{"id":88437,"date":"2022-09-25T10:00:08","date_gmt":"2022-09-25T08:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88437"},"modified":"2022-09-26T11:24:17","modified_gmt":"2022-09-26T09:24:17","slug":"aserbaidschans-angriff-auf-armenien-teil-i-der-elefant-im-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88437","title":{"rendered":"Aserbaidschans Angriff auf Armenien \u2013 Teil I: Der \u201aElefant im Raum\u2018"},"content":{"rendered":"<p>Der j&uuml;ngste Angriff Aserbaidschans auf armenisches Territorium veranlasste unseren Gastautoren Leo Ensel, einen Essay, den er vor zwei Jahren &uuml;ber die Geschichte Karabachs und die einseitige &ndash; de facto f&uuml;r Aserbaidschan Partei ergreifende &ndash; Berichterstattung in den deutschen Medien verfasst hatte, nochmals zu aktualisieren. Er erscheint hier in zwei Folgen. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Viele versuchen, dem Radikalismus zu entgehen, indem sie &sbquo;die Wahrheit in der Mitte suchen&lsquo;. Das klingt einigerma&szlig;en <em>abgekl&auml;rt<\/em>, ist aber nicht unbedingt <em>aufgekl&auml;rt<\/em>. <em>Denn die Wahrheit folgt keinen geometrischen Vorgaben.<\/em> Hier irrt sich der &sbquo;Extremismus der Mitte&lsquo;.&ldquo; S&auml;tze von Michael Schmidt-Salomon[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], die exakt auf die aktuelle Berichterstattung der meisten deutschen Leitmedien &uuml;ber die j&uuml;ngsten Angriffe Aserbaidschans auf armenisches Hoheitsgebiet gem&uuml;nzt sein k&ouml;nnten!<\/p><p>Wer Aserbaidschans Krieg gegen die Region Berg-Karabach vom 27. September 2020 noch nicht v&ouml;llig verdr&auml;ngt hat, erlebte vergangene Woche eine Art &sbquo;Flash Back&lsquo;. Wieder, wie fast vor zwei Jahren, nutzte der aserbaidschanische Diktator Ilham Alijew geschickt einen Moment, in dem die Aufmerksamkeit der Welt&ouml;ffentlichkeit durch andere Themen &ndash; 2020: die Corona-Pandemie, heute: eine tempor&auml;re (?) Schw&auml;che der russischen Armee im Krieg gegen die Ukraine &ndash; absorbiert war, um der Expansion seines Machtbereiches auf Kosten Armeniens, m&ouml;glicherweise gar einer &sbquo;Endl&ouml;sung der armenischen Frage&lsquo;, einen weiteren Schritt n&auml;herzukommen. Und wieder reagierten f&uuml;hrende deutsche Politiker und Leitmedien in ihrer &uuml;berwiegenden Mehrheit wie beim letzten Mal.<\/p><p><strong>Same procedure as year before last!<\/strong><\/p><p>Dieses Mal gab sich Alijew allerdings gar nicht erst, wie noch vor fast zwei Jahren, mit Attacken auf die zwischen beiden L&auml;ndern umstrittene Region Berg-Karabach ab. In der Nacht auf Dienstag, den 13. September, griff Aserbaidschan mit schwerer Artillerie, gro&szlig;kalibrigen Waffen, Raketensystemen und Drohnen gleich umstandslos armenisches Hoheitsgebiet an. Insgesamt wurden 36 Siedlungen beschossen, unter anderem die Grenzst&auml;dte Goris, Sissian, Kapan und Vardenis, die Orte Artanish, Sotk und Ishkhanasar sowie der bekannte Kurort Dschermuk. Aserbaidschanische Streitkr&auml;fte drangen zudem bis zu acht Kilometer tief in das Landesinnere Armeniens vor, wo sie sich verschanzten und einige Gebiete nach wie vor halten. Offiziellen armenischen Angaben zufolge[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] bel&auml;uft sich die Zahl der get&ouml;teten bzw. verschollenen armenischen Soldaten auf 207, get&ouml;tet wurden auch drei Zivilisten, zwei sind immer noch vermisst. An gefangengenommenen armenischen Soldatinnen und Soldaten wurden mutma&szlig;lich Folter und andere Gr&auml;ueltaten ver&uuml;bt.