{"id":88026,"date":"2022-09-14T09:00:21","date_gmt":"2022-09-14T07:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88026"},"modified":"2022-09-19T07:47:56","modified_gmt":"2022-09-19T05:47:56","slug":"leitzinserhoehung-zur-inflationsbekaempfung-was-fuer-eine-schnapsidee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88026","title":{"rendered":"Leitzinserh\u00f6hung zur Inflationsbek\u00e4mpfung? Was f\u00fcr eine Schnapsidee"},"content":{"rendered":"<p>Die EZB hat in der letzten Woche den Leitzins von 0,5 auf 1,25 Prozent <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/ezb-wagt-die-groesste-zinserhoehung-seit-einfuehrung-des-euro-bargeldes-18298967.html\">erh&ouml;ht<\/a>. &bdquo;Historisch&ldquo; sei die Erh&ouml;hung um 0,75 Prozentpunkte, aber noch lange nicht genug &ndash; das meinen zumindest die meisten Finanzjournalisten und einige gern zitierte &Ouml;konomen. Das ist erstaunlich. Dass eine Zentralbank zu Beginn einer schweren Rezession &uuml;ber den Leitzins ausgerechnet Kredite verteuert, wird die Konjunktur noch weiter schw&auml;chen. Aber es geht ja angeblich um die Bek&auml;mpfung der Inflation. Hier wird es jedoch konfus. Offenbar haben viele Meinungsmacher immer noch nicht verstanden, wie Inflation entsteht und was die Ursachen f&uuml;r die momentanen Preissteigerungen sind. Eine Leitzinserh&ouml;hung wird darauf n&auml;mlich keinen nennenswerten Einfluss haben. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4330\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-88026-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220914_Leitzinserhoehung_zur_Inflationsbekaempfung_Was_fuer_eine_Schnapsidee_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220914_Leitzinserhoehung_zur_Inflationsbekaempfung_Was_fuer_eine_Schnapsidee_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220914_Leitzinserhoehung_zur_Inflationsbekaempfung_Was_fuer_eine_Schnapsidee_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220914_Leitzinserhoehung_zur_Inflationsbekaempfung_Was_fuer_eine_Schnapsidee_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=88026-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220914_Leitzinserhoehung_zur_Inflationsbekaempfung_Was_fuer_eine_Schnapsidee_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220914_Leitzinserhoehung_zur_Inflationsbekaempfung_Was_fuer_eine_Schnapsidee_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Es ist nicht einfach, die Zusammenh&auml;nge rund um Leitzinsen, Geldmenge und Inflation so zu erkl&auml;ren, dass sie auch f&uuml;r Nicht-&Ouml;konomen verst&auml;ndlich sind. Da ein Fachartikel, den nur einige wenige Leser verstehen, gegen das Selbstverst&auml;ndnis der NachDenkSeiten spricht, von m&ouml;glichst vielen Lesern verstanden zu werden, hole ich in diesem Artikel etwas weiter aus und versuche mein Bestes, allgemeinverst&auml;ndlich zu argumentieren. Haben Sie also bitte Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass ich nicht alle Randaspekte beleuchte und Fachbegriffe vereinfacht benutze.<\/em><\/p><p><strong>Die Irrlehre des Monetarismus<\/strong><\/p><p>Um die unterschiedlichen Sichtweisen zu verstehen, ist es hilfreich, sich zun&auml;chst einmal zu vergegenw&auml;rtigen, wie Zentralbanker und diejenigen Finanzjournalisten eigentlich ticken, die nun Leitzinserh&ouml;hungen fordern. Zwei &Ouml;konomen, drei Meinungen &ndash; so k&ouml;nnte man auch die theoretische Diskussion &uuml;ber die Entstehung von Inflation zusammenfassen. Eng verwandt mit dem &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; ist die &ouml;konomische Schule der sogenannten Monetaristen. Der Monetarismus wurde in den 1960ern als eine Art liberale Antwort auf die Lehren von John Maynard Keynes entworfen und geht dabei direkt auf den neoliberalen Vordenker Milton Friedman zur&uuml;ck. Kernst&uuml;ck der monetaristischen Lehre ist, dass die Geldmenge monokausal den Geldwert bestimmt. Noch heute h&ouml;rt man oft, dass Geldmenge und G&uuml;termenge sich in einer idealen Volkswirtschaft stets gleichf&ouml;rmig entwickeln sollten. Steigt die Geldmenge st&auml;rker als die G&uuml;termenge, w&uuml;rden Angebot und Nachfrage auseinanderklaffen und die Preise steigen. <\/p><p>Nach Ansicht der Monetaristen kann demnach die Notenbank direkt &uuml;ber die Geldmengenpolitik auch den Geldwert &bdquo;steuern&ldquo;. L&auml;sst sie beispielsweise die Leitzinsen steigen &ndash; so die Lehre &ndash; wird weniger Geld nachgefragt, die Geldmenge sinkt, und damit sinkt auch die Inflation. Umgekehrt soll eine Senkung des Leitzinses zu einer st&auml;rkeren Nachfrage nach Krediten f&uuml;hren, Geld wird &bdquo;gesch&ouml;pft&ldquo;, die Geldmenge &ndash; und damit auch die Inflation &ndash; steigen. Weltweit war es &uuml;brigens die deutsche Bundesbank, die 1974 als erste Zentralbank &uuml;berhaupt eine aktive Preisstabilit&auml;tspolitik mittels Geldmengensteuerung <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/key\/date\/2003\/html\/sp030506.de.html\">einf&uuml;hrte<\/a>. <\/p><blockquote><p>\nVon jetzt an war eine eigenst&auml;ndige Geldpolitik der Bundesbank m&ouml;glich, und dazu waren neue theoretische Konzepte gefordert. Diese praktische Herausforderung traf mit der durch die Arbeiten Milton Friedmans ausgel&ouml;sten &bdquo;monetaristischen Revolution&rdquo; zusammen. Als erste Notenbank der Welt k&uuml;ndete die Bundesbank am 5. Dezember 1974 ein Geldmengenziel f&uuml;r das folgende Jahr an.<br>\nAus &ldquo;Die Jahresgutachten des Sachverst&auml;ndigenrates im Spiegel der Politik&ldquo;, Ottmar Issing, 2003\n<\/p><\/blockquote><p>W&auml;hrend die Chicago Boys Milton Friedmans neoliberale Lehren in Pinochets Chile umsetzten, wurden Friedmans geldpolitische Lehren also zeitgleich ausgerechnet in der Bundesrepublik Deutschland erstmalig eingef&uuml;hrt. Bis heute gilt die Bundesbank als &bdquo;Hort&ldquo; der Monetaristen und es gibt wohl kein Land, in dem die &ouml;konomischen Fakult&auml;ten der Universit&auml;ten so sehr in der Hand der Monetaristen sind, wie Deutschland. Wen wundert es also, dass auch sehr viele Finanzjournalisten, die an eben jenen Universit&auml;ten studiert haben, monetaristische Positionen vertreten?  <\/p><p>Der Monetarismus hat jedoch einen gro&szlig;en &bdquo;Sch&ouml;nheitsfehler&ldquo;. Seine Kernaussage ist empirisch schlichtweg nicht g&uuml;ltig und war es auch noch nie. Eigentlich sollten die Unterschiede zwischen der gemessenen Geldmenge und den beobachteten Preissteigerungen in den letzten Jahrzehnten die Monetaristen verstummen lassen. In den USA wuchs beispielsweise die Geldmenge M3 zwischen dem Jahr 1997 und der Finanzkrise 2008 um durchschnittlich 9,1% pro Jahr, w&auml;hrend der Konsumentenpreisindex CPI lediglich durchschnittlich um 2,7% j&auml;hrlich stieg. Die gleiche Entwicklung war auch leicht zeitversetzt in der Eurozone zu beobachten. Dort stieg die Geldmenge M3 zwischen 2001 und dem Beginn der Finanzkrise im Sp&auml;tsommer 2008 um durchschnittlich 8,2% pro Jahr, w&auml;hrend die Verbraucherpreise im gleichen Zeitraum nur jeweils um 2,3% stiegen. Nach der Finanzkrise sah die Entwicklung in beiden gro&szlig;en