{"id":877,"date":"2005-09-15T16:01:50","date_gmt":"2005-09-15T14:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=877"},"modified":"2016-03-04T12:01:10","modified_gmt":"2016-03-04T11:01:10","slug":"ftd-empfiehlt-fdp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=877","title":{"rendered":"FTD empfiehlt FDP"},"content":{"rendered":"<p>Die Financial Times Deutschland pl&auml;diert f&uuml;r einen Regierungswechsel. Von allen verf&uuml;gbaren Optionen h&auml;lt sie &bdquo;Schwarz-Gelb&ldquo; f&uuml;r die beste. Angela Merkel k&ouml;nne nur mit einer starken FDP ihre liberale Politik durchsetzen. In den Redaktionsstuben der FTD haben ziemlich engstirnige &bdquo;marktorientierte Reformer&ldquo; das Sagen.<br>\n<!--more--><br>\nDer Raum, den die FTD zur Ausbreitung ihrer Wahlempfehlung zur Verf&uuml;gung stellt, ist umgekehrt proportional zur politischen und &ouml;konomischen Bandbreite der Argumente, die die versammelten Redakteure anf&uuml;hren. Auf einer ganzen Seite wird dargelegt, warum sie am 18. September ihren &bdquo;Vertrauensvorschuss&ldquo; der FDP geben. Doch selbst f&uuml;r eine Wirtschaftszeitung bleibt das politische Blickfeld erstaunlich eng. <\/p><p>In der Au&szlig;enpolitik st&uuml;nden &bdquo;keine dringenden Grundsatzentscheidungen an&ldquo;, hei&szlig;t es lapidar. Gerade so, als habe es kein Scheitern des EU-Verfassungsvertrages gegeben, gerade so, als w&auml;re die weitere vor allem auch wirtschaftspolitische Gestaltung der Erweiterung der Europ&auml;ischen Union eine Frage am Rande, gerade so, als g&auml;be es keinen Streit um die Entsenderichtlinie, als st&uuml;nde nicht die Rolle Deutschlands in der Staatengemeinschaft etwa bei der Reform der UNO auf der Tagesordnung, gerade so, als w&auml;ren die Beitrittsverhandlungen mit der T&uuml;rkei keine grunds&auml;tzliche Streitfrage, so als w&uuml;rde gegen die Atompolitik des Iran nicht schon wieder eine amerikanische Drohkulissen aufgebaut, bei der Deutschland Stellung beziehen muss.<br>\nInnenpolitik und Rechtspolitik spielen allenfalls bei Fragen der Zuwanderung eine Rolle. Die Wahrung innerer Liberalit&auml;t bei aller Notwendigkeit der Terrorbek&auml;mpfung ist f&uuml;r die FTD kein Thema.<br>\nFinanzpolitik reduziert sich f&uuml;r die FTD auf die Frage, ob eine (offenbar zur Senkung von Sozialbeitr&auml;ge f&uuml;r richtig gehaltene) Mehrwertsteuererh&ouml;hung in die konjunkturelle Lage passt und darauf, dass es riskant w&auml;re, sich mit einer drastischen Etatkonsolidierung in den Aufschwung zu sparen. Aber f&uuml;r welche Haushaltspolitik pl&auml;diert die FTD? <\/p><p>Familienpolitik, Bildungspolitik, Innovationspolitik, Infrastruktur- oder Verkehrspolitik, Umweltpolitik oder Verbraucherschutz spielen f&uuml;r die FTD bei einer Wahlentscheidung offenbar keinerlei Rolle, noch nicht einmal die Au&szlig;enwirtschaftspolitik und die negativen Folgen der Exportdominanz Deutschlands auf die europ&auml;ischen Nachbarl&auml;nder oder gar die europ&auml;ische Stabilit&auml;tspolitik. Jedenfalls letztere eigentlich Themen, die auch einen Wirtschaftsjournalisten noch interessieren sollten. Sollte man wenigstens denken. <\/p><p>Daf&uuml;r wird (zum wievielten Mal eigentlich?) wieder einmal danach gefragt, &bdquo;wer den Neuanfang gestalten soll&ldquo;. So als k&ouml;nne man mit der deutschen Volkswirtschaft, wie nach dem Zusammenbruch einfach wieder von Neuem anfangen. Das entspricht einzelwirtschaftlichem Denken, wo nach dem Konkurs eines Unternehmens dar&uuml;ber spekuliert wird, wie man neu anfangen k&ouml;nnte.. <\/p><p>&bdquo;Das alles &uuml;berragende Thema&ldquo; sei die &bdquo;wirtschaftliche Lage des Landes&ldquo;. Nach f&uuml;nf Jahre Stagnation bestehe in Deutschland die akute Gefahr, dass sich Wachstumspessimismus festsetze. Da m&ouml;chte man ja gerne zustimmen. Wer nun allerdings eine wirtschaftspolitische Analyse f&uuml;r diese nun schon seit weit &uuml;ber einem Jahrzehnt andauernde Stagnation erhoffte, wer Konzepte f&uuml;r die &Uuml;berwindung dieser Stagnation erwartete, der wird bitter entt&auml;uscht.