{"id":88192,"date":"2022-09-17T11:43:27","date_gmt":"2022-09-17T09:43:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88192"},"modified":"2022-09-19T08:22:16","modified_gmt":"2022-09-19T06:22:16","slug":"zum-tode-von-fritz-pleitgen-frieden-oder-krieg-russland-aus-zwei-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88192","title":{"rendered":"Zum Tode von Fritz Pleitgen: \u201eFrieden oder Krieg\u201c \u2013 Russland aus zwei Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Ohne ihn s&auml;he der Rote Platz ziemlich leer aus&ldquo;, schrieb mal jemand &uuml;ber den Pionier der ARD-Berichterstattung aus Moskau, den am 15. September verstorbenen Fritz Pleitgen. Journalisten wie ihn wird es nicht mehr geben! Hier, ihn zu ehren, der Reprint einer Rezension seines vorletzten Buches, das den bezeichnenden Titel &bdquo;Frieden oder Krieg&ldquo; tr&auml;gt. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs ist ein ungleiches Paar, das sich hier unter dem etwas rei&szlig;erischen, Tolstois ber&uuml;hmtes Werk leicht variierenden Titel <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Taschenbuch\/Frieden-oder-Krieg\/Fritz-Pleitgen\/Heyne\/e586443.rhd\">&bdquo;Frieden oder Krieg&ldquo;<\/a> zu einem gemeinsamen Buchprojekt zusammengefunden hat: Der Pionier der Berichterstattung aus der Sowjetunion und engagierte Bef&uuml;rworter wie publizistischer Begleiter der Entspannungspolitik Willy Brandts, der fr&uuml;here ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen (Jahrgang 1938) und der russische Schriftsteller Michail Schischkin (Jahrgang 1961), der seit 1995 in der Schweiz lebt. <\/p><p><strong>Die Tunnelbauer<\/strong><\/p><p>Schon im Vorwort machen die zwei klar, was sie alles trennt: Alter, Sprache, Ursprung, Vergangenheit. Aber beide lieben Russland, seine Kultur und seine Menschen. Und sie sch&auml;tzen sich gegenseitig. Aus ihren gegens&auml;tzlichen Ansichten in vielen Punkten machen sie keinen Hehl. Also nahmen sie sich vor, unabh&auml;ngig voneinander ihr Russlandbild zu beschreiben oder um es in den Worten der Autoren auszudr&uuml;cken, <em>&bdquo;den granitharten Berg &sbquo;Russland&lsquo; den jeweiligen Positionen entsprechend von entgegengesetzten Seiten zu durchbohren, selbst auf die Gefahr hin, uns nicht in der Mitte zu treffen.&ldquo;<\/em> &ndash; Schauen wir uns an, wie weit die beiden Tunnelbauer bei ihrem gemeinsamen Projekt gekommen sind!<\/p><p>Ein genauerer Blick zeigt, dass es sich hier eigentlich um zwei in Stil und Ansatz sehr verschiedene B&uuml;cher handelt, die von der Lektorin a posteriori auseinandergeschnitten und so ineinander verschachtelt wurden, dass nun der Journalist und der Schriftsteller kapitelweise einander abwechseln. Pleitgens Buch im Buch basiert in erster Linie auf seinen Erfahrungen als Korrespondent Anfang der Siebziger Jahre in Moskau, sp&auml;ter (1977-1982) in Ostberlin, Washington und New York (1982-1988) und dann gegen Ende der Gorbatschow-&Auml;ra wieder in Moskau. Schischkin dagegen malt ein Panorama &uuml;ber mehr als tausend Jahre russischer Gesellschaftsgeschichte von den Anf&auml;ngen im neunten Jahrhundert bis hin zu Szenarien f&uuml;r eine kommende Post-Putin-Zeit, wobei er immer wieder auch auf die eigene Familien- und Lebensgeschichte rekurriert. <\/p><p><strong>Der Journalist<\/strong><\/p><p>Der Verfasser dieser Rezension gesteht, dass er als Kind des Kalten Krieges sich zun&auml;chst auf die Kapitel Pleitgens gest&uuml;rzt und dessen Memoiren als Moskaukorrespondent bis hin zu seiner Einsch&auml;tzung