{"id":88049,"date":"2022-09-14T13:40:26","date_gmt":"2022-09-14T11:40:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88049"},"modified":"2022-09-14T14:39:40","modified_gmt":"2022-09-14T12:39:40","slug":"der-fall-schlesinger-und-das-eherne-gesetz-der-oligarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88049","title":{"rendered":"Der Fall Schlesinger und das eherne Gesetz der Oligarchie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Oder: Korrumpieren gro&szlig;e Organisationen zwangsl&auml;ufig? <\/strong>In den letzten Wochen wurde der Fall der nun ehemaligen rbb-Intendantin und ARD-Vorsitzenden Patricia Schlesinger in den Medien lang und breit diskutiert. Dabei gab es viel Emp&ouml;rung &uuml;ber die Person Schlesingers. Aber war dies wirklich nur ein Einzelfall, ausgel&ouml;st durch eine charakterliche Schw&auml;che eines einzelnen Menschen? Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> ist da anderer Meinung. Dieser Fall sei kein Zufall, sondern tendenziell eher der Normalfall in gro&szlig;en Institutionen. Und dies habe mit einer soziologischen Gesetzm&auml;&szlig;igkeit und den Verlockungen der Macht zu tun.<br>\n<!--more--><br>\n1911 legte der deutsch-italienische Soziologe Robert Michels sein Hauptwerk <em>Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen &uuml;ber die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens<\/em> vor.<\/p><p>In dieser Studie untersuchte er Organisationen der deutschen Arbeiterbewegung, insbesondere die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sozialdemokratische_Partei_Deutschlands\">Sozialdemokratie<\/a>, und verglich sie mit entsprechenden Organisationen in anderen L&auml;ndern. Die Schlussfolgerung aus diesen Untersuchungen war das <em>Eherne Gesetz der Oligarchie<\/em> (ehern = eisern im Sinne von ewig andauernd). Man kann dieses Gesetz meines Erachtens auch auf andere Organisationen als Parteien und Gewerkschaften anwenden. (Und meines Wissens nach wurde dies in der soziologischen Forschung auch gemacht.)<\/p><p>Was besagt dieses Gesetz?<\/p><ol>\n<li>Gro&szlig;e Organisationen kommen nicht ohne eine B&uuml;rokratie aus. Sie brauchen diese, um effizient arbeiten zu k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Mit zunehmender Gr&ouml;&szlig;e der Organisation weitet sich die B&uuml;rokratie aus und ihre Macht nimmt zu.<\/li>\n<li>Mit der zunehmenden Macht korrumpieren die Machttr&auml;ger und benutzen die Organisation zunehmend f&uuml;r ihre Interessen. Anders formuliert: Die B&uuml;rokratie dient nicht mehr der Organisation und deren Zweck, sondern die Organisation dient der B&uuml;rokratie und deren Interessen.<\/li>\n<\/ol><p>Oder um es mit den Worten von Rudolf Michels zu sagen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie. Im Wesen der Organisation liegt ein tief aristokratischer Zug&ldquo; (Michels, S. 33).\n<\/p><\/blockquote><p>Beim rbb konnte man dies geradezu musterg&uuml;ltig beobachten: Die Intendantin und der engere F&uuml;hrungszirkel benutzten die Organisation ziemlich skrupellos f&uuml;r eigene Interessen. Ich erspare mir die detaillierte Aufz&auml;hlung der Vorw&uuml;rfe. Sie sind ja durch die vielen Presseberichte ohnehin den meisten Lesern bekannt.<\/p><p>Ich glaube nicht, dass Patricia Schlesinger und das Verhalten des um sie gescharten F&uuml;hrungszirkels eine gro&szlig;e Ausnahme ist. Ich bin mir sicher: Man wird ganz &auml;hnliche Verh&auml;ltnisse in den anderen Rundfunkanstalten finden. Beim NDR kracht es aktuell im Funkhaus Kiel wegen der Zensur der Berichterstattung &uuml;ber die Entlassung eines Ministers der schleswig-holsteinischen Landesregierung. (Details dazu <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87422\">siehe im Bericht der NachDenkSeiten hier<\/a>.) Am Wochenende wurden weitere Vorw&uuml;rfe bekannt, die das NDR-Funkhaus in Hamburg betreffen (<a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/meldungen\/nachrichten313_con-22x09x03x11y30.html#meldung6\">die Meldung siehe hier<\/a>).