{"id":88010,"date":"2022-09-13T15:00:29","date_gmt":"2022-09-13T13:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88010"},"modified":"2022-09-13T15:33:44","modified_gmt":"2022-09-13T13:33:44","slug":"russische-stimmen-zum-rueckzug-aus-dem-gebiet-charkow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88010","title":{"rendered":"Russische Stimmen zum R\u00fcckzug aus dem Gebiet Charkow"},"content":{"rendered":"<p>Das patriotische Russland ist geschockt. Die Armee, welche Napoleon und Hitler besiegte, musste sich im ukrainischen Gebiet Charkow wegen einer erfolgreichen ukrainischen Offensive fast bis an die Grenze Russlands zur&uuml;ckziehen. Die von Russland lange geplante Umzingelung der Stadt Slawjansk, die 2014 als eine der ersten St&auml;dte in der S&uuml;dost-Ukraine von Separatisten kontrolliert wurde und deswegen einen hohen Symbolwert hat, ist hinf&auml;llig: Durch den Verlust der Fl&auml;chen im Gebiet Charkow ist eine Zangenbewegung von Norden und S&uuml;den zur Einschlie&szlig;ung von Slawjansk nicht mehr m&ouml;glich. Die russische Milit&auml;rf&uuml;hrung schweigt zu der Niederlage und nennt den Abzug &bdquo;Umgruppierung&ldquo;. In russischen Blogs &auml;u&szlig;ern Viele ihre Entt&auml;uschung &uuml;ber die undurchsichtige Taktik der russischen Milit&auml;rf&uuml;hrung. Igor Strelkow, der 2014 Verteidigungsminister der Volksrepublik Donezk war und 2014 eine Schl&uuml;sselrolle bei den K&auml;mpfen um Slawjansk spielte, witzelt in seinen Youtube-Videos &uuml;ber die Unentschlossenheit des russischen Generalstabs. Strelkow fordert seit Wochen eine Generalmobilmachung in Russland. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie russische Armee hatte bis Sonntag die im ukrainischen Gebiet Charkow liegenden St&auml;dte Balaklaj, Isjum und Kupjansk verlassen und sich in die N&auml;he der russischen Grenze zur&uuml;ckgezogen. <\/p><p>&bdquo;Es war die bisher schwerste Etappe der Spezialoperation.&ldquo; Mit diesen n&uuml;chternen Worten beschrieb der russische Kriegsreporter Jefgeni Poddubnij, der f&uuml;r den russischen Fernsehkanal Rossija 24 berichtet, den zweiten R&uuml;ckzug der russischen Armee in der Ukraine seit Ende Februar. Ende M&auml;rz hatte sich die russische Armee bereits von Kiew zur&uuml;ckgezogen. Auch damals sprach der russische Generalstab von &bdquo;Umgruppierung&ldquo;.<\/p><p>W&auml;hrend die deutschen Medien am Sonntag mit Live-Schaltungen und gro&szlig;en Schlagzeilen &uuml;ber den Erfolg der ukrainischen Armee berichteten, waren die Berichte &uuml;ber den R&uuml;ckzug in russischen Medien rar und fast versteckt. &bdquo;Moskowski Komsomolez&ldquo; und &bdquo;Nesawisimaja Gaseta&ldquo; w&auml;hlten neutrale &Uuml;berschriften und der &bdquo;Kommersant&ldquo; berichtete &uuml;berhaupt nicht &uuml;ber den russischen R&uuml;ckzug aus dem Gebiet Charkow.