{"id":88428,"date":"2022-09-23T11:00:25","date_gmt":"2022-09-23T09:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88428"},"modified":"2022-09-23T13:35:26","modified_gmt":"2022-09-23T11:35:26","slug":"ich-war-ein-verfolgter-des-ns-regimes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88428","title":{"rendered":"\u201eIch war ein Verfolgter des NS-Regimes\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Konrad Adenauers Narrative zu seinem Aufstieg nach 1945. &bdquo;Ich war ein Verfolgter des NS-Regimes&ldquo; &ndash; mit diesem Narrativ begann Konrad Adenauer seinen Aufstieg als Vorsitzender der neugegr&uuml;ndeten CDU und dann als Bundeskanzler. So verbreitet es auch heute die staatlich subventionierte Konrad-Adenauer-Stiftung. Doch der fr&uuml;hzeitige Mussolini-Fan bekam vom NS-Regime eine hohe Pension, von 1933 bis 1945, konnte seine Einnahmen aus einem Dutzend Aufsichtsr&auml;ten (Deutsche Bank, Lufthansa, RWE, Rheinbraun &hellip;) behalten, konnte sich in Rh&ouml;ndorf ein gro&szlig;es Grundst&uuml;ck kaufen und eine Wohnanlage mit gro&szlig;en Zimmern, Bibliothek, Terrasse, auch wieder mit gro&szlig;em Weinkeller und mit einem noch viel gr&ouml;&szlig;eren Garten bauen lassen, hatte Devisen f&uuml;r Urlaub in der Schweiz, wurde von Goebbels gegen kritische Ver&ouml;ffentlichungen gesch&uuml;tzt, verkehrte mit Industriellen und Bankiers, lehnte jede Anfrage zum Widerstand ab &ndash; von links bis rechts. Von <strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2239\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-88428-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220923-Ich-war-ein-Verfolgter-des-NS-Regimes-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220923-Ich-war-ein-Verfolgter-des-NS-Regimes-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220923-Ich-war-ein-Verfolgter-des-NS-Regimes-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220923-Ich-war-ein-Verfolgter-des-NS-Regimes-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=88428-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220923-Ich-war-ein-Verfolgter-des-NS-Regimes-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220923-Ich-war-ein-Verfolgter-des-NS-Regimes-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nach 1945 trat er sofort in die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes Bund der Antifaschisten (VVN) ein, bevor er sie als Bundeskanzler gnadenlos verfolgen lie&szlig; und selbst zum Verfolger wurde. Er war ein begehrter Aussteller von &bdquo;Persilscheinen&ldquo; f&uuml;r Arisierungsaktivisten wie Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs. Mithilfe eines halbj&auml;hrigen Stipendiums aus dem Corona-Hilfsprogramm des Landes NRW erschloss der K&ouml;lner Publizist Werner R&uuml;gemer daf&uuml;r neue Quellen. Wir ver&ouml;ffentlichen aus dem umfangreichen Text einen kurzen Auszug, den R&uuml;gemer f&uuml;r die Lesung &bdquo;War es einmal? Wahre Geschichten und erfundene Storys. Historisches&ldquo; am 23.9.2022 im Stadtarchiv Bochum verfasste. Der Veranstalter, der Verband der Deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller VS, dessen Mitglied R&uuml;gemer ist, lehnte den Text ab: Er st&ouml;re die Harmonie und sei nicht gen&uuml;gend unterhaltsam.