{"id":87929,"date":"2022-09-12T09:02:08","date_gmt":"2022-09-12T07:02:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87929"},"modified":"2022-09-13T07:42:52","modified_gmt":"2022-09-13T05:42:52","slug":"ohne-zusammenhalt-hat-die-linke-keine-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87929","title":{"rendered":"\u201eOhne Zusammenhalt hat Die Linke keine Zukunft!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ukraine-Krieg, Energiekrise, Rekordinflation: Wohl nie in den vergangenen Jahrzehnten gab es mehr gute Gr&uuml;nde f&uuml;r eine Linkswende. Allerdings braucht es dazu politische Kr&auml;fte, die den Menschen Mut und Hoffnung geben, sich gemeinsam gegen die drohende Massendeklassierung zur Wehr zu setzen. Die Linkspartei steht bestenfalls am Anfang, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und den Widerstand auf der Stra&szlig;e zu mobilisieren. <strong>Uwe Hiksch<\/strong>, Sprecher des Marxistischen Forums und aktiv bei den NaturFreunden, w&uuml;nscht sich eine Bewegungslinke, in der unterschiedliche Str&ouml;mungen und Standpunkte positive Reibungsenergie freisetzen. Dann klappt&rsquo;s auch mit dem hei&szlig;en Herbst, meint er im Interview mit den NachDenkSeiten. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3764\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-87929-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220912_Ohne_Zusammenhalt_hat_Die_Linke_keine_Zukunft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220912_Ohne_Zusammenhalt_hat_Die_Linke_keine_Zukunft_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220912_Ohne_Zusammenhalt_hat_Die_Linke_keine_Zukunft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220912_Ohne_Zusammenhalt_hat_Die_Linke_keine_Zukunft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=87929-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220912_Ohne_Zusammenhalt_hat_Die_Linke_keine_Zukunft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220912_Ohne_Zusammenhalt_hat_Die_Linke_keine_Zukunft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Hiksch, als Sie 1999 aus der SPD austraten, um via PDS und WASG schlie&szlig;lich bei Die Linke zu landen, begr&uuml;ndeten sie den Abschied von der Sozialdemokratie laut Wikipedia damit, nur einer Partei angeh&ouml;ren zu k&ouml;nnen, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Uwe_Hiksch\">links und nicht die Mitte<\/a> sei. Tragen Sie sich diesen Zeiten einer tief gespaltenen Linkspartei, der nicht wenige einen baldigen Untergang prophezeien, mit neuerlich Wechselgedanken &ndash; dahin, wo noch wascheechte Linke wirken? <\/strong><\/p><p>Als &bdquo;alter Sozialist&ldquo; kenne ich die Diskussion &uuml;ber den Untergang von Bewegungen seit fast 40 Jahren. Der Marxismus wurde mehr als einmal f&uuml;r tot erkl&auml;rt. Trotzdem gibt es auch heute noch viele Millionen Menschen weltweit, die sich auf theoretische Grundlagen des Marxismus berufen.<\/p><p>Ich war fast 20 Jahre Mitglied der SPD und habe dort mit vielen linken Sozialdemokrat*innen aus unterschiedlichen politischen Traditionen zusammen gek&auml;mpft, gelitten und leider auch politisch gegen die Anpassung der SPD an den neoliberalen Zeitgeist verloren. In der SPD und insbesondere bei den Jusos habe ich gelernt, Unterschiede in der Herangehensweise an linke Politik auszuhalten und vor allem auch zu akzeptieren.