{"id":87591,"date":"2022-09-03T10:00:33","date_gmt":"2022-09-03T08:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87591"},"modified":"2022-11-15T14:34:07","modified_gmt":"2022-11-15T13:34:07","slug":"die-wiederbewaffnungsdebatte-geschichte-wiederholt-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87591","title":{"rendered":"Die Wiederbewaffnungsdebatte \u2013 Geschichte wiederholt sich"},"content":{"rendered":"<p>Heute dokumentieren wir einiges zu einer &ouml;ffentlichen Debatte, die zwischen 1949 und 1958 vor allem viele junge Menschen bewegt hat und heute ganz &auml;hnlich wieder verl&auml;uft &ndash; Aufr&uuml;stung statt Abr&uuml;stung, Krieg statt Frieden, Feindbild-Aufbau und immer wieder Auseinandersetzungen, die t&ouml;dlich enden k&ouml;nnen. Weil ich diese Zeit bewusst erlebt habe, berichte ich &ndash; hoffentlich zum besseren Verst&auml;ndnis &ndash; teilweise auch von pers&ouml;nlichen Erlebnissen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220904-Friedensdemopnstrant-01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220904-Friedensdemopnstrant-01.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Ein wichtiges Dokument ist <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btp\/03\/03009.pdf\">die Rede des MdB Gustav Heinemann vom 23.1.1958<\/a>. In der rechten Spalte der Bundestagsdrucksache bei &bdquo;Heinemann&ldquo; anklicken. Dann sind Sie direkt bei der Rede Gustav Heinemanns. Lesenswert.<\/p><p>Gustav Heinemann war damals Bundestagsabgeordneter der SPD. Vorher, nach dem Krieg, hatte er die rheinische CDU mitgegr&uuml;ndet und war im 1. Kabinett Adenauer Bundesinnenminister. Die von Adenauer betriebene Wiederbewaffnung emp&ouml;rte ihn. Er trat als Bundesinnenminister zur&uuml;ck und dann sp&auml;ter aus der CDU aus und gr&uuml;ndete die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP).<\/p><p>Seine Rede am 23. Januar 1958 war eine fundierte Abrechnung mit Adenauers Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik und insbesondere mit der von der Gr&uuml;ndung der BRD 1949 an von Adenauer betriebenen Politik der Wiederbewaffnung und der Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die NATO. (Erkl&auml;rung zum NATO-Beitritt <a href=\"https:\/\/archiv.diplo.de\/arc-de\/das-politische-archiv\/das-besondere-dokument\/nato-beitritt-der-bundesrepublik\/1495786\">siehe hier<\/a> )<\/p><p>Zur&uuml;ck zum Ausgangspunkt 1945: In Deutschland gab es nach dem Krieg mit all seinen schrecklichen Zerst&ouml;rungen eine Stimmung des &bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo;. Sie war weit verbreitet, getragen vor allem von Kommunisten, von Sozialdemokraten, von kirchlichen Kreisen. Viele dachten auch noch Anfang der F&uuml;nfzigerjahre, wir k&ouml;nnten ohne Milit&auml;r auskommen, jedenfalls ohne gegenseitige Aufr&uuml;stung in West und Ost. Nicht alle sahen das so. Es gab auch damals noch verbliebene Milit&auml;rs und im Geiste sowieso. Vermutlich ist es typisch, was ich damals als Sch&uuml;ler in Heidelberg erlebt habe: Ein Lehrer f&uuml;r Deutsch und Geschichte, der trotz hohen Alters zum Unterrichten verpflichtet worden war, wir nannten ihn wegen seiner Kopfform Zwiebel, beklagte sich &uuml;ber unsere unentwegten St&ouml;rungen des Unterrichts, und er beklagte weinend den Tod seines gefallenen Sohnes. Das war 1951. Ein Jahr sp&auml;ter berichtete unser Mathematiklehrer begeistert von selbst erlebten Panzerschlachten. Oft eine halbe Stunde lang. Er war zwischen 1941 und 1945 