<\/p><p><strong>&bdquo;Ich war ein Verfolgter des NS-Regimes&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mit diesem Narrativ trat Konrad Adenauer nach Ende des 2. Weltkriegs in der &Ouml;ffentlichkeit auf. So steht es auch heute auf der Website der Konrad-Adenauer-Stiftung. Adenauers Narrativ begann mit der Behauptung: &bdquo;Die Nazis haben mich 1933 als Oberb&uuml;rgermeister von K&ouml;ln entlassen.&ldquo;<\/p><p>Es war anders. Adenauer und seine Partei, das katholische Zentrum, waren abgew&auml;hlt worden. Der neue K&ouml;lner Oberb&uuml;rgermeister von der NSDAP leitete zwar ein Dienststrafverfahren gegen Adenauer ein und wollte ihn entlassen. Aber Adenauer wurde nicht entlassen. Im Gegenteil: Er erhielt durch die Vermittlung von Reichsminister Hermann G&ouml;ring, des zweiten Mannes im NS-Staat, eine Pension auf Lebenszeit. Sie entsprach seiner jahrzehntelangen Karriere als f&uuml;hrender Verwaltungsbeamter und dann Oberb&uuml;rgermeister von K&ouml;ln: Er war seit 1917 der h&ouml;chstbezahlte Oberb&uuml;rgermeister in Deutschland gewesen. Au&szlig;erdem war er von 1919 bis 1933 Pr&auml;sident des Preu&szlig;ischen Staatsrats. Der NS-Staat zahlte ihm die hohe Pension mit kleinen Abz&uuml;gen und ohne Unterbrechung bis 1945.<\/p><p>Zudem bekam er f&uuml;r seine enteignete K&ouml;lner 14-Zimmer-Villa eine Entsch&auml;digung zum Marktwert. Damit konnte er sich in Rh&ouml;ndorf, s&uuml;dlich von K&ouml;ln, ein gro&szlig;es Grundst&uuml;ck kaufen, 3.200 Quadratmeter. Zwei Architekten, ein Statistikprofessor, ein Gartendirektor, schnelle Baugenehmigung &ndash; kein Problem. Seiner K&ouml;lner Villa nachempfunden, entstand eine gro&szlig;z&uuml;gige Wohnanlage mit gro&szlig;en Zimmern, Bibliothek, Terrasse, auch wieder mit gro&szlig;em Weinkeller und mit einem noch viel gr&ouml;&szlig;eren Garten.<\/p><p>Zudem war Adenauer sehr verm&ouml;gend. W&auml;hrend der Weimarer Republik bekam er Tantiemen aus einem knappen Dutzend Aufsichtsr&auml;ten, etwa von der Deutschen Lufthansa, der Deutschen Bank, von RWE, Ruhrgas, Rheinbraun. Vom Chef des Chemiekonzerns Glanzstoff bekam er ein Aktienpaket geschenkt, im Wert von einer Million Reichsmark. All das wurde vom NS-Regime nicht angetastet.<\/p><p>Nach seiner Abwahl lebte Adenauer als &bdquo;Bruder Konrad&ldquo; ein Jahr im Benediktinerkloster Maria Laach. Abt Ildefons Herwegen war ein gl&uuml;hender Anh&auml;nger Hitlers. &bdquo;Durch die Tat des F&uuml;hrers Adolf Hitler&ldquo; habe das deutsche Volk zur&uuml;ckgefunden &bdquo;zu den letzten Wurzeln seiner Gemeinsamkeit&ldquo;, so der Abt. Er flehte den Segen Gottes auf den F&uuml;hrer herab, so in der Gedenkfeier am 26. Mai 1933 im K&ouml;lner Festsaal G&uuml;rzenich f&uuml;r den NSDAP-M&auml;rtyrer Arnold Schlageter. Unter diesem Abt war Adenauer gut gesch&uuml;tzt, konnte reisen und Besuch empfangen. <\/p><p>Aus Maria Laach schickte er einen Gl&uuml;ckwunsch an den Bankier Kurt Freiherr von Schr&ouml;der. Der war im April 1933 zum