<\/p><p><strong>Drehbuchauftr&auml;ge f&uuml;r den Ehemann<\/strong><\/p><p>Aber es gab beim NDR auch schon einen &auml;hnlichen Skandal wie beim rbb. 2009 wurde die damalige Fernsehspielchefin des NDR, Doris Heinze, fristlos entlassen. Ihr wurde vorgeworfen, ihren Ehemann mit Drehbuchauftr&auml;gen versorgt zu haben (siehe dazu <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/fernsehen\/ard-skandal-drehbuecher-vom-ehemann-1843669.html\">den Bericht der FAZ hier<\/a>). Dass es ihr Ehemann war, der die Drehbuchauftr&auml;ge erhielt, wusste das Paar mit einem Pseudonym und weiteren Ma&szlig;nahmen zu verschleiern. Dabei wurde auch etwas sichtbar, was Juristen wohl mit dem Begriff &bdquo;kriminelle Energie&ldquo; bezeichnen w&uuml;rden. Die FAZ beschreibt dies in ihrem Bericht so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Von der verschleierten Identit&auml;t des Drehbuchautors &bdquo;Niklas Becker&ldquo;, f&uuml;r den man auch noch einen Wohnort in Kanada erfand und der dem Sender gegen&uuml;ber nur &uuml;ber eine Anwaltskanzlei auftrat, wusste im NDR &ndash; au&szlig;er dessen Ehefrau Doris Heinze nat&uuml;rlich &ndash; offenbar niemand. Es war ein geschlossenes System&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Und auch Doris Heinze war beileibe kein &bdquo;kleines Licht&ldquo; in der Branche. Nochmal die FAZ dazu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Doris Heinze ist nicht irgendwer, sie ist eine Galionsfigur im deutschen Fernsehspiel. Sie war selbst Autorin und leitete f&uuml;nf Jahre lang das nordrhein-westf&auml;lische Filmb&uuml;ro. Als Fernsehspielchefin des NDR wirkte sie seit 1991, sie z&auml;hlte zu den einflussreichsten K&ouml;pfen der hiesigen Produktionslandschaft, die von ihr betreuten Filme trugen zur Reputation des Senders bei, etliche Fernsehspiele entstanden unter ihrer Verantwortung, auch der &bdquo;Tatort&ldquo; und der &bdquo;Polizeiruf&ldquo; des NDR. Mit ihren Verbindungen band Doris Heinze zahlreiche prominente Schauspieler wie etwa die als &bdquo;Tatort&ldquo;-Kommissarin ermittelnde Maria Furtw&auml;ngler an den NDR. Die drei aktuellen &bdquo;Tatort&ldquo;-Figuren des Senders, gespielt von Maria Furtw&auml;ngler, Mehmet Kurtulus und Axel Milberg, gehen auf die abgesetzte Fernsehspielchefin zur&uuml;ck.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;<strong>Dann k&ouml;nnen wir endlich so leben, wie es uns zusteht&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mir fiel zu den F&auml;llen Patricia Schlesinger und Doris Heinze eine Szene aus einem Spielfilm ein, dessen Titel ich leider vergessen habe. Der Film spielt ungef&auml;hr um 1900 in der &ouml;sterreichischen K.u.K.-Monarchie. Unter anderem ging es in dem Film um eine verarmte Adelige und ihren Sohn, der Offizier war. Die Mutter plante f&uuml;r den Sohn die Heirat mit der Tochter eines sehr reichen Bourgeois, womit der Sohn durchaus einverstanden war. Soziologisch ausgedr&uuml;ckt: Sie planten, ihr symbolisches Kapital der adeligen Herkunft in Bares umzum&uuml;nzen. Die Mutter sagte bei einem Gespr&auml;ch &uuml;ber die geplante Hochzeit folgenden Satz, der sich mir einpr&auml;gte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dann k&ouml;nnen wir endlich so leben, wie es uns zusteht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ich glaube, genau das dr&uuml;ckt auch heute noch die Haltung der Eliten in unserer Gesellschaft aus: Sie glauben, es st&uuml;nden ihnen Privilegien zu. Dies ist meines Erachtens eine sozial erworbene und verinnerlichte Haltung und kein rein individuelles Ph&auml;nomen. Es ist sozusagen so etwas wie eine Klassenmoral. Wir, die wir gut sind&hellip;. (Wobei ich mit &bdquo;gut&ldquo; jetzt die Bedeutung &bdquo;leistungsstark&ldquo; und &bdquo;verdienterma&szlig;en&ldquo; meine). Es scheint ja auch so zu sein, dass Patricia Schlesinger keinerlei Unrechtsbewusstsein hat. Dar&uuml;ber hinaus scheint mir aber auch die Psychologie der Macht bzw. die psychologische Wirkung der Macht eine Rolle zu spielen.