{"id":88321,"date":"2022-09-22T09:00:58","date_gmt":"2022-09-22T07:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88321"},"modified":"2022-09-22T10:12:48","modified_gmt":"2022-09-22T08:12:48","slug":"montagsdemo-in-leipzig-und-wie-der-mdr-einen-fotografen-aus-der-neonazi-szene-erfand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88321","title":{"rendered":"\u201eAus der Neonazi-Szene\u201c \u2013 Eine Falschmeldung des MDR und was der Umgang damit \u00fcber den Zustand des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks aussagt"},"content":{"rendered":"<p>Am 5. September fanden in Leipzig mehrere Demonstrationen gegen die steigenden Energie- sowie Lebensmittelpreise und die damit einhergehenden massiven sozialen Verwerfungen statt. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtete unter anderem in einem Live-Ticker dar&uuml;ber und verbreitete in diesem Zusammenhang eine nachweisliche Falschmeldung. Die Art und Weise, wie die Rundfunkanstalt mit dieser Fake News bis heute umgeht, wirft ein bezeichnendes Licht auf Arbeitsweise und Selbstverst&auml;ndnis bei diesem ARD-Ableger. Von <strong>Florian Warweg<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_212\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-88321-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220921_Montagsdemo_in_Leipzig_und_wie_der_MDR_einen_Fotografen_aus_der_Neonazi_Szene_erfand_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220921_Montagsdemo_in_Leipzig_und_wie_der_MDR_einen_Fotografen_aus_der_Neonazi_Szene_erfand_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220921_Montagsdemo_in_Leipzig_und_wie_der_MDR_einen_Fotografen_aus_der_Neonazi_Szene_erfand_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220921_Montagsdemo_in_Leipzig_und_wie_der_MDR_einen_Fotografen_aus_der_Neonazi_Szene_erfand_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=88321-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220921_Montagsdemo_in_Leipzig_und_wie_der_MDR_einen_Fotografen_aus_der_Neonazi_Szene_erfand_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220921_Montagsdemo_in_Leipzig_und_wie_der_MDR_einen_Fotografen_aus_der_Neonazi_Szene_erfand_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Unter dem Motto &bdquo;Hei&szlig;er Herbst gegen die soziale K&auml;lte&ldquo; hatte am Montag, den 5. September, DIE LINKE ihre Demonstration in Leipzig angemeldet, daneben gab es noch sechs weitere Kundgebungen, unter anderem auch von den &bdquo;Freien Sachsen&ldquo; sowie der AfD. Dutzende Journalisten berichteten in verschiedensten Formaten &uuml;ber diese als Beginn eines &bdquo;hei&szlig;en Herbstes&ldquo; angek&uuml;ndigten Kundgebungen und Protestz&uuml;ge. Besonders intensiv deckte dies der MDR ab, der mit zahlreichen Reportern vor Ort war.<\/p><p>Um 18:27 Uhr war im extra f&uuml;r die Demo-Berichterstattung angelegten <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/sachsen\/leipzig\/leipzig-leipzig-land\/ticker-proteste-links-rechts-energiepreise-lebensmittel-heisser-herbst-100.html\">Live-Ticker<\/a> des MDR unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Kurzer Zwischenfall auf dem Augustusplatz&ldquo; folgender Eintrag zu lesen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wie ein MDR-Reporter berichtet, gab es auf dem Augustusplatz eine kurze Schl&auml;gerei. Grund sei gewesen, dass ein Fotograf aus der Neonazi-Szene innerhalb linker Demonstrierender entdeckt worden sei. Die Polizei sei dazwischen gegangen &ndash; aber in Unterzahl gewesen. Die Lage habe sich wieder beruhigt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Bei dem laut MDR &bdquo;Fotografen aus der Neonazi-Szene&ldquo; handelte es sich um den Journalisten Jens Zimmer, der f&uuml;r das Medienprojekt <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/c\/InfraRotSichtinsDunkel\">&bdquo;Infrarot &ndash; Sicht ins Dunkel&ldquo;<\/a> in Form eines Livestreams &uuml;ber die verschiedenen Kundgebungen in Leipzig berichtete. Zimmer ist Deutsch-T&uuml;rke, ordnet sich selbst als links ein und war zum Beispiel jahrelang Stammgast im legend&auml;ren <a href=\"http:\/\/www.coopcafeberlin.de\">&bdquo;Coop Anti-War Caf&eacute;&ldquo;<\/a>, einem bekannten Treffpunkt in Berlin f&uuml;r internationalistische Linke und die Friedensbewegung. Au&szlig;er der Tatsache, dass Jens Zimmer derzeit kurz geschnittene Haare tr&auml;gt, gibt es keinerlei faktische Grundlage f&uuml;r die Einordnung des MDR als &bdquo;aus der Neonazi-Szene stammend&ldquo;. Doch dies ist nicht die einzige Ungereimtheit in der Darstellung des MDR.