{"id":87565,"date":"2022-09-03T11:45:36","date_gmt":"2022-09-03T09:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87565"},"modified":"2022-09-04T12:03:43","modified_gmt":"2022-09-04T10:03:43","slug":"gedanken-eines-statistikers-zur-uebersterblichkeit-waehrend-der-coronapandemie-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87565","title":{"rendered":"Gedanken eines Statistikers zur \u00dcbersterblichkeit w\u00e4hrend der Coronapandemie (1\/2)"},"content":{"rendered":"<p>Vergleicht man die offiziellen Angaben zur &Uuml;bersterblichkeit mit den vom RKI ver&ouml;ffentlichten Zahlen der Corona-Toten, klafft dort eine gr&ouml;&szlig;ere L&uuml;cke. Der Statistiker <strong>G&uuml;nter Eder<\/strong> hat die Daten mit Hilfe statistischer Methoden angepasst und dabei eine erstaunlich pr&auml;zise Korrelation herausgearbeitet. So kann er statistisch belegen, dass es auch eine &bdquo;zeitverz&ouml;gerte Untersterblichkeit&ldquo; gab, aus der man schlie&szlig;en kann, dass zwei Drittel der Verstorbenen ohne eine Ansteckung mit Corona durchschnittlich gerade einmal zehn Wochen l&auml;nger gelebt h&auml;tten. Nur ein Drittel der Coronatoten h&auml;tte ohne Infektion eine durchschnittliche Restlebenserwartung von mehr als zehn Wochen gehabt. Es ist erstaunlich, dass diese Erkenntnis von offizieller Seite niemals in Erw&auml;gung gezogen wurde. Eder hat nun seine Gedanken in einem zweiteiligen Artikel f&uuml;r die NachDenkSeiten zusammengefasst.<br>\n<!--more--><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Hintergrundartikel von G&uuml;nter Eder auf den NachDenkSeiten<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69639\">Ein statistischer Blick auf die &Uuml;bersterblichkeit in Zeiten von Corona<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76248\">Die Coronapandemie im Spiegel der amtlichen Sterbefallstatistik<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82124\">Chancen und Risiken der Coronaimpfung &ndash; ein Blick auf die Sterbezahlen<\/a>\n<\/p><\/div><p><em>Lesen Sie hier <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87570\">den zweiten Teil des Artikels<\/a>.<\/em><\/p><p>Seit Beginn der Coronapandemie interessieren sich Menschen verst&auml;rkt f&uuml;r statistische Daten zum Sterbegeschehen in Deutschland. Sie verfolgen nicht nur die vom Robert Koch-Institut (RKI) regelm&auml;&szlig;ig ausgewiesenen Daten zur Zahl der Coronatoten, sondern vielfach auch die vom Statistischen Bundesamt (StBA) ver&ouml;ffentlichten Angaben zur Zahl der insgesamt Verstorbenen. Von besonderem Interesse bei den Daten des Statistischen Bundesamtes ist die Frage nach der H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit. Es ist die wichtigste Kenngr&ouml;&szlig;e zur Beurteilung des allgemeinen Sterbegeschehens. Sie hat allerdings ihre Schw&auml;chen und T&uuml;cken, die man kennen und beachten muss, wenn man sie angemessen interpretieren und falsche Schlussfolgerungen vermeiden will.<\/p><p><strong>&Uuml;bersterblichkeit gem&auml;&szlig; der Definition des Statistischen Bundesamtes<\/strong><\/p><p>Die &Uuml;bersterblichkeit gibt an, wie stark zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitabschnitt die aktuelle Zahl der Sterbef&auml;lle von der erwarteten Anzahl (Basislinie) abweicht. Die H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit ist somit nicht allein von der Zahl der Verstorbenen abh&auml;ngig, sondern wird wesentlich mitbestimmt von der Basislinie, auf die sie sich bezieht. Abgeleitet werden Basislinien (mittels komplexer statistischer Verfahren) aus dem Sterbegeschehen und den demographischen Strukturdaten vorangegangener Jahre.