{"id":88204,"date":"2022-09-25T11:45:34","date_gmt":"2022-09-25T09:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88204"},"modified":"2022-09-25T14:21:09","modified_gmt":"2022-09-25T12:21:09","slug":"von-der-geissel-gottes-zum-killer-narrativ-militaerischer-fortschritt-im-cyberspace","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88204","title":{"rendered":"Von der Gei\u00dfel Gottes zum Killer-Narrativ &#8211; Milit\u00e4rischer Fortschritt im Cyberspace"},"content":{"rendered":"<p>Als schlimmste Bedrohung Europas ging der Hunnenk&ouml;nig Attila im 6. Jahrhundert in die Geschichte ein. Die Opfer seiner Raubz&uuml;ge in Germanien, Italien und Gallien nannten ihn deshalb die Gei&szlig;el Gottes. Vermutlich viel pers&ouml;nlicher als Attila sah sich sechshundert Jahre sp&auml;ter Dschingis Khan als gottgesandter Eroberer, der das von ihm geschaffene Mongolenreich von Osteuropa bis China ausdehnte. Als er 1220 Buchara erobert hatte, soll er den in einer Moschee versammelten Honoratioren gesagt haben, dass er als Strafe Gottes f&uuml;r ihre S&uuml;nden gekommen sei. Von Dr. <strong>Wolfgang Sachsenr&ouml;der<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Stadt wurde gepl&uuml;ndert und Tausende ermordet. Historiker sch&auml;tzen die Gesamtzahl der Todesopfer w&auml;hrend seiner Herrschaft auf &uuml;ber drei&szlig;ig Millionen. Seine Eroberungen wurden durch &uuml;berlegene Waffentechnik und ausgefeilte Taktik, ein blitzschnelles Kommunikationssystem mit Reiterstafetten, effiziente Spionagenetze, aber vor allem durch gnadenlosen Terror so erfolgreich. Es gab nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Tod, schlie&szlig;lich bedeutete der Name Dschingis Khan so viel wie universaler Herrscher, so wie der Beiname des mongolischen Hauptgottes Koke Mongke Tengri, als dessen Stellvertreter auf Erden sich Dschingis Khan w&auml;hnte.   <\/p><p>Im Internet kursierend, aber historisch wohl nicht belegbar ist eine Erkenntnis, die Dschingis Khan zugeschrieben wird, dass n&auml;mlich Terror und Abschreckung nicht allein durch die Kriegerkaste gew&auml;hrleistet seien, sondern durch die Feder von Gelehrten und Schreibern verbreitet werden m&uuml;ssten. Das scheint uns heute selbstverst&auml;ndlich, denn an nationale Mythen, Feindbilder, Kriegspropaganda und psychologische Kriegsf&uuml;hrung sowie deren mediale Verbreitung sind wir gew&ouml;hnt wie kaum eine Generation vor uns. Wirtschaftskriege sind normal geworden und Sanktionen werden als erfolgreiche Waffe gefeiert, obwohl ihre Wirkung meist &uuml;bersch&auml;tzt wird. Russland soll f&uuml;r den &Uuml;berfall auf die Ukraine bestraft werden, stellt aber im Gegenzug die Gas- und &Ouml;llieferungen ein. <\/p><p>Im neuen Zeitalter der kommerziellen Narrative, der Chatbots und Troll Factories hat sich inzwischen aber noch eine Steigerung angebahnt, die fatal an Dschingis Khan und seine mongolischen Intellektuellen erinnert, n&auml;mlich die Entwicklung von &bdquo;weaponized narratives&ldquo;. In Deutschland ist der Begriff Narrativ erst in den letzten Jahren in die Medien und den politischen Sprachgebrauch gelangt, wird aber noch weitgehend undifferenziert verwendet. Psychologie und Sozialwissenschaften sind inzwischen deutlich weiter, seit