{"id":8850,"date":"2011-03-28T14:37:34","date_gmt":"2011-03-28T13:37:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8850"},"modified":"2014-08-12T12:48:57","modified_gmt":"2014-08-12T10:48:57","slug":"die-neue-volkspartei-die-keine-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8850","title":{"rendered":"Die neue Volkspartei, die keine ist"},"content":{"rendered":"<p>Nach drei&szlig;ig Jahren sind die Gr&uuml;nen auf ihrem Marsch durch die Institutionen an einem Etappenziel angekommen. Aller Voraussicht nach werden sie in Baden-W&uuml;rttemberg nun mit Winfried Kretschmann den ersten Ministerpr&auml;sidenten ihrer Parteigeschichte stellen k&ouml;nnen. Wenige Stunden nach Schlie&szlig;ung der Wahllokale &uuml;berschlugen sich die politischen Kommentatoren mit eigenwilligen Interpretationen des Wahlergebnisses: Die Gr&uuml;nen seien nun eine Volkspartei und das Wahlergebnis markiere eine Niederlage des Konservatismus und einen Sieg linker Politik. Diese Analysen m&ouml;gen interessant sein, bei n&auml;herer Betrachtung erweisen sie sich jedoch allesamt als falsch. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nDie Gr&uuml;nen profitieren so sehr wie keine andere Partei vom demographischen Wandel. Seit Jahrzehnten k&ouml;nnen die Gr&uuml;nen bei Neu- und Jungw&auml;hlern &uuml;berproportional punkten. Die Parteitreue der jungen W&auml;hler ist erstaunlich hoch. Wer einmal gr&uuml;n w&auml;hlt, bleibt der Partei meistens treu. Dies ist eine der Kernaussagen des aktuellen <a href=\"upload\/pdf\/110328_diw_gruene.pdf\">DIW-Wochenberichts [PDF &ndash; 235 KB]<\/a>, der mit Hilfe der umfangreichen Daten des Sozio-&ouml;konomischen Panels (SOEP) die Kernw&auml;hlerschaft der Gr&uuml;nen unter die Lupe nimmt. Eine stabile Unterst&uuml;tzerschaft verzeichnen die Gr&uuml;nen beispielweise bei der Gruppe der zwischen 1960 und 1969 Geborenen. 19% dieser Altersgruppe w&auml;hlten die Gr&uuml;nen, als sie in den 80ern zum ersten Mal w&auml;hlen durften. Heute sind es immer noch 16% aus diesen Jahrg&auml;ngen, die ihr Kreuz bei den Gr&uuml;nen machen. Eine &auml;hnliche W&auml;hlertreue ist bei den Geburtsjahrg&auml;ngen 1950 bis 1959 und 1970 bis 1979 zu verzeichnen. Bei W&auml;hlern, die vor 1950 geboren wurden, konnten die Gr&uuml;nen hingegen nie so richtig punkten. Vollkommen losgel&ouml;st von sozio&ouml;konomischen und politischen Fragen l&auml;sst sich also sagen, dass die anteilige Anh&auml;ngerschaft der Gr&uuml;nen von Legislaturperiode zu Legislaturperiode w&auml;chst, da Erstw&auml;hler zu einem gr&ouml;&szlig;eren Anteil Gr&uuml;nen-W&auml;hler sind und bleiben als Personen, die aus biologischen Gr&uuml;nden aus dem W&auml;hlerverzeichnis gestrichen werden m&uuml;ssen. Bei den Unionsparteien ist das genaue Gegenteil zu beobachten.<\/p><p>&bdquo;Wer in seiner Jugend nicht links denkt, hat kein Herz und wer im Alter immer noch links denkt, hat keinen Verstand&ldquo; &ndash; so lautet ein verbreiteter Aphorismus, nach dem man den Gr&uuml;nen gleichzeitig Herz und Verstand zubilligen k&ouml;nnte. Die Geschichte der Gr&uuml;nen ist symptomatisch f&uuml;r eine ganze Generation des B&uuml;rgertums. In Totalopposition zum alten B&uuml;rgertum ihrer Eltern versuchte das junge B&uuml;rgertum frischen Wind in eine verkrustete Gesellschaft zu bringen und nahm sich vor, den Marsch durch die Institutionen anzutreten, um die Gesellschaft zu