{"id":87519,"date":"2022-09-01T13:00:55","date_gmt":"2022-09-01T11:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87519"},"modified":"2022-09-02T07:25:27","modified_gmt":"2022-09-02T05:25:27","slug":"gorbatschow-als-kronzeuge-gegen-putin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87519","title":{"rendered":"Gorbatschow als Kronzeuge gegen Putin?"},"content":{"rendered":"<p>Tote k&ouml;nnen sich nicht wehren. Bundeskanzler Olaf Scholz versucht, den verstorbenen, ehemaligen sowjetischen Generalsekret&auml;r Michail Gorbatschow f&uuml;r seine Kampagne gegen Russland zu instrumentalisieren. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1442\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87519-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220901-Gorbatschow-als-Kronzeuge-gegen-Putin-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220901-Gorbatschow-als-Kronzeuge-gegen-Putin-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220901-Gorbatschow-als-Kronzeuge-gegen-Putin-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220901-Gorbatschow-als-Kronzeuge-gegen-Putin-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87519-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220901-Gorbatschow-als-Kronzeuge-gegen-Putin-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220901-Gorbatschow-als-Kronzeuge-gegen-Putin-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Geschichtsvergessenheit ist Trumpf in Deutschland. Kaum ist Michail Gorbatschow gestorben, versucht der deutsche Kanzler den Verstorbenen als Kronzeugen gegen Putin zu instrumentalisieren. Zwar geh&ouml;rte Gorbatschow zu den Finanziers der oppositionellen Novaja Gaseta. Aber das geschah nicht aus fanatischer Liebe zum westlichen Gesellschaftsmodell, sondern war eher der &Uuml;berlegung geschuldet, dass jede gesunde Gesellschaft eine Opposition braucht. <\/p><p>Putin gegen&uuml;ber hat sich Gorbatschow immer loyal verhalten. Insbesondere die russische Au&szlig;enpolitik seit dem Jahre 2000 fand die Unterst&uuml;tzung von Gorbatschow. <\/p><p>Gorbatschow kritisierte die Hegemonialpolitik der USA, blo&szlig; nahmen die deutschen Medien konsequent keine Notiz davon. Im November 2001 erkl&auml;rte der ehemalige sowjetische Generalsekret&auml;r in einem <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/ulrich-heyden\/spiel-auf-ein-tor\">Interview, welches ich mit ihm f&uuml;hrte<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Kalte Krieg wurde beendet. Es gab viel Gerede von einer Neuen Weltordnung, aber nichts davon ist umgesetzt worden. Kaum war die Sowjetunion zerbrochen, begannen geopolitische Spiele. Eine Chance verstrich.&rdquo; Die Globalisierung &ldquo;spiele nur auf ein Tor&rdquo;, n&uuml;tze nur den entwickelten Staaten. &ldquo;Viele unterentwickelte L&auml;nder sprechen von einem &ldquo;neuen Kolonialismus&rdquo;. Die Politiker der westlichen L&auml;nder haben sich eben wie Kapitalisten verhalten. Sie sahen eine M&ouml;glichkeit, sich zu bereichern, und sagten nur &ldquo;Gib her!&rdquo;. Und auch wir Russen haben bekommen, was wir bekommen sollten &hellip;&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Bev&ouml;lkerung der Krim fast einm&uuml;tig f&uuml;r die Vereinigung mit Russland&ldquo;<\/strong><\/p><p>2014, als sich die Krim mit Russland vereinigte, erkl&auml;rte Gorbatschow gegen&uuml;ber der &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.kp.ru\/daily\/27439\/4640386\/\">Komsomolskaja Prawda<\/a>&ldquo;, &bdquo;ich unterst&uuml;tze das, weil sich die Bev&ouml;lkerung der Krim fast einm&uuml;tig daf&uuml;r ausgesprochen hat&ldquo;. Gegen&uuml;ber der BBC erkl&auml;rte Gorbatschow im gleichen Jahr, bei der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion h&auml;tte man &bdquo;&uuml;ber das Schicksal der Krim sprechen m&uuml;ssen, wo seit Jahrhunderten Russen leben.