der franz&ouml;sische Philosoph Roland Barthes und andere Sozialwissenschaftler Narrative seit den 1970er Jahren als eine komplexe Botschaft definiert haben, die die Realit&auml;t strukturiert und Meinungen in der Gesellschaft ver&auml;ndert oder manipuliert. Damit wurde das Narrativ zu einem politischen Instrument, das auch von Aktivisten aller Schattierungen benutzt werden kann. Die exponentielle Verbreiterung der Informationskan&auml;le durch soziale Netzwerke und andere elektronische Verbreitungswege hat dabei die Macht der traditionellen Medien eingeschr&auml;nkt und einen gesellschaftlichen Konsens erschwert oder fast schon unm&ouml;glich gemacht. <\/p><p>Vielleicht die noch viel gr&ouml;&szlig;ere Neuerung entwickelt sich gerade in der milit&auml;rischen Nutzung der Narrative, dem theoretischen und praktischen Ausbau von strategischen und als Waffe einsatzf&auml;higen Narrativen oder &bdquo;weaponized narratives&ldquo;. Im Deutschen fehlt bisher noch eine griffige &Uuml;bersetzung, vielleicht kommt &bdquo;Killer-Narrative&ldquo; der Bedeutung am n&auml;chsten. In den USA wird jetzt daran gearbeitet, die bisher bekannten Propagandamethoden, die seit dem Ersten Weltkrieg mit den inzwischen stark verfeinerten Mitteln der Public-Relations-Industrie schon erheblich verbessert worden sind, durch solche waffenf&auml;higen Narrative zu erg&auml;nzen. <\/p><p>Dschingis Khan, dem schon damals das effizienteste milit&auml;rische Instrumentarium zur Verf&uuml;gung stand und der trotzdem noch seine Schreiber und Gelehrten an den Kriegen beteiligen wollte, k&ouml;nnte vielleicht &uuml;ber das fortgeschrittene Forschungsprojekt schmunzeln, das 2015 an der Arizona State University eingerichtet wurde. Denn es geht genau um die Beteiligung einer interdisziplin&auml;ren Gruppe von Wissenschaftlern an der intellektuellen Vorbereitung auf k&uuml;nftige milit&auml;rische Auseinandersetzungen, im Idealfall aber auch  auf deren Vermeidung. Durch Narrative, die den Gegner desinformieren, verwirren und mental schw&auml;chen, k&ouml;nnte dann eventuell sogar eine konventionelle kinetische Kriegf&uuml;hrung vermieden und zivile Opfer verhindert werden. Eine entscheidende Schw&auml;chung und Demoralisierung des Gegners durch Killer-Narrative ist zudem erheblich kosteng&uuml;nstiger. Soweit der positive Ansatz. <\/p><p>Den Ansto&szlig; f&uuml;r das Projekt unter dem Namen &bdquo;Weaponized Narrative Initiative&ldquo; oder WNI gab aber eher die Furcht vor einem Entwicklungsvorsprung Russlands auf diesem Gebiet, nachdem Hillary Clinton ihre Wahlniederlage gegen Donald Trump russischen Manipulationen zugeschrieben hatte. Wahlentscheidende Eingriffe durch Desinformationen und Datenspionage, wie die Hilfe der britischen Consulting- und Software-Firma Cambridge Analytica bei Donald Trumps Wahlkampagne und der Vorbereitung des Brexits, sind ein interessantes Nebenthema, haben aber den Ansatz von WNI, der weit dar&uuml;ber hinausgeht, mit ausgel&ouml;st. WNI erkl&auml;rt dazu, dass auch wenn die konventionelle milit&auml;rische St&auml;rke weiterhin f&uuml;r die Position der USA als dominierende Supermacht entscheidend sei, die konventionelle milit&auml;rische &Uuml;berlegenheit durch Raketen, Tarnkappenbomber oder elit&auml;re