{"id":88,"date":"2003-12-15T18:21:20","date_gmt":"2003-12-15T16:21:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=88"},"modified":"2024-10-14T16:56:56","modified_gmt":"2024-10-14T14:56:56","slug":"das-elend-der-reformdebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88","title":{"rendered":"Das Elend der Reformdebatte"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber die unreflektierte Modernisierungs- und Reformdiskussion in Deutschland. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, aus <em>Politik und Zeitgeschichte<\/em> Nr. 51\/15. Dezember 2003, Beilage zum Parlament, Herausgeber: Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung (bpb)<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorbemerkungen<\/strong><\/p><p>Ein hei&szlig;er Reform [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] -Sommer und -Herbst liegt hinter uns: die R&uuml;rup-Kommission pr&auml;sentiert ein ganzes B&uuml;ndel von Vorschl&auml;gen &ndash; von der Anhebung des Renteneintrittsalters bis zur Absenkung des Rentenniveaus, Opposition und Regierung debattieren und beschlie&szlig;en Eckpunkte der Gesundheitsreform, die Regierung schl&auml;gt die Reform der Pendlerpauschale vor, Wirtschafts- und Arbeitsminister Clement (SPD) pl&auml;diert f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren, f&uuml;r die Aufweichung der Tarifvertr&auml;ge, im Notfall f&uuml;r Lebensmittelkarten f&uuml;r Arbeitslose und f&uuml;r die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67, aus der SPD-Bundestagsfraktion kommt der Vorschlag, die Riesterrente zur Pflicht zu machen, Ministerpr&auml;sident Althaus (CDU) legt den vollst&auml;ndigen Ausstieg aus dem umlagefinanzierten Rentensystem nahe, die Gesundheitsministerin wirbt f&uuml;r die B&uuml;rgerversicherung, auch Au&szlig;enminister Fischer pl&auml;diert daf&uuml;r und dann wieder nicht, Angela Merkel (CDU) fordert die Erh&ouml;hung der Arbeitszeit im Westen, SPD-Generalssekret&auml;r Scholz m&ouml;chte das Verst&auml;ndnis von Gerechtigkeit reformieren, FDP-Fraktionschef Gerhardt fordert, weitere Kassenleistungen, wie beispielsweise private Unf&auml;lle aus der Krankenversicherung auszugliedern, die Fraktionsvorsitzende der Gr&uuml;nen, Katrin G&ouml;ring-Eckart ist f&uuml;r die Abschaffung der Pflegeversicherung und &uuml;berhaupt f&uuml;r die permanente Revolution. <\/p><p>Die Modernisierer unter unseren Zeitgenossen k&ouml;nnen sich &uuml;ber den Sommer und Herbst 2003 wahrlich nicht beschweren. Selbst ohne den Reformvorschlag des Vorsitzenden der Jungen Union, den Alten &uuml;ber 85 keine H&uuml;ftgelenke aus Kassenmitteln zu bezahlen, war es eine tolle Zeit.<\/p><p>Mit der L&ouml;sung der beachtlichen Probleme unseres Landes hat diese Debatte wenig zu tun. Unser Kernproblem ist die Belebung unserer wirtschaftlichen T&auml;tigkeit, die &Uuml;berwindung der Stagnation und der schon sp&uuml;rbaren Rezession und damit die Verbesserung der Auslastung der Kapazit&auml;ten unserer Volkswirtschaft. Die mit gut 4,2 Millionen (September 03) sehr hohe Zahl von Menschen, die keine Arbeit haben, ist Zeichen dieser Unterauslastung. Wenn uns eine bessere Auslastung dieser Potentiale gel&auml;nge, k&ouml;nnten wir viele der jetzt dr&uuml;ckenden Finanzierungsprobleme der sozialen Sicherungssysteme mildern wenn nicht l&ouml;sen. <\/p><p>An den einzelnen der genannten Reformvorschl&auml;ge kann man zeigen, dass sie wenig beitragen, um die Sorgen zu mildern, die jene vielen Arbeitnehmer umtreiben, die einen Arbeitsplatz suchen, oder die Unternehmer, die vor leeren Auftragsb&uuml;chern sitzen und am Rande der Insolvenz entlang schrammen, und auch nichts zur Milderung der Sorgen jener Familien, deren Kinder einen Ausbildungsplatz suchen. Und dennoch glauben die Meinungsf&uuml;hrer inzwischen unisono an den Reformstau als entscheidende Ursache unseres wirtschaftlichen Unheils und an die heilsame Wirkung von grundlegenden Reformen, von Strukturreformen, wie man sagt.<\/p><p>Ohne Zweifel haben wir Reformbedarf. Da unterscheidet sich unsere Zeit nicht von anderen Zeiten. Aber dass die hohe Arbeitslosigkeit, die Insolvenzen und die Wachstumsschw&auml;che unserer Volkswirtschaft, dass die hohen Schulden des Staates und die Haushaltsprobleme der Kommunen, dass die wirtschaftliche Stagnation und das Elend in vielen Regionen Ostdeutschlands vor allem eine Folge mangelnder Reformf&auml;higkeit unseres Staates und insbesondere des Sozialstaates seien, das ist ein wahnhaftes Gedankenkonstrukt, eine gedankliche Obsession k&ouml;nnte man auch sagen. <\/p><p>Diese Debatte ist rational nicht mehr zu begreifen. Sie n&auml;hrt sich selbst, ohne Bodenhaftung, aber durch Zuruf best&auml;tigend und Bedeutung gewinnend. Die Meinungsf&uuml;hrer unseres Landes sind ein geschlossener Kreis. Das Publikum steht staunend daneben: Pflegeversicherung streichen? Aber das fing doch gerade an! &ndash; Bis 67 arbeiten? Aber die meisten h&ouml;ren doch eh fr&uuml;her auf und sind oft ausgebrannt! &ndash; L&auml;nger in der Woche arbeiten? Aber es ist doch eh zu wenig Arbeit da!. &ndash; Die Riesterrente zur Pflicht machen? Aber dann h&auml;tte man doch gleich bei der gesetzlichen Pflichtverscherung bleiben k&ouml;nnen! Usw. usf.