<\/p><p>Der Vorfall, &uuml;ber den der MDR berichtet, ist unter anderem in diesem Video festgehalten oder <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=F1g7FCDz3_s&amp;t=414s\">auch hier ab Minute 05:00<\/a> im archivierten Livestream einsehbar. <\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/9DREy8K2EAM\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p>Wie man in dem Video erkennen kann, gehen die Angriffe und Handgreiflichkeiten gegen den Pressevertreter einseitig von den selbsternannten &bdquo;Antifa&ldquo;-Vertretern aus. In keiner der Sequenzen sieht man Jens Zimmer zur&uuml;ckschlagen oder -treten. Das f&uuml;hrt zur Frage, auf welcher Basis der MDR-Reporter von &bdquo;Schl&auml;gerei&ldquo; spricht, denn dieser Begriff impliziert eine aktive gegenseitige k&ouml;rperliche Auseinandersetzung zwischen den involvierten Parteien. <\/p><p>Diese Aspekte wollte auch der betroffene Journalist beantwortet bekommen und wandte sich umgehend an den MDR mit folgenden Fragen: <\/p><ol>\n<li>Hat der Fotograf mit dem angegriffenen &bdquo;Fotografen aus der Neonazi-Szene Kontakt aufgenommen? Falls nein, warum nicht? Woher die Zuordnung &bdquo;Neonazi&ldquo;?<\/li>\n<li>Wie definieren der anwesende Reporter und der MDR den Begriff &bdquo;Schl&auml;gerei&ldquo;? Zur Erl&auml;uterung: Ist der Angriff einer mit Kn&uuml;ppeln bewaffneten Gruppe auf einen Pressevertreter, der nicht zur&uuml;ckschl&auml;gt und schlussendlich von der Polizei gesch&uuml;tzt wird, laut Definition des MDR eine &bdquo;Schl&auml;gerei&ldquo;? <\/li>\n<li>War das den Vorgang filmende Kamerateam vom MDR?<\/li>\n<li>Ist oder war der MDR anderweitig im Besitz von Aufnahmen von dem Vorfall? <\/li>\n<\/ol><p>Der MDR lie&szlig; einige Zeit ins Land gehen, beantwortete die Fragen dann aber zumindest teilweise. Den NachDenkSeiten liegt die Antwortmail des MDR vor, die wir hier ungek&uuml;rzt wiedergeben (Hervorhebungen durch NachDenkSeiten):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sehr geehrter Herr Z.,<\/p>\n<p>vielen Dank f&uuml;r Ihre Anfrage und Ihre Geduld. Anbei finden Sie unsere Antwort. Bei Bedarf zitieren Sie bitte einen Sprecher des MDR.<\/p>\n<p>&bdquo;Der MDR hat das sehr dynamische Demonstrationsgeschehen in Ticker-Form abgebildet. Dabei haben wir die unmittelbare Wahrnehmung der Au&szlig;enreporter\/innen wiedergegeben. Es liegt in der Natur der Sache, dass die einzelnen Sachverhalte nicht detailliert ausrecherchiert sind. Au&szlig;erdem erfordert ein Live-Nachrichtenticker eine textliche Verk&uuml;rzung.<\/p>\n<p>Die handgreifliche Auseinandersetzung wertete unser Reporter vor Ort als &bdquo;kurze Schl&auml;gerei&ldquo;. Durch wen das Handgemenge ausgel&ouml;st wurde und wer dazu welchen Beitrag geleistet hat, wird nicht gesagt. <strong>Die Zuordnung &bdquo;Fotograf aus der Neonazi-Szene&ldquo; als Tatsachenbehauptung ist nicht belegt, sondern lediglich eine Interpretation des Geschehensablaufes.<\/strong> Hier w&auml;re bei kritischer Betrachtung eine neutrale Darstellung geboten gewesen, auch wenn der MDR in dem Live-Ticker weder Namen genannt noch Fotos oder Videomaterial von dieser Szene ver&ouml;ffentlicht hat. Deshalb war niemand erkennbar. <strong>Dennoch<\/strong> wird der MDR die betreffenden Textpassagen &uuml;berarbeiten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Antwort spricht wohl f&uuml;r sich. Zun&auml;chst die argumentative Nebelkerze, es l&auml;ge &bdquo;in der Natur der Sache&ldquo; eines Tickers, dass Sachverhalte nicht &bdquo;ausrecherchiert&ldquo; werden und es zu &bdquo;textlichen Verk&uuml;rzungen&ldquo; kommt. Wer will dieser Darstellung zun&auml;chst widersprechen? Das stimmt grunds&auml;tzlich ja, kann doch aber nicht ernsthaft eine Rechtfertigung f&uuml;r die Verbreitung von Falschdarstellungen sein. Aber genau in diese Richtung geht dann der weitere Rechtfertigungsdiskurs des MDR: Der Reporter habe &bdquo;lediglich eine Interpretation des Geschehensablaufes (sic!)