<\/p><p>Und wie vor zwei Jahren kommt in den deutschen Leitmedien, inklusive der &Ouml;ffentlich-Rechtlichen, auch diesmal fast kein Bericht &uuml;ber die aktuelle Lage ohne drei ungefragt mitgelieferte Kommentare aus:<\/p><ol>\n<li>&bdquo;Armenien und Aserbaidschan beschuldigen sich gegenseitig&hellip;&ldquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]\n<\/li><li>&bdquo;Das &uuml;berwiegend muslimische Aserbaidschan wird von der T&uuml;rkei unterst&uuml;tzt, das &uuml;berwiegend christliche Armenien von Russland.&ldquo;\n<\/li>\n<li>&bdquo;Die Region Berg-Karabach wird mehrheitlich von armenisch-st&auml;mmigen Menschen bewohnt, geh&ouml;rt v&ouml;lkerrechtlich aber zu Aserbaidschan.&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Drei S&auml;tze &ndash; und fast alles falsch! Bis auf die Tatsache, dass Aserbaidschan &ndash; massiv &ndash; von der T&uuml;rkei unterst&uuml;tzt wird. Daher zun&auml;chst drei kurze Richtigstellungen, bevor die ausf&uuml;hrlichen Begr&uuml;ndungen folgen.<\/p><ol>\n<li>Bei den j&uuml;ngsten Attacken Aserbaidschans auf armenisches Hoheitsgebiet handelte es sich nicht um einen Konflikt zwischen zwei gleich starken &ndash; am Ende noch gleich schuldigen &ndash; Gegnern. Der Aggressor war eindeutig das milit&auml;risch weit &uuml;berlegene Aserbaidschan, das damit das Waffenstillstandsabkommen vom 9. November 2020 wieder einmal brach.<\/li>\n<li>W&auml;hrend die T&uuml;rkei Aserbaidschan seit Jahren massiv mit Waffenlieferungen, Milit&auml;rberatern und logistisch unterst&uuml;tzt, sind bislang weder Russland noch die von ihm angef&uuml;hrte &bdquo;Organisation des Vertrags f&uuml;r kollektive Sicherheit&ldquo; (OVKS) &ndash; ein Milit&auml;rb&uuml;ndnis, dem auch Armenien angeh&ouml;rt &ndash; ihren Schutzverpflichtungen nachgekommen. Russland beliefert zudem, ebenfalls seit Jahren, beide Kontrahenten Armenien <em>und<\/em> Aserbaidschan mit Waffen. Frei nach dem Motto: Moderne Raketen an Aserbaidschan, veraltete Abwehrsysteme &ndash; die die Armenier zudem gar nicht selbstst&auml;ndig bedienen d&uuml;rfen &ndash; an Armenien!<\/li>\n<li>Berg-Karabach wird nicht von &bdquo;armenisch-st&auml;mmigen Menschen&ldquo; bewohnt, sondern von Armeniern. Die Region hat sich im Herbst 1991 in voller &Uuml;bereinstimmung mit dem damals geltenden sowjetischen Recht von der Sowjetrepublik Aserbaidschan getrennt und ist seit dem Zerfall der Sowjetunion ein unabh&auml;ngiger &ndash; wenn auch bislang von niemandem anerkannter &ndash; demokratischer Staat: die, wie sie sich seit 2017 offiziell nennt, Republik Arzach.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Nagorny Karabach und Armenien<\/strong><\/p><p>Kommen wir zun&auml;chst, auch wenn die K&auml;mpfe diesmal auf armenischem Hoheitsgebiet stattfanden, zum &sbquo;Elefanten im Raum&lsquo;, der Region Nagorny Karabach, armenisch: Arzach, von der Pr&auml;sident Alijew vor einem Vierteljahr k&uuml;hn behauptete[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>], sie sei in G&auml;nze Teil Aserbaidschans, das Problem &ndash; er paraphrasierte damit einen ber&uuml;hmten Satz des damaligen osmanischen Innenministers Talaat Pascha vom August 1916 &ndash; existiere also nicht mehr.