<\/p><p><strong>Schock &hellip;<\/strong><\/p><p>F&uuml;r viele russische Patrioten waren die Nachrichten aus dem Gebiet Charkow, die in den letzten Tagen vor allem in den sozialen Medien bekannt wurden, ein Schock. Gab es im russischen Internet nicht zuhauf Berichte, dass Selenski nicht der Feldherr sei, f&uuml;r den er sich h&auml;lt, sondern ein &bdquo;Narkoman&ldquo;, ein Drogenabh&auml;ngiger eben. Und nun das. <\/p><p>Der russische Starmoderator Dmitri Kiseljow, der jeden Sonntagabend den Wochen&uuml;berblick moderiert, gestand immerhin ein, dass in den von russischen Truppen ger&auml;umten St&auml;dten im Gebiet Charkow nun die Jagd auf &bdquo;Kollaborateure Moskaus&ldquo; beginnt. &bdquo;Das ist bitter,&ldquo; sagte der Moderator und dr&uuml;ckte damit das aus, was viele Russen jetzt besch&auml;ftigt: dass Russland die eigenen Leute in der Ukraine im Stich gelassen hat. <\/p><p><strong>&hellip; und Scham<\/strong><\/p><p>Eine Russin sagte mir gegen&uuml;ber, sie erinnere das, was im Gebiet Charkow passiert ist, an den Abzug der Amerikaner aus Kabul. Sie sch&auml;me sich f&uuml;r Russland. <\/p><p>Nicht nur diejenigen, die in der neuaufgebauten Verwaltung der von Russland kontrollierten Gebiete mitwirkten, sondern auch diejenigen, die humanit&auml;re Hilfe von Russland annahmen, gelten aus Kiewer Sicht als Feinde. Sie erwarten Verh&ouml;re, Haft, Folter und m&ouml;glicherweise auch der Tod. <\/p><p>Der russische Kriegsreporter Jefgeni Poddubnij bringt die Erwartungshaltung vieler Russen auf den Punkt. Im Schlusswort seiner Reportage sagt er, &bdquo;Kiew und die Staaten der Nato haben ihren Zug gemacht. Jetzt sind unsere Milit&auml;r-F&uuml;hrer an der Reihe&ldquo; (einen Zug zu machen).  <\/p><p>Doch der russische Generalstab schwieg am Sonntag und auch am Montag. Man teilte nur mit, dass die russischen Truppen im Gebiet Charkow &bdquo;umgruppiert&ldquo; werden. Sie w&uuml;rden jetzt Richtung Donbass in Bewegung gesetzt, um bei der Befreiung des Gebietes Donezk zu unterst&uuml;tzen. <\/p><p><strong>Ramsan Kadyrow k&uuml;ndigt R&uuml;ckeroberung an<\/strong><\/p><p>Die russische Tageszeitung &bdquo;Moskowski Komsomolez&ldquo; versuchte, Optimismus zu verbreiten. <a href=\"https:\/\/www.mk.ru\/politics\/2022\/09\/11\/stalo-izvestno-v-kakom-napravlenii-vsu-popytaetsya-nanesti-udar.html\">Sie zitierte<\/a> am Montag das Oberhaupt der Kaukasusrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow. Dieser erkl&auml;rt gegen&uuml;ber dem Blatt, das russische Verteidigungsministerium habe &bdquo;Fehler gemacht. Ich denke, sie ziehen daraus Schl&uuml;sse.&ldquo; Die verlorenen St&auml;dte im Gebiet Charkow werden man &bdquo;zur&uuml;ckerobern&ldquo;. Im Gebiet Charkow bef&auml;nden sich schon tschetschenische K&auml;mpfer, die f&uuml;r die R&uuml;ckeroberung speziell ausger&uuml;stet seien. &bdquo;Und weitere 10.000 K&auml;mpfer sind bereit f&uuml;r den Einsatz. In naher Zukunft gehen wir bis nach Odessa.&ldquo;<\/p><p>Die Worte von Kadyrow h&ouml;ren sich an nach Kraftmeierei. Doch in Mariupol hatten tschetschenische Einheiten entscheidenden Anteil bei der Eroberung der Stadt. <\/p><p>Kadyrow erkl&auml;rte, die schwierige Situation im Gebiet Charkow sei vom ukrainischen <a href=\"https:\/\/t.me\/s\/ukr_psyop\">&bdquo;Zentrum f&uuml;r informations-psychologische Operationen&ldquo;<\/a> mit Falschmeldungen angeheizt worden. Das Zentrum habe Falschmeldungen &uuml;ber die Aufgabe von Orten durch die russische Armee, den R&uuml;cktritt von pro-russischen Amtstr&auml;gern und die Eroberung des Flughafens von Donezk durch ukrainische Truppen verbreitet.