{"id":87765,"date":"2022-09-08T08:31:42","date_gmt":"2022-09-08T06:31:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87765"},"modified":"2026-01-27T11:42:52","modified_gmt":"2026-01-27T10:42:52","slug":"materialermuedung-und-scheindebatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87765","title":{"rendered":"Materialerm\u00fcdung und Scheindebatten"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Materialerm&uuml;dung&ldquo; &ndash; darum geht es in dem gerade erschienenen Deb&uuml;t-Roman des Berliner Regisseurs <a href=\"https:\/\/d-trick.de\/\"><strong>Dietrich Br&uuml;ggemann<\/strong><\/a>. Doch was meint Br&uuml;ggemann mit &bdquo;Materialerm&uuml;dung&ldquo;? Und hat die Materialerm&uuml;dung auch etwas mit unserer Gesellschaft zu tun? Im NachDenkSeiten-Interview verr&auml;t Br&uuml;ggemann mehr &uuml;ber seinen Roman und kritisiert dabei auch die Diskussionskultur in Deutschland. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1848\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87765-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Materialermuedung_und_Scheindebatten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Materialermuedung_und_Scheindebatten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Materialermuedung_und_Scheindebatten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Materialermuedung_und_Scheindebatten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87765-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Materialermuedung_und_Scheindebatten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220909_Materialermuedung_und_Scheindebatten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong><a href=\"https:\/\/twitter.com\/dtrickb?lang=de\">Herr Br&uuml;ggemann<\/a>, in welchem Zustand sehen Sie unsere Gesellschaft? <\/strong><\/p><p>Ich glaube, dass Einordnungen wie &bdquo;Aufstieg&ldquo; oder &bdquo;Niedergang&ldquo; erst im Nachhinein sinnvoll vergeben werden k&ouml;nnen. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen man in den Medien jeden Tag d&uuml;steres Krisengeraune lesen konnte, aber Jahre sp&auml;ter erfuhr man dann, dass genau das die fetten Jahre gewesen sein sollten. W&auml;hrend diese fetten Jahre andauerten, hat einem das aber niemand so gesagt. Momentan f&uuml;hlt sich f&uuml;r mich vieles nach Zerfall an. Vielleicht wird man aber hinterher sagen: Das war in Wahrheit der Aufstieg zu was ganz Neuem. Oder: Da ging&rsquo;s uns noch vergleichsweise gut. Wer wei&szlig;.<\/p><p><strong>Damit w&auml;ren wir bei Ihrem Roman mit dem Titel &bdquo;Materialerm&uuml;dung&ldquo;. Ein eigenartiger Name f&uuml;r einen Roman. Von was f&uuml;r einem Material sprechen Sie? <\/strong><\/p><p>Ich habe seit Jahren das Gef&uuml;hl, dass in unseren westlichen Gesellschaften irgendein Material allm&auml;hlich erm&uuml;det. Das Material, aus dem Gesellschaften gemacht sind, das sind Menschen und ihre Beziehungen, aber auch Erz&auml;hlungen und Sinnsysteme. Wenn wir jeden Sinn und jede h&ouml;here Idee &bdquo;dekonstruieren&ldquo;, dann f&auml;llt halt alles auseinander. Und dann ist da der vorprogrammierte Zerfall unserer Warenwelt, in der alles kaputtgehen muss, damit wir uns neue Sachen kaufen und die Wirtschaft am Laufen halten. Das sagt ja auch schon etwas &uuml;ber unser Verh&auml;ltnis zur Welt und zu uns selbst.<\/p><p><strong>Gehen wir kurz auf die Geschichte in Ihrem Roman ein. Es geht um drei Freunde. Wie stehen die zueinander? Was ist das f&uuml;r eine Geschichte, in die Sie als Autor die drei eintauchen? <\/strong><\/p><p>Es sind drei Leute, die ein &auml;hnliches Leben f&uuml;hren wie ich und viele meiner Freunde. Man schl&auml;gt sich durchs Berliner Kulturschaffendenleben und muss sich irgendwie mit den sozialen Dynamiken der heutigen Welt auseinandersetzen. Jede zwischenmenschliche Ann&auml;herung k&ouml;nnte schon ein &Uuml;bergriff sein, der Kulturbetrieb definiert Menschen neuerdings wieder gern &uuml;ber die Hautfarbe, und ansonsten wird uns dauernd erz&auml;hlt, die k&uuml;nstliche Intelligenz k&ouml;nne alles besser und wir w&auml;ren demn&auml;chst sowieso &uuml;berfl&uuml;ssig. All das ist eingewoben in eine Geschichte von Liebe, Freundschaft und Familie, denn das sind die drei Kr&auml;fte, auf die wir uns am Ende als einziges verlassen k&ouml;nnen &ndash; oder auch nicht.