{"id":8767,"date":"2011-03-22T08:31:54","date_gmt":"2011-03-22T07:31:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8767"},"modified":"2014-08-12T11:42:20","modified_gmt":"2014-08-12T09:42:20","slug":"trinkwasser-die-nicht-privatisierbare-ressource","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8767","title":{"rendered":"Trinkwasser \u2013 die nicht privatisierbare Ressource"},"content":{"rendered":"<p>In vielen L&auml;ndern der Welt ist sauberes Trinkwasser Luxus. Bakterien, Arsen und andere unerw&uuml;nschte Inhaltsstoffe sind dort die Regel. Die WHO sch&auml;tzt, dass t&auml;glich 6.000 Kinder an Krankheiten sterben, die durch verschmutztes Trinkwasser verursacht werden. In Industriestaaten und vielen Schwellenl&auml;ndern ist Wasser eine begehrte Handelsware. Nicht etwa das Wasser selbst, sondern die Dienstleistungen rund um das Wasser sind sehr profitabel. Dabei verbietet der gesunde Menschenverstand eigentlich jegliche Privatisierung der Handelsware Wasser. Die Trinkwasserversorgung ist ein nat&uuml;rliches Monopol, das sich nicht f&uuml;r einen Wettbewerb im Markt eignet und Trinkwasser ist ein elementares Lebensgut. Wie Konzerne gigantische Gewinne mit der Ressource Wasser machen, zeigt der Dokumentarfilm &bdquo;Water Makes Money&ldquo;, der am heutigen Abend um <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/de\/woche\/244,broadcastingNum=1212648,day=4,week=12,year=2011.html\">20.15 Uhr auf arte<\/a> ausgestrahlt wird. Die Filmemacher wagen einen Blick hinter die Kulissen des franz&ouml;sischen Multis Veolia, der auch auf dem deutschen Markt sehr aktiv ist. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nDie Versorgung mit Trinkwasser ist eigentlich kein geeignetes Gesch&auml;ftsfeld f&uuml;r renditeorientierte Konzerne. Um einen Haushalt mit Trinkwasser zu versorgen, sind immense Investitionen in das Verteilungsnetz notwendig. Die laufenden Einnahmen sind verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gering, sodass sich der Neubau eines Wasserversorgungsnetzes aufgrund des sehr langen Abschreibungszeitraums erst nach vielen Jahrzehnten rentiert. In der heutigen Zeit, in der sich Investitionen m&ouml;glichst schnell rentieren m&uuml;ssen und der Blick auf die Quartalszahlen wichtiger erscheint als langfristige Strategien, sollten solche Gesch&auml;ftszweige f&uuml;r &bdquo;modern aufgestellte&ldquo; Unternehmen eigentlich unattraktiv sein. Aus diesem Grund haben sich renditeorientierte Wasserversorger auch auf die Betreuung von bereits vorhandenen Wasserversorgungsnetzen verlegt. Diese Netze sind in der Regel vom Steuerzahler finanziert worden und gr&ouml;&szlig;tenteils bereits abgeschrieben. Der Betreiber hat lediglich f&uuml;r den ordnungsgem&auml;&szlig;en Betrieb und die Pflege der Infrastruktur zu sorgen. <\/p><p>F&uuml;r einen privaten Betreiber ist es nat&uuml;rlich verlockend, auf der einen Seite das Geld der Endkunden zu kassieren, und auf der anderen Seite die notwendigen Investitionen f&uuml;r den Erhalt und die Pflege der Infrastruktur zur&uuml;ckzufahren. Strenggenommen kassieren diese Betreiber Geld f&uuml;r eine Dienstleistung, die sie gar nicht erbringen. Betrachtet man nur den Zeithorizont der n&auml;chsten Quartale oder