<br>\nStatt nach den Ursachen f&uuml;r den &bdquo;Stagnationstrend&ldquo; zu fragen, statt nur mit einem einzigen Argumente einen Wirkungszusammenhang zwischen der geforderten &bdquo;Neuausrichtung der Politik&ldquo; und der Bek&auml;mpfung der wirtschaftlichen Stagnation auch nur zu plausibel zu machen, wird &ndash; ganz typisch f&uuml;r das Gefangensein in ideologischem Denken &ndash; einfach nur behauptet, der &bdquo;begonnene Reformkurs soll entschlossen weiterbetrieben werden&ldquo;.<br>\nNichts dazu, wie trotz explodierenden Exporten die stagnierende Binnennachfrage angekurbelt werden k&ouml;nnte, nichts dazu, warum trotz Steuerentlastungen in Milliardenh&ouml;he f&uuml;r die Unternehmen, die Investitionen r&uuml;ckl&auml;ufig sind und schon gar nichts dazu, wie etwa durch eine produktivit&auml;tsorientierte Lohnpolitik die Kaufkraft gesteigert oder durch welche Etatpolitik man einen Aufschwung unterst&uuml;tzen k&ouml;nnte. Nichts zu einer gesamteurop&auml;ischen Anstrengung f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung, kein Wort &uuml;ber die restriktive Geldpolitik der Europ&auml;ischen Zentralbank.<br>\nEs findet sich kein einziger Vorschlag, wie die Konjunktur wieder in Gang kommen k&ouml;nnte, das ganze &ouml;konomische Weltbild verengt sich auf &bdquo;marktorientierte Korrekturen auf dem Arbeitsmarkt und in den Sozialsystemen&ldquo;, denn solche Reformen erlaubten &bdquo;eine h&ouml;here Wachstumsdynamik&hellip;sobald sich das konjunkturelle Umfeld bessert.&ldquo; <\/p><p>Das ist der typisch neoklassische Gedankenzirkel, dass mehr Markt irgendwann einmal in Zukunft zu h&ouml;herem Wachstum f&uuml;hre. Diese Flucht in die vage Aussicht, dass sich das konjunkturelle Umfeld irgend wie wieder bessere, zeigt zugleich auch das Dilemma der herrschenden wirtschaftspolitischen Lehre: Sie hat keine Vorstellung dar&uuml;ber, geschweige denn ein Konzept daf&uuml;r, wie sich die Konjunktur wieder verbessern k&ouml;nnte. Konjunktur kommt sozusagen vom Himmel &uuml;ber die Wirtschaft. Da bleibt nur Hoffen und Abwarten und sich ansonsten durch &bdquo;marktorientierte Korrekturen&ldquo; bereit zu halten, bis die Konjunktur wieder vorbei kommt. Es ist geradezu wie beim Heilsversprechen im Matth&auml;us-Evangelium: Haltet Euch bereit, der Erl&ouml;ser kommt. <\/p><p>Die FTD lobt und dankt Rot-Gr&uuml;n f&uuml;r deren &bdquo;Reformpolitik&ldquo;, die Zeitung habe das &bdquo;Ad-hoc-Programm&ldquo; der Agenda 2010 &bdquo;unterst&uuml;tzt&ldquo;. &bdquo;Die rot-gr&uuml;ne Koalition (sei jetzt) politisch an ihrem Ende angekommen&ldquo;, der begonnene Reformkurs m&uuml;sse aber &bdquo;entschlossen weitergetrieben werden&ldquo;. Das k&ouml;nne am besten Angela Merkel mit der FDP.