{"id":87800,"date":"2022-09-08T13:30:56","date_gmt":"2022-09-08T11:30:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87800"},"modified":"2022-09-12T08:40:04","modified_gmt":"2022-09-12T06:40:04","slug":"auch-kriegstreiber-wollen-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87800","title":{"rendered":"Auch Kriegstreiber wollen den Frieden"},"content":{"rendered":"<p>Die Netflix-Produktion &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo; soll bei der kommenden Oscar-Verleihung f&uuml;r Deutschland <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/kultur\/netflix-im-westen-nichts-neues-trailer-zeigt-die-schrecken-des-krieges-LKEMGVOB6BFGNO6MI6LOCZH5SY.html\">an den Start gehen<\/a>. Man darf gespannt sein, tritt diese Neuproduktion doch ein schweres Erbe an. Die 1930 erschienene Erstverfilmung des Meisterwerks von Erich Maria Remarque gilt zu Recht als Filmklassiker und einer der beeindruckendsten Antikriegsfilme, die je gedreht wurden. Seit ich diesen Film als junger Teenager das erste Mal sah, ist mir besonders eine Szene im Ged&auml;chtnis geblieben, die heute aktueller denn je ist. Wer will eigentlich, dass Kriege weitergehen? Zu Zeiten des jungen Protagonisten Paul B&auml;umer waren es die b&uuml;rgerlichen alten Herren. Heute sind es auch und vor allem &bdquo;Linksliberale&ldquo;, die den Krieg in der Ukraine durch Waffenlieferungen und Unterst&uuml;tzung in die L&auml;nge ziehen wollen und dabei so weit von den Abgr&uuml;nden in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben entfernt sind wie die b&uuml;rgerlichen Schreibtischgener&auml;le in Remarques Buch. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1683\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87800-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Auch_Kriegstreiber_wollen_den_Frieden_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Auch_Kriegstreiber_wollen_den_Frieden_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Auch_Kriegstreiber_wollen_den_Frieden_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Auch_Kriegstreiber_wollen_den_Frieden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87800-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220909_Auch_Kriegstreiber_wollen_den_Frieden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220909_Auch_Kriegstreiber_wollen_den_Frieden_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen die Krieg, bis ich herausfand, da&szlig; es welche gibt, die daf&uuml;r sind, besonders die, die nicht hingehen m&uuml;ssen.&ldquo;<br>\n&ndash; Erich Maria Remarque in einem Interview mit Friedrich Luft, 1963\n<\/p><\/blockquote><p>Als das gerade einmal zwei Jahre zuvor ver&ouml;ffentlichte Buch &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo; 1930 von Lewis Milestone verfilmt wurde und als einer der ersten Tonfilme weltweit in die Kinos kam, war es einer der erfolgreichsten Filme &uuml;berhaupt. Und dies nicht nur kommerziell. Die pazifistische Botschaft des Filmes wirkte. Das Branchenblatt &bdquo;Variety&ldquo; schrieb damals, dass der V&ouml;lkerbund den Film auf der ganzen Welt in jeder Sprache zeigen sollte; so lange, bis das Wort &bdquo;Krieg&ldquo; aus den W&ouml;rterb&uuml;chern gestrichen ist. Dazu kam es nicht. In Deutschland sorgten rechte Kreise daf&uuml;r, dass der Film nach kurzer Zeit wegen seiner &bdquo;ungehemmt pazifistischen Tendenz&ldquo; verboten wurde &ndash; aber auch linke Bl&auml;tter, wie die &bdquo;Rote Fahne&ldquo;, prangerten den Film an, der ohne weltanschauliches Pathos die Kriegsgr&auml;uel aus der Perspektive ganz normaler b&uuml;rgerlicher Jugendlicher erz&auml;hlt. Sp&auml;ter wurde der ohnehin massiv gek&uuml;rzte Film &uuml;brigens auch in Frankreich als &bdquo;zu deutschfreundlich&ldquo; verboten. Das Verbot wurde erst 1963 wieder aufgehoben. In den &Ouml;sterreich fiel das 1931 verh&auml;ngte Verbot erst in den fr&uuml;hen 1980ern. &bdquo;Wehrkraftzersetzung&ldquo; ist offenbar nirgends gern gesehen.