<\/p><p><strong>Und das hilft Ihnen heute, auch Die Linke auszuhalten?<\/strong><em><strong> <\/strong><\/em><\/p><p>So ist es. Trotzdem erlebe ich innerhalb der Partei leider eine Form der inhaltlichen Rigorosit&auml;t, die ich f&uuml;r fatal halte. Die verschiedenen Parteifl&uuml;gel rasen aufeinander zu, um sich gegenseitig zu besiegen, statt gemeinsam einen Konsens f&uuml;r eine fruchtbare Zusammenarbeit zu suchen. Die Linke hat es selbst in der Hand, ob sie verschwindet oder nicht. Wenn sie es nicht schafft zu verstehen, dass eine zukunftsf&auml;hige Linke in Deutschland von Bernd Riexinger, Janine Wissler und Sahra Wagenknecht gemeinsam zusammenarbeiten muss, dann ist ihre Zukunft zumindest gef&auml;hrdet.<\/p><p><strong>Wenn aber die Positionen so weit auseinanderliegen? <\/strong><\/p><p>Auch ich bin ein in &ouml;konomischen und klassenpolitischen Fragen festgelegter Marxist. Aber in den letzten 40 Jahren habe ich nie versucht, meine eigene &Uuml;berzeugung als die einzig richtige durchzusetzen. Kompromisse und Zusammenarbeit oder das Suchen eines gemeinsamen Minimalkonsenses waren seit meinem 30. Lebensjahr wichtige Richtschnur f&uuml;r meine politische Arbeit. Nur Toleranz und das Zusammenf&uuml;hren unterschiedlicher linker Ans&auml;tze kann in eine positive und erfolgreiche Zukunft f&uuml;hren. Dabei will ich keinerlei Schuldzuweisungen vornehmen.<\/p><p>Ich wei&szlig; nur aus eigener Erfahrung bei den NaturFreunden, einer pluralistischen linken politischen Freizeitorganisation, dass gegenseitige Achtung f&uuml;r die unterschiedlichen Positionen die Grundvoraussetzung ist, um bestehen zu k&ouml;nnen. Das haben die NaturFreunde 1916 im Rahmen der Spaltung der parteiorientierten Arbeiter*innenbewegung gelernt und halten sich bis heute daran. Die Partei Die Linke sollte das auch lernen.<\/p><p><strong>Sie meinen also, die Partei ist noch zu retten. Aber wie soll das gehen und vor allem mit welchen Leuten? <\/strong><\/p><p>Ausdr&uuml;cklich ja. F&uuml;r mich hat Die Linke eine Zukunft, wenn sie politische Meinungen von Sahra Wagenknecht genauso toleriert wie politische Meinungen von radikalen Klimagerechtigkeitsaktivist*innen, Feminist*innen und identit&auml;r ausgerichteten Linken. Die Gemeinsamkeiten all dieser Gruppen in sozialen und &ouml;konomischen Fragen sind viel gr&ouml;&szlig;er als die kulturellen Unterschiede. Aktive in der Partei sollten akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Ausdrucksweisen in Sprache und Habitus haben, ohne ihnen dann sofort das &bdquo;Linkssein&ldquo; abzusprechen.<\/p><p><strong>Nehmen wir das aktuell hei&szlig;este vieler hei&szlig;er Themen, bei denen die Linkspartei sich in Widerspr&uuml;chen und <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/434267.niedergang-der-linkspartei-die-n%C3%A4chste-kampagne.html\">Grabenk&auml;mpfen<\/a> auf- und zerreibt: den Ukraine-Krieg und die Sanktionspolitik gegen Russland. Die l&auml;sst Wladimir Putin augenscheinlich ziemlich kalt, droht aber absehbar Millionen Menschen in Deutschland in Armut zu st&uuml;rzen. Wie