der gegenw&auml;rtig v&ouml;llig verfahrenen russisch-westlichen Beziehungen in einem Rutsch verschlungen hat. Pleitgen ist ein Ost-West-Zeitzeuge par excellence. Er war der erste Westkorrespondent, der mit Leonid Breschnew ein Interview f&uuml;hrte. Er war in Reykjavik, als es beim zweiten Gipfeltreffen zwischen Michail Gorbatschow und Ronald Reagan im Oktober 1986 zu einer ersten, damals noch tempor&auml;ren Ann&auml;herung in Sachen &sbquo;nukleare Abr&uuml;stung&lsquo; kam. Er interviewte Reagan im Vorfeld seines Bitburgbesuches 1985 und er war im Journalistenteam, als im Juli 1990 in Schelesnowodsk im Nordkaukasus &ndash; die ber&uuml;hmte Strickjackenszene! &ndash; der Durchbruch f&uuml;r die Deutsche Einheit gelang. Und Pleitgen war der letzte Journalist, der Michail Gorbatschow noch als Pr&auml;sident der Sowjetunion unmittelbar vor dessen Abdankung interviewte.<\/p><p>Es ist ein faszinierendes Panorama, das Pleitgen entfaltet: Die gegens&auml;tzlichen hermetisch abgeriegelten Welten beider Machtbl&ouml;cke, die Stagnation der Breschnew-&Auml;ra, erste vorsichtige Entspannungsschritte auf beiden Seiten, der Sowjetalltag, Kontakte mit Schriftstellern, K&uuml;nstlern und Dissidenten sehr unterschiedlicher Couleur, die m&uuml;hsame, aber Schritt f&uuml;r Schritt erfolgreiche Pionierarbeit beim Aufbau eines Korrespondentenb&uuml;ros &ndash; all diese Puzzlest&uuml;cke lassen in der Retrospektive nochmals die Welt des Kalten Krieges und das Leben in der Sowjetgesellschaft auferstehen. Und sie demonstrieren nebenbei anschaulich, wie sehr sich das heutige Russland &ndash; man mag von Putins autokratischem F&uuml;hrungsstil halten, was man will &ndash; von der ehemaligen Sowjetunion unterscheidet.<\/p><p>Pleitgen bleibt bei seinen Korrespondentenmemoiren, die eigentlich mit dem Zerfall der Sowjetunion enden m&uuml;ssten, nicht stehen. Er erz&auml;hlt aus seiner Perspektive die Geschichte der Ost-West-Beziehungen bis zur Gegenwart. Aus seiner tiefen Entt&auml;uschung &uuml;ber die verpassten Chancen seit dem Ende des Kalten Krieges, als f&uuml;r einen kurzen Moment lang Immanuel Kants Idee vom &bdquo;Ewigen Frieden&ldquo; und Gorbatschows Vision vom &bdquo;Gemeinsamen europ&auml;ischen Haus&ldquo; wahrzuwerden schienen, macht er keinen Hehl. Auch wenn er die Ereignisse um die Krim als Annexion bezeichnet, Russland einen Hybridkrieg in der Ostukraine vorwirft und in diesem Zusammenhang von doppeltem V&ouml;lkerrechtsbruch spricht, macht er f&uuml;r das gegenw&auml;rtig katastrophale Verh&auml;ltnis explizit <em>&bdquo;mehr den Westen als Russland verantwortlich&ldquo;<\/em> und zitiert in diesem Zusammenhang den legend&auml;ren amerikanischen Russlandkenner George F. Kennan: <em>&bdquo;Jeder Fehler ist das Produkt vorheriger Fehler.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Als Hauptfehler des Westens benennt Pleitgen als erstes die NATO-Osterweiterung, die er ohne Wenn und Aber auf das Streben der &ndash; mit dem Ende des Kalten Krieges in eine schwere Krise geratenen &ndash; amerikanischen R&uuml;stungsindustrie nach neuen lukrativen Auftr&auml;gen zur&uuml;ckf&uuml;hrt: <em>&bdquo;Der Westen nutzte die Schw&auml;che Russlands rigoros aus. Russische Sicherheitsinteressen fanden keine Beachtung.