W&auml;hrungsr&auml;umen, wenn auch auf niedrigerem Niveau &ndash; &auml;hnlich aus. W&auml;hrend die Geldmenge in den beiden gr&ouml;&szlig;ten W&auml;hrungsr&auml;umen der Welt rasant zunahm, blieben die realen Preissteigerungen offenbar weit dahinter zur&uuml;ck. Mit Beginn des Jahres 2021 brach &uuml;brigens die Wachstumsrate der Geldmenge f&ouml;rmlich ein und halbierte sich seitdem. Parallel dazu entwickelte sich aus einer Deflation zeitgleich eine Inflation von heute 7,9%. Nach der Theorie der Monetaristen h&auml;tte genau das Gegenteil geschehen m&uuml;ssen.  <\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit dem Leitzins. Schaut man sich die Entwicklung des Leitzinses und der Preissteigerung an, erkennt man h&ouml;chstens einen Zusammenhang: Der Leitzins folgt der Preisentwicklung. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich, da sowohl die FED als auch EZB heute dem monetaristischen Dogma folgen und den Leitzins an die Inflation anpassen. Das kann man sich nicht-&ouml;konomisch so vorstellen: Wenn es regnet, spanne ich meinen Regenschirm auf. Der Regenschirm ist eine Reaktion auf den Regen. Aber nicht umgekehrt! Wenn die Sonne scheint und ich meinen Regenschirm aufspanne, wird dies das Wetter nicht interessieren. <\/p><p>Dieser Vergleich ist zwar eing&auml;ngig, aber nat&uuml;rlich auch &uuml;bertrieben. Nat&uuml;rlich hat der Leitzins auch einen Einfluss auf die Preissteigerungen. Aber eher indirekt &uuml;ber die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und bei weitem nicht so gro&szlig;, wie es die Zentralbanken gerne behaupten. Fragt ein Unternehmen Kredite f&uuml;r Investitionen nach, schafft es direkt oder indirekt auch Arbeitspl&auml;tze, wodurch die aggregierte Nachfrage gleichfalls gesteigert wird. Je mehr Kredite durch die Realwirtschaft nachgefragt werden, desto mehr Geld landet schlussendlich im Privatsektor, um G&uuml;ter und Dienstleistungen nachzufragen. Die Geldmenge ist somit eine notwendige &ndash; aber keinesfalls hinreichende &ndash; Bedingung f&uuml;r Preissteigerungen.<\/p><p>Eigentlich k&ouml;nnte man nun denken, dass die Monetaristen sich zu einem Krisentreffen in ihrem Elfenbeinturm zusammenfinden und ihre Theorie f&uuml;r gescheitert erkl&auml;ren. Das Gegenteil ist der Fall. Man kennt das ja: Wenn die Theorie nicht mit der Wirklichkeit &uuml;bereinstimmt &ndash; umso schlimmer f&uuml;r die Wirklichkeit! <\/p><p><strong>Wie kommt es zu Inflation?<\/strong><\/p><p>Wenn die Erkl&auml;rung der Monetaristen falsch ist, wie kommt es denn dann zu Preissteigerungen? Diese Frage l&auml;sst sich mit dem gesunden Menschenverstand wohl wesentlich einfacher und besser erkl&auml;ren als mit &ouml;konomischen Modellen. Zun&auml;chst: Es gibt vereinfacht vier m&ouml;gliche Ausl&ouml;ser von Preissteigerungen &ndash; die Nachfrage, das Angebot, die Kosten und die Wechselkurse. <\/p><ul>\n<li>die Nachfrage<\/li>\n<\/ul><p>Wer verstehen will, wie Inflation erzeugt wird, k&ouml;nnte sich beispielsweise in die Rolle des Wirtes eines Eiscaf&eacute;s hineinversetzen. Er ist Unternehmer und will Geld verdienen. Er steht aber auch im Wettbewerb und ist darauf angewiesen, dass sein Eis gekauft wird. Ein solcher Wirt k&ouml;nnte den Preis f&uuml;r seine Eisbecher erh&ouml;hen, wenn die Tische vor seinem Eiscaf&eacute; st&auml;ndig sehr gut besetzt sind. Realisieren kann er diese Preiserh&ouml;hung aber nur dann, wenn seine G&auml;ste auch in der Lage und gewillt sind, h&ouml;here Preise zu zahlen. Gesamtwirtschaftlich spielt daher sowohl die Lohnentwicklung als auch die Besch&auml;ftigungszahl