{"id":87955,"date":"2022-09-12T12:07:03","date_gmt":"2022-09-12T10:07:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87955"},"modified":"2022-09-12T15:16:51","modified_gmt":"2022-09-12T13:16:51","slug":"dit-is-schon-ne-janz-schoen-grosse-huette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87955","title":{"rendered":"\u201eDit is schon &#8216;ne janz sch\u00f6n gro\u00dfe H\u00fctte\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Unser aller Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier hat an diesem Sonntag, 11.09.2022, Mitb&uuml;rger in seinen Amtssitz, das Schloss Bellevue in Berlin, <a href=\"https:\/\/www.ka-news.de\/nachrichten\/baden-wuerttemberg\/steigende-preise-steinmeier-warnt-vor-wohnungslosigkeit-art-2845813\">eingeladen<\/a>. Nicht irgendwelche Mitb&uuml;rger, sondern besondere Sch&auml;fchen unter seiner Regentschaft sind dies: Steinmeier hat Obdachlose zu sich gebeten. &bdquo;Er wolle mit Menschen ins Gespr&auml;ch kommen, die aktuell kein eigenes Dach &uuml;ber dem Kopf haben oder in der Vergangenheit diese Erfahrung gemacht haben&ldquo;, hei&szlig;t es vonseiten des Bundespr&auml;sidialamtes in einer Mitteilung an die Medien. Das freut nat&uuml;rlich auch den eingeladenen guten alten Atze wie Bolle, der &bdquo;aktuell&ldquo; tats&auml;chlich kein Dach &uuml;ber seinem Haupt, also keine Wohnung, hat. Atze macht sich diesen Sonntag auf den Weg in den Park zum Schloss und erlebt mal einen sch&ouml;neren Tag als sonst. Exklusiv und f&uuml;r die NachDenkSeiten berichtet Atze und l&auml;sst uns teilhaben. Auf Deutsch und teils auf Berlinerisch geschriebene Glosse von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAtze hat sich heute zum Sonntag was Ordentliches angezogen, denn Atze hat eine Einladung bekommen. Er hat &acute;nen hochoffiziellen feinen Termin an diesem Sonntag: im Schloss. Ja. Echt. Bei Steinmeier. Atze ist selbst noch immer sprachlos, vor allem, wie es die Mitarbeiter von Steinmeier schafften, seine Adresse ausfindig zu machen, wo er doch gar keine hat. Und das ist ihm ein bisschen suspekt. &bdquo;Ejal&ldquo;, sagt Atze vers&ouml;hnlich: &bdquo;Dit is ja denn wirklich ma &lsquo;ne sch&ouml;ne Jeste von unserem obersten Landesvata, wenn der uns kleene Leute ma zu sich einl&auml;dt. Dit is fast jenauso, wie wenn der andere Frank, ich meene den Zander, uns zu Weihnachten mal &lsquo;nen Heiligabendbraten in der Sporthalle spendiert. Och sch&ouml;n.&ldquo;<\/p><p>Die Freude w&auml;chst folglich bei Atze und in dieser motivierenden Vorfreude und dabei das Lied &bdquo;Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft&ldquo; singend macht er sich mal so richtig &bdquo;schnaffte&ldquo;. So, wie er es lange nicht machte. Die Hose seines besten alten Freundes Karl zieht er an. Dann hat er tats&auml;chlich bei Karstadt f&uuml;r f&uuml;nf Euro ein schickes Hemd koofen k&ouml;nnen (alles Geld vom Pfandflaschensammeln). Er streift es &uuml;ber, keene Krawatte. Er k&auml;mmt sein dichtes, inzwischen sehr ergrautes Haar. Atze staunt aber dar&uuml;ber, wie er durchaus j&uuml;nger nach einer Rasur wirkt, er schaut sich in gesamter Gr&ouml;&szlig;e in einem kleinen Spiegel vom Nachbarn an und bemerkt etwas kleinlaut und selbstkritisch: &bdquo;Mensch, Atze. Da haste Dir janz sch&ouml;n jehen lassen in die letzten Monate.&ldquo; Er wird nachdenklich, zweifelt an sich: &bdquo;Es lohnt ja ooch nich mehr, auf sich zu achten. Oder? Wird es wieder besser?&ldquo;  <\/p><p>Sein Domizil, also das &bdquo;aktuelle&ldquo; Zuhause, das ist aber gar nicht mehr &bdquo;aktuell&ldquo;, sondern seit zwei Jahren fast schon wieder sein Zufluchtsort: eine langgezogene, viel Schatten spendende Br&uuml;cke neben dem ziemlich leerstehenden ICC in Charlottenburg. Unter der suchen Woche f&uuml;r Woche mehr und mehr Leutchen Schutz und harren wie Atze aus, um vielleicht doch noch bessere Zeiten zu erleben. Durch die Hoffungsmelodie Atzes rauscht der Autoverkehr an ihnen, den Gestrandeten, den Obdachlosen, den Menschen, vorbei, die &bdquo;aktuell&hellip;&ldquo;, ach lassen wir das. Nebenan leuchten abends (noch) die Reklameschriften eines Liebesdienstzentrums. Die nahe Avus t&ouml;nt den Sound der Staus, der Zulieferungen der LKWs, der An- und Abfahrten in Richtung Br&uuml;cken in die Ohren Atzes.