<\/p><p><strong>Das Elend der Reformdebatte<\/strong><\/p><p>Die Reformdebatte ist zur Plage geworden &ndash; eine intellektuelle Zumutung. Und sie hat ziemlich schlimme Folgen.<\/p><p><strong>Erstens: Erfolglosigkeit &ndash; vorhersehbar, weil es die Wirkungszusammenh&auml;nge zwischen den Reformen und der erhofften Wirtschaftsbelebung so nicht gibt.<\/strong> <\/p><p>Die Debatte um Reformen ist nicht neu. Und die Reformschritte sind es auch nicht. Die Regierung Kohl hat schon kr&auml;ftig reformiert &ndash; mit einer Vielzahl von Ma&szlig;nahmen, die man mit Recht &ldquo;Sozialabbau&rdquo; nannte, und einer Reihe von Steuerentlastungsreformen vor allem f&uuml;r Unternehmen. Sie brachten so markante Ver&auml;nderungen wie die Streichung der Verm&ouml;genssteuer und der Gewerbekapitalsteuer und dann zu Kanzler Schr&ouml;ders Zeiten die Senkung des Spitzensteuer- und Steuereingangssatzes sowie die Befreiung der Besteuerung von Gewinnen bei Unternehmensverk&auml;ufen. Heute hat Deutschland mit einer Steuerquote von 23,6% eine der niedrigsten Steuerbelastungen in der Gruppe der vergleichbaren L&auml;nder. Aber wo bleibt der Erfolg? Irgendwann m&uuml;sste die Wirkung so vieler Reformen doch sichtbar sein?!<\/p><p>Auch die Hartz&rsquo;schen Reformen sind bisher quantitativ nahezu wirkungslos: So sollen z.B. die PersonalServiceAgenturen bis Ende 2005 500.000 Leih-Arbeitskr&auml;fte anstellen. Nach drei Monaten sind es gerade mal kaum messbare 6.500. &ndash; 500.000 sogenannte IchAGs will man bis 2005 schaffen. Seit Januar hat man gerade mal 43.000 erreicht. &ndash; Das ist kein Wunder und war vorhersehbar: es fehlt ja nicht zuallererst an b&uuml;rokratischen Neuerungen zur besseren Vermittlung; es fehlt an Besch&auml;ftigung, am Dampf in der &Ouml;konomie.<\/p><p>Auch dass die IchAGs trotz gro&szlig;z&uuml;giger F&ouml;rderung keine gro&szlig;en Erfolgsstories schreiben, konnte man wissen, wenn man bereit gewesen w&auml;re, sich in die Mentalit&auml;t der einfachen Leute hineinzudenken. Einer 50j&auml;hrigen arbeitslosen Verk&auml;uferin oder einem arbeitslosen Chemiearbeiter mit langer Tradition in abh&auml;ngiger Arbeit ist die Gr&uuml;ndung einer IchAG fremd. Sie k&ouml;nnten die Umst&auml;nde einer Selbst&auml;ndigkeit mutma&szlig;lich auch gar nicht bew&auml;ltigen.<\/p><p>Auch wird in der &ouml;ffentlichen Debatte viel zu wenig beachtet, dass neue Minijobs alte &ndash; meist regul&auml;re &ndash; Arbeitsverh&auml;ltnisse verdr&auml;ngen, also per Saldo wenig oder gar nichts bringen, wenn keine zus&auml;tzliche Besch&auml;ftigung da ist. Die gel&auml;ufige Fehleinsch&auml;tzung r&uuml;hrt daher, dass die sogenannten Modernisierer nicht gewohnt sind, in gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen zu denken, deshalb R&uuml;ckwirkungen missachten und nicht auf Alltagstauglichkeit achten.<\/p><p>Auch eine andere gro&szlig;e Reform &ndash; gelegentlich Jahrhundertreform genannt &ndash; die private Riesterrente entt&auml;uscht. Sie sollte f&uuml;r m&ouml;glichst alle die soziale Altersversorgung aufbessern. Aber gerade mal 200.000 Neuabschl&uuml;sse gab es im ersten Halbjahr 2003. Und 300.000 K&uuml;ndigungen. Das ist auch der Grund daf&uuml;r, dass einige Vertreter der Koalition meinen, etwas ganz anderes an die Stelle dieser Reform setzen zu m&uuml;ssen oder sie &ndash; diese private und damit freiwillige Vorsorge &ndash; mit Hilfe einer Versicherungspflicht quasi auf den Kopf zu stellen.<\/p><p>Das ist eines jener vielen Beispiele daf&uuml;r, dass die Entt&auml;uschung &uuml;ber den Misserfolg einer Reform nicht zum Nachdenken sondern zum Nachlegen f&uuml;hrt. Weil die vielgepriesene Erg&auml;nzung der sozialen Altersvorsorge um die private Vorsorge trotz F&ouml;rderung weder als solche ein Erfolg ist noch &uuml;ber die beabsichtigte Stabilisierung der &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; zum erhofften Wirtschaftsaufschwung f&uuml;hrt, soll die Dosis der Droge erh&ouml;ht werden.