s&auml;he in Ihren Augen eine &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; mit den Ukrainern aus, die das Pr&auml;dikat &bdquo;links&ldquo; verdient? <\/strong><\/p><p>Die derzeitige Au&szlig;en- und Wirtschaftspolitik der Bundesregierung ist eine Katastrophe. Der gr&uuml;ne Wirtschaftsminister und die gr&uuml;ne Au&szlig;enministerin tragen daf&uuml;r eine Hauptverantwortung. Frau Baerbock verh&auml;lt sich wie eine Aufr&uuml;stungsministerin und scheint unf&auml;hig zu sein, sich f&uuml;r Gespr&auml;che und Entspannungspolitik einzusetzen. Wer wie sie erkl&auml;rt, dass &bdquo;die Sanktionen Russland zerst&ouml;ren werden&ldquo;, hat nicht verstanden, was die Aufgabe einer Au&szlig;enministerin sein m&uuml;sste.<\/p><p>Es waren Willy Brandt und Olof Palme, die in ihrem Wirken einer zukunftsf&auml;higen Au&szlig;enpolitik ihren Stempel aufgedr&uuml;ckt haben. Gerade in der hei&szlig;esten Phase des Kalten Krieges in den 1970er Jahren haben sich beide f&uuml;r Gespr&auml;che, Abr&uuml;stung und Verhandlungen eingesetzt und damit dem KSZE-Prozess und der Durchsetzung von umfangreichen R&uuml;stungskontrollvertr&auml;gen mit den Boden bereitet.<\/p><p>Wenn Wirtschaftsminister Habeck zu verantworten hat, dass durch die Sanktionen und die Folgen der Au&szlig;enwirtschaftspolitik allein Deutschland bis 2030 vielleicht 260 Milliarden Euro an Wertsch&ouml;pfung verlieren wird und laut Institut f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Jahresdurchschnitt 150.000 Personen weniger besch&auml;ftigt sein werden, ist eine solche Politik unverantwortlich.<em> <\/em><\/p><p><strong>Was also w&uuml;rde dann echte Solidarit&auml;t gebieten? <\/strong><\/p><p>Eine Politik der Solidarit&auml;t mit den Menschen in der Ukraine und Russland m&uuml;sste die Sanktionen beenden und sich f&uuml;r einen sofortigen Waffenstillstand einsetzen. Nicht st&auml;ndige rhetorische Aufr&uuml;stung wie durch die Au&szlig;enministerin und st&auml;ndiges Drohen mit wirtschaftlichen Sanktionen, wie es der Wirtschaftsminister tut, sind eine verantwortliche Politik, sondern Auss&ouml;hnung und die Organisation von Friedensgespr&auml;chen. Von der politischen Linken erwarte ich, dass sie sich gemeinsam f&uuml;r eine Beendigung der Sanktionen gegen Russland, f&uuml;r einen Importstopp der klimasch&auml;dlichsten Form von Gas, dem LNG-Gas, einsetzt und sich gemeinsam gegen den Bau der neuen LNG-Terminals zur Wehr setzt. Akzeptieren kann ich, wenn die politische Linke unterschiedliche Positionen zur Inbetriebnahme von Nord Stream 2 hat. Sich hier aber gegenseitig vorzuwerfen, dass die jeweilig andere Position nicht &bdquo;links&ldquo; sei, ist nicht zielf&uuml;hrend.<\/p><p><strong>Im herrschenden polit-medialen Diskurs hei&szlig;t Solidarit&auml;t, Kiew durch umfassende Aufr&uuml;stung zum Sieg gegen Putin zu verhelfen &ndash; ganz egal, wie lange das dauert und wie viele junge Ukrainer &ndash; und auch junge Russen &ndash; auf dem Schlachtfeld krepieren. Was entgegnen Sie dem Totschlagargument gegen jeden Ruf nach Diplomatie, mit dem Kremlchef w&auml;re das eh nicht zu machen? <\/strong><\/p><p>Der Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine ist v&ouml;lkerrechtswidrig. Trotzdem ist es unsere Aufgabe, deutlich zu machen, dass diese falsche Politik der russischen Regierung eine mehr als 20-j&auml;hrige Vorgeschichte hat.