<\/p><p>Dem Statistischen Bundesamt zufolge sollte die &Uuml;bersterblichkeit aus den Sterbedaten der letzten vier Jahre abgeleitet werden. Um systematische Unter- oder &Uuml;bersch&auml;tzungen zu vermeiden, sollten dar&uuml;berhinaus die demographischen Ver&auml;nderungen in der Altersstruktur der Bev&ouml;lkerung ber&uuml;cksichtigt werden. Ein an diesen Vorgaben orientiertes Verfahren liefert f&uuml;r die Coronajahre 2020 und 2021 sowie f&uuml;r das erste Halbjahr 2022 die in Tabelle&nbsp;1 angegebenen &Uuml;bersterblichkeitswerte. Die Werte sind das Resultat eigener Berechnungen, da das Statistische Bundesamt die offiziellen &Uuml;bersterblichkeitswerte (gem&auml;&szlig; obiger Definition) bis heute nicht bekanntgegeben hat. Zwar weist die Beh&ouml;rde durchaus &Uuml;bersterblichkeitswerte aus, doch beziehen sich diese meist nur auf das Vorjahr und nicht auf die vier vorangegangenen Jahre. Und wenn tats&auml;chlich einmal die vier Vorjahre als Referenz genutzt werden, wird die Entwicklung der Alterstruktur nicht angemessen ber&uuml;cksichtigt. Das f&uuml;hrt zu einer systematischen &Uuml;bersch&auml;tzung der &Uuml;bersterblichkeit.<\/p><p>Aus den eigenen Berechnungen geht hervor, dass die Coronajahre durchweg mit erh&ouml;hten &Uuml;bersterblichkeiten verbunden sind. Den h&ouml;chsten Wert mit einer Quote von 4,0% weist das Jahr 2021 auf. Das Jahr 2020 ist mit einer deutlich niedrigeren &Uuml;bersterblichkeitsquote von 1,6% verbunden und im ersten Halbjahr 2022 liegt die Quote bei 2,2%.<\/p><p>Die in Tabelle 1 ausgewiesenen &Uuml;bersterblichkeiten k&ouml;nnen nur sehr eingeschr&auml;nkt miteinander verglichen werden, da die Basislinien, auf die sie sich beziehen, stark voneinander abweichen. So ist die Basislinie f&uuml;r das Prognosejahr 2020 abgeleitet aus den Grippejahren 2017 und 2018 sowie den (weitgehend) grippefreien Jahren 2016 und 2019, w&auml;hrend die Basislinie f&uuml;r 2022 auf einem Grippejahr (2018), einem grippefreien Jahr (2019) und zwei Coronajahren (2020 und 2021) beruht. Das muss bei der Beurteilung der H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit ber&uuml;cksichtigt werden.<\/p><p>Tabelle 1<\/p><table>\n<colgroup>\n<col>\n<col>\n<col>\n<col>\n<col> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td colspan=\"2\"><strong>&Uuml;bersterblichkeit<\/strong><sup><strong>*)<\/strong><\/sup><\/td>\n<td rowspan=\"2\"><strong>Zahl der<br>\nCoronatoten<br>\n(RKI)<\/strong><\/td>\n<td rowspan=\"2\"><strong>&Uuml;bersterblichkeit bezogen auf die Zahl der Coronatoten<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>Jahr<\/strong><\/td>\n<td><strong>Anzahl<\/strong><\/td>\n<td><strong>Prozent<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>2020<\/td>\n<td>15.679<\/td>\n<td>1,59%<\/td>\n<td>43.826<\/td>\n<td>36%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>2021<\/td>\n<td>40.833<\/td>\n<td>4.00%<\/td>\n<td>70.541<\/td>\n<td>58%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>2022<br>\n(bis zur 31. KW)<\/td>\n<td>13.523<\/td>\n<td>2,21%<\/td>\n<td>29.592<\/td>\n<td>46%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"5\">*) bezogen auf die vier vorhergehenden Jahre (mit Ber&uuml;cksichtigung des demographischen Wandels)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>Auff&auml;llig ist, dass die absolute &Uuml;bersterblichkeit durchweg niedriger ausf&auml;llt als die vom RKI ausgewiesene Zahl an Coronatoten. Im Jahr 2020 macht die &Uuml;bersterblichkeit nur 36% der RKI-Coronatoten aus, im Jahr 2021 liegt der Anteil etwas h&ouml;her und betr&auml;gt 58%. Als Erkl&auml;rung f&uuml;r die Untererfassung der Zahl der Coronatoten wird allgemein auf die ausgebliebenen Grippewellen in den Coronajahren verwiesen. Und der Einwand ist berechtigt; doch stellt sich die Frage, ob er die Differenz vollst&auml;ndig erkl&auml;ren kann.