<\/p><p>Die Senkung der Lohnebenkosten ist im Rahmen der &uuml;bergeordneten Annahme, wir h&auml;tten eine so hohe Arbeitslosigkeit, weil Arbeit bei uns zu teuer ist, einer der Schl&uuml;sselbegriffe der Reformdebatte. Wenn man sie, die Lohnnebenkosten, zu senken erreicht, dann geht es aufw&auml;rts! Dieser Satz ist unter den Eliten der Republik, bei Politik und Wirtschaft, bei Publizistik, Wissenschaft und Bildungsb&uuml;rgertum sehr popul&auml;r. Aber an der Bewertung der Lohnnebenkosten als der entscheidenden Schl&uuml;sselgr&ouml;&szlig;e stimmt fast nichts:<\/p><ul>\n<li>Ob Unternehmen ihre Produktion ausweiten oder sogar investieren, das h&auml;ngt von einem B&uuml;ndel von Daten und Erwartungen ab: vom Umsatz und den Absatzerwartungen, von den Gewinnen und den Gewinnerwartungen, von der Zinsentwicklung, von der Qualit&auml;t der erreichbaren Arbeitnehmer, von der Steuerbelastung, etc. &ndash; und dann auch noch von den Lohnnebenkosten. Das ist ein Faktor unter vielen. Dass dieser eine Faktor nun einvernehmlich von nahezu allen Meinungsf&uuml;hrern zum Kern erkl&auml;rt wird, ist nur noch mit psychologischen Kategorien zu deuten. Ohne Frage w&auml;re es aus strukturellen Gr&uuml;nden sinnvoll, die Lohnnebenkosten zu senken und die bisher &uuml;ber Beitr&auml;ge finanzierten Leistungen verst&auml;rkt &uuml;ber Steuern zu finanzieren. Das w&uuml;rde arbeitsintensive Produktionen entlasten. Aber dies w&uuml;rde an der Gesamtbelastung unserer Volkswirtschaft nichts &auml;ndern und den Durchbruch zur Belebung der Wirtschaft nicht bringen, zumal die notwendigen System&auml;nderungen sehr viel Zeit brauchen.<\/li>\n<li>Die Bedeutung der Lohnkosten und Lohnnebenkosten werden auch quantitativ weit &uuml;bersch&auml;tzt. Ein Beispiel: die Lohnkosten machen in der Motorenmontage des neuen DaimlerChrysler Werkes in K&ouml;lleda gerade 6-8% des Gesamtaufwands aus; wenn den Arbeitgebern durch die Gesundheitskostenreform ein Prozent erspart wird, dann sind dies 0,06-0,08% des Gesamtaufwands, bei einem Betrieb mit h&ouml;herem Lohnkostenanteil sind es 0,3 oder 0,4%. Und daf&uuml;r diese umw&auml;lzende, kr&auml;ftezehrende Debatte? [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/li>\n<li>Auch wenn man dem &ndash; etwas erweiterten &ndash; gel&auml;ufigen Gedanken nachgeht, bei uns seien die Kosten der Arbeit zu hoch und deshalb sei die Arbeitslosigkeit so gro&szlig;, findet man eher Belege f&uuml;r gegens&auml;tzliche Wertungen: Zun&auml;chst und wichtig: Die Exportst&auml;rke der deutschen Volkswirtschaft zeigt, dass wir kein Wettbewerbsproblem haben. Das wird gest&uuml;tzt durch einen Blick auf die Arbeitskosten. Sie, also die realen L&ouml;hne einschlie&szlig;lich der Lohnnebenkosten, sind in den letzten 20 Jahren um 15 Prozentpunkte weniger gestiegen als die Produktivit&auml;t [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]. Die Verteilung der Einkommen hat sich logischerweise in dieser Zeit zugunsten der Arbeitgeber verschoben. &ndash; In den 80er Jahren stiegen die Nettorealverdienste gerade mal um 1,7% &ndash; das ist der aufaddierte Zuwachs von 10 Jahren, in den zehn 90ern fielen sie um 2,7% zur&uuml;ck.<\/li>\n<\/ul><p>Trotz dieser Fakten h&auml;lt sich in Deutschland der Glaube, unser Hauptproblem seien die Arbeitskosten. Wir haben eher das Problem, dass wegen der geringen realen Zuw&auml;chse in den letzten Jahren Binnenkaufkraft fehlte. W&auml;hrend diese Erkenntnis zur Bedeutung einer ausreichenden Binnennachfrage &ndash; die ich hier nicht strapazieren will, sondern als eine von mehreren St&uuml;tzen einer besseren Wachstumsdynamik nenne &ndash; jahrelang verweigert wurde, gibt man heute kleinlaut zu, dass es auch daran fehle. Immerhin. Das Hauptaugenmerk ruht aber weiter auf den Reformen. Dazu bleibt als Fazit anzumerken: <\/p><p>Die Wirkungszusammenh&auml;nge werden nicht n&auml;her erl&auml;utert, sie werden einfach behauptet ohne einigerma&szlig;en plausible Belege. Die deutsche &Ouml;ffentlichkeit rennt so Diagnosen und Therapien hinterher, die h&ouml;chst zweifelhaft sind.<\/p><p><strong>Zweitens: Reformen und Reformdebatte absorbieren und blockieren die Kr&auml;fte von Politik und &Ouml;ffentlichkeit. Diese Themaverfehlung hat Folgen und kann noch schlimmere zeitigen.