<\/p><p>Berg-Karabach ist eine im &ouml;stlichen S&uuml;dkaukasus zwischen der heutigen Republik Armenien im Westen, der Republik Aserbaidschan im Osten und dem Iran im S&uuml;den gelegene Bergregion ungef&auml;hr von der doppelten Gr&ouml;&szlig;e des Saarlands, die seit Jahrhunderten &uuml;berwiegend von Armeniern bewohnt und, wie nicht zuletzt die zahlreichen uralten Kirchen und Kl&ouml;ster augenf&auml;llig machen, kulturell gepr&auml;gt ist. Bis zum Krieg im Herbst 2020 lebten dort knapp 150.000 Armenier. Anfang des 19. Jahrhunderts, nach dem russisch-persischen Krieg, fiel das Gebiet unter die Herrschaft des russischen Zaren. Allerdings wurde Nagorny Karabach, wie es auf Russisch hei&szlig;t, nicht dem seit 1828 unter russischer Herrschaft befindlichen Ostarmenien, dem &bdquo;Gouvernement Eriwan&ldquo; &ndash; geographisch in weiten Teilen identisch mit der heutigen Republik Armenien &ndash; zugeschlagen. Bereits der Zar strebte danach, ethnisch eindeutige Mehrheitsgebiete zu verhindern und gliederte daher &ndash; &bdquo;Teile und herrsche!&ldquo; &ndash; die Region Berg-Karabach dem mehrheitlich von Aseris bewohnten Gouvernement Jelisawetpol (heute: G&#601;nc&#601;) an, das nach der Oktoberrevolution Anfang der Zwanziger Jahre Teil der Sowjetrepublik Aserbaidschan wurde.<\/p><p>Die in Ostanatolien und anderen Teilen des Osmanischen Reichs lebenden Westarmenier wurden im 19. Jahrhundert mehrfach Opfer schlimmster regierungsamtlich gef&ouml;rderter Pogrome und Massaker &ndash; allein zwischen 1894 und 1896 wurden unter der Herrschaft von Sultan Abdul Hamid II. bis zu 300.000 Armenier von der osmanischen Obrigkeit und mit ihr verb&uuml;ndeten kurdischen Hamidiye-Banden ermordet &ndash; bevor 1915 das &bdquo;Komitee f&uuml;r Einheit und Fortschritt&ldquo; (&#304;ttihat) der sogenannten Jungt&uuml;rken im Schatten des I. Weltkriegs mit stillschweigender Billigung der Regierung des Deutschen Reichs einen bis heute von der T&uuml;rkei nicht anerkannten Genozid an der armenischen Bev&ouml;lkerung ver&uuml;bte, dem bis zu anderthalb Millionen Armenier zum Opfer fielen &ndash; die Mehrheit von ihnen wurde auf Todesm&auml;rschen buchst&auml;blich in die mesopotamische W&uuml;ste getrieben &ndash; und den sich sp&auml;ter Hitler zum Vorbild f&uuml;r die Ermordung der europ&auml;ischen Juden nahm. Der Genozid und dessen Leugnung bis auf den heutigen Tag durch die Nachfahren der T&auml;ter sind seitdem <em>das<\/em> Trauma aller Armenier, wo auch immer sie auf der Welt leben, und es gibt keine armenische Familie, die nicht Opfer zu beklagen h&auml;tte.<\/p><p><strong>Stalins Saat<\/strong><\/p><p>Den &uuml;berlebenden Armeniern in den &ouml;stlichen Siedlungsgebieten, denen im August 1920 im (niemals ratifizierten) Friedensvertrag von S&egrave;vres ein Phantasiereich zugesprochen worden war, das sie nie in Besitz nehmen sollten, blieb nur noch die Wahl zwischen den verhassten Bolschewiki und den noch verhassteren und zu Recht gef&uuml;rchteten T&uuml;rken, und am 5. Juli 1921 beschloss das &bdquo;Transkaukasische Komitee&ldquo; der jungen Sowjetunion unter Vorsitz des Volkskommissars f&uuml;r Nationalit&auml;tenfragen, Josif Stalin, den Anschluss Nagorny-Karabachs gegen den Willen der lokalen Bev&ouml;lkerung, die zu diesem Zeitpunkt zu 94 Prozent aus Armeniern bestand, an die Sowjetrepublik Aserbaidschan &ndash; nachdem dasselbe Komitee noch einen Tag zuvor (in Abwesenheit des sp&auml;teren Diktators) den Beschluss gefasst hatte, das Gebiet der armenischen Sowjetrepublik anzuschlie&szlig;en. Ganze 24 Stunden hatte die Region zu Armenien geh&ouml;rt. Aber wie f&uuml;r die Zaren ein Jahrhundert zuvor, war es meiner Meinung nach auch Stalins Ziel, die kaukasischen V&ouml;lker gegeneinander auszuspielen. Seitdem bildete Nagorny Karabach fast die gesamte folgende Sowjetepoche &uuml;ber einen Autonomen Oblast (NKAO) innerhalb der Aserbaidschanischen SSR.