<\/p><p><strong>Modifizierte &Uuml;bersterblichkeit<\/strong><\/p><p>Grunds&auml;tzlich w&auml;re es f&uuml;r die Aussagekraft von &Uuml;bersterblichkeitswerten von Vorteil, wenn die Basislinie nicht so starken zuf&auml;lligen Schwankungen unterliegen w&uuml;rde, wenn sie also nicht so sehr von auftretenden oder nicht auftretenden Infektionswellen abhinge. Dann k&ouml;nnte man die Ergebnisse direkter und aussagekr&auml;ftiger miteinander vergleichen.<\/p><p>Im Laufe des zweiten Coronajahrs ist das Statistische Bundesamt auf die Problematik aufmerksam geworden und verwendet seit Juli 2021 nicht mehr das arithmetische Mittel der letzten vier Jahre zur Beurteilung der H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit, sondern den Median. Bei der Berechnung des Wertes bleiben die niedrigste und die h&ouml;chste Sterbefallzahl aus den vier Vorjahren unber&uuml;cksichtigt. Mit der &Auml;nderung des Verfahrens ist letztlich nicht allzu viel gewonnen. Zwar ist der Algorithmus jetzt etwas weniger anf&auml;llig gegen Ausrei&szlig;er, doch sind die Ergebnisse nicht wesentlich besser miteinander vergleichbar, als es vorher der Fall war, und sie sind auch nicht aussagekr&auml;ftiger interpretierbar.<\/p><p>Das europ&auml;ische Forschungsnetzwerk EuroMOMO hat eine andere, recht elegante L&ouml;sung f&uuml;r das Problem entwickelt, indem es die Basislinie ausschlie&szlig;lich aus Sterbedaten im Fr&uuml;hjahr (16. bis 25.&nbsp;KW) und Herbst (37. bis 44.&nbsp;KW) ableitet, aus Zeitabschnitten also, in denen Grippe- und Hitzewellen keine entscheidende Rolle f&uuml;r das Sterbegeschehen spielen. Der Verlauf der Basislinien wird mittels trigonometrischer Regressionen berechnet und das Ergebnis anschlie&szlig;end auf das gesamte Kalenderjahr ausgeweitet. So wird der verzerrende Grippeeinfluss ausgeschaltet und man kann die &Uuml;bersterblichkeitswerte verschiedener L&auml;nder direkt miteinander vergleichen. Durch Corona hat sich die Zeitstruktur des Krankheitsgeschehens nun allerdings erheblich ver&auml;ndert. Die Zeitintervalle, die bisher f&uuml;r die Ermittlung der Basislinie verwandt wurden, sind nicht mehr geeignet, neben dem Grippe- auch den Coronaeinfluss herauszufiltern. Sie m&uuml;ssten grundlegend &uuml;berarbeitet und neu festgelegt werden, damit das Verfahren weiterhin sinnvoll angewendet werden kann.<\/p><p>In der vorliegenden Studie ist ein einfacherer und anschaulicherer Weg beschritten worden, um den verzerrenden Einfluss epidemischen Infektionsgeschehens einzuschr&auml;nken. F&uuml;r die Ermittlung der Basislinie wird ausschlie&szlig;lich auf Sterbedaten solcher Jahre zur&uuml;ckgegriffen, in denen es keine ausgepr&auml;gten Grippe- oder Coronawellen gab. Hitzeperioden werden zun&auml;chst nicht beachtet, spielen in der weiteren Datenanalyse allerdings durchaus eine Rolle.<\/p><p>In den vier Jahren vor Corona waren lediglich die Jahre 2016 und 2019 weitgehend grippefrei. Sie bilden folglich die Grundlage f&uuml;r die Ermittlung der Basislinie. Diese wird anschlie&szlig;end mittels Korrekturfaktoren, entsprechend den zwischenzeitlichen Ver&auml;nderungen in der demographischen Altersstruktur, an das jeweilige Prognosejahr angepasst. Auf diese Weise erh&auml;lt man die in Tabelle&nbsp;2 angegebenen (modifizierten) &Uuml;bersterblichkeitswerte.<\/p><p>Tabelle 2<\/p><table>\n<colgroup>\n<col>\n<col>\n<col>\n<col>\n<col> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td colspan=\"2\"><strong>modifiz. &Uuml;bersterblichkeit<\/strong><sup><strong>*)<\/strong><\/sup><\/td>\n<td rowspan=\"2\"><strong>Zahl der<br>\nCoronatoten<br>\n(RKI)<\/strong><\/td>\n<td rowspan=\"2\"><strong>&Uuml;bersterblichkeit bezogen auf die Zahl der