<\/strong><\/p><p>Die schw&auml;chelnde Konjunktur w&uuml;rde die totale Aufmerksamkeit der Bundesregierung verlangen. Die Verantwortlichen m&uuml;ssten Besch&auml;ftigungsimpulse geben und versuchen, die Stimmung zu verbessern; sie m&uuml;ssten &uuml;ber die St&auml;rken des Standorts Deutschland und unseres Modells reden. Jetzt z.B. angesichts des erlebten Stromausfalls in den USA h&auml;tte der zust&auml;ndige Minister eine gute Gelegenheit, die intakte und sichere Infrastruktur unseres Landes zu preisen. Stattdessen beklagt er im &ldquo;Wirtschaftsbericht 2003&rdquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] von ein bisschen Tribut an die St&auml;rken abgesehen &ndash; vor allem die Schw&auml;chen und k&uuml;ndigt weitere schmerzhafte Reformen f&uuml;r die B&uuml;rger an.<\/p><p>Die Reformdebatte verst&auml;rkt den schlechten Eindruck, der seit Jahren von unserem Land im Ausland verbreitet wird. Statt &uuml;ber das &ldquo;Modell Deutschland&rdquo; und seine nach wie vor sichtbaren St&auml;rken zu reden, beklagen wir zusammen mit unseren Neidern im Ausland die angebliche &ldquo;Deutsche Krankheit&rdquo;. Schon die Wortwahl der herrschenden Debatte macht depressiv &ndash; Reformstau, Stillstandsland, Blockade, Besitzstandswahrer, Reinschneiden, Faulenzer, Generationenkonflikt, &Uuml;beralterung, &Uuml;berb&uuml;rokratisierung. Wer in einem Land mit einer solchen Debatte investieren will, wird zun&auml;chst einmal abgesto&szlig;en. Nur wenn er sich von der herrschenden Meinung nicht beirren l&auml;sst und genau hinschaut, wird er die St&auml;rken entdecken. Der SPIEGEL [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] fragt, warum die japanischen Autohersteller ihre Werke in Gro&szlig;britannien und Frankreich bauten und zitiert die &ldquo;einfache Erkl&auml;rung&rdquo; von Porsche-Chef Wiedeking: &ldquo;Bei uns haben zu viel zu lange den Standort schlechtgeredet.&rdquo;<\/p><p>Hierzulande wird vornehmlich von anderen L&auml;ndern geschw&auml;rmt, von Schweden, D&auml;nemark, den Niederlanden und Gro&szlig;britannien, wenn belegt werden soll, wie erfolgreich Reformen f&uuml;r die Wirtschaft dieser L&auml;nder sind. Der Vergleich wird angestellt, ohne gen&uuml;gend zu w&uuml;rdigen, wie anders die Lage und die Herausforderung in einem Land ist, das wie Deutschland mit den Kosten der Vereinigung von j&auml;hrlich rund 75 Mrd. Euro fertig werden muss.<\/p><p>Auch die USA wurden von den Reformern zum Modell hochstilisiert. Aber um dieses &ldquo;Modell&rdquo; ist es still geworden, nachdem nicht mehr zu verheimlichen ist, dass die USA auf Pump leben und sich j&auml;hrlich mit rund 500 Mrd.$ neu bei anderen V&ouml;lkern verschulden, und dass ihr Erfolg in den 90ern eben nicht vor allem den Reformen sondern einer cleveren und ideologiefreien Geld- und Konjunkturpolitik zuzuschreiben war. Genau aus dieser Erfahrung wollen wir offenbar immer noch nicht lernen. Im &ldquo;Wirtschaftsbericht 2003&rdquo; des Bundesministeriums f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit kommt die mangelnde Binnenkonjunktur als Ursache f&uuml;r die Wachstumsschw&auml;che nicht vor. Da sind es die &ldquo;weltwirtschaftliche Wachstumsschw&auml;che&rdquo; und dann noch &ndash; wie zu erwarten &ndash; die fehlenden Reformen, die &ldquo;verfestigten Strukturen auf unseren Arbeitsm&auml;rkten und in den sozialen Sicherungssystemen&rdquo;. Und es hei&szlig;t, das Jahr 2003 stehe &ldquo;im Zeichen grundlegender Reformen f&uuml;r mehr Wachstum und Besch&auml;ftigung&rdquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>].<\/p><p>Aus der laufenden Reformdebatte und den schon get&auml;tigten Reformen folgt inzwischen eher das Gegenteil. Die praktische Reformpolitik wie die Senkung der Unternehmenssteuern hat zur Auszehrung der Kommunalhaushalte beigetragen und versch&auml;rft damit den Konjunktureinbruch; die laufende Debatte mit immer neuen Reformvorschl&auml;gen verunsichert alle und vor allem die Unternehmer. Wer wei&szlig; heute noch, woran er morgen ist &ndash; mit welchem Krankenkassensystem, mit welchen Rentensystem, mit welchen Steuern und Beitr&auml;gen er und sie rechnen sollen. Es ist alles im Fluss und dies ist nicht gut f&uuml;r wirtschaftliche und pers&ouml;nliche Dispositionen. &ndash; Die zuvor schon skizzierte Erfolglosigkeit der Reformen und der damit und mit der herrschenden Ideologie verbundene Zwang, die Flops durch versch&auml;rftes Sparen auszugleichen, versch&auml;rft die ohnehin gro&szlig;e Gefahr prozyklischer Wirtschaftsentwicklung.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong> Statt die Krise mit aller Macht zu bek&auml;mpfen, richtet sich die deutsche &Ouml;ffentlichkeit auf die Krise ein. Die Verwaltung des Mangels, die bessere Verwaltung und Organisation der Arbeitslosigkeit und die Bew&auml;ltigung der finanziellen Folgen der Wirtschaftskrise durch Sparen, ist das Hauptthema und Ziel der Reformdebatte statt der notwendigen Konzentration der Kr&auml;fte darauf, die Konjunktur anzuschieben, die Stimmung zu verbessern und so die Kapazit&auml;ten auszunutzen und mehr zu schaffen. &ndash; Die Politische Klasse muss das Thema wechseln.