Pr&auml;sidenten der K&ouml;lner IHK gew&auml;hlt worden. Er hatte gegen den bisherigen Pr&auml;sidenten Paul Silverberg gehetzt, weil dieser Jude war. Das st&ouml;rte Adenauer keineswegs. Er war mit von Schr&ouml;der befreundet. Sie waren Nachbarn im K&ouml;lner Villenviertel Lindenthal und kannten sich auch gut aus dem K&ouml;lner Rotary Club. <\/p><p>Es st&ouml;rte Adenauer auch nicht, dass sein Freund von Schr&ouml;der NSDAP-Mitglied war und dass er am 4.1.1933 in seiner Lindenthaler Villa Hitler und den Zentrumspolitiker und Exkanzler Franz von Papen zusammengef&uuml;hrt hatte. Damit hatte der Banker beigetragen, dass Hitler ein paar Wochen sp&auml;ter Kanzler wurde. <\/p><p>Adenauers Partei, das Zentrum, stimmte in diesen Monaten im Reichstag dem Konkordat Hitlers mit dem Vatikan zu. Die deutschen Bisch&ouml;fe verpflichteten sich, f&uuml;r den NS-Staat zu beten und ihm die Treue zu halten. Ab jetzt durften mit dem Segen des Vatikans und Hitlers die deutschen Katholiken gleichzeitig Mitglied der Kirche und der NSDAP sein. Hitlers Stellvertreter und Vizekanzler Franz von Papen kam am 21. Juli 1933 in das Kloster Maria Laach: Gemeinsam feierte man hier das Konkordat. <\/p><p>So hatte Adenauer in der gesch&uuml;tzten Idylle des nazifreundlichen Klosters nichts gegen die Nazis, im Gegenteil. Er fand Hitler gut und richtig. So schrieb er der befreundeten Bankiersgattin Dora Pferdmenges im Juni 1933: Meine eigene Partei, das Zentrum, hat versagt, weil es sich &bdquo;in den letzten Jahren nicht rechtzeitig mit neuem Geiste erf&uuml;llt&ldquo; habe. Und weiter: &bdquo;Meines Erachtens ist unsere einzige Rettung ein Monarch, ein Hohenzoller oder meinetwegen auch Hitler, erst Reichspr&auml;sident auf Lebenszeit, dann kommt die folgende Stufe. Dadurch w&uuml;rde die Bewegung in ein ruhigeres Fahrwasser kommen&ldquo;.<\/p><p>Aus Maria Laach erkundigte Adenauer sich bei Dora Pferdmenges&rsquo; Gatten, dem befreundeten Bankier Robert Pferdmenges von der Bank Oppenheim: Hat unser gemeinsamer Freund Friedrich Flick schon seine RWE-Aktien verkaufen und wieder eine neue Firma habe erwerben k&ouml;nnen? Pferdmenges war Mitglied in mehreren Unternehmen des NS-verbundenen Flick-Imperiums.<\/p><p>Nach einem Jahr konnte &bdquo;Bruder Konrad&ldquo; sein Exil im Kloster beenden. Er zog nach Berlin um, mit der ganzen Familie. Er mietete in der Villenkolonie am Griebnitzsee die Villa eines emigrierten j&uuml;dischen Unternehmers. Er wollte eine neue Karriere beginnen, als Bankdirektor. Aber es klappte nicht. Er kehrte ins Rheinland zur&uuml;ck, kaufte das Grundst&uuml;ck in Rh&ouml;ndorf, lie&szlig; sich das neue Haus bauen, den Garten anlegen. Hier f&uuml;hrte er sein privilegiertes Leben fort.