{"id":88163,"date":"2022-09-17T11:45:23","date_gmt":"2022-09-17T09:45:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88163"},"modified":"2022-09-17T12:52:22","modified_gmt":"2022-09-17T10:52:22","slug":"wachstum-eine-streitschrift-stellt-zwei-positionen-gegenueber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88163","title":{"rendered":"\u201eWachstum\u201c \u2013 Eine Streitschrift stellt zwei Positionen gegen\u00fcber"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt ein breites Spektrum an Themen, die kontrovers diskutiert werden. Eines von ihnen stellt das wirtschaftliche Wachstum dar. W&auml;hrend dessen Bef&uuml;rworter in ihm die Grundlage f&uuml;r Wohlstand und technische Entwicklung sehen, machen die Kritiker ihn f&uuml;r Umweltsch&auml;den, &Uuml;berkonsum oder Klimawandel verantwortlich. Zwei dieser gegens&auml;tzlichen Positionen pr&auml;sentiert der Westend Verlag in seinem B&auml;ndchen <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/wachstum.html\">&bdquo;Wachstum&ldquo;<\/a>, um die Leser zum Selberdenken zu animieren. Es soll das offene Gespr&auml;ch f&ouml;rdern. &bdquo;Nur so&ldquo;, hei&szlig;t es in der Vorbemerkung, &bdquo;k&ouml;nnen Gedanken sich formen und umformen, nur so kann Neues entstehen, kann Gesellschaft wachsen und sich entwickeln.&ldquo; Von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Wachstum&ldquo; ist der Erstling aus der Reihe &bdquo;Streitfragen&ldquo;, mit der der Westend Verlag die Lust wecken will, eigene Positionen zu entwerfen. Allerdings soll die Debatte nicht zum &bdquo;Wettkampfspektakel&ldquo; verkommen. Es geht nicht um Angriff und Verteidigung. Stattdessen verfassen die Autoren ihre Beitr&auml;ge ohne die Kenntnis des jeweils Anderen. Sie m&uuml;ssen sich weder rechtfertigen noch auf die Gegenposition direkt eingehen, sondern erhalten gen&uuml;gend Platz, die eigene Betrachtungsweise zu entfalten. Die Reihe widmet sich so brisanten Themen wie &bdquo;Identit&auml;tspolitik&ldquo;, &bdquo;Transhumanismus&ldquo; oder &bdquo;Digitalisierte Gesundheit&ldquo; und bringt daf&uuml;r namhafte Experten aus Publizistik und Wissenschaft zusammen. In &bdquo;Wachstum&ldquo; pr&auml;sentieren die Philosophin Katja Gentinetta und der Volkswirt Niko Paech ihre Positionen. W&auml;hrend der Professor f&uuml;r Produktion und Umwelt als einer der wichtigsten Vertreter der Wachstumskritik gilt, verteidigt die selbstst&auml;ndige Publizistin das Prinzip des Wachstums als Voraussetzung f&uuml;r die stete Steigerung des Lebensstandards.<strong> <\/strong><\/p><p><strong>Unterschiede auch im Stil<\/strong><\/p><p>Die beiden Autoren unterscheiden sich nicht nur in ihrer Position, sondern auch im Stil. Legt Gentinetta ihre Sicht in einer einfachen wie verst&auml;ndlichen Sprache dar, dominiert bei Paech ein eher wissenschaftlicher Duktus, der die Lekt&uuml;re unn&ouml;tig verkompliziert. Die Philosophin schreibt anschaulicher, der Volkswirt sehr abstrakt. Seine Hauptthese lautet: &bdquo;Jedes Mehr an materiellen Freiheiten wird zwangsl&auml;ufig mit einem Verlust an nutzbaren Ressourcen und einer Zunahme &ouml;kologischer Sch&auml;den erkauft.&ldquo; Paech spricht sich daher f&uuml;r eine Postwachstums&ouml;konomik aus, die eine &bdquo;systemische Vermehrbarkeit materieller Handlungsspielr&auml;ume im endlichen System Erde&ldquo; verneint. Es ist ein Pl&auml;doyer f&uuml;r ein &bdquo;Null-Wachstum&ldquo;, das der Volkswirt unter anderem damit verteidigt, dass industrieller Wohlstand nicht von &ouml;kologischen Sch&auml;den entkoppelt werden k&ouml;nne: &bdquo;Eine &ouml;kologievertr&auml;gliche Wirtschaft kann niemals wachsen, w&auml;hrend eine wachsende &Ouml;konomie niemals &ouml;kologievertr&auml;glich sein kann.&ldquo;<\/p><p>Katja Gentinetta sieht das anders. Null-Wachstum beschreibt sie als ein &bdquo;Wohlstandsph&auml;nomen&ldquo;. Es sei etwas f&uuml;r jene, die schon alles haben. Probleme wie Ressourcenverbrauch, Umweltsch&auml;den, &Uuml;berkonsum und Klimawandel, argumentiert die politische Philosophin, k&ouml;nnten nur gel&ouml;st werden, wenn das Wirtschaftswachstum weiterhin im Fokus bleibt. Um es umweltfreundlich zu gestalten, bed&uuml;rfe es blo&szlig; eines einzigen, aber zentralen &ouml;konomischen Prinzips: &bdquo;Jegliche Produktion und Distribution von Waren und Dienstleistungen muss den reellen, tats&auml;chlichen Preis abbilden.