<\/p><p><strong>Drittens: Leichtfertiger Umgang mit Sozialtechniken<\/strong><\/p><p>Zu den gro&szlig;en kulturellen Leistungen der Menschheit z&auml;hlen die Regeln und Institutionen, mit denen wir unser Zusammenleben gestalten und erleichtern. Nennen wir den Gesamtkomplex der Einfachheit halber &ldquo;Sozialtechniken&rdquo; oder &ldquo;Social Technique&rdquo;. Gemeint sind damit so unterschiedliche Dinge wie das Ehe- und Familienrecht, die Verst&auml;ndigung darauf, rechts zu fahren, die Verpflichtung zur Haftpflichtversicherung f&uuml;r Pkws, die Einrichtung einer Krankenkasse und die gesetzliche Rentenversicherung, die Schulpflicht und das Kindergeld, die Mehrwertsteuer und die Arbeitslosenversicherung, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die Tarifautonomie. Es ist schon richtig, dass manche Sozialtechniken im Laufe der Zeit dem Wandel unterworfen waren, also ver&auml;ndert, reformiert wurden und werden sollten; es ist aber auch richtig, dass die Mehrheit der Menschen Zeit und M&uuml;he braucht, um sich in den einzelnen Regelungen zurecht zu finden. Wer als 55-j&auml;hriger sein Leben lang in die soziale Rentenkasse eingezahlt hat, der hat M&uuml;he zu entscheiden, ob er z.B. die neue F&ouml;rderrente abschlie&szlig;en soll. Und wer sich auf Schulgeldfreiheit oder die Kassenleistung Zahnersatz eingestellt hat, der tut sich zun&auml;chst schwer, wenn das pl&ouml;tzlich anders wird, weil damit auch Kalkulationen &uuml;ber den Haufen geworfen werden.<\/p><p>Sozialtechniken werden angenommen und funktionieren, wenn ein St&uuml;ck Vertrauen in sie aufgebaut werden kann, wenn sie begriffen und erfahrbar gemacht werden. Daraus folgt, dass man, wenn man als politisch Verantwortlicher verantwortungsvoll handeln will, solche Regeln und Institutionen nicht permanent ver&auml;ndern darf.<\/p><p>Dieser Gedanke l&auml;sst sich &ndash; leider &ndash; an sehr praktischen Beispielen belegen und demonstrieren: Die Bereitschaft, einen Rentenversicherungsbeitrag zu bezahlen und notfalls auch einen h&ouml;heren Beitrag zu bezahlen, wenn die Zahl der Rentner &uuml;berproportional steigt, h&auml;ngt vom Vertrauen in die Sozialtechnik gesetzliche Rentenversicherung ab. Dieses Vertrauen wurde von der Regierung Kohl massiv besch&auml;digt, als sie die Soziallasten der deutschen Vereinigung und des Zuzugs von Aussiedlern den aktiven Beitragszahlern aufb&uuml;rdete. Die Erosion des Vertrauens wurde weiter getrieben durch verantwortungsloses Reden &uuml;ber das Ende des Generationenvertrags und die Behauptung, die Altersvorsorge k&ouml;nne nicht mehr allein durch die soziale Sicherung geleistet werden, sie m&uuml;sse durch eine private Vorsorge erg&auml;nzt werden. Dann hat man die Riesterrente eingef&uuml;hrt. Und jetzt f&uuml;hrt man eine Debatte um die Erg&auml;nzung oder sogar um die Abl&ouml;sung der Riesterrente durch ein neues System, etwa die B&uuml;rgerversicherung oder ein Altersvorsorgekonto.<\/p><p>Selbst wenn man wie der Autor die Erosion des Vertrauens in die gesetzliche Rentenversicherung und die Einf&uuml;hrung der Riesterrente f&uuml;r einen Fehler h&auml;lt, muss man jetzt aus sachlichen Gr&uuml;nden davor warnen, diese neue Sozialtechnik Riesterente wieder der Erosion des Vertrauens preiszugeben, wie das heute geschieht. Die betroffenen Menschen, wie auch die Tr&auml;ger der privaten Vorsorge Riesterrente, also die Versicherungskonzerne und ihre Vertriebsagenturen, m&uuml;ssen sich auf die neuen Regelungen einstellen k&ouml;nnen. Man kann ihnen nicht zumuten, dass &uuml;bermorgen dies schon alles nicht mehr gilt. Solche Regelungen m&uuml;ssen auf l&auml;ngere Frist angelegt sein.<\/p><p>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Krankenkostenreform. Man kann doch z.B. von den &Auml;rzten und ihren MitarbeiterInnen nicht erwarten, dass sie sich engagiert auf die schwierige Aufgabe einstellen, von ihren Patienten pro Quartal 10,&ndash; Euro zu kassieren, wenn man im n&auml;chsten Satz schon die n&auml;chste Reform ank&uuml;ndigt.<\/p><p>Die Vorstellung von der &ldquo;permanenten Reform&rdquo; zeugt von einem grotesken Verst&auml;ndnis von der Funktionsweise und der Kompliziertheit von Social Technique. &ndash; Die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in gemeinsame Regeln und Einrichtungen ist zudem eine Art Kulturrevolution. Man bewegt sich, man wei&szlig; nicht wohin und wo man am Ende landen wird. Das ist unserer guten kulturellen Tradition nicht angemessen und &uuml;berfordert die meisten Menschen.