{"id":885,"date":"2005-09-21T18:04:12","date_gmt":"2005-09-21T16:04:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=885"},"modified":"2016-03-04T11:36:00","modified_gmt":"2016-03-04T10:36:00","slug":"was-fur-den-spiegel-chaos-und-anarchie-ist-das-ist-in-unseren-nachbarlandern-demokratische-normalitat-wie-man-den-wahlerwillen-auch-anders-interpretieren-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=885","title":{"rendered":"Was f\u00fcr den SPIEGEL \u201eChaos\u201c und \u201eAnarchie\u201c ist, das ist in unseren Nachbarl\u00e4ndern demokratische Normalit\u00e4t. Wie man den W\u00e4hlerwillen auch anders interpretieren kann."},"content":{"rendered":"<p>Rot ist das Cover beim SPIEGEL ja immer noch, doch die Farbe hat nichts mehr mit der politischen Gesinnung zu tun, sondern allenfalls noch etwas mit der Zornesr&ouml;te der Redaktionsoberen. Da hat doch der SPIEGEL, allen voran der Leiter der Berliner Redaktion, Gabor Steingart, und mangels eigener Positionen der wieselflinke Chefredakteur Stefan Aust, mit dem Spitznamen die &bdquo;linke B&uuml;gelfalte&ldquo;, alles getan und geschrieben, dass der nach deren Meinung historische Irrtum des deutschen Sozialstaates, der mit Bismarck begonnen und von Adenauer fortgesetzt wurde, endlich wieder revidiert wird und wir zwingend von der sozialen Marktwirtschaft in die Marktgesellschaft wechseln m&uuml;ssten. Aber der bl&ouml;de W&auml;hler bockte. Die Mehrheit der Deutschen h&auml;lt am Sozialstaat fest.<br>\n<!--more--><br>\nDas &auml;rgert nat&uuml;rlich die Chefetage und deren Zuschreiber in den Redaktionsstuben ma&szlig;los, sieht man sich doch in geradezu schr&ouml;derschem Gr&ouml;&szlig;enwahn als Meinungsf&uuml;hrer in der politischen Medienlandschaft. Dieser &Auml;rger dr&uuml;ckt sich im Titel des Wahlsonderheftes aus: &bdquo;Die Chaos-Wahl. Keine Macht f&uuml;r niemand&ldquo;, wird da das Wahlergebnis gedeutet. <\/p><p>Was in anderen demokratischen L&auml;ndern absolut normal ist, n&auml;mlich dass die gro&szlig;en Volksparteien etwa ein Drittel der Stimmen haben und sich eben in einem Mehrparteiensystem mit kleineren Parteien verb&uuml;nden m&uuml;ssen, ist f&uuml;r den SPIEGEL das &bdquo;Chaos&ldquo;, ja sogar die &bdquo;Anarchie&ldquo;: &bdquo;Keine Macht f&uuml;r niemand, die alte Kampfparole der Anarchisten scheint die L&ouml;sung der Wahlb&uuml;rger zu sein&ldquo;, so beschimpft der SPIEGEL das Wahlvolk.<br>\nWas muss da erst in den Niederlanden mit neun Parteien, darunter sogar zwei Gr&uuml;ne, in Italien gar mit f&uuml;nfzehn Parteien, in Schweden mit sieben Parteien, in D&auml;nemark mit acht, in Finnland mit neun Parteien f&uuml;r ein Chaos herrschen. <\/p><p>Es sei richtig kompliziert, &bdquo;weil es nach dieser Wahl in Wahrheit eine Mehrheit gibt, eine linke Mehrheit&ldquo;. Aber das ist ja f&uuml;r den SPIEGEL gerade das Schlimme.<br>\nDer Agenda-Kanzler sei in den Hintergrund gedr&auml;ngt worden, die B&uuml;hne im Wahlkampf geh&ouml;rte dem &bdquo;Traditionsgenossen&ldquo;, einem &bdquo;scheinlinken Kanzler&ldquo;.<br>\nF&uuml;r den SPIEGEL ist Kirchhof immer noch die &bdquo;einzig gro&szlig;e Entscheidung&ldquo; von Angela Merkel. &bdquo;Endlich einer, der von au&szlig;en kommt, einer der ganz anders redet als Politiker&ldquo;, ein &bdquo;leibhaftiger Reformer&ldquo; eben, obwohl der vom Spiegel zum &bdquo;Steuerpapst&ldquo; Ausgerufene inzwischen l&auml;ngst selbst eingesehen hat, dass er als Oberhaupt der Reformgemeinde nicht taugt. <\/p><p>Alles was der SPIEGEL an angeblich notwendigen Systemver&auml;nderungen hochgejubelt hat, das will der psychisch gest&ouml;rte Deutsche offenbar nicht. Weil die Redaktion das nicht selbst so offen auszusprechen wagt, leiht man sich das verf&auml;lschte Urteil (Siehe <a href=\"?p=884\">Eintrag im &ldquo;Kritischen Tagebuch&rdquo; vom 21.09.05<\/a>) der Briten: &bdquo;Bestellt werden, so scheint es, muss ein Psychiater&ldquo; l&auml;sst der SPIEGEL Thomas Huetlin schreiben. <\/p><p>Nun ist zuzugeben, dass das mit der Interpretation des &bdquo;W&auml;hlerwillens&ldquo; eine schwierige Sache ist. Wollen die SPD-W&auml;hler nun den Agenda-Kurs oder wollen sie die eher sozialen T&ouml;ne des Wahlmanifestes?