eine ma&szlig;gebliche Rolle f&uuml;r Preissteigerungen. Nur wenn mehr Menschen mehr Geld in der Tasche haben, sind sie auch bereit und in der Lage, mehr Geld auszugeben. Eine weitere Bedingung f&uuml;r den Erfolg seiner Preiserh&ouml;hung ist der Markt. Wenn er als Einziger seine Preise erh&ouml;ht und die Konkurrenz nicht mitzieht, werden seine Kunden abwandern. Wenn die steigende Zahlungsbereitschaft jedoch auf breiter Ebene vorhanden ist, werden auch die Anbieter auf breiter Ebene die Chancen auf Preiserh&ouml;hungen sehen. <\/p><ul>\n<li>das Angebot<\/li>\n<\/ul><p>Ein Grundsatz der &Ouml;konomie ist es, dass der Preis sich durch Angebot und Nachfrage ergibt. Auch bei Preissteigerungen und der Inflation kann die Angebotsseite der ausschlaggebende Faktor sein. Der Zusammenhang von einem merklich knappen Angebot und steigenden Preisen ist beispielsweise bei Wohnungsmieten zu beobachten. In Gebieten, wo eine ohnehin schon hohe Wohnungsnachfrage weiterhin steigt, steigen auch die Mieten, da das Angebot nun einmal nicht so einfach erweitert werden kann &ndash; Beispiele daf&uuml;r sind begehrte Stadtteile in den Gro&szlig;st&auml;dten oder deren ber&uuml;hmte &bdquo;Speckg&uuml;rtel&ldquo;. Der Vermieter kann aufgrund des knappen Angebots den Preis erh&ouml;hen; so lange bis die Nachfrage so weit sinkt, dass Angebot und Nachfrage &uuml;bereinkommen. Diese &bdquo;Angebotsinflation&ldquo; ist jedoch eher die Ausnahme. Meist ist das Angebot variabel und es ist die Nachfrage, die den Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung bestimmt.<\/p><p>Ein Ausnahme von dieser Regel erleben wir zurzeit. Durch die globalen Coronama&szlig;nahmen kam es zu einer St&ouml;rung der Lieferketten. Dadurch ging die Produktion f&uuml;r bestimmte Produkte merklich zur&uuml;ck. Das Angebot wurde verknappt. Dies ist zum Beispiel bei Neuwagen und hochwertigen Fahrr&auml;dern zu sp&uuml;ren, deren Komponenten bzw. deren Vorprodukte oft aus China und Taiwan kommen und im Zuge der dortigen Lockdowns samt St&ouml;rungen im globalen Warentransport nicht in der gew&uuml;nschten Menge bei den deutschen Produzenten ankamen. Wenn ein Fahrradhersteller nun aber bei stetiger Nachfrage nur weniger Produkte verkaufen kann, kann er &ndash; wie der Vermieter im beliebten Stadtteil &ndash; die Nachfrage &uuml;ber einen h&ouml;heren Preis dr&uuml;cken und dabei seine Margen steigern. <\/p><ul>\n<li>die Kosten<\/li>\n<\/ul><p>Vereinfacht ausgedr&uuml;ckt spiegelt der Preis immer die Kosten plus die Marge des Anbieters wider. Bei der nachfragebedingten Preissteigerung geht es vor allem um die Maximierung der Margen. Wenn aber die Kosten steigen und unser Wirt seine Margen zumindest beibehalten will, ist er ebenfalls gezwungen, die Preise zu erh&ouml;hen. Kosten, das k&ouml;nnen f&uuml;r ihn die Miete f&uuml;r sein Eiscaf&eacute;, die L&ouml;hne seiner Mitarbeiter oder aber die Rohstoff- und Energiekosten sein. Was auf betriebswirtschaftlicher Ebene keinen gro&szlig;en Unterschied macht, ist f&uuml;r die gesamtwirtschaftliche Frage jedoch sehr bedeutend. <\/p><p>Dazu ein kleines Beispiel: Wenn der Wirt und mit ihm die gesamte Wirtschaft h&ouml;here Lohnkosten hat, muss er zwar die Preise erh&ouml;hen, seine Kunden sind jedoch auf der anderen Seite auch Lohnempf&auml;nger und haben durch die steigenden Lohnkosten, die f&uuml;r sie auf der anderen Seite ihre Arbeitseinkommen sind, auch mehr Geld in der Tasche. Hier sprechen &Ouml;konomen dann von einer Lohn-Preis-Spirale. Steigende L&ouml;hne treiben hier die Preise, so dass man am Ende zwar mehr Geld