<\/p><p>So war Adenauer mit Ehefrau Gussie 1939 eingeladen vom Stahlindustriellen und Hitler-Finanzier Peter Kl&ouml;ckner. Man traf sich in dessen Villa Hartenfels bei Duisburg in gro&szlig;er Runde. Auch das befreundete Bankiers-Ehepaar Pferdmenges war da. Mit General Hans G&uuml;nther Kluge diskutierte man lange &uuml;ber den Vergleich der deutschen und US-amerikanischen R&uuml;stungskapazit&auml;ten &ndash; der General kannte sich gut aus, weshalb er 1941 Chef der Heeresgruppe S&uuml;d beim &Uuml;berfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde. Die Gesellschaft &uuml;bernachtete bei den Kl&ouml;ckners und verbrachte auch den Sonntag miteinander. F&uuml;r die R&uuml;ckfahrt stellte Kl&ouml;ckner den Adenauers einen Wagen zur Verf&uuml;gung und schickte eine Sendung der vorz&uuml;glichen Weine hinterher, &bdquo;welche Sie bei uns probiert haben&ldquo;, wie es im Dankesbrief des Gastgebers hie&szlig;.<\/p><p>Adenauer pflegte nach 1945 das Narrativ: &bdquo;In der Nazizeit haben Juden mir geholfen.&ldquo; Es waren aber nicht &bdquo;Juden&ldquo;. Es war <em>ein<\/em> Jude, und mit ihm hatte es eine besondere Bewandtnis. Dannie Heineman war Chef der europ&auml;ischen Filiale des US-Konzerns General Electric. Die Filiale SOFINA hatte ihre Europa-Zentrale in Br&uuml;ssel, expandierte in NS-Deutschland wie auch in Mussolinis Italien. Adenauer hielt st&auml;ndigen Kontakt zu Heineman und besuchte ihn in Belgien. Der Unternehmer spendete Adenauer immer wieder Betr&auml;ge zwischen 10.000 und 1.000 Reichsmark &ndash; oder auch mal 500 Schweizer Franken f&uuml;r Adenauers mehrw&ouml;chigen Urlaub 1939 im Luxushotel im Schweizer Bergort Chandolin. Da griff die scharfe Devisenkontrolle der Nazis nicht ein. So konnte Adenauer seinen schon w&auml;hrend der Weimarer Republik geliebten Schweizer Urlaubsort weiter ungest&ouml;rt aufsuchen.<\/p><p>1943 kam Adenauer kurzzeitig in Schwierigkeiten. Als K&ouml;lner Oberb&uuml;rgermeister hatte er vom Glanzstoff-Konzern das millionenschwere Aktienpaket geschenkt bekommen. Wiederholt forderte der Kleinaktion&auml;r Dr. Josef K&uuml;bel: Adenauer muss die Aktien endlich zur&uuml;ckgeben! Das forderte er auch wieder bei der Aktion&auml;rsversammlung 1943. Das drohte nun &ouml;ffentlich bekannt zu werden. Aber die Nazif&uuml;hrung sch&uuml;tzte Adenauer. Propagandaminister Goebbels wies die Medien an, &bdquo;Ausf&uuml;hrungen eines Dr. K&uuml;bel &uuml;ber zur&uuml;ckliegende interne Vorg&auml;nge im Konzern der Glanzstoff-Fabriken nicht zu ver&ouml;ffentlichen.&ldquo;<\/p><p>Adenauer konnte ungest&ouml;rt Besuche von Widerst&auml;ndlern empfangen. Aber alle Versuche, ihn f&uuml;r irgendeine Form des Widerstands zu gewinnen, lehnte er ab. 1934 versuchte es Karl Mewis von der K&ouml;lner KPD. Adenauers Antwort: &bdquo;Widerstand &ndash; absoluter Unsinn!&ldquo; <\/p><p>1936 kam der christliche Gewerkschafter Jakob Kaiser von einem dreist&uuml;ndigen Gespr&auml;ch mit dem Ergebnis zur&uuml;ck: &bdquo;Es ist mit ihm nicht zu rechnen.&ldquo; <\/p><p>Ebenso lehnte Adenauer den Kontakt zum Leipziger Oberb&uuml;rgermeister Carl Goerdeler ab, der mit Offizieren einen konservativen Widerstandskreis gegen Hitler aufbauen wollte. Von 1942 bis 1944 sprach der ehemalige KPD-Stadtverordnete Peter Knab einige Male in Rh&ouml;ndorf vor: Erfolglos. Schlie&szlig;lich versuchte es der christliche Gewerkschafter Heinrich K&ouml;rner im Fr&uuml;hjahr 1944 noch einmal. Selbst dann lehnte Adenauer wieder ab: &bdquo;Ich will damit nichts zu tun haben.