ver&auml;ndern. Der Marsch ist angekommen, nur hat die Gesellschaft die Marschierenden ver&auml;ndert. <\/p><p>Sozio&ouml;konomisch hat die W&auml;hlerschaft der Gr&uuml;nen sich um 180&deg; gedreht. In den 80ern wurden die Gr&uuml;nen &uuml;berdurchschnittlich h&auml;ufig vom untersten Einkommensf&uuml;nftel gew&auml;hlt. Heute w&auml;hlen die beiden obersten Einkommensf&uuml;nftel &uuml;berdurchschnittlich h&auml;ufig die Gr&uuml;nen &ndash; das oberste Einkommensf&uuml;nftel z&auml;hlt dabei am st&auml;rksten zur neuen Stammw&auml;hlerschaft. In den 80ern w&auml;hlte jeder vierte wahlberechtigte Auszubildende bzw. Student die Gr&uuml;nen, w&auml;hrend nur jeder zwanzigste Beamte und Selbstst&auml;ndige sein Kreuz bei den Gr&uuml;nen machte. Heute w&auml;hlt jeder f&uuml;nfte Beamte und Selbstst&auml;ndige die Gr&uuml;nen.   <\/p><p>Die &bdquo;linken&ldquo; Studenten der 80er sind heute &ouml;konomisch gut situierte Angestellte, Selbstst&auml;ndige und Beamte und haben ganz andere Sorgen als die Probleme von damals. Ging man fr&uuml;her gegen den NATO-Doppelbeschluss und f&uuml;r eine klassenlose Gesellschaft auf die Stra&szlig;e, k&auml;mpft man heute f&uuml;r verkehrsberuhigte Zonen in gehobenen Stadtvierteln und die steuerliche F&ouml;rderung von Solarzellen auf den schicken Einfamilienh&auml;usern. Dieser Gesinnungswandel dr&uuml;ckt sich auch in den politischen Positionen und den Themengewichtungen der W&auml;hlerschaft aus. Atomausstieg und Solarf&ouml;rderung liegen den Gr&uuml;nen-W&auml;hlern n&auml;her als Mindestlohn und Verteilungsgerechtigkeit.  Gr&uuml;nen-W&auml;hler sind laut SOEP bei den Themen &bdquo;Umwelt&ldquo; und &bdquo;Klimawandel&ldquo; &uuml;berdurchschnittlich besorgt, w&auml;hrend die Themen &bdquo;Frieden&ldquo; und &bdquo;Wirtschaftslage&ldquo; f&uuml;r sie keine gro&szlig;e Rolle spielen. W&auml;hler, die sich Sorgen um die &bdquo;Wirtschaftslage&ldquo; machen, w&auml;hlen die Gr&uuml;nen nur sehr selten. <\/p><p>Die als Rebellen Gestarteten kamen als besitzstandswahrende B&uuml;rgerliche an und stehen dabei stellvertretend f&uuml;r einen gro&szlig;en Teil ihrer Generation, die l&auml;ngst den Frieden mit ihrer Elterngeneration geschlossen hat. Die &bdquo;neue B&uuml;rgerlichkeit&ldquo; hat die Kinder des B&uuml;rgertums mit ihren Eltern vers&ouml;hnt oder wie es der versto&szlig;ene Ex-Gr&uuml;ne Oswald Metzger einst formulierte: &bdquo;Die Gr&uuml;nen n&auml;hern sich habituell ihren Herkunftsfamilien an&rdquo;. <\/p><p>Gr&uuml;ne Politik ist im Kern postmaterialistisch und konservativ. Wer in einer satten Gesellschaft an den Futtertr&ouml;gen sitzt, entfernt sich von materiellen Forderungen wie der Verteilungsgerechtigkeit und wendet sich abstrakten Werten wie Umweltschutz oder Klimapolitik zu. Hier steht das &bdquo;Bewahren&ldquo; im Mittelpunkt &ndash; der Begriff &bdquo;konservativ&ldquo; leitet sich aus dem lateinischen Wort &bdquo;conservativus&ldquo; her, was auf Deutsch &bdquo;erhaltend, bewahrend&ldquo; hei&szlig;t. Der Parteienforscher  Franz Walter beschrieb den Wandel der Gr&uuml;nen auf dem taz-Kongress 2009 <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/dossiers\/tazkongress\/artikel\/1\/%5Cschwarzgruen-auch-nicht-mit-roettgen-und-oezdemir%5C\/\">folgenderma&szlig;en<\/a>: &ldquo;Die Gr&uuml;nen von 2009 sind so, wie die Gr&uuml;nen 1983 die CDU beschrieben haben: furchtbare B&uuml;rger, elit&auml;r, selbstgef&auml;llig.