&ldquo; In der gesamten Ukraine lebten 14 Millionen Russen. &bdquo;Das muss man ber&uuml;cksichtigen&ldquo;. <\/p><p>Im M&auml;rz 2021 erkl&auml;rte der ehemalige Generalsekret&auml;r in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Ria Nowosti, die Welt bef&auml;nde sich heute in einer &bdquo;sehr schwierigen Situation&ldquo;. Gorbatschow erinnerte in dem Interview an die Gefahr eines Atomkrieges und er hob hervor, dass er 1985 gemeinsam mit US-Pr&auml;sident Reagan erste Schritte zur atomaren Abr&uuml;stung eingeleitet habe. <\/p><p><strong>Frau und Mutter waren Ukrainerinnen<\/strong><\/p><p>Man kann davon ausgehen, dass der Krieg in der Ukraine Gorbatschow stark belastet hat. Zum einen, weil der ehemalige Generalsekret&auml;r wohl sp&uuml;rte, dass die USA in der Ukraine wieder mal versuchen, Einflusssph&auml;ren zu verschieben, zum anderen, weil die Mutter von Gorbatschow und seine Frau Raissa Ukrainerinnen waren. <\/p><p>Deutsche Medien und Politiker zitieren Gorbatschow immer nur dann, wenn es dem Gef&uuml;hl, &bdquo;wir Deutschen haben alles richtig gemacht&ldquo;, n&uuml;tzt. Alle &Auml;u&szlig;erungen von Gorbatschow, die sich nicht in diesem Sinne nutzen lassen, l&auml;sst man einfach unter den Tisch fallen. Dass man nach dem Tod von Gorbatschow nun noch einen Zahn zulegt, ist nur schwer zu ertragen. <\/p><p><strong>Scholz und Gorbatschow<\/strong><\/p><p>Am Mittwoch erkl&auml;rte Kanzler Olaf Scholz, &bdquo;wir wissen, dass er in einer Zeit gestorben ist, in der nicht nur die Demokratie in Russland gescheitert ist, anders kann man die gegenw&auml;rtige Lage dort nicht beschreiben, sondern auch Russland und der russische Pr&auml;sident Putin neue Gr&auml;ben in Europa zieht und einen furchtbaren Krieg gegen ein Nachbarland, die Ukraine, begonnen hat. Gerade deshalb denken wir an Michail Gorbatschow und wissen, welche Bedeutung er f&uuml;r die Entwicklung Europas und auch unseres Landes in den letzten Jahren hatte.&ldquo;<\/p><p>An dieser Stelle muss man fragen, was hat denn der Westen getan, damit sich in Russland nach 1991 eine Demokratie etabliert? War es nicht so, dass der Westen die Demokratie in Russland verraten hat, als westliche Politiker und gro&szlig;e Medien im Oktober 1993 nichts dagegen einzuwenden hatten, als der Nachfolger von Gorbatschow, der russische Pr&auml;sident Boris Jelzin, mit Panzern auf das gew&auml;hlte russische Parlament schie&szlig;en lie&szlig; und den russischen Vizepr&auml;sidenten Aleksandr Ruzkoi sowie Parlamentssprecher Ruslan Chasbulatow als &bdquo;Aufst&auml;ndische&ldquo; verhaften lie&szlig;? <\/p><p><strong>Machtzentralisierung begann schon unter Boris Jelzin<\/strong><\/p><p>Und warum hatte in Berlin und Washington niemand etwas dagegen einzuwenden, dass Boris Jelzin im Dezember 1993 eine neue russische Verfassung verabschieden lie&szlig;, die den Umbau Russlands zu einer Pr&auml;sidialdemokratie vorsah, in welcher das Parlament kaum Rechte hatte, w&auml;hrend die Pr&auml;sidialadministration zum alles steuernden Machtzentrum wurde? Die Machtkonzentration in einem Zentrum begann nicht mit dem Machtantritt von Wladimir Putin im Jahre 2000, sondern bereits 1993.<\/p><p>Und ist es nicht unglaubw&uuml;rdig, wenn der Westen Boris Jelzin als Demokraten huldigt, obwohl Jelzin im Dezember 1994 zur Niederschlagung der tschetschenischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung russische Truppen in Tschetschenien einmarschieren lie&szlig;, anstatt zun&auml;chst alles daf&uuml;r zu tun, um mit den Tschetschenen eine friedliche Regelung &uuml;ber einen Verbleib im russischen Staatsverband zu finden? <\/p><p><strong>Wiedervereinigung ohne Gegenleistung<\/strong><\/p><p>Gorbatschow wird in Deutschland verehrt, weil er die deutsche Wiedervereinigung erm&ouml;glichte. Die Russen, mit denen ich spreche, verstehen das. Sie kr&auml;nkt aber, dass von deutschen Politikern zwei zentrale Fragen ausgeblendet werden. Immer wieder h&ouml;re ich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;1) Warum haben wir 1994 ohne jegliche Gegenleistung in Form von Sicherheitsgarantien die sowjetischen Truppen aus Ostdeutschland abgezogen?