<\/p><p><strong>Viertens: Ideologisierung statt Optimierung<\/strong><\/p><p>Wenn man die Welt der heute in Deutschland geltenden Sozialtechniken, also die Welt der gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Regelungen und Institutionen ohne Vorurteile betrachtet und bewertet, wenn man so fragt, welche &Auml;nderungen sinnvoll seien und welche Richtung sie haben sollten, dann kann man eigentlich nur auf das Prinzip der Optimierung verfallen und pragmatisch dar&uuml;ber nachdenken: Braucht man mehr soziale Regelungen und Sicherungen oder mehr Eigenvorsorge? Braucht man mehr Staat oder mehr Privatisierung? &ndash; Das sind Fragen nach der optimalen L&ouml;sung und keine ideologisch zu kl&auml;renden Fragen. So war das &uuml;ber Jahrzehnte. Heute ist das anders. Heute gelten Privatisierung, Deregulierung, Entstaatlichung als modern. Wir denken in Einbahnstra&szlig;en. Es wird dabei &uuml;bersehen, dass es sogar in der heute gel&auml;ufigen Debatte Forderungen gibt, die dieser Einbahnstra&szlig;en-Ideologie widersprechen. Ganztagsschulen, Kinderhorte und andere diskutierte Regeln und Einrichtungen, die vor allem den Frauen die M&ouml;glichkeit geben sollen, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren, verlangen mehr gesellschaftliches Engagement und Verantwortung, auch mehr Staat. Auch die nach dem Zusammenbruch der Aktienm&auml;rkte geforderte bessere Kontrolle zur Verh&uuml;tung von T&auml;uschung und Bilanzf&auml;lschung verlangen mehr Regulierung statt Deregulierung. Die negativen Privatisierungsfolgen in den USA und Gro&szlig;britannien w&uuml;rden ebenfalls zwingen, die Ideologie zu &uuml;berdenken. Vielleicht brauchen wir da und dort mehr Sozialstaat als weniger. &ndash; Gerade die h&auml;ufig geforderte h&ouml;here Flexibilit&auml;t der Arbeitnehmer w&uuml;rde eigentlich verlangen, sie unabh&auml;ngig von Wohnort und Arbeitsst&auml;tte zu versichern und spr&auml;che deshalb z.B. gegen den Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Aber diese Debatte um &Ouml;ffentlich und Privat kann man in Deutschland nicht mehr gelassen und emotionslos f&uuml;hren. Die Reformdebatte ist &uuml;ber weite Strecken von einer Staatsfeindlichkeit gepr&auml;gt, die bedenkliche, fast schon verfassungsfeindliche Konturen hat.<\/p><p><strong>F&uuml;nftens: Die Reformdebatte ist durchsetzt von Vor- und Fehlurteilen, von Denkfehlern und &Uuml;bertreibungen.<\/strong><\/p><p>Diese Kritik ist hart. Es wird mit Recht sofort die Frage gestellt, warum eine Debatte nicht versandet, wenn sie voller Denkfehler und Fehlurteile w&auml;re. Diese Frage zu stellen ist in der Tat richtig und nahe liegend. Die Antwort ist ebenso nahe liegend: Die Modernisierer, die die herrschende Debatte im wesentlichen bestreiten, sind wie eine verschworene Gemeinschaft. Sie sagen das gleiche oder ganz &auml;hnliches, sie best&auml;tigen sich gegenseitig, sie nutzen das Wechselspiel von Politik, Medien und Wissenschaft und sie k&ouml;nnen darauf setzen, dass es in Deutschland immer weniger kritische Stimmen und auch eine immer weniger kritische Wissenschaft gibt und dass in den Medien die Neigung vorherrscht, nicht aus der Reihe zu tanzen. Typisch f&uuml;r die Einf&uuml;hrung der g&auml;ngigen Stereotypen ist der Gebrauch von Formeln wie &ldquo;es ist doch unbestritten&rdquo;, &ldquo;wie wir alle wissen&rdquo;, &ldquo;es ist doch klar, dass &hellip;&rdquo; etc.<\/p><p>Schon bei der Analyse der Gr&uuml;nde, die angeblich f&uuml;r die empfohlenen Reformen sprechen, kann man eine seltsame Gleichrichtung feststellen: Die Globalisierung ist ganz neu, die Individualisierung auch, das demografische Problem bedr&uuml;ckend, das Ende des Normal-Arbeitsverh&auml;ltnisses absehbar und Vollbesch&auml;ftigung nicht mehr herstellbar.<\/p><p>Da wird einfach &uuml;bergangen, dass es bei der Globalisierung keinen qualitativen Bruch gab. Deutschland war immer schon verflochten mit den Weltm&auml;rkten, auch Kapitalaustausch gab es und Wanderarbeiterbewegungen Millionen von Gastarbeitern. &ndash; Die Tendenz zu eher flexiblen untypischen Arbeitsverh&auml;ltnissen ist keine unumkehrbare Tendenz sondern vor allem die Folge einer schwachen Konjunktur und der daraus folgenden geringen Marktmacht der Arbeitnehmerseite. Richtig rechnende Unternehmer wissen &uuml;brigens, wie viel die &ldquo;Treue&rdquo; von festangestellten Arbeitnehmern wert ist.