Coronatoten<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>Jahr<\/strong><\/td>\n<td><strong>Anzahl<\/strong><\/td>\n<td><strong>Prozent<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>2020<\/td>\n<td>28.506<\/td>\n<td>2,88%<\/td>\n<td>43.826<\/td>\n<td>65%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>2021<\/td>\n<td>58.088<\/td>\n<td>5,69%<\/td>\n<td>70.541<\/td>\n<td>82%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td>2022<br>\n(bis zur 31. KW)<\/td>\n<td>26.914<\/td>\n<td>4,40%<\/td>\n<td>29.592<\/td>\n<td>91%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"5\">*) bezogen auf die grippefreien Vorjahre 2016 und 2019 (mit Ber&uuml;cksichtigung des demographischer Wandels)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>Dadurch, dass jetzt der verzerrende Einfluss von Grippe- und Coronawellen auf die Basislinie weitgehend ausgeschaltet ist, liefert das Verfahren tendenziell h&ouml;here Werte f&uuml;r die &Uuml;bersterblichkeit. Die Jahreswerte steigen von 15.679 auf 28.506&nbsp;Todesf&auml;lle (2020) und von 40.838 auf 58.088&nbsp;Todesf&auml;lle (2021). Der relativ st&auml;rkste Anstieg ist im ersten Halbjahr&nbsp;2022 zu verzeichnen.<\/p><p>Im Jahr 2020 macht die &Uuml;bersterblichkeit jetzt 65% der vom RKI ausgewiesenen Coronatoten aus. In den darauffolgenden Jahren liegen die Prozents&auml;tze h&ouml;her und betragen 82% (2021) bzw. 91% (1. Hj. 2022). Wenn man davon ausgeht, dass die RKI-Angaben zur Zahl der Coronatoten korrekt sind, liegt es nahe, den Prozentwert als Kriterium zu verwenden, um die ermittelte &Uuml;bersterblichkeit zu bewerten. Ein &Uuml;bersterblichkeitswert w&auml;re danach als umso verl&auml;sslicher anzusehen, je besser er mit dem RKI-Wert &uuml;bereinstimmt (und umgekehrt). Die f&uuml;r 2021 ermittelte &Uuml;bersterblichkeit (mit einer &Uuml;bereinstimmungsquote von 82%) w&auml;re demnach als &bdquo;besser&ldquo; einzusch&auml;tzen als die &Uuml;bersterblichkeit f&uuml;r 2020, die lediglich mit einer Quote von 65% verbunden ist. Doch das w&auml;re eine voreilige Schlussfolgerung, bei der zu viele Faktoren unber&uuml;cksichtigt blieben. Tats&auml;chlich ist es im vorliegenden Fall sogar genau umgekehrt.<\/p><p><strong>Modifizierte &Uuml;bersterblichkeit im Jahresverlauf<\/strong><\/p><p>Aus Abbildung&nbsp;1 wird ersichtlich, warum die ermittelten Jahreswerte das Coronageschehen nicht ad&auml;quat widerspiegeln. Es sind hier die Verl&auml;ufe f&uuml;r die &Uuml;bersterblichkeit und f&uuml;r die Zahl der Coronatoten gegeneinander aufgetragen.<\/p><p>Abbildung 1<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220903_EDER1_Corona-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220903_EDER1_Corona-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Es zeigt sich, dass die &Uuml;bersterblichkeit im Jahr 2020 &ndash; trotz der niedrigen &Uuml;bereinstimmungsquote von lediglich 65% &ndash; recht gut mit der Coronakurve harmoniert. Das trifft besonders auf die beiden Coronawellen in 2020 zu. Lediglich in der auslaufenden Phase der ersten Welle sind die Coronasterbezahlen im Vergleich zur &Uuml;bersterblichkeit etwas zu hoch. Ansonsten verlaufen die Kurven w&auml;hrend beider Wellen weitgehend parallel und weisen etwa gleich hohe Maximalwerte auf. Gr&ouml;&szlig;ere Abweichungen gibt es in den ersten Wochen des Jahres (vor Beginn der Coronapandemie) und w&auml;hrend der Hitzeperiode im Sommer (33.&nbsp;KW 2020). Zudem ist im Fr&uuml;hjahr\/Sommer eine Phase tendenzieller Untersterblichkeit zu erkennen.<\/p><p>Die insgesamt recht gute &Uuml;bereinstimmung der Verl&auml;ufe im Jahr 2020 deutet darauf hin, dass die vom RKI ver&ouml;ffentlichten Daten zur Zahl der Coronatoten im Prinzip korrekt sind. Lediglich in der absteigenden Phase der ersten Welle fallen die Coronasterbezahlen im Vergleich zur &Uuml;bersterblichkeit etwas zu hoch aus. Das entspricht einerseits nat&uuml;rlich den Erwartungen, ist tats&auml;chlich jedoch alles andere als selbstverst&auml;ndlich. Es ist deshalb nicht selbstverst&auml;ndlich, weil die Toten vom RKI nicht danach unterschieden werden, ob sie AN oder MIT Corona gestorben sind. Die ausgewiesene Zahl an Coronatoten umfasst demnach nicht nur die Menschen, die urs&auml;chlich an Corona gestorben sind, sondern auch die, die lediglich mit Corona verstarben. Unabh&auml;ngig von der wahren Todesursache werden alle Menschen als Coronatote gez&auml;hlt, f&uuml;r die ein positiver PCR-Test vorliegt.