieses wurde wie &uuml;blich noch vor Weihnachten an den Bundeskanzler weitergeleitet. Dieser notierte am Rande unseres Papiers sein Interesse an dieser Idee. Wir haben dann im Laufe des Fr&uuml;hjahrs 1978 das Vorhaben weiter gepr&uuml;ft und dazu auch eine qualitative Studie beim Sinus Institut in Heidelberg in Auftrag gegeben und auch mit Medienexperten dar&uuml;ber beraten.<\/p><p><strong>Die Entscheidung des Bundeskanzlers und der Konflikt mit den Ministerpr&auml;sidenten von CDU und CSU<\/strong><\/p><p>Der Bundeskanzler hat dann entschieden, einen Essay zum Thema zu schreiben und sich vorher mit verschiedenen Fachleuten aus Politik und Wissenschaft zu beraten. Beides war f&uuml;r die 2. H&auml;lfte des Mai 1978 geplant. Anfang Mai erreichte mich die Kopie eines Vermerks meines f&uuml;r die Post und das Fernmeldewesen und Technologie zust&auml;ndigen Kollegen Konow an den Bundeskanzler. Der Vermerk diente der Vorbereitung eines Gespr&auml;chs des Bundeskanzlers mit den Ministerpr&auml;sidenten. Mein Abteilungsleiter-Kollege berichtete, die Ministerpr&auml;sidenten der CDU und CSU wollten bei dieser Gelegenheit zusammen mit dem f&uuml;r das Post- und Fernmeldewesen zust&auml;ndigen Bundesminister Gscheidle (SPD) vorschlagen, der Bund solle die Verkabelung von 11 St&auml;dten mit Fernsehverteilnetzen finanzieren und damit den Einstieg in das Kabelfernsehen m&ouml;glich machen. Kostenpunkt: 200 Millionen DM.<\/p><p>Ich machte daraufhin in einem Zusatzvermerk den Bundeskanzler darauf aufmerksam, dass das Begehren der Ministerpr&auml;sidenten von CDU und CSU dem gerade in Vorbereitung befindlichen Vorschlag des Bundeskanzlers f&uuml;r einen fernsehfreien Tag diametral widerspreche. Die Verkabelung, die mit dem Pilotprojekt eingeleitet und vorangetrieben werden sollte, w&uuml;rde die bis dahin wegen der begrenzten terrestrischen Sendem&ouml;glichkeit geltenden Beschr&auml;nkung der Programme aufheben und die unbeschr&auml;nkte Programmvermehrung &ndash; und &uuml;brigens auch die Kommerzialisierung des Fernsehens und des H&ouml;rfunks &ndash; m&ouml;glich machen. Das widerspreche dem Ansto&szlig; zur Debatte &uuml;ber einen fernsehfreien Tag und damit &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von personaler Kommunikation und elektronischer Kommunikation.<\/p><p>Helmut Schmidt entschied sich gegen die Finanzierung der Pilotprojekte und damit gegen die Programmvermehrung und ihre Kommerzialisierung. CDU und CSU waren emp&ouml;rt. Schmidt hielt seine Position bis zum Ende seiner Kanzlerschaft im September 1982 durch, auch wenn er gelegentlich angesichts massiven Drucks aus Teilen der Wirtschaft und der Medienkonzerne wackelte.<\/p><p>Nach dem Machtwechsel vom September\/Oktober 1982 machte sich die Regierung Kohl sofort an die Revision der bisherigen Position. 1984 wurde dann der entsprechende Beschluss zur Verkabelung und damit auch zur Kommerzialisierung getroffen. Das war der sogenannte Urknall. Die damalige Regierung startete zugleich eine gro&szlig;e Werbekampagne. Alle im Lande herumfahrenden Autos der Post und des Fernmeldewesens waren mit einem Kabelbaum und der entsprechenden Werbebotschaft geziert. Nach meiner Erinnerung stand darauf unter anderem: Mehr Programme. Mehr Vielfalt.<\/p><p>Die Planungsabteilung und ich als Abteilungsleiter haben die &ouml;ffentliche Debatte zwischen 1978 und 1982 mitverfolgt und durch eigene Beitr&auml;ge bef&ouml;rdert. Wir prognostizierten, dass wir nicht mehr Vielfalt, sondern mehr Einfalt bek&auml;men. Die Argumentation der Planungsabteilung zum Thema f&uuml;hrte dann dazu, dass wir von der CDU\/CSU in besonderer Weise und besonders aggressiv angegriffen wurden. Der f&uuml;r das Vorhaben hauptverantwortliche CDU-Politiker Schwarz-Schilling nannte mich ein wandelndes Investitionshemmnis. Das war leicht zu ertragen, zumal es bei den Vorhaben der CDU\/CSU und ihrer Ministerpr&auml;sidenten in jener Zeit nicht um wirklichen technischen Fortschritt, sondern um die Vermehrung von Fernseh-<strong>Verteil<\/strong>netzen ging.<\/p><p>10 Jahre nach dem &Ouml;ffnungsbeschluss der Regierung Kohl von 1984 erschien im ARD-Jahrbuch 94 ein Beitrag des damaligen ARD-Vorsitzenden Jobst Plog. Er ist ein guter R&uuml;ckblick und deshalb <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/220827-Beitrag-Plog-JahrbuchScannen.pdf\">hier verlinkt<\/a>.<\/p><p>&Uuml;brigens haben die Hauptverantwortlichen f&uuml;r den sogenannten Urknall, den Beschluss der CDU\/CSU-gef&uuml;hrten Bundesregierung zur Realisierung der Pilotprojekte der Verkabelung und damit der Kommerzialisierung,  sp&auml;ter diesen Beschluss selbst bedauert. Zu sp&auml;t. Wenn man die Warnungen von Bundeskanzler Helmut Schmidt ernst genommen h&auml;tte, dann h&auml;tte man sehr viel kl&uuml;gere medienpolitische Entscheidungen treffen k&ouml;nnen. Die Thematisierung des Verh&auml;ltnisses von personaler Kommunikation und elektronischer Kommunikation, die mit dem Pl&auml;doyer f&uuml;r einen fernsehfreien Tag angesto&szlig;en worden war, war wichtig und richtig. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. Mai 1978 ver&ouml;ffentlichte &bdquo;Die Zeit&ldquo; einen Essay des damaligen Bundeskanzlers: <strong>Pl&auml;doyer f&uuml;r einen fernsehfreien Tag<\/strong>.<br \/> Sie finden den Text <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/220828-Medien-Plaedoyer-fuer-einen-fernsehfreien-Tag-ZEIT-ONLINE.pdf\">hier<\/a>. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":87333,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,41,161],"tags":[295,399,3308],"class_list":["post-87331","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-medienanalyse","category-wertedebatte","tag-kohl-helmut","tag-schmidt-helmut","tag-serie-alter-interessanter-dokumente"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/220809-serie-doku-6.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=87331"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":124151,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87331\/revisions\/124151"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/87333"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=87331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=87331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=87331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}