<\/p><p>Die Vorstellung, es sei alles neu, &uuml;berall gebe es Br&uuml;che und wir st&auml;nden vor v&ouml;llig neuen Herausforderungen ist eine Mode aber nicht eine sachliche Beobachtung der historischen Abl&auml;ufe. Man kann das auch am Thema Individualisierung beschreiben. Es wird heute so getan, als sei Individualisierung etwas markant Neues. &ndash; Die Gegenthese w&uuml;rde lauten: Die Menschen sind durch das Fernsehen in einer Weise gleichgeschaltet, dass man sehr stark von kollektiven Bed&uuml;rfnissen und auch in einer gewissen Weise von kollektiver Verbl&ouml;dung sprechen kann. Jedenfalls kann man keine revolution&auml;re Tendenz zur Individualisierung fest machen, die zur Revolution der Sozialtechniken zwingen m&uuml;sste. Eher waren die 1960er und 70er von Individualisierung gepr&auml;gt. Den Gegenbeleg m&ouml;chte ich sehen.<\/p><p>Wir lebten in einer Wissensgesellschaft wird behauptet. Was ist das eigentlich? Dieses gedankenlose Gerede ist grotesk. Zwar bringt der Zugang zum Internet die M&ouml;glichkeit, viel zu wissen, aber wir haben, wie wir beobachten, gleichzeitig einen Niedergang des Interesses z.B. an gesellschaftlichen und politischen Fragen. Fachleute der Werbe- und PR-Industrie beobachten einen Verfall an Qualit&auml;t des Denkens und Mitdenkens. Die Boulevardisierung schreitet voran.<\/p><p>Demografische Ver&auml;nderungen gab es in Deutschland immer schon. 1950 lag der Anteil unter 20-J&auml;hrigen bei 30,5%, 1995 waren es nur noch 21,6%. Es hat also in dieser Zeit eine erhebliche Alterung der Gesellschaft stattgefunden. Die heutige Entwicklung ist nichts au&szlig;ergew&ouml;hnliches. Sie ist beachtlich, man muss sich darauf einrichten. Aber sie ist nicht dramatisch: Wenn wir etwas daf&uuml;r tun, die Arbeitsproduktivit&auml;t pro Jahr um nur 1,5% anzuheben &ndash; was selbst Pessimisten unter den Fachleuten f&uuml;r realistisch halten, dann k&ouml;nnen in den weiteren Jahrzehnten alle Gruppen &ndash; die Alten, die Arbeitenden und die Kinder Zuw&auml;chse ihres Wohlstands erreichen. Es kann also gar keine Rede davon sein, dass die arbeitende und die junge Generation unter der Last der Alten leiden m&uuml;sse.<\/p><p>Auch die Debatte &uuml;ber die Therapien, also &uuml;ber die Reformvorschl&auml;ge, ist voller seltsamer Denkfehler und Vorurteile. Zwei Beispiele: <\/p><ul>\n<li>Das sog. demografische Problem, also die Verschiebung der Relation von arbeitender Generation zur Rentnergeneration zugunsten der Rentner kann durch eine &Auml;nderung des Finanzierungssystems nicht gel&ouml;st werden. Die Erg&auml;nzung der sozialen Rentenversicherung durch die private Vorsorge &uuml;ber die Riesterrente oder andere Modelle, sogar &uuml;ber eine B&uuml;rgerversicherung, &auml;ndert an der Relation von arbeitender Generation zur Rentnergeneration nichts, gar nichts.<\/li>\n<li>Die Vorstellung, die Ausgliederung des Krankengeldes und des Zahnersatzes aus der gesetzlichen Krankenversicherung mindere die Last unserer Volkswirtschaft, ist falsch. Die Ausgegliederten m&uuml;ssen sich privat versichern; es ist logisch, dass sie zu ihrem Arbeitgeber gehen und ihn um eine Gehaltserh&ouml;hung bitten. Wenn sie das nicht durchsetzen, dann ist die Ausgliederung gleichbedeutend mit einer Lohnsenkung. Ob wir das in der jetzigen Konjunkturschw&auml;che wirklich wollen sollen, ist h&ouml;chst zweifelhaft.<\/li>\n<\/ul><p>Die Reformdebatte wird erst dann wieder vern&uuml;nftig, wenn wir sie von &Uuml;bertreibungen und Unsachlichkeiten und der F&uuml;lle von Denkfehlern befreit haben.<\/p><p><strong>Eine erstaunliche Debatte &ndash; Wie ist das m&ouml;glich?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst ist festzuhalten, dass es Zeitgenossen gibt, die an Reformen bis hin zum Systemwechsel Interesse haben &ndash; aus weltanschaulichen und finanziellen Gr&uuml;nden. Von der Abschaffung der Verm&ouml;gensteuer profitieren die besonders Beg&uuml;terten, von der Privatisierung der Altersvorsorge die Versicherungskonzerne, von der weiteren Privatisierung der Gesundheitsvorsorge die Privatkrankenkassen, was man schon an den vielen ganzseitigen Anzeigen sehen kann, die in den letzten Monaten in unseren Zeitungen erschienen, usw. usf. Einigen passt die sozialstaatliche Pr&auml;gung unseres Landes schon lange nicht. Ihnen allen kommt die jetzige Debatte zupass, sie nutzen und bef&ouml;rdern sie. Und sie sind m&auml;chtig und einflussreich.