&ldquo; <\/p><p>Nun hatte Adenauer in der Nazizeit tats&auml;chlich ein paar Schwierigkeiten. Auch daraus bastelten er und seine Bankiers- und Unternehmerfreunde und die Schutzmacht USA nach 1945 das Narrativ &bdquo;Ich war ein Verfolgter des NS-Regimes&ldquo;.<\/p><p>Als Hitler am 30. April 1934 die SA-F&uuml;hrung ermorden lie&szlig;, wurde Adenauer in seiner Berliner Villa festgesetzt. Grund war wohl, dass General von Schleicher, der an diesem Tag ebenfalls ermordet wurde, in der N&auml;he wohnte. Adenauer kam durch Intervention seines Freundes von Schr&ouml;der nach zwei Tagen wieder frei. <\/p><p>Adenauer hat nach 1945 das weitere Narrativ verbreitet, er sei von den Nazis in ein KZ gesperrt worden. Obwohl Adenauer jeglichen Widerstand abgelehnt hatte, wurde er 1944 nach dem Attentat der konservativen Milit&auml;rs auf Hitler verhaftet. Er wurde in das Lager auf dem Gel&auml;nde der st&auml;dtischen K&ouml;lner Messe eingeliefert. Das war aber kein KZ. Es war nur ein Durchgangslager und es unterstand nicht der SS. Und es gab, wie immer bei den Nazis, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, auch bei den Gefangenen. Russische Kriegsgefangene mussten eine Wanne s&auml;ubern, damit Adenauer ein Bad nehmen konnte. Ein Mith&auml;ftling b&uuml;gelte ihm die Hose. Tochter und Ehefrau und der befreundete Schweizer Konsul Franz-Rudolph von Weiss brachten ihm Socken und Hemden und besseres Essen und konnten sich stundenlang mit ihm unterhalten. Im Unterschied zu Mitgefangenen der SPD, der KPD und des Zentrums wurde der Luxus-Gefangene nicht zum Arbeitseinsatz herangezogen. Das KPD-Mitglied Eugen Zander, der als Kapo im Messelager auch Adenauer gut betreute, wurde ins KZ Buchwald abtransportiert &ndash; dagegen wurde Adenauer mit &auml;rztlichem Attest nach eigener Wahl in das katholische Krankenhaus K&ouml;ln-Hohenlind eingeliefert. Von dort fl&uuml;chtete er, wurde aber aufgesp&uuml;rt, wurde ins K&ouml;ln-nahe Gef&auml;ngnis Brauweiler eingeliefert und nach zwei Monaten entlassen, ohne schlecht behandelt worden zu sein. In einem KZ ist Adenauer nie gewesen.<\/p><p>Adenauer war nie Gegner des Nationalsozialismus. Er hatte auch nichts gegen den Faschismus, im Gegenteil. Er hatte Benito Mussolini von Anfang an bewundert. <\/p><p>1929 begl&uuml;ckw&uuml;nschte der K&ouml;lner Oberb&uuml;rgermeister Mussolini zum Lateranvertrag mit dem Vatikan, wonach der Katholizismus zur faschistischen Staatsreligion wurde. &bdquo;Der Name Mussolini wird in goldenen Buchstaben in die Geschichte der katholischen Kirche eingetragen!&ldquo;, gl&uuml;ckw&uuml;nschte Adenauer. Der Dikator dankte dem &bdquo;dottor h.c. adenauer primo borgomastro Koeln&ldquo; im Namen aller Katholiken und aller Italiener.<\/p><p>Als einzige deutsche Stadt errichtete K&ouml;ln ein italienisches Kulturinstitut. 