Direktor an unserer Schule <a href=\"https:\/\/www.helmholtz-heidelberg.de\/unser-helmholtz\/schulleiterinnen\">in der Kettengasse gewesen<\/a>. Von ihm wussten wir, dass er in dieser Zeit die Sch&uuml;ler auf dem Hof in Reih und Glied antreten lie&szlig;. Er war dann nach dem Krieg ein bisschen degradiert worden und versuchte, uns nun zu Bef&uuml;rwortern von Kriegen und Milit&auml;r zu erziehen. So viel zu dieser damals gespaltenen Gesellschaft, vermutlich aber immer noch mit einem &Uuml;berhang von Friedensbef&uuml;rwortern.<\/p><p>Als dann 1950 erkennbar wurde, dass Adenauer zusammen mit den Alliierten Westdeutschland wieder aufr&uuml;sten wollte, gab es immerhin noch eine recht breite Diskussion und auch Widerstand gegen die Wiederbewaffnung. Es gab Demonstrationen, Versammlungen, eine erste Friedensbewegung. Und es gab Tote und Verletzte. Davon k&uuml;ndet dieser Bericht:<\/p><blockquote><p>\nT&ouml;dliche Polizeigewalt vor 70 Jahren<br>\n<strong>1952: Friedensdemonstrant Philipp M&uuml;ller von Polizei erschossen<\/strong><br>\n<em>VON&nbsp;MARTIN SINGE<\/em><br>\nAm 12. Mai 1952 wurde bei einer Friedensdemonstration in Essen der 21-j&auml;hrige Philipp M&uuml;ller aus M&uuml;nchen von einem Polizisten erschossen. Er stammte aus einer katholischen Familie, war gelernter Schlosser und und aktiv in verschiedenen linken Gruppierungen und B&uuml;ndnissen. Er engagierte sich intensiv gegen die Wiederaufr&uuml;stung und war eigens zur &bdquo;Friedenskarawane&ldquo; nach Essen angereist.<\/p>\n<p>Kommunistische, kirchliche, linke und pazifistische Gruppen hatten zu einer Friedenskarawane nach Essen aufgerufen. Hintergrund war die geplante Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland und ihre Einbeziehung in NATO und Europ&auml;ische Verteidigungsgemeinschaft. Eine Konferenz von Vertreter*innen verschiedener Jugendorganisationen unter Leitung des dortigen Pfarrers Herbert Mochalski, eines engen Vertrauten des hessen-nassauischen Kirchenpr&auml;sidenten Martin Nierm&ouml;ller, rief am 2. M&auml;rz 1952 in Darmstadt zu einer &bdquo;Jugendkarawane gegen Wiederaufr&uuml;stung und Generalvertrag&ldquo; am 11. Mai 1952 in Essen auf.<br>\nMartin Singe<br>\n<a href=\"https:\/\/www.friedenskooperative.de\/friedensforum\/artikel\/toedliche-polizeigewalt-vor-70-jahren\">friedenskooperative.de\/friedensforum\/artikel\/toedliche-polizeigewalt-vor-70-jahren<\/a>\n<\/p><\/blockquote><p>Innerhalb der beiden gro&szlig;en Kirchen hatte die damalige Bewegung gegen die Wiederbewaffnung eine beachtliche Basis. Auch eine Demonstration gegen die Wiederbewaffnung in meinem Heimatdorf war von der evangelischen Gemeindejugend initiiert worden. Auf Kirchentagen wie etwa Anfang August 1953 beim dortigen Evangelischen Kirchentag in Hamburg diskutierten wir n&auml;chtelang &uuml;ber die aktuelle Politik zum Thema Wiederbewaffnung &ndash; damals &uuml;brigens noch Ostdeutsche und Westdeutsche gemeinsam. Die Wiederbewaffnungsdiskussion war breit und engagiert.<\/p><p>Aber das half alles nichts. Adenauer und die CDU\/CSU gewannen auch die Bundestagswahl 1953, mit einem Plus von 14,2 Prozent. Die von Gustav Heinemann, Helene Wessel, Erhard Eppler, Diether Posser und anderen gegr&uuml;ndete GVP landete weit unter der 5-Prozent-H&uuml;rde &ndash; bei 1,2 Prozent. Hier ist das Ergebnis der Wahl insgesamt:<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220904-Friedensdemopnstrant-02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220904-Friedensdemopnstrant-02.