<\/p><p>Wir NaturFreunde haben in einem Bundesausschuss mit nur einer Gegenstimme beschlossen, dass unsere Position, &bdquo;Waffenexporte in Krisengebiete zu verbieten&ldquo;, weiterhin richtig ist. Gleichzeitig haben wir gemeinsam beschlossen, dass wir die Bundesregierung auffordern, endlich zu einer Politik der Entspannungspolitik und der Diplomatie zur&uuml;ckzukehren. Hierf&uuml;r haben wir einen Plan f&uuml;r den Frieden vorgeschlagen, f&uuml;r den sich die Regierung starkmachen muss. Die verbale und reale Aufr&uuml;stung von Kriegsparteien muss sofort beendet werden. Durch diese fatale Politik sind Deutschland und die EU faktisch Kriegspartei geworden. Das muss sofort aufh&ouml;ren.<\/p><p><strong>Einfach gefragt: Hei&szlig;t f&uuml;r Sie, links zu sein, in jedem Moment f&uuml;r den Frieden zu sein?<\/strong><\/p><p>Ausdr&uuml;cklich ja. Die NaturFreunde erwarten von der Bundesregierung, dass sie die geplante Anschaffung von neuen atomwaffentragenden Kampfflugzeugen sofort zur&uuml;cknimmt und sich dem weltweiten atomaren Aufr&uuml;sten endlich verweigert. Mit ihrer Entscheidung, den US-amerikanischen Kampfjet F35 f&uuml;r die atomare Bewaffnung der Bundeswehr im Rahmen der nuklearen Teilhabe Deutschlands anzuschaffen, ist die Bundesregierung Teil des weltweiten Aufr&uuml;stungskartells der Atomwaffenstaaten. Gemeinsam mit der Friedensbewegung fordern wir von den NaturFreunden, die massive Aufr&uuml;stung der Bundeswehr zu beenden und das Zwei-Prozent-Ziel der NATO endlich offiziell aufzugeben.<\/p><p><strong>Die NaturFreunde sind aber nicht Die Linke. In deren Reihen scheinen besagte Positionen kein Grundkonsens mehr zu sein. Ja, die Parteispitzen lehnen die 100-Milliarden-Aufr&uuml;stung der Bundeswehr ab und pl&auml;dieren in puncto Ukraine f&uuml;r eine Verhandlungsl&ouml;sung. Sie sorgen sich aber dennoch um die Au&szlig;endarstellung, dies k&ouml;nnte als Kapitulation vor Putin verstanden werden. Au&szlig;erdem gibt es Absetzbewegungen von der lange Zeit ehernen Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der NATO. Das alles ist nicht Fisch, nicht Fleisch &hellip; <\/strong><\/p><p>Die Forderung nach Frieden und Abr&uuml;stung, die Ablehnung von Waffenexporten und die Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der NATO haben nichts mit einer Kapitulation zu tun, sondern sind die einzig richtigen Schlussfolgerungen aus der st&auml;ndig zunehmenden Aufr&uuml;stungsspirale. Ich hoffe, dass Die Linke bei der Friedensfrage ihre Position, die im Grundsatzprogramm festgelegt wurde, nicht ver&auml;ndert und sich weiterhin als antimilitaristische Kraft im Bundestag engagiert. Es ist f&uuml;r die Friedensbewegung eine wichtige Grundlage, dass es bisher im h&ouml;chsten deutschen Parlament eine Fraktion gibt, die gegen alle Auslandseins&auml;tze der Bundeswehr gestimmt hat, die die R&uuml;stungshaushalte der Bundesregierung bisher immer abgelehnt hat und die als antimilitaristische Stimme gut h&ouml;rbar war. Ich hoffe, das bleibt auch so.