1931 unterschrieb Adenauer mit dem Ideologen des italienischen Faschismus, Kulturminister Giovanni Gentile, den Vertrag zwischen der Stadt K&ouml;ln und dem italienischen Staat. Das Institut wurde Petrarca-Haus genannt und sollte &bdquo;die Kenntnis der italienischen Kultur, insbesondere des heutigen Italiens, in Deutschland verbreiten&ldquo;. <\/p><p>1932 gab Adenauer dem faschistischen Jugendsekret&auml;r Carlo Scorza ein Interview. Scorza sammelte faschismusfreundliche Stellungnahmen in ganz Europa. Aus Deutschland trugen neben Adenauer auch Hitler, der K&ouml;lner Erzbischof Kardinal Schulte und der NS-Ideologe Rosenberg zu der Sammlung bei. Sie erschien in Italien als Buch. Adenauer &auml;u&szlig;erte darin &bdquo;tiefe Bewunderung f&uuml;r das gro&szlig;e Werk, das in Italien vollbracht worden ist&ldquo;. In Italien habe der Faschismus &bdquo;unbestreitbar mehr geleistet als der Parlamentarismus&ldquo;, vor allem gegen die bolschewistische Gefahr. <\/p><p>So handelte Adenauer auch in Deutschland. Zur &Uuml;berwindung der politischen Krise m&uuml;ssten &bdquo;alle konservativen Kr&auml;fte zwischen Zentrum und NSDAP&ldquo; versammelt werden, erkl&auml;rte er im August 1932. &bdquo;Die Zentrumspartei verlangt dringend den Eintritt der Nationalsozialisten in die Reichsregierung.&ldquo;<\/p><p>Er suchte den befreundeten Bankier von Schr&ouml;der auf. Der vermittelte zwischen Zentrum und NSDAP. Adenauer &uuml;berreichte ihm die schriftliche Garantieerkl&auml;rung: Das Zentrum wird &bdquo;Hitler unvoreingenommen nur nach dessen Leistungen beurteilen und als Reichskanzler tolerieren&ldquo;. Auch im K&ouml;lner Rotary-Club warb Adenauer im Dezember 1932 daf&uuml;r, &bdquo;dass, sobald die politische Lage das erlaubt, in Preu&szlig;en eine Regierung zusammen mit den Nationalsozialisten gebildet wird.&ldquo;<\/p><p>Als Pr&auml;sident des preu&szlig;ischen Staatsrats erkl&auml;rte Adenauer im Februar 1933, dass in Preu&szlig;en &bdquo;eine Regierungsbildung zwischen NSDAP und Zentrum sofort m&ouml;glich&ldquo; sei, und zwar mit Hermann G&ouml;ring als Ministerpr&auml;sident.<\/p><p>Nach 1945 behauptete Adenauer, sich gegen Hitler gestellt zu haben. Ein Narrativ dazu lautete: &bdquo;Ich habe beim Besuch Hitlers in K&ouml;ln der NSDAP die Beflaggung der M&uuml;lheimer Br&uuml;cke mit Hakenkreuzfahnen verweigert.&ldquo; So kann man mit der Wahrheit l&uuml;gen. Die NSDAP hatte auf der Rheinbr&uuml;cke heimlich zwei Fahnen aufgeh&auml;ngt, um f&uuml;r ihre Wahlveranstaltung mit Hitler in den K&ouml;lner Messehallen zu werben. Richtig: Adenauer lie&szlig; die Fahnen entfernen, denn die Rheinbr&uuml;cke sei st&auml;dtisches Eigentum. Aber Adenauer genehmigte der NDSAP, die Hakenkreuzfahnen an den Messehallen aufzupflanzen &ndash; obwohl die Messehallen ja auch der Stadt geh&ouml;rten.<\/p><p>Der &bdquo;NS-Verfolgte&ldquo; trat sofort mit der Gr&uuml;ndung 1947 in die <em>Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes<\/em> (VVN) ein. Grundlage der VVN war der &bdquo;Schwur von Buchenwald&ldquo;: Entnazifizierung, Antifaschistische Einheit, Entmilitarisierung, V&ouml;lkerverst&auml;ndigung. Aber das Mitglied Adenauer machte unter der Hand das Gegenteil.<\/p><p>Bei den Spruchkammern zur Entnazifizierung spielten entlastende Bescheinigungen eine wichtige Rolle, &bdquo;Persilscheine&ldquo; genannt &ndash; &bdquo;Persil &ndash; nichts w&auml;scht wei&szlig;er&ldquo;. Adenauer stellte zahlreiche solcher &bdquo;Persilscheine&ldquo; aus. Er machte die Bescheinigungen dadurch glaubw&uuml;rdig, dass er sich darin als &bdquo;politisch Verfolgter&ldquo; des Nazi-Regimes bezeichnete.