<\/p><p><strong>Und was passiert dann in dem Roman? <\/strong><\/p><p>Die Romanfiguren stehen diesen oben beschriebenen Entwicklungen gar nicht besonders kritisch gegen&uuml;ber. Sie m&uuml;ssen sich damit auseinandersetzen, im Guten wie im Schlechten, so wie wir alle, und ich versuche zu beschreiben, ob und wie ihnen das gelingt. Genauso versuche ich nicht meine Zeit anzuklagen, sondern die Welt einfach so zu erz&auml;hlen, wie sie mir erscheint. Es gibt Dinge, die passieren andauernd, jeder muss sich damit auseinandersetzen, aber in der Literatur und im Film sehe ich sie merkw&uuml;rdigerweise kaum. Da ist eine L&uuml;cke und die will ich f&uuml;llen. Vieles davon ist &uuml;brigens erstaunlich lustig, wenn man es einfach n&uuml;chtern schildert.<\/p><p><strong>Ist die Freundschaft so eine Art &bdquo;Gegenmittel&ldquo; gegen die Materialerm&uuml;dung? Oder wie ist das Thema Freundschaft in Ihrem Werk zu verstehen? <\/strong><\/p><p>Wenn ich meine gesammelten Filme durchschaue, taucht Freundschaft da immer wieder als zentrale Kraft auf. Familie ist ambivalent, sie kann ein Ort der Geborgenheit sein, aber ebensogut ein Foltergef&auml;ngnis. Liebesbeziehungen sind ebenfalls ambivalent, das kann man schon daran erkennen, dass sie nicht selten unvermittelt in blanken Hass umschlagen k&ouml;nnen. Freundschaft ist nicht in gleicher Weise ambivalent. Ich folge keinem Trieb, ich werde nicht hineingeboren, ich suche sie mir freiwillig und halte sie aus freien St&uuml;cken in Ehren. Freundschaft ist vielleicht das kostbarste, was wir haben, und deswegen ist es besonders unsch&ouml;n, wenn sie gebrochen wird.<\/p><p><strong>Wenn Material erm&uuml;det, dann kann das schwerwiegende Folgen haben. Mit welchen Folgen aus der &bdquo;Materialerm&uuml;dung&ldquo; sehen Sie unsere Gesellschaft konfrontiert? <\/strong><\/p><p>Da muss man nur mal in Berlin U-Bahn fahren. Unsere Gesellschaft produziert sehr viele Menschen, die nicht mehr klarkommen, vom System ausgespuckt werden und ganz unten landen. Und f&uuml;r die, die noch klarkommen, wird der Raum immer enger, der finanzielle und auch psychische Druck immer gr&ouml;&szlig;er, w&auml;hrend ihnen dann noch erz&auml;hlt wird, sie seien allein schon durch ihre Existenz ein Problem, weil sie ihr Privileg nicht reflektieren oder einen zu gro&szlig;en &ouml;kologischen Fu&szlig;abdruck haben oder in Gegenwart anderer Menschen atmen.<\/p><p><strong>Wie kamen Sie denn auf die Idee zu diesem Roman? Aufgrund der gesellschaftlichen Beobachtung? <\/strong><\/p><p>Das war zun&auml;chst nur ein Gedankenspiel: Eine Art Hollywood-Apokalypse, aber nicht durch irgendeine riesengro&szlig;e Bedrohung von au&szlig;en, sondern von innen heraus, durch etwas sehr Kleines, das &uuml;berall ist. Und eben im Berlin unserer Zeit und mit Hauptfiguren, wie sie hier nun mal leben.<\/p><p><strong>Haben Sie einen Vergleich mit anderen Gesellschaften? <\/strong><\/p><p>In vielen anderen L&auml;ndern herrscht eine grundlegende Skepsis der Regierung gegen&uuml;ber. Man folgt den Anweisungen der Staatsmacht, aber identifiziert sich nicht mit ihr. In den romanischen L&auml;ndern scheint es mir so zu sein, dass der Staat immer als potentiell despotische Instanz wahrgenommen wird, der man nie ganz trauen kann. In Skandinavien und UK hat der B&uuml;rger ein anderes Selbstbewusstsein, da steht man auf gleichberechtigter Augenh&ouml;he mit dem Staat. Und sobald man den deutschen Sprachraum in Richtung Osten verl&auml;sst, haben die Leute einen Humor, den ich hier oft vermisse. Das hei&szlig;t nicht, dass es in anderen L&auml;ndern zwangsl&auml;ufig besser laufen w&uuml;rde als hier, aber ich erlebe da eine gewisse Bereitschaft zum Verstehen anderer Standpunkte, die ich mir in Deutschland auch w&uuml;nschen w&uuml;rde. Hierzulande will man den Andersdenkenden eigentlich am liebsten aus der Welt schaffen. Er soll seine Stimme verlieren und sich nie wieder &auml;u&szlig;ern. In USA ist das &auml;hnlich, teilweise deutlich schlimmer als hier, aber dort gibt es auch eine lautstarke intellektuelle Gegenbewegung.