<\/p><p>Ein interessantes Ph&auml;nomen bei solchen Skandalen ist, welches enorme Risiko dabei die involvierten Akteure eingehen. Patricia Schlesinger hat sich zwar mit einer Gehaltserh&ouml;hung von 16% und mutma&szlig;lich noch Bonizahlungen und anderen Verg&uuml;nstigungen schon ganz erhebliche Zusatzeinnahmen verschafft. Aber wenn man dies ins Verh&auml;ltnis setzt zu dem, was sie daf&uuml;r riskiert und tats&auml;chlich verloren hat, ist das geradezu ein Witz: Sie hat ihre ohnehin hochdotierte Position, die mit vielen Privilegien und hohem Ansehen verbunden war, verloren. Ihre Pensionsanspr&uuml;che sind wahrscheinlich futsch. Und sie wird m&ouml;glicherweise strafrechtlich belangt. Aber vor allem ist sie gesellschaftlich ruiniert. In anderen F&auml;llen, die man immer wieder in der Presse lesen kann, sind die &bdquo;Gewinne&ldquo; durch unkorrektes oder illegales Verhalten noch viel kleiner. Man fragt sich: Wie ist das m&ouml;glich? Wieso gehen Menschen derartig hohe Risiken f&uuml;r relativ kleine Gewinne ein?<\/p><p><strong>Was man aus einer Studie &uuml;ber Kekse lernen kann<\/strong><\/p><p>Einen Grund, die &bdquo;Klassenmoral&ldquo;, nannte ich schon. Diese produziert die Einstellung oder Haltung, Privilegien st&uuml;nden einem zu. Das w&auml;re im Falle von Patricia Schlesinger die Haltung &bdquo;Der rbb kann doch froh sein, mich zu haben&ldquo; anstatt &bdquo;Ich kann dankbar sein, dass ich so eine privilegierte Stellung habe&ldquo;.<\/p><p>Nun zu der Rolle der Psychologie. Funktion&auml;re m&uuml;ssen, um ganz oben anzukommen, eine enorme Anpassungsleistung vollbringen und sich st&auml;ndig kontrollieren. Das hei&szlig;t, sie m&uuml;ssen sich selbst st&auml;ndig in ihren emotionalen Regungen unterdr&uuml;cken, um in den Strukturen der Macht voranzukommen. Ich kann mir vorstellen, dass dies zu so einer Art Stau von aggressiven Regungen f&uuml;hrt, die dann, wenn man ganz oben angekommen ist, nicht mehr so gut kontrolliert werden k&ouml;nnen, weil man ja jetzt &uuml;ber Definitionsmacht verf&uuml;gt. Dazu habe ich auch etwas Interessantes in dem Buch des irischen Psychologieprofessors Ian Robertson gefunden. Er berichtet in seinem Buch &bdquo;Macht. Wie Erfolge uns ver&auml;ndern&ldquo; &uuml;ber eine &bdquo;Keksstudie&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Stellen Sie sich vor, Sie h&auml;tten sich als Versuchsperson f&uuml;r eine Studie an der Universit&auml;t angemeldet. Der Versuchsleiter weist sie nach dem Zufallsprinzip einer Gruppe zu, die noch zwei andere Personen des gleichen Geschlechts umfasst. Sie werden gebeten, eine halbe Stunde lang mit ihnen &uuml;ber umstrittene soziale Fragen zu diskutieren; Ihre Aufgabe besteht darin, politische L&ouml;sungen f&uuml;r diese Fragen zu entwickeln. Jetzt kommt das Entscheidende: Einer von Ihnen wird, wieder nach dem Zufallsprinzip, zum Gruppenleiter bestimmt, der die Leistungen der Teilnehmer beurteilt. Dieser &bdquo;Chef&ldquo; oder diese &bdquo;Chefin&ldquo; vergibt Noten je nach der Qualit&auml;t der Diskussionsbeitr&auml;ge&ldquo; (Robertson, S. 230 ff.).