<\/p><p>Aber dies erkl&auml;rt noch nicht den aktuellen Triumph des Themas. Der Erfolg war und ist nur m&ouml;glich, weil die kritische Substanz in der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung unseres Landes ziemlich verloren gegangen ist. Viele Medien sind zwangsl&auml;ufig, wenn man so will, in Public-Relations-Kampagnen eingebaut. Auch daf&uuml;r ist die Altersvorsorge wieder ein gutes Beispiel. Sie erhalten Anzeigen der Versicherungswirtschaft, sie werden mit Artikeln und Analysen bedient, einzelne Publizisten lassen sich direkt einbauen. Diese Tendenz wird dadurch verst&auml;rkt, dass die Medienwelt in Deutschland, wie weltweit, immer mehr kommerzialisiert wird, publizistische Ambitionen und Ethik immer mehr verschwinden und daf&uuml;r die Murdochs und die Berlusconis, die Bauers und Springers an Einfluss gewinnen. 40% aller Artikel und Fernsehsendungen in den USA sind PR-Produkte und keine eigenst&auml;ndigen Produkte der Redaktionen. Bei uns ist es noch nicht so weit, aber im Werden.<\/p><p>Der Prozess wird gef&ouml;rdert durch einen Verlust an kritischer Substanz bei Politikern, Wissenschaftlern und B&uuml;rgern. Man kann es ihnen fast nicht verdenken: Wissenschaftler sind heute hochgradig von Drittmitteln abh&auml;ngig. Das ist ein neutraler Begriff, der verdeckt, dass dahinter handfeste Interessen stecken k&ouml;nnen. Politiker und B&uuml;rgerinnen\/B&uuml;rger sind auch nur Teil dieser Wissenschafts- und Medienwelt. Es ist als B&uuml;rger nicht leicht, sich in einer Welt kommerzialisierter Medien ein korrektes aufgekl&auml;rtes Bild zu machen. Wenn ein Medium f&uuml;nfmal schreibt, die Sozialversicherung sei angesichts der ins Haus stehenden &Uuml;beralterung nicht mehr ausreichend und nicht zu halten, dann bleibt kaum ein anderer Weg, als diese Botschaft zu glauben. Und wenn Wissenschaft und Publizistik wie vor drei Jahren behaupten, wir h&auml;tten kein Konjunkturproblem sondern vor allem ein Strukturproblem, wie sollen sich dann normale B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die ihre Alltagsarbeit leisten, ein anderes Urteil bilden. Das ist schwierig, wenn auch n&ouml;tig.<\/p><p>Und die Politik? Es erfordert wirklich gro&szlig;en Mut, gegen den Strom der &ouml;ffentlichen Meinung anzugehen, unser Hauptproblem sei der Reformstau und die Hauptnotwendigkeit die Reform der sozialen Sicherungssysteme. Sich unter diesen Umst&auml;nden dem wirklichen Hauptproblem, der Ankurbelung einer danieder liegenden Wirtschaft zu widmen, ist fast schon zuviel verlangt. Fast.<\/p><p><em>&copy; bpb<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Der Begriff Reformen wird in diesem Beitrag ohne An- und Abf&uuml;hrung in der heute gebr&auml;uchlichen Bedeutung gebraucht, auch wenn der Autor diesen Gebrauch f&uuml;r einen Missbrauch h&auml;lt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] DER SPIEGEL 37\/2003<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Heiner Flassbeck, Lohnnebenkosten und andere Konfusionen, in WuM, Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin, Februar 2003<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Wirtschaftsbericht 2003, Juli 2003, Vorwort des Bundesministers f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] DER SPIEGEL 37\/2003<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Wirtschaftsbericht 2003, vgl. Anmerkung 4<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Am Beispiel der Rentenversicherung und der Tendenz zur Privatvorsorge kann man demonstrieren, dass bei uns nicht n&uuml;chtern rechnend an die Optimierung der Sozialtechniken heran gegangen wird. Wenn man die soziale Alterssicherung nicht mit versicherungsfremden Leistungen belastet und so das Vertrauen zerst&ouml;rt h&auml;tte, dann w&auml;re eine leichte Reform dieser Sozialtechnik vermutlich das Vern&uuml;nftigste und Kosteng&uuml;nstigste gewesen. Schon der Vergleich der Verwaltungs- und Vertriebskosten von Umlageverfahren einerseits und Kapitaldeckungsverfahren andererseits &ndash; sie liegen beim privat finanzierten Kapitaldeckungsverfahren drei bis viermal h&ouml;her als beim Umlageverfahren &ndash; spricht f&uuml;r das traditionelle System.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber die unreflektierte Modernisierungs- und Reformdiskussion in Deutschland. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, aus <em>Politik und Zeitgeschichte<\/em> Nr. 51\/15. Dezember 2003, Beilage zum Parlament, Herausgeber: Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung (bpb)<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,39,14,30],"tags":[300,312,410,479,325,291],"class_list":["post-88","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-rente","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-mueller-albrecht","tag-reformpolitik","tag-reformstau","tag-reservearmee","tag-staatsschulden","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":123080,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions\/123080"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}