<\/p><p><strong>Die NaturFreunde Berlin waren neben der Sammlungsbewegung Aufstehen die treibende Kraft hinter einer Demonstration vor der Gr&uuml;nen-Parteizentrale in Berlin am vergangenen Montag, zu der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87713\">rund 1.000 Teilnehmer<\/a> erschienen waren. Motto: &bdquo;Genug ist genug &ndash; Protestieren, statt frieren! Heizung, Brot und Frieden!&ldquo; War es eigentlich Zufall, dass die Linkspartei am selben Abend in Leipzig eine Kundgebung gegen die Verarmungspolitik der Bundesregierung mit fast deckungsgleichem Inhalt auf die Beine stellte, bei der immerhin <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/434121.protestbewegung-parlamentspartei-und-stra%C3%9Fe.html?sstr=leipzig\">5.000 Menschen<\/a> zusammenkamen? <\/strong><\/p><p>Wir haben uns entschieden, sehr kurzfristig, auch zur Unterst&uuml;tzung der Demonstration in Leipzig in Berlin eine Protestkundgebung zu organisieren. Dabei hatte ich als Anmelder 300 Teilnehmer*innen angemeldet, gekommen sind &uuml;ber 1.000. Das war f&uuml;r die K&uuml;rze der Zeit ein voller Erfolg. Es ist uns dabei gelungen, ein breites B&uuml;ndnis von linken Gruppen und Organisationen mit durchaus sehr unterschiedlichen Positionen zusammenzuf&uuml;hren. Wir haben uns in einer sehr solidarischen Atmosph&auml;re auf einen gemeinsamen Aufruf geeinigt und dabei auch Punkte, in denen es keinen Konsens gab, aus dem Aufruf herausgelassen. Gleichzeitig haben wir uns darauf geeinigt, dass wir gegenseitig aushalten werden, wenn Redner*innen auf den Kundgebungen zu den unterschiedlichen Einsch&auml;tzungen auch ihre jeweilig unterschiedliche Position vortragen.<\/p><p><strong>Das Berliner B&uuml;ndnis hat eine deutliche Schlagseite zum Lager von Sahra Wagenknecht. Da kann schon der Eindruck entstehen, man wolle dem Bundesvorstand die Show stehlen. Ist da gar nichts dran? <\/strong><\/p><p>Das B&uuml;ndnis wird sich an innerparteilichen Auseinandersetzungen der Partei Die Linke nicht beteiligen. Beim letzten Treffen des B&uuml;ndnisses habe ich das Ziel formuliert, dass im B&uuml;ndnis alle akzeptieren, dass Linke unterschiedlicher Richtungen und Str&ouml;mungen solidarisch zusammenarbeiten. Das bedeutet f&uuml;r mich, dass bei Demos und Kundgebungen die verschiedenen linken Bewegungen und Str&ouml;mungen zusammenkommen und ihre jeweiligen Unterschiede auch aushalten.<\/p><p>Also m&uuml;ssen bei unseren k&uuml;nftigen Aktionen nat&uuml;rlich auch die Vorsitzenden der Partei Die Linke genau wie der Vorsitzende der DKP reden k&ouml;nnen. Wir wollen, dass linke Sozialdemokrat*innen und oppositionelle Gr&uuml;ne bei unseren Aktionen mitmachen und auch reden k&ouml;nnen. Ich hoffe, dass wir Gewerkschafter*innen, Vertreter*innen von Sozialverb&auml;nden und Aktivist*innen antirassistischer und antifaschistischer Initiativen f&uuml;r Reden und gemeinsame Zusammenarbeit erreichen werden. Genauso bin ich daf&uuml;r, Sahra Wagenknecht oder auch Klaus Ernst als Redende einzuladen.<\/p><p><strong>Bleibt die Frage, ob die Genannten das auch alle wollen? <\/strong><\/p><p>Hier bin ich skeptisch. Aber wir m&uuml;ssen das auf jeden Fall versuchen, wenn wir nicht zulassen wollen, dass aufgrund des innerlinken Streites die Rechten immer mehr das &ouml;ffentliche Terrain besetzen k&ouml;nnen. Ich habe aus den uns&auml;glichen K&auml;mpfen der politischen Linken in den 1920er Jahren f&uuml;r mich den Schluss gezogen, dass es darum gehen muss, nicht zu spalten, sondern zusammenzuf&uuml;hren.