<\/p><p>Der Sonntag ist freundlich, der Rasen vor dem wei&szlig;en Schloss gl&auml;nzt herrlich gr&uuml;n, die Sicherheitsleute agieren gegen&uuml;ber den Obdachlosen h&ouml;flich und der Pr&auml;sident sieht aus wie aus einem Hochglanzprospekt. Atze schreitet beinah staatstragend zur Treppe, er will die Situation nicht versauen, die Manieren f&uuml;r so ein Fest braucht er in seinem aktuellen Leben nicht. &bdquo;Doch, wees ick schon, wie man sich benimmt und was sich jeh&ouml;rt&ldquo;, sagt Atze. Der Bundespr&auml;sident reicht dem Berliner und vielen anderen die Hand und hei&szlig;t sie willkommen. Atze betritt das Schloss. &bdquo;Jeschafft. War nicht schwer, der Frank-Walter ist ein lockerer Typ. Vor allem sein Gr&uuml;bchen beim L&auml;cheln neben dem Mund macht ihn sympathisch&ldquo;, findet Atze. <\/p><p>Staunen tut Atze schon, er, der Mann von der Br&uuml;ckenunterkunft am ICC. &bdquo;Dit hier is schon &lsquo;ne janz sch&ouml;n gro&szlig;e H&uuml;tte. Dit muss ja och so sein, richtig repr&auml;sentativ. Wenn so die janzen feinen J&auml;ste vorbeischauen, Staatsbesuche, Hoheiten und so. L&auml;uft allet wie am Schn&uuml;rchen, wie bei uns von de Br&uuml;cke und sonstwoher. Mir sinn ja ooch wer &ndash; Deutschland.&ldquo;<\/p><p>Dann schwenkt Atze wieder zum Eigentlichen um, denn er verr&auml;t, dass er sich vor allem auf die Verpflegung gefreut hat. Mal sattessen. Mal gut essen. Atze wird nicht entt&auml;uscht. Tats&auml;chlich l&auml;sst sich das Organisationsteam des Bundespr&auml;sidialamtes &bdquo;nicht lumpen, ordentlich B&uuml;fett mit Kalt- und Warmteil aufzufahren&ldquo;. Atze &auml;rgert sich ein bisschen: &bdquo;Allet lecker und jenuch. Aber Tupperdosen hammse nich erlaubt &ndash; aus Sicherheitsgr&uuml;nden.&ldquo;<\/p><p>Dann geht &bdquo;de Zeremonje weiter&ldquo;. Der Pr&auml;sident atmet durch und hebt zu einer Rede an. Warm und wohl formuliert klingen seine Worte, verst&auml;ndnisvoll und w&uuml;rdigend. Obdachlose w&uuml;rdigen &ndash; klar, denn es ist ja der Tag der Wohnungslosen, findet Atze und sicher ebenso seine Leidensgenossen. &bdquo;Heute am 11. September. Da is ja och schon einijes and&rsquo;res passiert&ldquo;, erinnert sich Atze, der in dem Trubel lieber ein wenig abseits steht und so mal noch schnell zwei janz kleene Appetithappen schnabuliert und dabei an die USA, die Twin Towers und Chile und Pinochet denkt. &bdquo;Bin ja nich bl&ouml;d, mich interessiert schon de Politik, au&szlig;en und innen, immer schonn. Ach ja, da stehn wir nu da, die Oben in der Rangliste m&uuml;ssen schon mehr aus de H&uuml;fte kommen f&uuml;r uns Kleene. Aber uns hammse immer wieder verjessen.&ldquo;  <\/p><p>Die zwei Stunden des sch&ouml;nen Festes im Schloss, das Essen, die Worte, die damit durchaus auch geweckten Hoffnungen &ndash; Atze ist dankbar, ohne vor Begeisterung Schnappatmung zu kriegen. &bdquo;Dit is schon kurios: die von da Oben sagen immer, wir m&uuml;ssen zusammenhalten und sie sind bei uns und so weiter. Gloob ich ja och gerne. Ick warte aber immer noch droff, dass mir ma das Gl&uuml;ck trifft, weeste.&ldquo; <\/p><p>Der alte Berliner Atze macht sich auf den Nachhauseweg, dorthin, wo er aktuell wohnt, also, haust. Dort wird er herzlich begr&uuml;&szlig;t, seine Br&uuml;ckennachbarn wollen alles genau wissen. Auf einem noch freien Fleck unter der Br&uuml;cke richten sich Neuank&ouml;mmlinge ein. Die Wohnungslosengemeinde w&auml;chst. Atze zieht seinen alten, warmen Mantel an, schlurft in seine dicken Stiefel, steckt sich eine selbstgedrehte Zigarette an und schaut in Richtung Grunewald, wo die Sonne langsam untergeht. &bdquo;2030 soll es ja keene mehr jeben, die in Berlin ohne Wohnung sin. Hammse jesagt im Senat&ldquo;, fl&uuml;stert er vor sich hin. &bdquo;Bin ick ja jespannt.&ldquo; <\/p><p>Ironische Nachbemerkung: Anlass der Einladung unser aller Frank-Walters ist der Tag der Wohnungslosen. Ist schon Klasse, wie hierzulande f&uuml;r jede Gelegenheit, f&uuml;r Freud und Leid ein besonderer Tag schaffbar ist. Bald vielleicht gibt es einen f&uuml;r in Pleite gegangene B&auml;cker, Fleischer, Kneiper. Frank-Walter wird sicher zuh&ouml;ren, wenn die &uuml;ber nicht zu bezahlende Rechnungen und geplatzte Lebenstr&auml;ume berichten. <\/p><p>Titelbild: Mazur Travel\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser aller Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier hat an diesem Sonntag, 11.09.2022, Mitb&uuml;rger in seinen Amtssitz, das Schloss Bellevue in Berlin, <a href=\"https:\/\/www.ka-news.de\/nachrichten\/baden-wuerttemberg\/steigende-preise-steinmeier-warnt-vor-wohnungslosigkeit-art-2845813\">eingeladen<\/a>. 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