<\/p><p>Angesichts dieser Sachlage ist die gute &Uuml;bereinstimmung der Verl&auml;ufe im Jahr 2020 eigentlich nur erkl&auml;rbar, wenn man davon ausgeht, dass nicht nur die Menschen vorzeitig gestorben sind, bei denen die Coronainfektion die prim&auml;re Todesursache war, sondern auch die, die zwar positiv getestet waren, aber letztlich an anderen Krankheiten gestorben sind. Letztere sind vorzeitig verstorben, weil zu den bestehenden t&ouml;dlichen Vorerkrankungen noch eine Coronainfektion hinzugekommen ist.<\/p><p>F&uuml;r die statistische Auswertung der Sterbedaten ist die Frage nach der Todesursache damit zun&auml;chst einmal von untergeordneter Bedeutung. Das hei&szlig;t nicht, dass die Frage grunds&auml;tzlich unwichtig w&auml;re. F&uuml;r Mediziner d&uuml;rfte sie weiterhin zentral sein, da die Wahl der Therapie und damit das Leben des Patienten von der Antwort abh&auml;ngen k&ouml;nnen. Auch aus politischer Sicht ist die Unterscheidung wichtig. Man wird andere Ma&szlig;nahmen zum Schutz der Bev&ouml;lkerung ergreifen, wenn alle Menschen gleicherma&szlig;en gef&auml;hrdet sind, an einer Coronainfektion zu versterben, als wenn das lediglich auf bestimmte, gravierend vorerkrankte oder hochbetagte Bev&ouml;lkerungsgruppen zutrifft.<\/p><p>Im Folgejahr 2021 stimmen die Verlaufskurven deutlich schlechter &uuml;berein. Insbesondere in der &Uuml;bergangsphase von der zweiten zur dritten Coronawelle verl&auml;uft die &Uuml;bersterblichkeitskurve weit unterhalb der Zahl der Coronatoten. In der zweiten Jahresh&auml;lfte kehrt sich die Situation dann um. Ab der 35.&nbsp;KW liegen die &Uuml;bersterblichkeitswerte durchweg &uuml;ber den Corona-Sterbezahlen. Die gr&ouml;&szlig;te Abweichung nach oben ist auf dem H&ouml;hepunkt der vierten Coronawelle zu verzeichnen.<\/p><p>Deutlich unstrukturierter verl&auml;uft die &Uuml;bersterblichkeitskurve im Jahr 2022. Sie liegt zun&auml;chst unterhalb der Zahl der Coronatoten, steigt dann an und oszilliert ab der 15.&nbsp;KW um die Coronakurve. In der 25. und 29. Woche des Jahres sind ausgepr&auml;gte Peaks zu erkennen, die vermutlich von den Hitzeperioden herr&uuml;hren, die das Wettergeschehen in dieser Zeit pr&auml;gten. Die erh&ouml;hten Sterbezahlen w&auml;hrend der Hitzeperioden tragen wesentlich zur hohen Gesamt&uuml;bersterblichkeit von 4,40% in 2022 bei.<\/p><p>Es stellt sich die Frage, ob und wenn ja welche Erkl&auml;rung es f&uuml;r die systematischen Abweichungen des &Uuml;bersterblichkeitsverlaufs von der Zahl der Coronatoten gibt. Lassen sich konkrete Einfl&uuml;sse benennen und wie lassen sich diese quantifizieren? Um Licht in das Dunkel zu bringen, werden verschiedene lineare Regressionsanalysen mit der &Uuml;bersterblichkeit als Zielgr&ouml;&szlig;e und der Zahl der Coronatoten als Einflussgr&ouml;&szlig;e durchgef&uuml;hrt. Dies geschieht getrennt f&uuml;r das Jahr 2020 (ab der 10.&nbsp;KW) und f&uuml;r die Zeit 2021\/2022. Erh&ouml;hte &Uuml;bersterblichkeitswerte, die von sommerlichen Hitzewellen herr&uuml;hren, werden in die Analyse nicht einbezogen, da sie keinen direkten Zusammenhang zum Coronageschehen haben.