\n<\/p><\/blockquote><p>Das klingt nach einer harmlosen Situation, ist aber selbst im Laborversuch f&uuml;r die meisten Menschen eine etwas einsch&uuml;chternde Situation, weil sie sich von einem Fremden bewerten lassen m&uuml;ssen. Der Gruppenleiter hat, wenn auch nur f&uuml;r eine halbe Stunde, eine gewisse Macht &uuml;ber die Teilnehmer des Versuchs und ein kostbares Gut der Versuchsteilnehmer: deren Selbstwertgef&uuml;hl. Am Ende der Diskussion kommt der Versuchsleiter herein und stellt einen Teller mit f&uuml;nf Keksen auf den Tisch. Fast immer nimmt sich jeder der drei Teilnehmer einen Keks, womit noch zwei &uuml;brig bleiben, also nicht genug f&uuml;r einen zweiten Keks f&uuml;r alle. Wer nimmt sich einen zweiten Keks? In den meisten F&auml;llen der zuf&auml;llig ausgew&auml;hlte Gruppenleiter. Auch sonst zeigt dieser oder diese einige interessante Verhaltens&auml;nderungen. Immer wieder konnten die Forscher beobachten, dass die Gruppenleiter unappetitlich, also &bdquo;sozial enthemmt&ldquo; a&szlig;en. Der Gruppenleiter neigt regelm&auml;&szlig;ig dazu, mit offenem Mund zu kauen und zu kr&uuml;meln.<\/p><p>Wenn man auch solche Laborergebnisse nicht &uuml;berbewerten darf, so scheinen sie mir doch eine Tendenz gut zum Ausdruck zu bringen, die man vermutlich bei jedem Menschen mehr oder weniger ausgepr&auml;gt finden kann: Macht f&uuml;hrt zu einer gewissen Enthemmung. Machthaber erkennen gesellschaftliche Regeln nicht mehr so selbstverst&auml;ndlich an, wie sie das taten, als sie in der gesellschaftlichen Hierarchie noch weiter unten standen. Robertson zieht daraus folgende Schlussfolgerung:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Keksstudie zeigt, Machtgef&uuml;hl f&uuml;hrt auch dazu, dass man sich weniger daraus macht, was andere von einem denken; man wird selbsts&uuml;chtiger und weniger empathisch. Selbst ein kleines bisschen kurzfristige Macht kann uns zu Egozentrikern machen, die den Standpunkt anderer nicht wichtig nehmen&ldquo; (Robertson S. 232).\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;<strong>Egal, was meine deutschen W&auml;hler denken&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dass diese Schlussfolgerung wohl eine zutreffende Einsch&auml;tzung ist, konnte man exemplarisch an Annalena Baerbocks j&uuml;ngsten &Auml;u&szlig;erungen auf einer Podiumsdiskussion in Prag sehen. Sie erkl&auml;rte laut welt.de:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ich den Menschen in der Ukraine das Versprechen gebe: &sbquo;Wir stehen an eurer Seite, solange ihr uns braucht&acute;, dann werde ich dieses Versprechen einhalten. Egal, was meine deutschen W&auml;hler denken. Aber ich werde die Menschen in der Ukraine wie versprochen unterst&uuml;tzen&ldquo; (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article240801361\/Baerbock-Regierung-steht-an-der-Seite-der-Ukraine-egal-was-meine-deutschen-Waehler-denken.html\">welt.de<\/a>).\n<\/p><\/blockquote><p>Ich denke, das muss man nicht weiter kommentieren. Diese &Auml;u&szlig;erung passt so exakt zu den Schlussfolgerungen Robertsons aus der Keksstudie, dass man meinen k&ouml;nnte, Baerbock wollte diese empirisch beweisen.<\/p><p><strong>Welche Schlussfolgerung muss man daraus ziehen?<\/strong><\/p><p>M&uuml;sste Demokratie, die den Namen verdient, nicht deutlich besser funktionieren? Und weniger korrupt sein? Nein, denn es gibt keine moralisch perfekten Menschen, Institutionen und Gesellschaften. Dies w&auml;re eine unrealistische und ungesunde Paradieserwartung. Menschen sind nun mal korrumpierbar durch Macht und anf&auml;llig f&uuml;r Gruppendruck. Deshalb wird es die perfekte Demokratie und unkorrumpierbare Institutionen nie geben. Eben darum ist Demokratie ja eine Erfindung, die Macht nur auf Zeit vergibt und die Kontrollmechanismen wie eine Opposition, Rechnungsh&ouml;fe und unabh&auml;ngige Gerichte kennt. Man muss sich damit abfinden, dass es immer wieder Missbr&auml;uche in Institutionen geben wird und Institutionen immer wieder erneuert und ver&auml;ndert werden m&uuml;ssen. Denn irgendwann schlagen das Gesetz der ehernen Oligarchie und die Verlockungen der Macht zu. Deshalb haben solche Skandale wie beim rbb auch etwas N&uuml;tzliches: Sie decken die M&auml;ngel des Systems auf.