Gesch&auml;ftsjahre, ist eine vorbildliche Pflege des Trinkwassernetzes betriebswirtschaftlich nun einmal kontraproduktiv. Erst in der langfristigen Betrachtung rentieren sich diese Investitionen. <\/p><p>Warum privatisieren Kommunen eigentlich ihre Wasserversorgung? In den meisten F&auml;llen geht es schlichtweg darum, die &ouml;ffentlichen Kassen zu sanieren. Ein kompletter Verkauf der &ouml;ffentlichen Infrastruktur kommt nur sehr selten vor &ndash; nicht, weil die &ouml;ffentliche Hand dies ablehnt, sondern weil die privaten Dienstleistungskonzerne gar kein Interesse daran haben. Nur wenn die Kommunen noch im Boot sind, sind sie erpressbar. Je nach Privatisierungsmodell bekommen die Kommunen stattdessen meist eine einmalige oder j&auml;hrliche Konzessionsgeb&uuml;hr. Dieses Geld k&ouml;nnen die chronisch unterfinanzierten Stadtk&auml;mmerer sehr gut gebrauchen. Nat&uuml;rlich zahlt im Endeffekt der B&uuml;rger dieses Geld &uuml;ber seine Wasserrechnung. Grob vereinfacht sanieren die Kommunen also ihre Kassen bei einer Privatisierung auf Kosten der B&uuml;rger. Die privaten Wasserversorger sind Handlanger bei dieser Umverteilung und lassen sich ihre Dienste f&uuml;rstlich bezahlen.<\/p><p>Die Privatisierung der Wasserversorgung ist jedoch mehr als eine kreative Sonderabgabe, da die privaten Wasserversorger nur dann hohe Konzessionsgeb&uuml;hren zahlen, wenn die Vergabevertr&auml;ge sie nicht zu stabilen Wasserpreisen und verbindlichen Investitionszusagen verpflichten.<\/p><p>Betreibervertr&auml;ge, die nach bestimmten Perioden neu ausgeschrieben werden, sind in diesem Zusammenhang besonders problematisch. Der Betreiber hat kein Interesse daran, Investitionen zu t&auml;tigen, deren Abschreibungsperiode l&auml;nger als die vertragliche Nutzungsperiode ist. In der Folge werden dann notwendige Reinvestitionen in die Leitungsnetze unterlassen. Am Ende der Vertragslaufzeit hat der Wasserversorger dann seine Konzessionsabgabe samt satter Rendite auf Kosten der B&uuml;rger wieder eingefahren und die Kommune sitzt auf einem maroden Leitungsnetz. Die &ouml;ffentliche Hand steht dann vor einem Berg n&ouml;tiger Investitionen, der die eingenommen Konzessionsgeb&uuml;hren wieder aufzehrt. Der einzige Gewinner bei diesem Spiel ist der private Wasserversorger. Solche Dummheiten sind allerdings hausgemacht, die Politik ist dabei nicht das Opfer, sondern der T&auml;ter.<\/p><p>Nat&uuml;rlich k&ouml;nnte eine Kommune die Wasserversorgung auch unter sinnvollen Auflagen ausschreiben, die beispielsweise die Wasserpreisentwicklung festlegen und verbindliche Regeln f&uuml;r Reinvestitionen in das Leitungsnetz aufstellen. Dummerweise haben private Wasserversorger jedoch kein Interesse an einer echten Partnerschaft, bei der sie sich im Endeffekt nicht zu Lasten der B&uuml;rger bereichern k&ouml;nnen. Wenn nun Ausschreibungen unter sinnvollen Auflagen aber auf mangelndes Interesse seitens der privaten Wasserversorger sto&szlig;en, kann dies nur bedeuten, dass jede Form der Privatisierung der Wasserversorgung den B&uuml;rger schlussendlich &uuml;bervorteilt. <\/p><p>Wer sich ein Bild von falscher Privatisierung machen will, der sollte sich die Erfahrungen Gro&szlig;britanniens zu Gem&uuml;te f&uuml;hren. Dort