<\/p><p><strong>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r den Erfolg der ukrainischen Truppen<\/strong><\/p><p>Die vermutlich fundierteste Analyse der russischen Niederlage kommt vom <a href=\"https:\/\/rutube.ru\/video\/bc781a01688b9f908896a36d22da9c1d\/\">russischen Milit&auml;rexperten Juri Podoljaka<\/a>. Nach Meinung des Experten gelang den ukrainischen Truppen die Eroberung des Charkow-Gebietes, weil sie mit schwerer Artillerie einen Gro&szlig;angriff bei der Stadt Charkow vorget&auml;uscht und danach in den s&uuml;dlich der Stadt gelegenen Gebieten mit relativ leicht bewaffneten Einheiten in Hummer-Fahrzeugen gro&szlig;e Fl&auml;chen eroberten. <\/p><p>Man m&uuml;sse eingestehen, so Podoljaka, dass die Kommunikation zwischen der Artillerie und der Infanterie auf ukrainischer Seite &bdquo;nur Minuten&ldquo; brauche, w&auml;hrend auf russischer Seite &bdquo;30 bis 40 Minuten&ldquo; die Regel seien. In dieser Zeit seien die leicht bewaffneten Einheiten der Ukrainer schon 50 Kilometer vorger&uuml;ckt, so dass die Schl&auml;ge der russischen Artillerie ins Leere gingen. <\/p><p>Ein weiterer Grund f&uuml;r den Erfolg der ukrainischen Truppen sei &ndash; so Podoljaka &ndash; die Tatsache, dass die Kiewer Truppen &ndash; zwischen 10.000 und 30.000 Mann &ndash; monatelang von westlichen Beratern geschult und w&auml;hrend des Kampfes mit real-time-Aufkl&auml;rungsdaten der Nato versorgt wurden. <\/p><p><strong>Russischer Angriff auf Strom-Kraftwerke<\/strong><\/p><p>Die F&uuml;hrung der russischen Armee blieb angesichts des Erfolges der ukrainischen Truppen im Gebiet Charkow wortkarg, reagierte aber milit&auml;risch. Am Sonntagabend schoss die russische Marine vom Kaspischen Meer aus Raketen auf stromerzeugende Kraftwerke in den Gebieten Charkow und Krementschuk ab. Das Kraftwerk bei Charkow geriet in Brand. <\/p><p>Offenbar in Folge der Angriffe mit Kaliber-Raketen und dem Herunterfahren des letzten noch arbeitenden Reaktors im Atomkraftwerk Saparoschje fiel am Sonntagabend dann in f&uuml;nf s&uuml;dostukrainischen Regionen der Strom ganz oder teilweise aus, berichteten russische Medien. <\/p><p>Die russische <a href=\"https:\/\/vz.ru\/world\/2022\/9\/12\/1177115.html\">Internetzeitung Vsglyad<\/a> erinnerte daran, dass die ukrainische Armee seit acht Jahren gezielt Infrastruktur-Objekte in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk beschie&szlig;t. Seit dem 1. September w&uuml;rde zudem das Atomkraftwerk Saparoschje und die nahegelegene Stadt Energodar von der ukrainischen Artillerie beschossen. Au&szlig;erdem seien als Folge ukrainischen Beschusses drei Bergwerkssch&auml;chte in der &bdquo;Volksrepublik&rdquo; Donezk ohne Strom gewesen, weshalb zahlreiche Bergarbeiter unter Tage eingeschlossen waren. Am 10. September wurden zudem in der Stadt Donezk zehn Umspann-Stationen besch&auml;digt, wodurch 1.600 zivile Objekte ohne Elektrizit&auml;t waren. <\/p><p>Titelbild: Alexey Smyshlyaev \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das patriotische Russland ist geschockt. Die Armee, welche Napoleon und Hitler besiegte, musste sich im ukrainischen Gebiet Charkow wegen einer erfolgreichen ukrainischen Offensive fast bis an die Grenze Russlands zur&uuml;ckziehen. 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