in der Tasche hat, sich daf&uuml;r aber nicht mehr leisten kann. <\/p><p>Ganz anders sieht dies bei &bdquo;externen Faktoren&ldquo; wie zum Beispiel den Energiepreisen aus. Die Energiekosten des Wirts sind die Einnahmen der Energiekonzerne und da Deutschland einen Gro&szlig;teil der Energietr&auml;ger importiert, landet sogar ein gro&szlig;er Teil des Geldes im Ausland. So kann er hier in der Binnenwirtschaft aber keine Nachfrage generieren. Der Preis steigt und der Kunde hat immer noch so viel Geld wie zuvor in der Tasche. Er kann sich also weniger leisten. <\/p><ul>\n<li>die Wechselkurse<\/li>\n<\/ul><p>Bei unserem Wirt spielen die Wechselkurse eine eher geringe Rolle. Sicher verteuern sich die von ihm genutzten Rohstoffe, wenn der Euro gegen&uuml;ber der W&auml;hrung des Wirtschaftsgebiets, aus dem er diese Rohstoffe bezieht, an Wert verliert. Bedeutender ist das Wechselkurs-Problem f&uuml;r Industriebetriebe, die einen gro&szlig;en Anteil der Rohstoffe oder Vorprodukte aus anderen W&auml;hrungsr&auml;umen importieren. Der Euro ist im letzten Jahr um rund 20 Prozent gegen&uuml;ber dem Dollar gefallen. Dadurch haben sich f&uuml;r diese Unternehmen die Beschaffungskosten ebenfalls deutlich erh&ouml;ht und wenn sie ihre Margen stabil halten wollen, sind sie darauf angewiesen, die Preise dementsprechend zu erh&ouml;hen. Auch hier hat der Kunde am Ende genau so viel Geld in der Tasche, f&uuml;r das er sich jedoch weniger leisten kann.<\/p><p><strong>Welchen Einfluss haben Geldmenge und Leitzins auf diese drei Faktoren?<\/strong><\/p><p>W&auml;re die monetaristische Erkl&auml;rung korrekt, dass sich die Preise monokausal durch die Entwicklung der Geldmenge erkl&auml;ren lassen, m&uuml;sste es f&uuml;r die drei genannten Faktoren ja eine logische Erkl&auml;rung geben. Ist das so?<\/p><p>Fangen wir mit der Nachfrage an. Haben Sie mehr Geld in der Tasche, weil die Leitzinsen sinken oder die Geldmenge steigt? Nein, nat&uuml;rlich nicht. Zumindest nicht zwangsl&auml;ufig. Es ist ja nicht so, dass die Zentralbanken &bdquo;Geld drucken&ldquo;, wie es die Monetaristen gerne ausdr&uuml;cken. Geld wird gesch&ouml;pft, wenn der Staat, die Unternehmen oder der Privatsektor Kredite aufnehmen. Nun ist es aber entscheidend, wof&uuml;r diese Kredite aufgenommen werden. Wenn der Staat beispielsweise wegen der Coronalockdowns Schulden aufgenommen hat, um &Uuml;berbr&uuml;ckungsgelder an Gewerbetreibende auszuzahlen, hat der normale B&uuml;rger dadurch keinen einzigen Cent mehr in der Tasche. Der Wirt des Eiscaf&eacute;s kann seinen Preis also nicht erh&ouml;hen, es kommt nicht zu Preissteigerungen. Ein sehr gro&szlig;er Teil der gestiegenen Geldmenge ist &uuml;brigens auf den aufgebl&auml;hten Finanzsektor zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die ganzen Wetten in Form von Derivaten, f&uuml;r die die Banken und Finanzunternehmen Fremdkapital &ndash; also Kredite &ndash; ben&ouml;tigen, haben jedoch ebenfalls nicht den geringsten Effekt auf den F&uuml;llstand ihres Portemonnaies. Inwieweit die Geldmenge also Einfluss auf die Nachfrage hat, wissen wohl auch nur die Monetaristen. Eine plausible Erkl&auml;rung gibt es nicht.