<\/p><p>Mit Hilfe der Regressionsanalysen wird untersucht, wie eng der modifizierte &Uuml;bersterblichkeitsverlauf mit den Corona-Sterbezahlen verbunden ist. Als Kriterium zur Beurteilung der St&auml;rke des Zusammenhangs dient das Bestimmtheitsma&szlig; (R<sup>2<\/sup>). Das Bestimmtheitsma&szlig; ist eine statistische Kenngr&ouml;&szlig;e, die Werte zwischen 0% als Minimum und 100% als Maximum annehmen kann. Je h&ouml;her der Prozentwert ausf&auml;llt, desto besser stimmen der tats&auml;chliche und der regressionsanalytisch ermittelte &Uuml;bersterblichkeitsverlauf &uuml;berein. Ein Wert nahe 100% bedeutet, dass die H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit praktisch nur von der H&ouml;he der Corona-Sterbezahlen abh&auml;ngt. Je niedriger das Bestimmtheitsma&szlig; ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es weitere relevante Einflussgr&ouml;&szlig;en gibt.<\/p><p>Den Abbildungen&nbsp;2 und&nbsp;3 k&ouml;nnen die Ergebnisse der Regressionsanalysen f&uuml;r 2020 und f&uuml;r 2021\/2022 entnommen werden. Die eingef&uuml;gten Textfelder geben Auskunft &uuml;ber das Regressionsmodell und die G&uuml;te der Anpassung (R<sup>2<\/sup>).<\/p><p>F&uuml;r das Jahr 2020 liefert die Regressionsanalyse ein Bestimmtheitsma&szlig; von 93,9%. Der hohe Wert ist Ausdruck der guten &Uuml;bereinstimmung der Kurvenverl&auml;ufe. Neben der Zahl der Coronatoten bleibt kaum Spielraum f&uuml;r weitere Faktoren, die den Verlauf der &Uuml;bersterblichkeit noch entscheidend beeinflusst haben k&ouml;nnten.<\/p><p>Ganz anders stellt sich die Situation in 2021\/2022 dar. Zwar ist auch hier die &Uuml;bersterblichkeit hochsignifikant mit der Zahl der Coronasterbef&auml;lle verkn&uuml;pft, doch kann der Parameter den &Uuml;bersterblichkeitsverlauf nur zu 43,9% erkl&auml;ren. Das bedeutet, wenn man von der Richtigkeit der RKI-Angaben ausgeht, dass es mindestens noch einen weiteren Faktor geben muss, der die &Uuml;bersterblichkeit entscheidend beeinflusst.<\/p><p>Lesen Sie morgen den zweiten Teil der Analyse<\/p><p>Abbildung 2<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220903_EDER1_Corona-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220903_EDER1_Corona-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Abbildung 3<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220903_EDER1_Corona-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220903_EDER1_Corona-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Titelbild: gnepphoto8\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergleicht man die offiziellen Angaben zur &Uuml;bersterblichkeit mit den vom RKI ver&ouml;ffentlichten Zahlen der Corona-Toten, klafft dort eine gr&ouml;&szlig;ere L&uuml;cke. 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So kann er statistisch belegen, dass es auch eine &bdquo;zeitverz&ouml;gerte Untersterblichkeit&ldquo; gab, aus der man schlie&szlig;en<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87565\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":82132,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149],"tags":[3209,343,2453,2856,405,2834],"class_list":["post-87565","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","tag-uebersterblichkeit","tag-luegen-mit-zahlen","tag-mortalitaet","tag-robert-koch-institut","tag-statistisches-bundesamt","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/shutterstock_2023733036.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87565","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=87565"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87565\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87626,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87565\/revisions\/87626"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/82132"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=87565"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=87565"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=87565"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}