&ldquo; geliefert. Diese Aussage des MDR muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Eine komplette Absage an faktenbasierten, eigentlich der Neutralit&auml;t verpflichteten Journalismus. Statt eines tatsachenbasierten bietet der MDR einen wahrnehmungsbasierten Live-Ticker und rechtfertigt das auch noch. <\/p><p>An diesem Skandal &auml;ndert auch der aufschlussreiche Alibi-Halbsatz, dass &bdquo;bei kritischer Betrachtung eine neutrale Darstellung geboten gewesen&ldquo; w&auml;re, nichts. Auch diese Aussage steht in ihrer &Uuml;berheblichkeit f&uuml;r sich: Lediglich bei &bdquo;kritischer Betrachtung&ldquo; w&auml;re eine &bdquo;neutrale Darstellung&ldquo; durch den MDR zu w&uuml;nschen gewesen. Gut zu wissen. Es soll ja Zeiten gegeben haben, da war es genereller Anspruch, den Leser und Zuschauer auf Basis neutraler Darstellung zu informieren. Es hat im &Uuml;brigen auch nichts mit neutraler oder nicht-neutraler Darstellung im journalistischen Sinne zu tun, eine Zuordnung wie &bdquo;Neonazi&ldquo; einfach ohne jegliche reale Grundlage zu erfinden, ergo Fake News zu produzieren. <\/p><p>Wie auch Jens Zimmer selbst <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=c3d5HLJWejQ\">ausf&uuml;hrt<\/a>, h&auml;tte schon eine einfache Nachfrage des anwesenden MDR-Au&szlig;enreporters bei ihm gereicht, um die Sachlage aufzukl&auml;ren. Genau das ist eigentlich auch die Aufgabe eines Au&szlig;enreporters, Kl&auml;rung von Sachverhalten durch direktes Gespr&auml;ch mit den Beteiligten. Dies w&auml;re auch in einem &bdquo;dynamischen Demonstrationsgeschehen&ldquo; m&ouml;glich gewesen. Ein Geschehen, welches zu diesem Zeitpunkt, noch vor Beginn der eigentlichen Demonstrationen, zudem noch gar nicht so dynamisch war, wie vom MDR behauptet. <\/p><p>Doch diese Kl&auml;rung geschah nicht. Stattdessen gab es Berichterstattung nach Bauchgef&uuml;hl, die in erwartbarer Konsequenz zur Verbreitung von Fake News f&uuml;hrte. In diesem Zusammenhang l&auml;sst auch der Abschlusssatz in der Antwort des MDR aufhorchen: &bdquo;Dennoch wird der MDR die betreffenden Textpassagen &uuml;berarbeiten&ldquo;. Wie &uuml;berheblich und losgel&ouml;st von einer selbstkritischen Reflexion des eigenen journalistischen Tuns kann man sein, um in diesem Fall von &bdquo;dennoch&ldquo; zu sprechen?<\/p><p>Ebenso aufschlussreich wie die Ausf&uuml;hrungen und Rechtfertigungen des MDR ist die Tatsache, dass der MDR die zwei weiteren Fragen des Journalisten Jens Zimmer, ob der MDR &uuml;ber Bildmaterial des Vorfalls verf&uuml;gt und ob das anwesende Kamerateam vom MDR war, vollst&auml;ndig ignoriert und auch nach mehrmaliger Nachfrage eine Antwort darauf verweigert. &Uuml;ber die Gr&uuml;nde f&uuml;r diese Verweigerungshaltung l&auml;sst sich nur spekulieren &hellip; <\/p><p>Die in der MDR-Mail verk&uuml;ndete &Uuml;berarbeitung &bdquo;der betreffenden Textpassagen&ldquo; sieht &uuml;brigens so aus: <\/p><div class=\"imageWrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220921-Screen1_Ticker_mdr.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220921-Screen1_Ticker_mdr.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Halten wir fest: Ohne jede faktische Grundlage und Verifizierung f&auml;llt der MDR, eine &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, das Urteil &bdquo;Neonazi&ldquo; gegen&uuml;ber einem Journalisten, der dies wie dargelegt nachweislich nicht ist. Der MDR hat also Fakenews verbreitet. Doch statt selbstkritischer Aufarbeitung und Entschuldigung wird eine regelrechte Rechtfertigungsorgie vorgetragen und die nur auf Nachfrage und Druck vorgenommene Korrektur der Falschmeldung als gener&ouml;ses Zugest&auml;ndnis (&bdquo;Dennoch&hellip;&ldquo;) verkauft. Diese sich in der MDR-Antwort manifestierende Arroganz und &Uuml;berzeugung der eigenen (journalistischen) Unfehlbarkeit steht wohl leider exemplarisch f&uuml;r Selbstverst&auml;ndnis und Zustand des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks in diesem Land.<\/p><p>Titelbild: Mo Photography Berlin \/ shutterstock<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87422\">Noch reformierbar? 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