&ldquo; Es m&uuml;ssten nicht nur die direkten Produktionskosten einberechnet, sondern auch die indirekten Folgekosten, die bei der Natur anfallen: &bdquo;die f&uuml;r genutzte, &uuml;bernutzte oder verunreinigte B&ouml;den und Gew&auml;sser oder in verschmutzter Luft&ldquo;.<\/p><p><strong>Beispiel Griechenland<\/strong><\/p><p>Wie nicht nachhaltiges Wachstum aussieht, veranschaulicht die Philosophin am Beispiel von Griechenland. Der Staat im S&uuml;den Europas bekam vor der Finanzkrise g&uuml;nstige Kredite, investierte sie aber nicht in wirtschaftliche Projekte und innovative Technologien, sondern in die B&uuml;rokratie. Nicht die Volkswirtschaft wuchs, sondern der Staat. Als die Finanzierung des Apparats allm&auml;hlich zu teuer wurde, musste wieder gespart werden. So entstand eine Abw&auml;rtsspirale: &bdquo;Verluste und Bankrotte von Unternehmen erh&ouml;hen die Arbeitslosigkeit&ldquo;, schreibt Gentinetta, &bdquo;senken die Nachfrage und f&uuml;hren zu weiteren Unternehmensverlusten, womit sich die Krise weiter versch&auml;rft.&ldquo; Wer also nicht nur die Natur retten m&ouml;chte, argumentiert sie, sondern auch mehr Menschen ein besseres Leben erm&ouml;glichen will, m&uuml;sse auf Wachstum setzen: &bdquo;ein Wachstum, das sich der &ouml;kologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit verpflichtet&ldquo;.<\/p><p>Es sind solche griffigen Beispiele, die Gentinettas Beitrag so lesenswert machen. Paech hingegen &uuml;berzeugt weniger mit seinem Pl&auml;doyer f&uuml;r das Null-Wachstum als mit der Kritik am Alarmismus und Missmanagement der gr&uuml;nen Politik in den letzten Jahren. Der deutschen Energiewende stellt der Professor ein schlechtes Zeugnis aus, weil die Wertsch&ouml;pfungsbeitr&auml;ge der erneuerbaren Energien ihm zufolge &bdquo;bestenfalls einen Strohfeuereffekt&ldquo; bilden. Das Problem werde lediglich verlagert: &bdquo;Vermeintlich gr&uuml;ne Technologien l&ouml;sen ohnehin keine &ouml;kologischen Probleme, sondern transformieren diese nur in eine andere stoffliche, r&auml;umliche, zeitliche oder systematische Dimension.&ldquo; Seine Hauptthese in diesem Zusammenhang bel&auml;uft sich darauf, dass diese Technologien f&uuml;r die &ouml;konomische Expansion instrumentalisiert werden. Allerdings &bdquo;zerst&ouml;ren sie, was sie zu sch&uuml;tzen vorgeben&ldquo;. <\/p><p>Das ist zweifellos richtig, wie unter anderem die investigative Dokumentation &bdquo;Headwind&ldquo;21&ldquo; des niederl&auml;ndischen Filmemachers Marjin Poels verdeutlicht. Auch f&uuml;r die vermeintlich gr&uuml;nen Technologien werden knappe Ressourcen verbraucht, W&auml;lder gerodet und Gew&auml;sser verunreinigt. Dennoch ist das kein Argument f&uuml;r ein Null-Wachstum. Es kommt n&auml;mlich darauf an, ob Ressourcen schlicht verschwendet werden oder geschont. Nicht weniger wichtig ist in diesem Zusammenhang, welche Ressourcen verbraucht werden &ndash; regenerative oder nicht erneuerbare. Wachstum kann sowohl quantitativ als auch qualitativ sein, sowohl materiell als auch immateriell. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Es m&uuml;ssen smarte und wirklich nachhaltige Technologien her. Doch die k&ouml;nnen nur entstehen, wenn es weiterhin ein wirtschaftliches Wachstum gibt bzw. dieses weiterhin im Fokus &ouml;konomischen Handelns bleibt. Denn das, um es mit Gentinetta zu sagen, tr&auml;gt zur technischen Entwicklung bei &ndash; zu Technologien, die auf einem geringeren Einsatz materieller Ressourcen beruhen. Um einiges wichtiger sind da Kreativit&auml;t und Innovationskraft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ein breites Spektrum an Themen, die kontrovers diskutiert werden. Eines von ihnen stellt das wirtschaftliche Wachstum dar. W&auml;hrend dessen Bef&uuml;rworter in ihm die Grundlage f&uuml;r Wohlstand und technische Entwicklung sehen, machen die Kritiker ihn f&uuml;r Umweltsch&auml;den, &Uuml;berkonsum oder Klimawandel verantwortlich. 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