<\/p><p>So stellte Adenauer viele Persilscheine aus, f&uuml;r f&uuml;hrende Mitt&auml;ter und Profiteure des NS-Regimes wie auch f&uuml;r Mitl&auml;ufer*innen:<\/p><p>F&uuml;r den Freund von Schr&ouml;der, der Hitlers Kanzlerschaft eingef&auml;delt und den j&uuml;dischen Pr&auml;sidenten der IHK K&ouml;ln verjagt hatte und bis 1945 ein f&uuml;hrender NS-Finanzfunktion&auml;r war.<\/p><p>F&uuml;r den Bankier Hermann Josef Abs, seit 1940 Chef der Deutschen Bank, der f&uuml;hrenden Raub- und Arisierungsbank des NS-Regimes, in Deutschland wie in den von der Wehrmacht besetzten Staaten.<\/p><p>F&uuml;r Eugen von Rautenstrauch schrieb Adenauer: Dessen NSDAP-Mitgliedschaft habe keine praktische Rolle gespielt, er sei immer &bdquo;hochanst&auml;ndig und rechtlich denkend&ldquo; gewesen und stamme zudem aus einer &bdquo;angesehenen und verm&ouml;genden Familie&ldquo;. Au&szlig;erdem sei er jetzt &bdquo;nahezu 70 Jahre alt und fast blind&ldquo;. Auch das war ein Narrativ Adenauers: Er setzte &bdquo;verm&ouml;gend&ldquo; und &bdquo;hochanst&auml;ndig&ldquo; als identisch und dr&uuml;ckte dann noch auf die Tr&auml;nendr&uuml;se wegen Krankheit. <\/p><p>Seiner Nichte Dr. Hanna Adenauer bescheinigte der vielgefragte Persilschein-Aussteller: Sie ist zwar aus &bdquo;beruflichen Gr&uuml;nden&ldquo; in die NSDAP eingetreten, habe aber aus &bdquo;ihrer Abneigung gegen die NSDAP niemals ein Hehl gemacht&ldquo;. Diese Doppelmoral &ndash; umst&auml;ndehalber NSDAP-Mitglied, aber privat immer Kritik ge&uuml;bt &ndash; war bei gro&szlig;en und kleinen Nazis nach dem Krieg sehr beliebt. <\/p><p>1947 war Adenauer als &bdquo;Verfolgter des NS-Regimes&ldquo; in die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN eingetreten. 1950 trat er aus. Seitdem bek&auml;mpfte er die VVN gnadenlos. <\/p><p>Daf&uuml;r gr&uuml;ndete 1950 der Unternehmer und CDU-Politiker Peter L&uuml;tsches den &auml;hnlich klingenden &bdquo;Bund der Verfolgten des Naziregimes&ldquo; (BVN). Der BVN, strikt antikommunistisch, wurde vom US-Geheimdienst CIA finanziert. Zum BVN lie&szlig; L&uuml;tsches ausdr&uuml;cklich keine Juden zu, weil &bdquo;ja die meisten Juden Kommunisten&ldquo; seien. Deshalb wurde der Leiter des Wiedergutmachungsamtes in der NRW-Landesregierung, Ministerialdirigent Marcel Frenkel, entlassen: Er war j&uuml;discher Herkunft und Mitglied der KPD. Die Regierung Adenauer zog nach: Der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, VVN, wurden die bisherigen Mittel aus dem Innenministerium gestrichen. Staatlich finanziert wurde nun der BVN. <\/p><p>So wurde der Schwur von Buchenwald, den Adenauer durch seine VVN-Mitgliedschaft unterschrieben hatte, ins Gegenteil verkehrt. <\/p><p>Titelbild: Mo Photography Berlin\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Quellen (Auswahl):<\/strong><\/p><ul>\n<li>Konrad Adenauer: Briefe 1945 &ndash; 1947. Rh&ouml;ndorfer Ausgabe Berlin o.J.<\/li>\n<li>Konrad Adenauer: Briefe 1947 &ndash; 1949. Rh&ouml;ndorfer Ausgabe Berlin o.J.