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Es zeigt, wie glorios die Freunde der Wiederbewaffnung diese entscheidende Wahl gewonnen haben.<\/p><p><strong>Dabei spielte Propaganda eine wichtige Rolle.<\/strong><\/p><p>Das schon gezeigte Plakat aus diesem Wahlkampf fasst die Elemente der Propaganda gut zusammen:<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220904-Friedensdemopnstrant-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220904-Friedensdemopnstrant-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Das Plakat enth&auml;lt das propagandistisch M&ouml;gliche: den Rassenhass gegen die Russen, den ideologischen Hass gegen Karl Marx und die Marxisten.<\/p><p>Das war damals wirksam und es ist heute noch wirksam.<\/p><p>Schon bei der Wahl von 1953 war die Chance, auf die Wiederbewaffnung und die milit&auml;rische Integration in das westliche B&uuml;ndnis zu verzichten und daf&uuml;r die Einheit unseres Landes herzustellen, vertan. Es dauerte 10 Jahre, bis Willy Brandt es 1963 wagen konnte, auf einer Tagung in Tutzing auf Ann&auml;herung zwischen Ost und West zu pochen und dies dann nach der Regierungsbeteiligung ab Dezember 1966 umzusetzen und mit der Regierungserkl&auml;rung von 1969 und dem Bekenntnis &bdquo;Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein&ldquo; zu kr&ouml;nen.<\/p><p>Wie weit sind wir heute wieder davon entfernt. Wir sind wieder mitten in der Wiederbewaffnungsdebatte und dem neu forcierten Kalten Krieg.<\/p><p>Hier noch eine Erg&auml;nzung. Zur Wiederbewaffnungsdebatte findet sich hier ein Beitrag der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung:<\/p><blockquote><p>\n<strong>Die Politik der Wiederbewaffnung<\/strong><\/p>\n<p><strong>Detlef Bald<\/strong><\/p>\n<p>Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in der Bundesrepublik wieder eine Armee aufgebaut. In der neu gegr&uuml;ndeten Bundeswehr dienten viele Veteranen der ehemaligen Wehrmacht. Gegen die Wiederbewaffnung regte sich breiter Protest in der Bev&ouml;lkerung&hellip;.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/militaer\/deutsche-verteidigungspolitik\/199276\/die-politik-der-wiederbewaffnung\/...&lt;\/a&gt;.%0A&lt;\/p&gt;&lt;\/blockquote&gt;%0A&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Und%202%20Erg%C3%A4nzungen%20zu%20Gustav%20Heinemann:&lt;\/strong&gt;&lt;\/p&gt;%0A&lt;ol&gt;%0A&lt;li&gt;&lt;strong&gt;Gustav%20Heinemann&lt;\/strong&gt;%0A&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Bundespr%C3%A4sident%20(1899-1976)&lt;\/strong&gt;&lt;\/p&gt;%0A&lt;p&gt;Otto%20Dann%20(K%C3%B6ln)&lt;\/p&gt;%0A&lt;p&gt;&lt;a%20href=\" https:>https:\/\/rheinische-geschichte.lvr.de\/Persoenlichkeiten\/gustav-heinemann\/DE-2086\/lido\/57c8298d0f00b5.84597363<\/a>\n<\/p><li><strong>Otto Dann<\/strong>\n<p>Eine Sternstunde des Bundestages Gustav Heinemanns Rede am 23. Januar 1958<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/historiker\/05608x.pdf\">https:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/historiker\/05608x.pdf<\/a><\/p><\/li>\n\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute dokumentieren wir einiges zu einer &ouml;ffentlichen Debatte, die zwischen 1949 und 1958 vor allem viele junge Menschen bewegt hat und heute ganz &auml;hnlich wieder verl&auml;uft &ndash; Aufr&uuml;stung statt Abr&uuml;stung, Krieg statt Frieden, Feindbild-Aufbau und immer wieder Auseinandersetzungen, die t&ouml;dlich enden k&ouml;nnen. 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