<br>\nDer Mohr Schr&ouml;der hat also seine Schuldigkeit f&uuml;r die Wirtschaftsliberalen getan, der Mohr kann gehen. <\/p><p>Man st&ouml;&szlig;t hier einmal mehr auf das typische Argumentationsmuster einer sich gegen alle Anfechtungen immunisierende Glaubenslehre. Jede Nachdenklichkeit oder jede n&uuml;chterne Bilanz von Erfolg oder Misserfolg der bisherigen marktorientierten Reformen wird abgeblockt. Angesichts der weitgehenden Erfolglosigkeit der von der FTD unterst&uuml;tzten bisherigen &bdquo;marktorientierten Korrekturen&ldquo; kann und darf es nur einen einzigen Gedanken geben: Noch mehr &bdquo;marktorientierte Korrekturen&ldquo;. Damit nicht das politische Risiko eingegangen werden m&uuml;sse, &bdquo;dass in der gro&szlig;en Koalition das Soziale ein st&auml;rkeres Gewicht erhalten w&uuml;rde&ldquo; und weil Angela Merkel &bdquo;liberalen Positionen n&auml;her stehe als die meisten anderen Unionsspitzen&ldquo;, w&auml;re die FDP f&uuml;r die FTD die beste Wahl. Und damit blo&szlig; nicht gar noch die CSU die radikalere Durchsetzung der wirtschaftsliberalen Positionen gef&auml;hrden k&ouml;nnte, w&auml;re es das Beste, wenn &bdquo;die FDP bei der Wahl bundesweit mehr Stimmen als die CSU&ldquo; err&auml;nge: &bdquo;Dann w&uuml;rde dies auch das Machtgef&uuml;ge in der Koalition zu Gunsten der Liberalen und zu Gunsten von Angela Merkel verschieben.&ldquo; Verweigerung der Analyse, warum sich unsere Volkswirtschaft in einer anhaltenden Stagnation befindet, Hilf- und Ratlosigkeit bei der Frage, wie die Konjunktur wieder angekurbelt werden k&ouml;nnte, panische Angst vor einer rationalen Bilanz inwieweit die marktorientierten Reformen Erfolge oder Misserfolge gezeitigt haben, daf&uuml;r um so dogmatischeres Vorantreiben des eingeschlagenen Kurses und bei der Wahl geht es ausschlie&szlig;lich um dessen macht- und parteipolitische Absicherung. Auf diese Kernaussage l&auml;sst sich die Wahlempfehlung der FTD bringen. Es ist zwar anerkennenswert, dass die FTD &ndash; im Gegensatz zu den meisten angeblich &bdquo;unabh&auml;ngigen&ldquo; Zeitungen, die mit allen Mitteln den Regierungswechsel herbeischreiben &ndash; ihre politische Linie offen bekannt gibt. So kann sich der Leser wenigstens ein klares Bild von der politischen und wirtschaftspolitischen Linie des Blattes machen und die liegt halt auf der Linie der Lobby- und Klientelpartei FDP. &Uuml;ber diese wirtschaftsliberale, ausschlie&szlig;lich marktorientierte Haltung der FTD k&ouml;nnen auch einige gegen die &bdquo;Modernisierer&ldquo; polemisierenden Kommentare etwa von Thomas Fricke nicht hinweg t&auml;uschen. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/me\/cm\/21847.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.ftd.de\/me\/cm\/21847.html\">FTD<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Financial Times Deutschland pl&auml;diert f&uuml;r einen Regierungswechsel. Von allen verf&uuml;gbaren Optionen h&auml;lt sie &bdquo;Schwarz-Gelb&ldquo; f&uuml;r die beste. Angela Merkel k&ouml;nne nur mit einer starken FDP ihre liberale Politik durchsetzen. In den Redaktionsstuben der FTD haben ziemlich engstirnige &bdquo;marktorientierte Reformer&ldquo; das Sagen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[193,183,190],"tags":[829,233,312,244],"class_list":["post-877","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fdp","category-medienkritik","category-wahlen","tag-ftd","tag-marktliberalismus","tag-reformpolitik","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/877","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=877"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/877\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31827,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/877\/revisions\/31827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=877"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=877"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=877"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}