<\/p><p>Mich beeindruckte das Buch und mehr noch der Film bereits als Jugendlicher zutiefst. Die Schrecken in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben, die Hoffnungslosigkeit und das Sterben der eigenen Ideale &ndash; so falsch sie sein m&ouml;gen &ndash; werden hier meisterlich erz&auml;hlt. Man erlebt Geschichte intensiv; intensiver, als es jeder Geschichtsunterricht je vermitteln k&ouml;nnte. Besonders ber&uuml;hrt hat mich jedoch seit jeher eine Szene, die im Buch eher am Rande erz&auml;hlt, aber im Film sehr eindrucksvoll in schlichter N&uuml;chternheit inszeniert wurde. Schon fast gegen Ende der Erz&auml;hlung bekommt der Protagonist Paul B&auml;umer nach einem Lazarettaufenthalt einen Heimaturlaub. Dort wird der von Tod, Schrecken und Kriegsgr&auml;uel desillusionierte Frontsoldat von den Freunden seines Vaters an deren Stammtisch eingeladen. Die b&uuml;rgerlichen &bdquo;Schreibtischgener&auml;le&ldquo; erkl&auml;ren dem Jungspund dann schulterklopfend bei Bier und Zigarre &uuml;ber eine Karte mit dem Frontverlauf gebeugt die Lage. Die j&uuml;ngsten Nachrichten von der Front seien doch vielversprechend, der Feind zeige Schw&auml;chen und schon bald st&uuml;nde man sicher schon in Paris; man sei stolz auf ihn, er verteidige &ndash; wie man wohl heute sagen w&uuml;rde &ndash; &bdquo;unsere Werte&ldquo;. Paul B&auml;umer resigniert und will nur noch eins &ndash; zur&uuml;ck an die Front, da der Zynismus der alten M&auml;nner, die vor kurzem f&uuml;r ihn noch Autorit&auml;ten darstellten, f&uuml;r ihn ein noch gr&ouml;&szlig;erer Horror als das Sterben selbst ist. Und doch &ndash; auch die alten Herren wollen keinen Krieg, sondern den Frieden: &bdquo;Schmei&szlig;t die Kerle &acute;raus, dann gibt es auch Frieden&ldquo;, wie es im Buch hei&szlig;t. <\/p><p>Heute sind es nicht die eigenen S&ouml;hne und T&ouml;chter, die in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben niedergemetzelt werden. Die Verteidigung der westlichen Werte ist von den heutigen Kriegstreibern den Ukrainern &uuml;berlassen. Heute debattieren sie in Foren und den sozialen Netzwerken &uuml;ber Karten, die den Frontverlauf und die angeblichen Fortschritte der Gegenoffensive im S&uuml;den der Ukraine zeigen. Und auch die heutigen Kriegstreiber wollen ja keinen Krieg, sondern nur, dass man die &bdquo;Kerle rausschmei&szlig;t&ldquo; und es dann &ndash; aber auch erst dann(!) &ndash; &bdquo;Frieden&ldquo; geben kann. Man macht sich f&uuml;r Waffenlieferungen stark. Sie sollen den Krieg &ndash; und damit das Leiden &ndash; verl&auml;ngern. Erst wenn der Russe seine Landgewinne wieder verliert, sei Zeit, an den Verhandlungstisch zu gehen. Der Frontverlauf sei schlie&szlig;lich entscheidend f&uuml;r die Konzessionen, die man eingehen muss. <\/p><p>Bis dahin geht das Sterben weiter. Tausende Tote, zehntausende Verst&uuml;mmelte, eine verlorene Generation &ndash; all dies wird in Kauf genommen und dies auf beiden Seiten der Sch&uuml;tzengr&auml;ben. Die Soldaten interessieren sie nicht; ihr Leid, ihr Sterben, <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/2022\/09\/07\/ukraine-kherson-offensive-casualties-ammunition\/\">ihre verst&uuml;mmelten K&ouml;rper<\/a>  &ndash; &bdquo;Gewiss, der einzelne, aber es kommt doch auf das Gesamte an&ldquo;, wie es einer der alten Herren im Buch dem Frontsoldaten altv&auml;terlich erkl&auml;rt. <\/p><p>Die alten Herren von heute sind jung; sie sind nicht nationalistisch, sondern verstehen sich als progressiv, ja als &bdquo;linksliberal&ldquo;. In ihrem menschenverachtenden Zynismus und in ihrer Unf&auml;higkeit, die Schrecken des Krieges zu begreifen, unterscheiden sie sich jedoch kein Jota von ihren wilhelminischen Br&uuml;dern im Geiste. Auch sie sehen nicht den Einzelnen, sondern nur noch das &bdquo;Gesamte&ldquo;. Sie kommen in gro&szlig;en Teilen aus einer Generation, die die Schrecken des Krieges nicht mehr aus erster Hand von den Eltern oder Gro&szlig;eltern &uuml;berliefert bekam. F&uuml;r sie ist Krieg etwas Abstraktes. Daher kann man nur hoffen, dass die Neuverfilmung von Remarques Meisterwerk ebenso eindringlich ist, wie die Erstverfilmung von 1930 und vor allem diese jungen alten Herren erreicht, f&uuml;r die Krieg heute eine Fortf&uuml;hrung der Politik mit anderen Mitteln ist. Frieden mag nicht alles sein, aber ohne Frieden ist alles nichts.  <\/p><p>Titelbild: Screencap &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo;, 1930<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/afa4ea9a1dcc4f26aaa24d3dd54934be\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Netflix-Produktion &bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo; soll bei der kommenden Oscar-Verleihung f&uuml;r Deutschland <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/kultur\/netflix-im-westen-nichts-neues-trailer-zeigt-die-schrecken-des-krieges-LKEMGVOB6BFGNO6MI6LOCZH5SY.html\">an den Start gehen<\/a>. Man darf gespannt sein, tritt diese Neuproduktion doch ein schweres Erbe an. Die 1930 erschienene Erstverfilmung des Meisterwerks von Erich Maria Remarque gilt zu Recht als Filmklassiker und einer der beeindruckendsten Antikriegsfilme, die je gedreht wurden. 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