<\/p><p><strong>Sehen Sie einen Ausweg aus der Situation hier in Deutschland? Was kann gegen die Materialerm&uuml;dung getan werden? <\/strong><\/p><p>Fragen Sie mich was Leichteres. Ich w&uuml;nsche mir, dass die Moralisierung von Sachfragen aufh&ouml;rt. Ich w&uuml;nsche mir, dass wir auch harte Kontroversen als demokratischen Normalfall wertsch&auml;tzen lernen, anstatt die Vertreter von Minderheitenmeinungen in ihrer Existenz zu bedrohen. Ich w&uuml;nsche mir eine Medienlandschaft, in der eine offene Debatte stattfinden kann, nicht nur Scheingefechte innerhalb eines umgrenzten Raums. Was mit Leuten passiert, die diesen Raum verlassen, sehen wir ja andauernd. Jemand sagt im Fernsehen ein paar Dinge, die sich mit der Einsch&auml;tzung vieler anderer Experten, aber auch vieler normaler B&uuml;rger decken, und wird daraufhin unterbrochen, niedergeschrien und mit einer Diffamierungskampagne &uuml;berzogen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Ich m&ouml;chte, dass rhetorische Tiefschl&auml;ge genauso ge&auml;chtet werden wie Regelverst&ouml;&szlig;e im Sport. Dass ein Journalist, der gegen eine einzelne Person verletzend und ausf&auml;llig wird, daf&uuml;r genauso ge&auml;chtet wird, wie wenn er handgreiflich geworden w&auml;re. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein. Es sind die Regeln des zivilisierten Umgangs, wie wir sie alle mal gelernt haben.<\/p><p><em>Lesetipp: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/materialermuedung.html\">Dietrich Br&uuml;ggemann. Materialerm&uuml;dung. Westend. Edition W GmbH. Hardcover. 480 S. 25 Euro.<\/a><\/em><\/p><p>Titelbild: &copy; Dietrich Br&uuml;ggemann<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/f3d9ffc421e44edc8bd8e1f12fa40469\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Materialerm&uuml;dung&ldquo; &ndash; darum geht es in dem gerade erschienenen Deb&uuml;t-Roman des Berliner Regisseurs <a href=\"https:\/\/d-trick.de\/\"><strong>Dietrich Br&uuml;ggemann<\/strong><\/a>. Doch was meint Br&uuml;ggemann mit &bdquo;Materialerm&uuml;dung&ldquo;? Und hat die Materialerm&uuml;dung auch etwas mit unserer Gesellschaft zu tun? Im NachDenkSeiten-Interview verr&auml;t Br&uuml;ggemann mehr &uuml;ber seinen Roman und kritisiert dabei auch die Diskussionskultur in Deutschland. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87765\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":87766,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,209,917],"tags":[1163,733],"class_list":["post-87765","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-interviews","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-meinungspluralismus","tag-pluralitaet"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Dietrich-Bru\u0308ggemann-Credit-Nadine-Dubois-2-scaled-1.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=87765"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87765\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87928,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87765\/revisions\/87928"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/87766"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=87765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=87765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=87765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}