<\/p><p>Ende der Achtziger Jahre, zur Zeit von Gorbatschows Perestroika, gerieten die Dinge in Bewegung. Zwischen Februar 1988 und Januar 1990 kam es in den aserbaidschanischen St&auml;dten Sumgait, Kirowabad (heute: G&#601;nc&#601;) und in der Hauptstadt Baku zu blutigen antiarmenischen Pogromen, bei denen insgesamt mehrere hundert Armenier von gewaltt&auml;tigen Mobs auf offener Stra&szlig;e und in ihren H&auml;usern massakriert wurden. Im November 1988 war mit ersten Massenfluchten aus dem n&ouml;rdlichen Berg-Karabach ins benachbarte Armenien die Logik der &sbquo;ethnischen S&auml;uberungen&lsquo; langsam in Gang gekommen. Sie nahm schnell an Fahrt auf: Nach den Pogromen in Baku flohen um die 300.000 Armenier aus Aserbaidschan ins benachbarte Armenien und andere Sowjetrepubliken und 200.000 in Armenien lebende Aseris nach Aserbaidschan. Es begannen Kampfhandlungen zwischen bewaffneten Einheiten Aserbaidschans auf der einen und Armeniern &ndash; aus der gleichnamigen Sowjetrepublik und Karabach &ndash; auf der anderen Seite. Die Moskauer Zentralgewalt, die Truppen schickte, konnte den Konflikt bestenfalls zeitweise eind&auml;mmen.<\/p><p>Als dann am 30. August 1991 die aserbaidschanische SSR sich f&uuml;r unabh&auml;ngig und ihren Austritt aus der Sowjetunion erkl&auml;rte, spaltete sich drei Tage sp&auml;ter, am 2. September, der Autonome Oblast Nagorny Karabach von Aserbaidschan, das diese Region jahrzehntelang &ouml;konomisch stark vernachl&auml;ssigt hatte, ab und erkl&auml;rte sich zur unabh&auml;ngigen Sowjetrepublik innerhalb der damals noch existierenden UdSSR. Karabach berief sich dabei auf das am 3. April des Vorjahres erlassene Unionsgesetz<em> &bdquo;&Uuml;ber das Verfahren der Entscheidung von Fragen, die mit dem Austritt einer Unionsrepublik verbunden sind&ldquo;<\/em>, das in einer Schutzklausel jedem Autonomen Gebiet das Recht einr&auml;umte, sich von einer neugegr&uuml;ndeten ehemaligen Sowjetrepublik loszul&ouml;sen. Best&auml;tigt wurde dies am 10. Dezember 1991 durch die Bev&ouml;lkerung Berg-Karabachs, die in einem Referendum, an dem 82,2 Prozent der Bewohner teilnahmen &ndash; die in Karabach lebenden Aseris boykottierten die Abstimmung &ndash; mit 99,89 Prozent der abgegebenen Stimmen f&uuml;r die Sezession von Aserbaidschan stimmte.<\/p><p>Mit dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 mutierte der innerstaatliche Konflikt zwischen Armeniern und Aseris zu einem zwischenstaatlichen Krieg, der Mitte 1994 mit einem De-facto-Sieg Armeniens, das zudem aus strategischen Gr&uuml;nden &ndash; widerrechtlich &ndash; zus&auml;tzlich sieben Anrainerprovinzen als &sbquo;Pufferzone&lsquo; besetzt hielt, vorerst endete. Genauer gesagt: Der Konflikt wurde eingefroren. Am 12. Mai 1994 unterzeichneten die kriegf&uuml;hrenden Parteien in Moskau ein Waffenstillstandsabkommen. Der (erste) Krieg im S&uuml;dkaukasus hatte Zehntausenden Menschen das Leben gekostet, von beiden Seiten waren, auch das geh&ouml;rt zur Wahrheit, Massaker an der Zivilbev&ouml;lkerung ver&uuml;bt worden und die bis dato in Karabach und in den Anrainerprovinzen lebenden Aseris &ndash; mehrere Hundertausend an der Zahl &ndash; wurden im Rahmen eines massiven &sbquo;Ethnic Cleansings&lsquo; nach Aserbaidschan vertrieben, wo die meisten von ihnen seitdem in Fl&uuml;chtlingscamps vegetieren.