<\/li>\n<li>Konrad Adenauer: Briefe 1949 &ndash; 1951. Rh&ouml;ndorfer Ausgabe Berlin o.J.<\/li>\n<li>Freundschaft in schwerer Zeit. Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933 &ndash; 1949, hg. Von Konrad Adenauer, Bonn 2007 (Konrad Adenauer = Enkel Adenauers)<\/li>\n<li>Bundesarchiv Berlin, Bestand Deutsche Bank DB-1053 und 1054, Handakte Abs, P 2064\/1<\/li>\n<li>Reinhold Billstein: Neubeginn ohne Neuordnung. Dokumente und Materialien zur politischen Weichenstellung in den Westzonen nach 1945. K&ouml;ln 1985<\/li>\n<li>Christian Feyerabend \/ Roland Breitschuh: Adenauer. Sein Garten und sein G&auml;rtner. K&ouml;ln 2020<\/li>\n<li>Peter Koch: Konrad Adenauer. Eine politische Biographie. Reinbek 1985<\/li>\n<li>Henning K&ouml;hler: Adenauer. Eine politische Biographie. Berlin\/Frankfurt 1994<\/li>\n<li>Hans-Peter Mensing: Adenauer im Dritten Reich. Berlin 1991<\/li>\n<li>Liane Ranieri: Dannie Heineman &ndash; Head of SOFINA. An Extraordinary Life 1872 &ndash; 1962. Brussels 2005<\/li>\n<li>Werner R&uuml;gemer: 1933 &ndash; K&ouml;lns Oberb&uuml;rgermeister Konrad Adenauer wird durch einen Bankier abgel&ouml;st, DeutschlandRadio 13.3.2003<\/li>\n<li>Markus Schmitz \/ Bernd Haunfelder: Humanit&auml;t und Diplomatie. Die Schweiz in K&ouml;ln 1940 &ndash; 1949. M&uuml;nster 2001<\/li>\n<li>G&uuml;nther Schulz: Konrad Adenauer 1917 &ndash; 1933. Dokumente aus den K&ouml;lner Jahren. K&ouml;ln 2007<\/li>\n<li>Carlo Scorza: Fascismo Idea Imperiale, Roma 1933 (aus Deutschland Interviews u.a. mit Hitler, Rosenberg, Kardinal Schulte und Adenauer)<\/li>\n<li>Carsten Sick: &bdquo;Bruder Konrad&ldquo;. Konrad Adenauers Aufenthalt in Maria Laach 1933-1934. W&uuml;rzburg 2021<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konrad Adenauers Narrative zu seinem Aufstieg nach 1945. &bdquo;Ich war ein Verfolgter des NS-Regimes&ldquo; &ndash; mit diesem Narrativ begann Konrad Adenauer seinen Aufstieg als Vorsitzender der neugegr&uuml;ndeten CDU und dann als Bundeskanzler. So verbreitet es auch heute die staatlich subventionierte Konrad-Adenauer-Stiftung. Doch der fr&uuml;hzeitige Mussolini-Fan bekam vom NS-Regime eine hohe Pension, von 1933 bis 1945,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88428\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":88429,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,198,11],"tags":[1114,1945,416,2813],"class_list":["post-88428","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-strategien-der-meinungsmache","tag-adenauer-konrad","tag-faschismus","tag-nationalsozialismus","tag-vvn-bda"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Shutterstock_2170832357.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88428","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88428"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88428\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88461,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88428\/revisions\/88461"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/88429"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}