<\/p><p><strong>Vor allem die Leipziger Demo hatte etwas von der Quadratur des Kreises: Die Redner begehrten wortgewaltig gegen die unsoziale Krisenpolitik der Ampelregierung mit Gaspreisexplosion, Rekordinflation und Belehrungen in Sachen Energiesparen auf, schwiegen aber zu den Wirtschaftssanktionen gegen Moskau, also zur zentralen Ursache der Misere. Haben Sie nicht Sorge, dass die Partei sich damit l&auml;cherlich macht? <\/strong><\/p><p>Wir werden nur stark werden, wenn wir die gro&szlig;e Spannbreite linken Denkens in unsere Demonstrationen integrieren und so den von den sozialen Verwerfungen bedrohten Menschen eine Einladung zur gemeinsamen Demonstration aussenden. Dabei m&uuml;ssen wir auch aushalten, dass die Teilnehmenden unterschiedliche Positionen haben zur Frage der Sanktionen.<\/p><p><strong>Ihr Eifer f&uuml;r Zusammenhalt in Ehren. Aber ist das nicht der zentrale Widerspruch, der manche linke und neuerdings auch linkssozialdemokratische Einlassung gegen die Verarmungspolitik der Regierung ziemlich hohl klingen l&auml;sst? Von wegen: &bdquo;Weg mit Gasumlage, aber sch&ouml;n weiter sanktionieren.&ldquo; Das geht einfach nicht zusammen &hellip; <\/strong><\/p><p>Ich bin pers&ouml;nlich f&uuml;r die Aufhebung der Sanktionen, weil sie den Menschen in Russland, den Menschen im globalen S&uuml;den, genauso wie den Menschen in der EU schaden. Gleichwohl ist das im B&uuml;ndnis bislang nicht konsensf&auml;hig und das respektiere ich. <\/p><p><strong>Aber das letzte Wort ist in der Frage nicht gesprochen? <\/strong><\/p><p>Wer sich weltweit die Au&szlig;en- und Wirtschaftspolitik der Staaten in Afrika, Asien, S&uuml;damerika anschaut, sieht sehr schnell, dass Europa und die USA dabei sind, sich mit ihrer Politik zu isolieren. Dies kann und wird nicht das letzte Wort sein.<\/p><p><strong>Erfreulich ist, dass mit den namentlich linken Aktionen ein Zeichen gegen die Querfront-Spaltungsstrategie von Regierenden und Massenmedien gesetzt wurde. In der Pandemiehochphase galt ja f&uuml;r jede Menschenansammlung ein polit-ideologischer Dresscode, womit selbst linke Zeitgenossen, die gegen Corona-Ma&szlig;nahmen oder Massenimpfungen waren, zu Nazis und Verschw&ouml;rungsmystikern gestempelt wurden. Wird die Linke diesmal nicht in die Falle tappen, in der jeder Regierungskritiker gleich zum Staatsfeind mutiert? <\/strong><\/p><p>Ich habe zu den Corona-Ma&szlig;nahmen der Bundesregierung eine andere Einsch&auml;tzung wie manch andere Aktive in der Sozialprotestbewegung. Dies wird sich auch nicht &auml;ndern. Wenn wir jedoch in den n&auml;chsten Monaten eine breite Bewegung organisieren wollen, d&uuml;rfen wir das Thema &bdquo;Wie stehe ich pers&ouml;nlich zum Impfen&ldquo; nicht als Prinzipienfrage aufbauen. Ich bin ein Bef&uuml;rworter des Impfens und habe in meinem Umfeld auch f&uuml;r die Ma&szlig;nahmen geworben. F&uuml;r mich ist es selbstverst&auml;ndlich, wenn ich gebeten werde, eine Maske zu tragen, wenn sich mein Gegen&uuml;ber dadurch sicherer f&uuml;hlt. Auch in Bahnen und Bussen trage ich selbstverst&auml;ndlich eine Maske. Ich wehre mich jedoch dagegen, anhand der Frage des Impfens oder des Maskentragens eine Links-Rechts-Debatte zu f&uuml;hren.