<em> <\/em><\/p><p><strong>Kurz: Stalins Saat war Jahrzehnte sp&auml;ter tats&auml;chlich aufgegangen!<\/strong><\/p><p>Nach dem Zerfall der UdSSR wurden die zum Teil willk&uuml;rlich gezogenen Grenzen der damaligen Sowjetrepubliken unter Ausblendung des Unionsgesetzes vom April 1990 &sbquo;v&ouml;lkerrechtlich&lsquo; legitimiert. Dass damit geltendes V&ouml;lkerrecht, genauer: dessen voluntaristische Interpretation, zum posthumen Apologeten stalinistischen Unrechts mutierte &ndash; Analoges gilt f&uuml;r Chruschtschows Willk&uuml;rakt der &bdquo;Schenkung&ldquo; der Krim an die Ukrainische SSR &ndash; dies ist eine besonders schr&auml;ge Kapriole der Geschichte, die niemals angemessen thematisiert, geschweige denn aufgearbeitet wurde. Aber das im V&ouml;lkerrecht angelegte &ndash; und nie befriedigend zu l&ouml;sende &ndash; Spannungsverh&auml;ltnis zwischen staatlicher Souver&auml;nit&auml;t und dem Selbstbestimmungsrecht der V&ouml;lker wird sp&auml;testens seit dem Kosovokrieg und der Anerkennung der ehemals autonomen Provinz in Jugoslawien als Staat durch den Westen von den gro&szlig;en weltpolitischen Playern so ausgelegt, wie es ihnen geopolitisch gerade passt!<\/p><p>Halten wir fest: <em>Die Sezession Berg-Karabachs 1991 war nicht nur legitim, sie war legal, denn sie vollzog sich konform zum damals geltenden sowjetischen Staatsrecht. <\/em>Wenn unsere Medien mal wieder nahezu unisono gebetsm&uuml;hlenartig und pseudo-objektiv wiederholen, Karabach geh&ouml;re &bdquo;v&ouml;lkerrechtlich zu Aserbaidschan&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>], so bedienen sie damit den aserbaidschanischen Narrativ, sprich: sie nehmen &ndash; absichtlich oder unbewusst &ndash; subkutan Partei f&uuml;r Aserbaidschan.<\/p><p><strong>Der zweite Karabachkrieg im Herbst 2020<\/strong><\/p><p>Nachdem der Konflikt um die Region &uuml;ber zweieinhalb Jahrzehnte als eingefroren gegolten hatte, was eine Reihe gr&ouml;&szlig;erer und kleinerer Grenzscharm&uuml;tzel nicht ausschloss, und Verhandlungen &uuml;ber eine L&ouml;sung im Sande verlaufen bzw. boykottiert worden waren, &auml;nderte sich das Blatt im Herbst 2020 grundlegend: Am 27. September griff das milit&auml;risch haushoch &uuml;berlegene Aserbaidschan mit Unterst&uuml;tzung syrischer S&ouml;ldner die Republik Arzach an. In den folgenden 44 Tagen gelang es den Aseris, vor allem mit Hilfe moderner Drohnen aus t&uuml;rkischer und israelischer Produktion, einige der Anrainerprovinzen zur&uuml;ckzuerobern und die s&uuml;dlichen Gebiete Karabachs einschlie&szlig;lich der auf beiden Seiten emotional hochbesetzten historischen Stadt Schuschi (Aserbaidschanisch: Schuscha) unter ihre Kontrolle zu bringen.<\/p><p>Als am 9. November Aserbaidschan &uuml;ber armenischem Hoheitsgebiet versehentlich einen russischen Kampfhubschrauber abschoss, was zwei Besatzungsmitgliedern das Leben kostete, griff Russland &ndash; das sich die ganze Zeit &uuml;ber mit dem Argument, Berg-Karabach sei kein Mitglied des Milit&auml;rb&uuml;ndnisses OVKS, infolge dessen best&uuml;nde auch keine Beistandsverpflichtung, aus dem Kriegsgeschehen herausgehalten hatte &ndash; noch am selben Abend ein und erzwang einen f&uuml;r die Armenier &auml;u&szlig;erst dem&uuml;tigenden Waffenstillstand: Aserbaidschan und Armenien verpflichteten sich, ihre aktuellen Kampflinien einzufrieren, wodurch gro&szlig;e Teile des Karabacher Gebiets de facto Aserbaidschan angeschlossen wurden. Armenien musste zudem alle besetzten