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;2) Tragen Gorbatschow und Jelzin nicht beide Schuld daf&uuml;r, dass durch die Perestroika und die nachfolgende Schocktherapie unter Ministerpr&auml;sident Jegor Gajdar Millionen Menschen nicht nur in Russland, sondern in allen ehemaligen Sowjetrepubliken in Armut gest&uuml;rzt wurden?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ich habe seit 1992 ganz Russland bereist, vom Kaukasus bis nach Salechard im Norden, von Kaliningrad bis zur Insel Sachalin im russischen Fernen Osten. Von allen Russen, mit denen ich &uuml;ber Gorbatschow sprach, konnten ihm nur gef&uuml;hlte f&uuml;nf Prozent etwas Positives abgewinnen. Und von diesen f&uuml;nf Prozent waren auch noch viele aus Moskau und St. Petersburg.<\/p><p>Dass die Russen in ihrer Mehrheit kein Interesse an einer Demokratie westlichen Zuschnitts haben, liegt daran, dass die vom Westen unterst&uuml;tzten russischen Regierungen in den 1990er Jahren eine Politik auf dem R&uuml;cken des Volkes machten. Wichtiger als eine minimale Absicherung f&uuml;r die Rentner, der Schutz von Kindern und alleinerziehenden Frauen vor Armut waren f&uuml;r die russischen Politiker die Interessen der &bdquo;neuen Russen&ldquo;, den Gewinnlern der &Uuml;bergangszeit, die sich oft auf illegalem Wege das Staatseigentum aneigneten. <\/p><p><strong>Trostpflaster von westlichen Stiftungen<\/strong><\/p><p>Um die Folgen des brutalen &Uuml;bergangs in die Marktwirtschaft abzufedern, haben westliche Stiftungen einige n&uuml;tzliche Sozial-Projekte in Russland finanziert. Doch das war nicht mehr als ein Trostpflaster f&uuml;r eine insgesamt verheerende Entwicklung, in welcher der Staat seine ureigenste Aufgabe &ndash; die Schwachen zu sch&uuml;tzen &ndash; aufgab. Aus einem Staat, der w&auml;hrend der 73 Jahre seines Bestehens das Lebensniveau der Arbeitenden massiv angehoben hat, wurde ein Staat, der amerikanischen &Ouml;konomen nacheiferte, die schon in Lateinamerika asoziale Schocktherapien durchgezogen hatten. <\/p><p>Ich stimme mit den Russen &uuml;berein, die sagen, ein politischer und wirtschaftlicher Wandel in Russland war in den 1980er Jahren &uuml;berf&auml;llig. Aber ich stimme nicht mit denen &uuml;berein, die sagen, Gorbatschow sei unverschuldet gescheitert. Noch sind die Akten nicht zug&auml;nglich, die dar&uuml;ber Auskunft geben, &uuml;ber welche Entwicklungsmodelle in den 1980er Jahren in der sowjetischen F&uuml;hrung debattiert wurde. <\/p><p>Russland bzw. die Sowjetunion, die international wegen ihres hohen Bildungsstandes, ihrer guten Gesundheitsversorgung und wissenschaftlichen Leistungen geachtet wurden, fielen Ende er 1980er Jahre auf das Niveau einer Bananenrepublik zur&uuml;ck. Im Westen bettelte die Sowjetunion um Kredite. <\/p><p>Die Bev&ouml;lkerung war nur noch formal an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligt. Eigene gesellschaftliche Aktivit&auml;ten waren nur erw&uuml;nscht, solange sie von der Partei initiiert wurden. Die Kommunistische Partei verlor an Glaubw&uuml;rdigkeit und Unterst&uuml;tzung.<\/p><p><strong>Gruppeninteressen gewannen die Oberhand<\/strong><\/p><p>Treibende soziale Kraft der Perestroika waren gut ausgebildete Russen, junge Komsomol-Sekret&auml;re, Republiks-F&uuml;rsten und Fabrikdirektoren, die eher das wirtschaftliche Fortkommen der eigenen sozialen Schicht im Blick hatten als die Weiterentwicklung der gesamten Gesellschaft. <\/p><p>Gorbatschow war gut ausgebildet. Er und seine Berater m&uuml;ssen gewusst &ndash; zumindest geahnt &ndash; haben, welche Prozesse sie mit der Perestroika ansto&szlig;en. Warum sind sie dieses Risiko eingegangen? Vermutlich war es einfach Naivit&auml;t.<\/p><p>Titelbild: mark reinstein \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/552731a5ff3b4ee6a5ea042bb2ba72d1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tote k&ouml;nnen sich nicht wehren. 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