wurde Ende der 80er Jahre die Wasserversorgung radikal privatisiert. In der Folge stiegen die Wasserpreise inflationsbereinigt binnen zehn Jahren um 46% an. Die Gewinne der Versorger stiegen im gleichen Zeitraum um 142%, einige Unternehmen zahlten ein Viertel der Einnahmen direkt als Dividende an die Aktion&auml;re aus. Gespart wurde allerdings an den Investitionen ins Versorgungsnetz. Nach 10 Jahren privater Bewirtschaftung hatten einige britische St&auml;dte ein maroderes Netz als die meisten Drittweltstaaten &ndash; in London war das Netz derart heruntergewirtschaftet, dass die Leitungsverluste sich auf 40% summierten, was, neben immensen Sch&auml;den durch das auslaufende Wasser, dazu f&uuml;hrte, dass ganze Teile Londons nicht mehr mit dem n&ouml;tigen Wasserdruck versorgt werden konnten. Die Regierung erlie&szlig; daraufhin neue Gesetze, die den Raubbau am &bdquo;blauen Gold&ldquo; erschwerten und Investitionen in das Netz gesetzlich vorschrieben. Die Privaten verlie&szlig;en daraufhin gr&ouml;&szlig;tenteils das Spielfeld und die milliardenschweren Investitionen mussten erneut vom Steuerzahler get&auml;tigt werden.<\/p><p>Auch in vielen Schwellenl&auml;ndern schlugen internationale Wassermultis auf diese Art und Weise zu. Generell sind Schwellen- und vor allem Entwicklungsl&auml;nder aber weniger interessant f&uuml;r diese Konzerne. Die Bereitschaft, f&uuml;r Wasser hohe Summen zu bezahlen, ist vielerorts nicht vorhanden. Einem gro&szlig;en Teil der Bev&ouml;lkerung fehlt es auch schlichtweg am n&ouml;tigen Geld. Investitionen in Entwicklungsl&auml;ndern haben sich daher auch h&auml;ufig als Fehlinvestitionen herausgestellt. Als Beispiel hierf&uuml;r eignet sich Bolivien. Die Weltbank sorgte dort daf&uuml;r, dass in der Provinz Cochabamba, die von 1,5 Mio. Menschen bewohnt wird, die Wasserversorgung privatisiert wird. Den Zuschlag erhielt das US-Unternehmen Bechtel. Flankiert von Gesetzen, die die Eigenversorgung verboten, f&uuml;hrte Bechtels Politik dazu, dass &auml;rmere Familien bis zu einem Drittel ihres Einkommens f&uuml;r Wasser bezahlen sollten. Es kam in der Folge zu gewaltt&auml;tigen Protesten und die Regierung musste nachgeben. Man widerrief den Vertrag mit Bechtel und wurde daraufhin auf 25 Mio. US$ Schadensersatz verklagt. In der Hauptstadt La Paz erhielt der franz&ouml;sische Wassermulti Suez den Zuschlag. F&uuml;r einen Anschluss an das Wassernetz verlangte Suez rund vier Monatsgeh&auml;lter. Die Anzahl der Kunden nahm ab, und da Suez vertraglich 12% Rendite zugesichert worden waren, mussten die Preise erh&ouml;ht werden. Auch in La Paz kam es zu Unruhen und Suez verlor ebenfalls die Konzession. Die Ausfl&uuml;ge westlicher Multis in Entwicklungsl&auml;nder haben sich meist f&uuml;r niemanden gelohnt, nicht f&uuml;r die Multis, nicht f&uuml;r die Regierungen &ndash; und schon gar nicht f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vielen L&auml;ndern der Welt ist sauberes Trinkwasser Luxus. Bakterien, Arsen und andere unerw&uuml;nschte Inhaltsstoffe sind dort die Regel. Die WHO sch&auml;tzt, dass t&auml;glich 6.000 Kinder an Krankheiten sterben, die durch verschmutztes Trinkwasser verursacht werden. 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