<\/p><p>Ebenso bietet die Geldmenge keine Erkl&auml;rung f&uuml;r die Preissteigerungen, die aufgrund eines mangelnden Angebots zu beobachten sind. Die Lieferketten sind wegen der Coronama&szlig;nahmen und nicht wegen der Geldmenge oder irgendwelcher Zinsen zusammengebrochen. <\/p><p>Beim Faktor Kosten sieht es genauso aus. Steigen die L&ouml;hne, weil Kredite billiger und h&auml;ufiger in Anspruch genommen werden? Nat&uuml;rlich nicht. Streng genommen lie&szlig;e sich hier sogar der umgekehrte Effekt erkl&auml;ren. Wenn der Leitzins sinkt und Kredite billiger werden, sinken auch die Finanzkosten der Wirtschaft, die das als Preissenkungen an die Kunden weitergeben k&ouml;nnte. Inwieweit die Geldmenge oder der Leitzins irgendeinen Effekt auf Rohstoff- und Energiekosten haben sollen, ist ebenfalls logisch nicht erkl&auml;rbar. <\/p><p>Bliebe der Faktor Wechselkurse und hier gibt es in der Tat einen Zusammenhang. Unser liebes Geld ist &ndash; vor allem, wenn wir es von Finanzinstituten verwalten lassen &ndash; wahrlich fl&uuml;chtig. Wenn beispielsweise im Dollar-Raum die Zinsen steigen, ist dies f&uuml;r Verm&ouml;gensverwalter interessant und so manche verzinsliche Anlage wandert vom Euro- in den Dollar-Raum. Dadurch &auml;ndern sich Angebot und Nachfrage der beiden W&auml;hrungen untereinander. Je mehr Geld in den Dollarraum flie&szlig;t, desto mehr steigt der Wert des Dollars gegen&uuml;ber dem Euro. Die Auswirkungen dieser Wechselkursschwankungen greifen (s.o.) auch auf die Realwirtschaft &uuml;ber und f&uuml;hren dazu, dass sie Importe verteuern. Dies f&uuml;hrt wiederum zu steigenden Kosten und letztlich auch steigenden Preisen. <\/p><p>Zinsbedingte Wechselkurseffekte sind also vorhanden. Wie gro&szlig; sie sind, l&auml;sst sich jedoch nur schwer beziffern, und mit der Geldmenge haben sie weder direkt noch indirekt etwas zu tun. <\/p><p><strong>Welchen Einfluss haben die vier Faktoren und die Geldmenge auf die derzeitige Inflation?<\/strong><\/p><p>Schaut man sich die derzeitigen Preissteigerungen an, so lassen sie sich recht gut mit den drei genannten Faktoren erkl&auml;ren. Der Faktor Nachfrage scheidet hier aus. Kein B&auml;cker erh&ouml;ht den Brotpreis, weil die Kunden gerade so viel Geld in der Tasche haben und er nun h&ouml;here Margen realisieren kann. Es sind vor allem die Kosten, die die Preise treiben. Und hier kann man nicht mehr trennscharf zwischen den genannten Faktoren unterscheiden. Neben den Effekten aus der St&ouml;rung der Lieferketten in Folge der Coronama&szlig;nahmen sind vor allem die Energiekosten der gro&szlig;e Treiber der aktuellen Preissteigerungen. Und dies direkt an der Tanks&auml;ule oder f&uuml;r den Strom- und Gasverbrauch, als auch indirekt, da die Energiekosten teilweise sehr massiv in die Produktpreise eingehen. Wenn der B&auml;cker nun das Vierfache f&uuml;r den Betrieb seiner &Ouml;fen bezahlt, ist er gezwungen, die h&ouml;heren Kosten auf den Preis umzulegen. &Auml;hnlich geht es dem Eiscaf&eacute;-Betreiber im oben genannten Beispiel. Wenn er f&uuml;r die K&uuml;hlung seiner Eisbeh&auml;lter und die Heizung seines Caf&eacute;s deutlich mehr Geld bezahlen muss und er seine Marge halten will, muss er die Preise erh&ouml;hen. Letztlich steckt der Faktor &bdquo;Energiekosten&ldquo; in unterschiedlichem Ma&szlig; in fast allen Produkten und Dienstleistungen, f&uuml;r die wir Geld ausgeben. <\/p><p>Die Wechselkurse kommen hier &uuml;brigens noch verst&auml;rkend hinzu, da die allermeisten Rohstoffe &ndash; auch Energietr&auml;ger &ndash; in Dollar bepreist und fakturiert werden. Jedoch kann man hier die Wechselkursschwankungen auch nicht 1:1 &uuml;bertragen, da auch die globale Nachfrage aggregiert ist und Wechselkurse auch einen Einfluss auf die Nachfrage haben. Dummerweise ist gerade &bdquo;Energie&ldquo; ein Gut, das &ndash; wie &Ouml;konomen sagen &ndash; nur eine sehr geringe Preiselastizit&auml;t bei der Nachfrage hat; die Nachfrage nimmt bei steigenden Preisen also nur in geringem Ma&szlig;e ab. <\/p><p>Die Preissteigerung auf breiter Flur ist also nahezu monokausal &uuml;ber diese durch Lieferkettenprobleme und Energiepreise ausgel&ouml;sten Faktoren zu erkl&auml;ren. Sp&auml;testens hier muss man ernsthaft die Frage stellen, ob die Monetaristen dies nicht sehen k&ouml;nnen oder nicht sehen wollen. <\/p><p><strong>Was will man mit Zinserh&ouml;hungen eigentlich erreichen?