Anrainerprovinzen r&auml;umen und an Aserbaidschan zur&uuml;ckgeben. Am schmerzhaftesten f&uuml;r Armenien war allerdings Punkt 9 des vorerst auf f&uuml;nf Jahre veranschlagten Abkommens. Das Land musste sich verpflichten, eine &uuml;ber armenisches Territorium f&uuml;hrende, aber unter Kontrolle des russischen FSB stehende Verkehrsverbindung zwischen der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan und dem westlichen Teil Aserbaidschans zu garantieren &ndash; womit zugleich der gef&uuml;rchteten T&uuml;rkei ausgerechnet &uuml;ber armenisches Hoheitsgebiet ein direkter Zugang zum Kaspischen Meer erm&ouml;glicht w&uuml;rde! Eine aus 1.960 Mann bestehende russische Friedenstruppe sollte die Einhaltung der Vereinbarungen, die aus armenischer Perspektive einem Diktatfrieden gleichkommen, garantieren.<\/p><p>Die Anwesenheit russischer Truppen verhinderte allerdings nicht, dass Aserbaidschan seitdem das Abkommen mehrfach gebrochen und immer wieder &ndash; zuletzt am 13. und 14. September &ndash; das Territorium der Republik Armenien angegriffen und strategisch wichtige Gebiete, wie in den Provinzen Gegharkunik und Sjunik, widerrechtlich annektiert hat. (<em>Die Fortsetzung k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88444\">hier<\/a> lesen.) <\/em><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ <a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/g\/sameer+madhukar+chogale\">sameer madhukar chogale<\/a><\/p><p><em>Dieser Artikel wurde zuerst auf <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/aserbaidschans-angriff-auf-armenien-teil-i-der-elefant-im-raum\/\">Globalbridge<\/a> ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88095\">Unser neuer Gas-Kumpel l&auml;sst&rsquo;s krachen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86588\">So verschieben sich die Perspektiven<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/1399910f20ab4e3a863f07ea71ecd950\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.piper.de\/buecher\/die-grenzen-der-toleranz-isbn-978-3-492-31031-4\">piper.de\/buecher\/die-grenzen-der-toleranz-isbn-978-3-492-31031-4<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.primeminister.am\/en\/press-release\/item\/2022\/09\/19\/Nikol-Pashinyan-Security-Council-Announcement\/\">primeminister.am\/en\/press-release\/item\/2022\/09\/19\/Nikol-Pashinyan-Security-Council-Announcement\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/aserbaidschan-armenien-konflikt-bergkarabach-1.5656040\">sueddeutsche.de\/politik\/aserbaidschan-armenien-konflikt-bergkarabach-1.5656040<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/president.az\/en\/articles\/view\/56442?fbclid=IwAR2UnjvQya7q0dliKq-9jSXqAsiOictSn1kswfHwmb70QjAySDedPe2TW88\">president.az\/en\/articles\/view\/56442?fbclid=IwAR2UnjvQya7q0dliKq-9jSXqAsiOictSn1kswfHwmb70QjAySDedPe2TW88<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/aserbaidschan-armenien-konflikt-bergkarabach-1.5656040\">sueddeutsche.de\/politik\/aserbaidschan-armenien-konflikt-bergkarabach-1.5656040<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der j&uuml;ngste Angriff Aserbaidschans auf armenisches Territorium veranlasste unseren Gastautoren Leo Ensel, einen Essay, den er vor zwei Jahren &uuml;ber die Geschichte Karabachs und die einseitige &ndash; de facto f&uuml;r Aserbaidschan Partei ergreifende &ndash; Berichterstattung in den deutschen Medien verfasst hatte, nochmals zu aktualisieren. 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