&ldquo;<\/em> Als zweites wirft Pleitgen dem Westen vor, 2013 die EU-Bindung der Ukraine nicht in ein europ&auml;isches Abkommen eingebettet zu haben, das Russland in eine Sicherheits- und Wirtschaftspartnerschaft mit der Europ&auml;ischen Union eingebunden habe. Die milit&auml;rische und emotionale Bedeutung des Marinest&uuml;tzpunkts Sewastopol f&uuml;r Russland habe der Westen beharrlich ignoriert. Pleitgen: <em>&bdquo;Russland wurde behandelt wie ein missg&uuml;nstiger St&ouml;renfried. Putin wurde mit seinen Anliegen abgewiesen. Die EU walzte &uuml;ber alle Warnzeichen hinweg.&ldquo;<\/em><\/p><p>Pleitgen, &uuml;ber den mal jemand sagte, ohne ihn wirke der Rote Platz ziemlich leer, schreibt so, wie man ihn als ARD-Korrespondenten noch im Ged&auml;chtnis hat: Abgewogen, sachlich, mit leichtem Hang zum Understatement, bisweilen nicht ohne trockenen Humor. Seine n&uuml;chterne, gleichwohl tiefe, aber niemals blinde Zuneigung zu Russland und seinen Menschen schwingt in jedem Satz mit.<\/p><p><strong>Der Schriftsteller<\/strong><\/p><p>Das Bild, das Michail Schischkin &uuml;ber elf Jahrhunderte russischer Geschichte malt, ist dagegen durchgehend d&uuml;ster und bedr&uuml;ckend. Russland, so beschreibt es der Schriftsteller zw&ouml;lf Kapitel lang in zahllosen Variationen, war von damals bis heute &ndash; bis auf ganz wenige, historisch nicht ins Gewicht fallende kurze Phasen &ndash; unter wechselnden Machthabern und Gesellschaftssystemen nahezu immer ein Ort der Despotie, in dem Angst, L&uuml;ge und Staatswillk&uuml;r herrschten und die als Geiseln genommenen, lethargisch ihr Dasein fristenden Untertanen im Zweifelsfalle die Sicherheit ihres k&uuml;mmerlichen Lebens dem Risiko individueller Freiheit vorzogen. Durch die Wahl der Orthodoxie zur Staatsreligion habe das vom Westen abgekoppelte Russland an dessen entscheidenden geistigen und gesellschaftlichen Umbr&uuml;chen wie Reformation und Aufkl&auml;rung nicht partizipiert.<\/p><p>Schischkin sinniert in endlosen Spiralenschleifen &uuml;ber die Mechanismen der Macht und der Anpassung in Russland. Und da ja f&uuml;r ihn sich &uuml;ber Jahrhunderte hinweg in der Tiefenstruktur Russlands doch nichts &auml;nderte, spricht Schischkin konsequenterweise ein ganzes Buch lang durchg&auml;ngig vom &bdquo;Moskauer Ulus&ldquo; (Ulus: Provinz des mongolischen Reiches; L.E.) und vom &bdquo;Russischen Gro&szlig;chan&ldquo; &ndash; unabh&auml;ngig davon, ob damit aktuell nun die Zaren, Lenin, Stalin, Gorbatschow, Jelzin oder Putin gemeint sind. <\/p><p>Schischkins Text ist von einer Bitternis durchzogen, die vermutlich auch durch Familientraumata mitmotiviert ist. So erw&auml;hnt der Schriftsteller mehrfach seinen Gro&szlig;vater v&auml;terlicherseits, der, 1930 als Opfer der Stalinschen Zwangskollektivierung verhaftet, in einem sibirischen Arbeitslager starb. Schischkins Bruder war unter Andropow aus politischen Gr&uuml;nden mehrere Jahre in einem Straflager interniert.<\/p><p>Je weiter es in die Gegenwart geht, desto mehr st&ouml;rt allerdings unangenehm, dass Schischkin den Anteil des Westens an der Eskalationsdynamik der letzten Jahre und Jahrzehnte v&ouml;llig ausblendet. &Uuml;berhaupt scheint der Westen f&uuml;r ihn ein reiner Hort garantierter b&uuml;rgerlicher Freiheiten bar jeglicher geopolitischer Interessen zu sein. Und bisweilen m&ouml;chte man dem Schriftsteller vehement widersprechen, wenn er im &Uuml;berschwang der Gef&uuml;hle Behauptungen aufstellt, die definitiv nicht den Tatsachen entsprechen. So spricht er beispielsweise vom <em>&bdquo;&Uuml;berfall auf Georgien 2008&ldquo;<\/em>; die nun zu Russland geh&ouml;rende Krim mutiert f&uuml;r ihn <em>&bdquo;von einem bunten Ferienort zu einem grauen Fleck, wo weder aus Russland noch aus der Ukraine jemand hinfahren will&ldquo;<\/em>; vom Westen beeinflusste &sbquo;bunte Revolutionen&lsquo; existieren f&uuml;r ihn nur im Kopf der um ihre Macht und Privilegien zitternden Moskauer Machthaber; er beklagt, dass die westliche Bereitschaft, <em>&bdquo;f&uuml;r Donezk Opfer zu bringen, in Deutschland eher gering ausgepr&auml;gt&ldquo;<\/em> sei, w&auml;hrend auf dem Maidan <em>&bdquo;106 Frauen und M&auml;nner ihr Leben f&uuml;r dieses Europa<\/em> (gemeint ist die Europ&auml;ische Union; L.E.) <em>geopfert&ldquo;<\/em> h&auml;tten; &uuml;berhaupt ist der Westen feige <em>&bdquo;und wird sich immer zur&uuml;ckziehen.&ldquo;<\/em> Zum Schluss malt Schischkin gar apokalyptische Szenarien eines sich aufl&ouml;senden Russlands in der kommenden Post-Putin-&Auml;ra. Dass er schlie&szlig;lich doch noch Hoffnungen in die russische Jugend setzt, wirkt auf dem Hintergrund seiner vorausgegangenen Ausf&uuml;hrungen wenig plausibel.<\/p><p>Schischkins Lekt&uuml;re macht auf Dauer depressiv. Regelm&auml;&szlig;ig atmet man am Ende eines Kapitels erleichtert auf, wenn man wieder in die n&uuml;chtern-abgewogene Welt Pleitgens eintauchen kann. Und man wird bisweilen den Eindruck nicht los, dass Schischkins kompromissloser Rigorismus Pleitgen in Inhalt und Gestus eigentlich an Andrej Sacharow erinnern m&uuml;sste, der, laut Pleitgen, f&uuml;r Entspannungspolitik wenig bis nichts &uuml;brig hatte und vehement f&uuml;r H&auml;rte des Westens gegen&uuml;ber der Sowjetunion pl&auml;dierte.<\/p><p><strong>Bilanz<\/strong><\/p><p>Wie weit sind nun die beiden Tunnelbauer gekommen?<\/p><p>Beide Autoren hatten beschlossen, ihre Texte unabh&auml;ngig voneinander zu verfassen. Das garantierte einerseits beiden maximale Freiheit, f&uuml;hrt allerdings auch dazu, dass das erkennbar angestrebte Konzept der Perspektivenvielfalt nicht richtig aufgeht. Denn dazu h&auml;tte man sich auf eine Reihe von Teilaspekten einigen m&uuml;ssen, die dann kapitelweise von der einen wie der anderen Seite beleuchtet worden w&auml;ren. So muss man sich diese Teilaspekte &ndash; deutlich wird das beispielsweise bei den unterschiedlichen Einsch&auml;tzungen der NATO-Osterweiterung &ndash; m&uuml;hsam aus den beiden B&uuml;chern im Buch zusammensuchen.<\/p><p>Da es also nie derselbe Gegenstand ist, auf den die Autoren sich abwechselnd beziehen, dr&auml;ngt sich zwangsl&auml;ufig der Eindruck auf, dass beide aneinander vorbeireden. Und das tun sie denn auch. Realiter sind es zwei Monologe, die hier nebeneinanderher gef&uuml;hrt werden. <\/p><p>Es sieht daher alles danach aus, als h&auml;tten die beiden sich nicht in der Mitte des &sbquo;granitharten Berges&lsquo; getroffen. Daf&uuml;r liegen ihre Einsch&auml;tzungen viel zu weit auseinander. Das allerdings ist keine Katastrophe. Denn wie es aussieht, bleiben die Autoren in freundschaftlich streitbarem Kontakt. <\/p><p>Und das ist in diesen angespannten Zeiten schon eine ganze Menge!<\/p><p><em>Fritz Pleitgen, Michail Schischkin: &bdquo;Frieden oder Krieg. Russland und der Westen &ndash; Eine Ann&auml;herung&ldquo;. Ludwig Verlag, M&uuml;nchen 2019, 20.- &euro;<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Ohne ihn s&auml;he der Rote Platz ziemlich leer aus&ldquo;, schrieb mal jemand &uuml;ber den Pionier der ARD-Berichterstattung aus Moskau, den am 15. September verstorbenen Fritz Pleitgen. Journalisten wie ihn wird es nicht mehr geben! Hier, ihn zu ehren, der Reprint einer Rezension seines vorletzten Buches, das den bezeichnenden Titel &bdquo;Frieden oder Krieg&ldquo; tr&auml;gt. 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