<\/p><p><strong>Hei&szlig;t das, auch &bdquo;Putinversteher&ldquo;, knallharte Sanktionsgegner und Menschen, die Wolodymyr Selenskyj f&uuml;r einen US-Pappkameraden halten, sind bei Ihnen willkommen? <\/strong><\/p><p>Diese Begriffe w&uuml;rde ich nicht benutzen. Bei den Demonstrationen und Kundgebungen sind aber ausdr&uuml;cklich Menschen willkommen, die sich gegen die unverantwortliche Politik der Bundesregierung wehren. Die jeweilig unterschiedlichen Analysen zu Russland oder der Entwicklung in der Ukraine m&uuml;ssen wir dabei aushalten.<\/p><p>Gemeinsam mit den vielen Aktiven im B&uuml;ndnis will ich erreichen, dass soziale Proteste eine emanzipatorische und aufkl&auml;rerische Entwicklung nehmen, international ausgerichtet sind und keinen deutschen Chauvinismus zulassen. Mein Ziel ist, den Rechten nicht die Stra&szlig;e zu &uuml;berlassen.<\/p><p><strong>Was nehmen Sie an Hoffnung und Mut von den Vorg&auml;ngen vom Montag mit und wird der Herbst hei&szlig;er, als die Bundesregierung es sich ausmalt? <\/strong><\/p><p>Ob es ein hei&szlig;er Herbst wird, h&auml;ngt ma&szlig;geblich von dem Verhalten der verschiedenen linken Gruppen und Organisationen ab. Schaffen sie es, gemeinsam f&uuml;r eine andere Politik auf die Stra&szlig;e zu gehen und sich nicht gegenseitig auszugrenzen, dann bin ich optimistisch, dass wir einen hei&szlig;en Herbst erleben k&ouml;nnen. Ich jedenfalls werde mich aktiv daf&uuml;r einsetzen, dass sich die Herrschenden in diesem Land warm anziehen m&uuml;ssen und sich nicht mehr trauen, die heute schon Ausgegrenzten und Benachteiligten zu weiteren Einschr&auml;nkungen aufzufordern.<\/p><p>Titelbild: Pictrider\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Zur Person:<\/strong> Uwe Hiksch, Jahrgang 1964, ist Bundesvorstandsmitglied bei den <a href=\"https:\/\/www.naturfreunde.de\/\">NaturFreunden Deutschlands<\/a>, Vizechef des Landesverbands Berlin und Vorsitzender der Ortsgruppe Adelante. Er kommt aus der Antiatom-, Friedens- und Umweltbewegung und bekleidete seit Anfang der 1980er-Jahre mehrere &Auml;mter bei der SPD, aus der er nach mehreren Jahren als Bundestagsabgeordneter 1999 austrat, um zur damaligen PDS-Fraktion &uuml;berzuwechseln. F&uuml;r die SED-Nachfolgepartei fungierte er 2002 bis 2003 als Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer, danach engagierte er sich bei der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) und seit mehr als zehn Jahren ist er Sprecher des Marxistischen Forums in der Partei Die Linke.<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/7c8ce4d617224393a718fe4021949ed0\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine-Krieg, Energiekrise, Rekordinflation: Wohl nie in den vergangenen Jahrzehnten gab es mehr gute Gr&uuml;nde f&uuml;r eine Linkswende. Allerdings braucht es dazu politische Kr&auml;fte, die den Menschen Mut und Hoffnung geben, sich gemeinsam gegen die drohende Massendeklassierung zur Wehr zu setzen. 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