<\/strong><\/p><p>Polemisch k&ouml;nnte man an dieser Stelle ja mal fragen, ob ein einziger Kubikmeter Gas mehr in das deutsche Leitungsnetz kommt, wenn die EZB den Leitzins erh&ouml;ht. Mir f&auml;llt da selbst bei l&auml;ngerem NachDenken keine plausible Wechselwirkung ein. Auch auf das Lieferkettenproblem hat der Leitzins null Komma null Einfluss. <\/p><p>Mit einer Erh&ouml;hung des Leitzinses kann man jedoch eine &uuml;berhitzte Volkswirtschaft abk&uuml;hlen, um so die Folgen der typischen konjunkturellen &bdquo;Boom and Bust Zyklen&ldquo; zu entsch&auml;rfen. Das sollte im Idealfall antizyklisch geschehen. Im Aufschwung k&ouml;nnte man also den Leitzins durchaus erh&ouml;hen, w&auml;hrend man ihn im Abschwung senken sollte.<\/p><p>Es ist jedoch kein Geheimnis, dass wir uns derzeit am Beginn eines gr&ouml;&szlig;eren konjunkturellen Abschwungs befinden; also genau an dem Zeitpunkt, an dem man eigentlich die Zinsen senken sollte, um die Rezession abzufedern. Diese M&ouml;glichkeit h&auml;tte die EZB jedoch &ndash; selbst, wenn sie es wollte &ndash; gar nicht, da sie die Leitzinsen trotz einer normalen konjunkturellen Entwicklung seit der Finanzkrise auf einem viel zu niedrigen Niveau gehalten hat. Sie h&auml;tte den Leitzins aus rein realwirtschaftlichen Gr&uuml;nden eigentlich bereits 2010 und sp&auml;testens 2013 wieder erh&ouml;hen m&uuml;ssen, als die Konjunktur der Eurozone nach der Finanzkrise &ndash; wenn auch leicht &ndash; wieder Fahrt aufgenommen hatte. Das geschah jedoch aus R&uuml;cksichtnahme vor Banken mit maroden Kreditportfolios und Eurostaaten mit hoher Staatsschuldenquote nicht. Und dieser Umstand birgt ein gewaltiges Krisenpotential, denn vor allem f&uuml;r die hochverschuldeten Staaten k&ouml;nnte es jetzt bei einer &bdquo;R&uuml;ckkehr der Zinsen&ldquo; kn&uuml;ppeldicke kommen. Italiens Staatsschuldenquote liegt bei &uuml;ber 150 Prozent. Eine R&uuml;ckkehr zu einem normalen Zinssatz von z.B. vier Prozent w&uuml;rde bedeuten, dass der italienische Staat jedes Jahr sechs Prozent seines BIPs nur f&uuml;r den Zinsdienst aufbringen m&uuml;sste. Das sind zurzeit 114 Milliarden Euro. Und Italien ist nicht allein. Wir stehen somit vor einem Berg voller &ouml;konomischer Problemstellungen, von denen die Preissteigerungen noch eines der kleineren Probleme sind. Und es sieht nicht so aus, als h&auml;tte die EZB L&ouml;sungen f&uuml;r diese Probleme. <\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88175\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Immersion Imagery\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/afa4ea9a1dcc4f26aaa24d3dd54934be\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die EZB hat in der letzten Woche den Leitzins von 0,5 auf 1,25 Prozent <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/ezb-wagt-die-groesste-zinserhoehung-seit-einfuehrung-des-euro-bargeldes-18298967.html\">erh&ouml;ht<\/a>. &bdquo;Historisch&ldquo; sei die Erh&ouml;hung um 0,75 Prozentpunkte, aber noch lange nicht genug &ndash; das meinen zumindest die meisten Finanzjournalisten und einige gern zitierte &Ouml;konomen. Das ist erstaunlich. 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