Spezialeinheiten nicht mehr als Antwort ausreichen w&uuml;rde. Das Projekt m&uuml;sse die USA auch auf dem Gebiet der Narrative wieder zum Spitzenreiter machen und daf&uuml;r sorgen, dass entsprechende Angriffe feindlicher M&auml;chte rechtzeitig erkannt und erfolgreich abgewehrt werden k&ouml;nnen. Das Land befinde sich in der ungewohnten Situation, dass es gegen&uuml;ber Russland im R&uuml;ckstand sei und deshalb alles daransetzen m&uuml;sse, so schnell wie m&ouml;glich aufzuholen und zu &uuml;berholen. <\/p><p>Den Initiatoren des Projekts, dem &bdquo;Center on the Future of War&ldquo; und dem von der Ford-, Rockefeller, Bill and Melinda Gates Foundation und einer Reihe weiterer Stiftungen mit Millionenbetr&auml;gen finanzierten Thinktank &bdquo;New America&ldquo; in Washington, fiel es nicht schwer, f&uuml;r ein derart patriotisches Projekt ausreichende F&ouml;rdermittel zur Verf&uuml;gung zu stellen. New America allein kann sich auf eine lange Liste von Millionenspenden verlassen, viele mit Laufzeiten &uuml;ber mehrere Jahre. Wie weit das WNI-Projekt in Arizona Teil einer erfolgreichen Projektfinanzierung der Universit&auml;t ist oder eine unmittelbare Zusammenarbeit mit dem Pentagon und spezialisierten Armee-Einheiten einschlie&szlig;t, wird naturgem&auml;&szlig; nicht auf der Webseite des Instituts preisgegeben. <\/p><p>Unter deren neuesten Beitr&auml;gen, meist Forschungspapiere, Interviews und Veranstaltungshinweise, findet sich die Einsch&auml;tzung eines Professors, wie die Ukraine im  Informationskrieg Russland mit dessen eigenen Methoden geschlagen hat. W&auml;hrend Russland nun als ruchloser Kriegsverbrecher dastehe, habe die ukrainische Informationskampagne den Westen &uuml;berzeugt, dass das Land f&uuml;r Freiheit und Demokratie k&auml;mpfe, auch stellvertretend f&uuml;r weitere L&auml;nder, und deshalb jede Unterst&uuml;tzung und massive Waffenlieferungen verdiene. Das ist keine bahnbrechende, neue Erkenntnis, k&ouml;nnte allerdings auch einen Hinweis geben, wieso Pr&auml;sident Selensky und seine Mitarbeiter das Narrativ-Klavier derart virtuos bespielen. <\/p><p>Die Aufr&uuml;stung der ukrainischen Armee begann bekanntlich schon 2014 nach der Krim-Annexion und k&ouml;nnte durchaus durch eine begleitende Beratung und Schulung &uuml;ber den Einsatz von Narrativen erg&auml;nzt worden sein. Eine Reihe von Schl&uuml;sselbegriffen und Formulierungen, die auch in den westlichen Medien st&auml;ndig benutzt werden, deuten auf eine professionelle und gut koordinierte Informationspolitik hin, etwa unprovozierter &Uuml;berfall, friedliebender Nachbarstaat, Beschuss von Schulen und Krankenh&auml;usern, kaltbl&uuml;tiger Mord an unschuldigen Frauen und Kindern, herbe Verluste der Russen, fehlende Kampfmoral der russischen Soldaten, die &uuml;ber den Zweck ihres Einsatzes nicht informiert waren, die Reihe ist lang.  <\/p><p>Abgesehen vom aktuellen Ukrainekrieg und seinen speziellen Narrativen zeichnen sich auf dem Gebiet der strategischen Manipulation von Gruppen und Gesellschaften weitere Entwicklungen ab. Psychologische Konditionierung und Marketingmethoden werden zunehmend verfeinert, im Bereich der milit&auml;rischen Ausbildung sind dabei ganz erhebliche Innovationen zu verzeichnen. In seinem 1995 erschienenen Buch &bdquo;On Killing&ldquo; beschreibt der ehemalige Oberstleutnant, Dozent an einer Milit&auml;rakademie und Psychologe Dave Grossman eindringlich, wie die US-Armee mit Methoden der Konditionierungspioniere Pavlov und Skinner die Rekrutenausbildung revolutioniert hat. W&auml;hrend im 2. Weltkrieg die nat&uuml;rliche T&ouml;tungshemmung noch sehr hoch war, seien besonders im Vietnamkrieg bei der &bdquo;Desensibilisierung&ldquo; der Soldaten erhebliche Fortschritte gemacht und die Abschussraten von 20 auf 90 Prozent erh&ouml;ht worden. <\/p><p>Zu den vielen Facetten der Desensibilisierung und Aggressionssteigerung geh&ouml;ren vor allem Befehlsgehorsam, Schie&szlig;&uuml;bungen mit virtuellen menschlichen Silhouetten, Entmenschlichung des Gegners und Vergr&ouml;&szlig;erung der psychologischen Distanz durch weittragende Waffen. Raketen Abschie&szlig;en oder Bomben Abwerfen ist f&uuml;r den Soldaten emotional leichter als ein Nahkampf Auge in Auge mit einem Menschen, den man nicht kennt. Auf der Basis dieser erfolgreichen  Weiterentwicklung wird nun an einem innovativen Instrumentarium gearbeitet, wie der Gegner mit Hilfe von Killer-Narrativen  demoralisiert und sein Kampfeswille gebrochen werden kann. Strategische Killer-Narrative manipulieren die Art, wie Informationen eingeordnet und verstanden werden. Es geht nicht mehr um simple Desinformation, sondern ein manipuliertes Verst&auml;ndnis von Informationen und die daraus folgenden Entscheidungen und Aktivit&auml;ten, nat&uuml;rlich prim&auml;r in milit&auml;rischen Auseinandersetzungen. Der Ukrainekrieg scheint nicht nur auf dem Gebiet der Waffentechnik, sondern auch bei den Killer-Narrativen ein geeignetes Versuchslabor zu sein, um die wahre St&auml;rke des russischen Milit&auml;rs zu testen und gleichzeitig, wie Verteidigungsminister Lloyd Austin offen ank&uuml;ndigte, Russland entscheidend zu schw&auml;chen. <\/p><p>Bei der Entwicklung der Killer-Narrative spielen die neuesten Erkenntnisse von Psychologie und Psychiatrie eine entscheidende Rolle sowie die bereits daraus abgeleiteten Tricks der Werbeindustrie. Die Manipulierbarkeit unserer Rationalit&auml;t und Emotionalit&auml;t, ob f&uuml;r den einzelnen Menschen oder vielmehr f&uuml;r Gruppen aller Gr&ouml;&szlig;enordnungen, ist ausreichend erforscht und reicht bis in die Tiefen von Massenwahn und Gruppenselbstmord hinab. Daf&uuml;r, dass die Grenze zu drogeninduzierten halluzinogenen Rauschzust&auml;nden durch aggressive Narrative &uuml;berwunden werden kann, gibt es gen&uuml;gend historische Belege, von den Bu&szlig;predigten eines Savonarola im Florenz des 15. Jahrhunderts bis zu Hitlers Magie am Rednerpult und Josef Goebbels mit seiner ber&uuml;chtigten Sportpalastrede. Aber darauf zu hoffen, dass mit Hilfe von Narrativen kinetische Kriege in absehbarer Zukunft vermieden werden k&ouml;nnten, w&auml;re vermutlich zu optimistisch. <\/p><p>Singapur, 11.9.2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als schlimmste Bedrohung Europas ging der Hunnenk&ouml;nig Attila im 6. Jahrhundert in die Geschichte ein. Die Opfer seiner Raubz&uuml;ge in Germanien, Italien und Gallien nannten ihn deshalb die Gei&szlig;el Gottes. 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