<\/p><p>Ich bin mir ziemlich sicher, dass deshalb bei den anderen &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten derzeit wohl einige F&uuml;hrungskr&auml;fte unter Schlafst&ouml;rungen leiden &ndash; weil sie Angst haben, auch sie k&ouml;nnten in die Schusslinie geraten. Sie werden daran interessiert sein, dass das System nicht ver&auml;ndert wird und alles so bleibt, wie es ist &ndash; und deshalb versuchen, den Skandal beim rbb als moralisches Versagen einer einzelnen Person darzustellen. Darauf sollte sich die &Ouml;ffentlichkeit nicht einlassen und auf Ver&auml;nderungen am System des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks bestehen.<\/p><p><strong>Die Standhaftigkeit der Seele teilt sich dem K&ouml;rper mit<\/strong><\/p><p>Zum Schluss noch eine Frage. Ist das alles ein Grund zum Verzweifeln, weil die Demokratie offenbar so schlecht funktioniert? Ich meine nein und sehe das Glas halbvoll anstatt halbleer. Demokratie muss sich immer wieder erneuern, um lebendig zu bleiben. Warum soll es nicht m&ouml;glich sein, dass vielleicht schon bald wieder ein Politiker vom Schlage eines Willy Brandt die Menschen f&uuml;r Politik und Demokratie begeistert? Aber dies wird es nur geben, wenn wir alle bereit sind, uns &ndash; in welcher Form auch immer &ndash; f&uuml;r demokratische Politik zu engagieren. Und vor allem: Wenn wir uns nicht einsch&uuml;chtern lassen, sei es durch politisch korrekte Sekten, die wie zu Zeiten der Inquisition &uuml;ber Andersdenkende herfallen, oder eine Regierung, die versucht, ihre Kritiker zu Staatsfeinden zu erkl&auml;ren.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus ist es notwendig, sich mit anderen &auml;hnlich denkenden Menschen zusammenzutun. So wie die Mitarbeiter des NDR es getan haben. Sie wehrten sich erfolgreich mit dem Redaktionsausschuss gegen das nicht hinnehmbare Verhalten der F&uuml;hrung. Macht ist ein Prozess und nichts Statisches. Wer heute vermeintlich unangreifbar an den Hebeln der Macht sitzt, kann schon morgen gezwungen sein, auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Siehe Patricia Schlesinger. Und wenn politisches Engagement auch anstrengend ist und man damit aneckt: Es tut auch gut. Denn wie der spanische Jesuit Balthasar Graci&aacute;n in seinem Buch &bdquo;Handorakel und Kunst der Weltklugheit&ldquo; in Aphorismus Nr. 90 feststellt: &bdquo;Die Standhaftigkeit der Seele teilt sich dem K&ouml;rper mit&ldquo;. Mit anderen Worten: Es tut der Gesundheit gut, die eigene innere Wahrheit auch nach au&szlig;en hin zu leben, anstatt sie im Interesse von Konfliktlosigkeit im &auml;u&szlig;eren Leben zu unterdr&uuml;cken. Wer sich immer nur anpasst, den belohnen Eltern, Lehrer und Chefs. Wer sich auch mal widersetzt, den belohnt das Leben.<\/p><p>Titelbild: GAS-photo\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/b91277e978d940579cfd2eb06acd23d6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Oder: Korrumpieren gro&szlig;e Organisationen zwangsl&auml;ufig? <\/strong>In den letzten Wochen wurde der Fall der nun ehemaligen rbb-Intendantin und ARD-Vorsitzenden Patricia Schlesinger in den Medien lang und breit diskutiert. Dabei gab es viel Emp&ouml;rung &uuml;ber die Person Schlesingers. Aber war dies wirklich nur ein Einzelfall, ausgel&ouml;st durch eine charakterliche Schw&auml;che eines einzelnen Menschen? 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