<br>\nWaren die FDP-W&auml;hler gegen eine gro&szlig;e Koalition? Haben die CSU-W&auml;hler Stoiber f&uuml;r seine Beschimpfung der Ossis als &bdquo;Frustrierte&ldquo; abgestraft? Hat die CDU wegen Kirchhof Stimmen eingeb&uuml;&szlig;t? Dar&uuml;ber l&auml;sst sich trefflich spekulieren. K&ouml;nnte es nicht auch so sein, dass die W&auml;hler, in dem sie f&uuml;nf Parteien in den Bundestag w&auml;hlten, einfach ein Interesse daran haben, dass das real vorhandene politische Spektrum in der Bev&ouml;lkerung wieder deutlicher im Parlament zum Ausdruck kommt? <\/p><p>Gerade der Erfolg der Linken, die ja keine politischen Ankn&uuml;pfungspunkte f&uuml;r eine Zusammenarbeit mit den &uuml;brigen Parteien sehen und die von allen anderen Parteien regelrecht ausgegrenzt werden, ist ein deutliches Zeichen daf&uuml;r, dass es vielen W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern vor allem darum geht, dass im Parlament die unterschiedlichen Interessen in der Bev&ouml;lkerung &uuml;berhaupt erst wieder eine &ouml;ffentliche B&uuml;hne bekommen. <\/p><p>Dass mehr Parteien in den Bundestag gew&auml;hlt wurden, k&ouml;nnte ja auch einfach den Willen vieler Menschen zum Ausdruck bringen, dass das Parlament gegen&uuml;ber einer &bdquo;Kanzlerdemokratie&ldquo; mit ihren demokratisch nicht legitimierten, au&szlig;erparlamentarischen Expertengremien und vor allem gegen&uuml;ber der &Uuml;bermacht der Lobbyisten gest&auml;rkt werden sollte. K&ouml;nnte gerade durch die Wahl der Linken.PDS nicht auch ein Aufbegehren gegen den Meinungsmainstream der &uuml;berwiegenden Zahl der Medien zum Ausdruck kommen? <\/p><p>Kein Vertreter von CDU\/CSU, SPD, FDP oder Gr&uuml;nen vergisst bei einer Interview&auml;u&szlig;erung den Hinweis, dass jetzt jeder mit jedem sprechen m&uuml;sse, nat&uuml;rlich mit Ausnahme der Linken.PDS. Merkt eigentlich keiner von ihnen, welche Mauer sie damit zwischen Ost und West wieder hochziehen? Wie muss diese Diskriminierung bei immerhin einem Viertel der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler in Ostdeutschland ankommen? Sie haben Die Linke.PDS zur zweitst&auml;rksten Partei im Osten gew&auml;hlt und ihre Stimme soll weder gez&auml;hlt noch geh&ouml;rt werden? Was sollen sie vom Geschenk einer solchen Demokratie halten, die sie zu demokratischen &bdquo;Outcasts&ldquo; erkl&auml;rt? <\/p><p>Aber weil der SPIEGEL seinen neoliberalen Kampfauftrag nicht so leicht aufgibt, nimmt er den &bdquo;verborgenen Charme&ldquo; der gro&szlig;en Koalition schon mal vorweg und formuliert einen ihm passenden Koalitionsvertrag. In dem ist &bdquo;ein Aufweichen des Reformkurses, wie ihn j&uuml;ngst die SPD in ihrem Wahlmanifest verordnet hat,&hellip; in einer christlich-sozialdemokratischen Allianz genauso ausgeschlossen wie ein liberale Radikalreform des Arbeits- und Tarifrechts nach den Pl&auml;nen der FDP.&ldquo; Hauptsache der vom SPIEGEL propagierte &bdquo;Reform&ldquo;kurs wird nicht in Frage gestellt. <\/p><p><a href=\"http:\/\/service.spiegel.de\/digas\/servlet\/epaper?Q=SP&amp;JG=2005&amp;AG=55\" title=\"Externer Link zu http:\/\/service.spiegel.de\/digas\/servlet\/epaper?Q=SP&amp;JG=2005&amp;AG=55\">Quelle 1: SPIEGEL ONLINE <\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,375497,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,375497,00.html\">Quelle 2: SPIEGEL ONLINE<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rot ist das Cover beim SPIEGEL ja immer noch, doch die Farbe hat nichts mehr mit der politischen Gesinnung zu tun, sondern allenfalls noch etwas mit der Zornesr&ouml;te der Redaktionsoberen. 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