&ldquo;<\/p><p>Folgt man den SOEP-Daten, ist der typische Gr&uuml;nen-W&auml;hler weiblich, hat einen Hochschulabschluss, lebt in einer Gro&szlig;stadt, ist verbeamtet und macht sich mehr Sorgen &uuml;ber den Klimawandel als &uuml;ber die mangelnde Verteilungsgerechtigkeit. Ebenso interessant wie die Frage, wer eigentlich gr&uuml;n w&auml;hlt, ist jedoch die Frage, wer nicht gr&uuml;n w&auml;hlt. Sowohl bei Rentnern, als auch bei Arbeitslosen, Arbeitern, Personen mit niedrigem Schulabschluss und Angeh&ouml;rigen der unteren drei Einkommensf&uuml;nftel sind die Gr&uuml;nen als Partei kaum vertreten. Aus diesen Daten wird bereits klar, dass die Gr&uuml;nen keine Volkspartei sind. Zum Wesen einer Volkspartei geh&ouml;rt es nun einmal, dass man in allen sozio&ouml;konomischen und gesellschaftlichen Schichten &uuml;ber ein mehr oder weniger stabiles W&auml;hlerklientel verf&uuml;gt. Das ist bei den Gr&uuml;nen aber nicht der Fall.<\/p><p>Folgt man der Annahme, dass Parteien zuallererst immer die Interessen der eigenen W&auml;hlerschaft vertreten, verwundert es auch nicht, dass gr&uuml;ne Politik eben keine &bdquo;linke&ldquo; Politik ist, deren oberstes Ziel immer Gerechtigkeit und Chancengleichheit sein muss. Die Zahnarztfrau hat nun einmal kein gesteigertes Interesse daran, dass ihre Kinder auf einer Gesamtschule gemeinsam mit Kindern aus &bdquo;bildungsfernen Schichten&ldquo; lernen. Die Gr&uuml;nen kokettieren vielmehr mit einem &bdquo;linken&ldquo; Image, das bei n&auml;herer Betrachtung jedoch nicht haltbar ist. <\/p><p>&bdquo;Alle Parteien machen ihren W&auml;hlern was vor, aber es gibt keine Partei, die eine so grandiose Differenz zwischen ihrem Image und ihrer Realit&auml;t hat&ldquo;, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,745943,00.html\">so die Ex-Gr&uuml;ne Jutta Ditfurth<\/a>, die auch die Position vertritt, dass Gr&uuml;nen-W&auml;hler von ihrer Partei get&auml;uscht werden wollen. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob diese Form der Selbstt&auml;uschung nicht bereits fester Bestandteil des &bdquo;neuen B&uuml;rgertums&ldquo; ist. Die Zahnarztfrau, die ihre Kinder mit einem SUV, auf dessen Heck ein Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber prangt, in die Privatschule f&auml;hrt und f&uuml;r die Multi-Kulti zuv&ouml;rderst der Einkauf von Bio-Gem&uuml;se beim t&uuml;rkischen Lebensmittelh&auml;ndler ist, mag der Prototyp dieses postmaterialistischen Selbstbetrugs sein. Probleme mit ihrem Klientel k&ouml;nnten die Gr&uuml;nen nur dann bekommen, wenn dieser Selbstbetrug allzu offensichtlich wird. <\/p><p>Mit der Koalitionsf&uuml;hrerschaft in Baden-W&uuml;rttemberg steigt die Gefahr, dass die Gr&uuml;nen den Spagat zwischen linker Wohlf&uuml;hlrhetorik und knallharter neokonservativer Realpolitik nicht mehr meistern k&ouml;nnen. Was hei&szlig;t es f&uuml;r die Gr&uuml;nen, wenn Stuttgart 21 unter einem gr&uuml;nen Ministerpr&auml;sidenten weitergebaut wird? Wird Kretschmann Stuttgart-21-Gegner zusammenpr&uuml;geln lassen, wenn die Proteste sich wieder versch&auml;rfen sollten? Den gr&uuml;nen Stammw&auml;hlern werden diese Fragen jedoch egal sein. Nachdem die Gr&uuml;nen in ihrer ersten Regierungszeit im Bund ihren Pazifismus &uuml;ber Bord und Bomben auf das Kosovo warfen, wurden sie vom W&auml;hler belohnt und konnten bei den Bundestagswahlen 2002 rund zwei Prozentpunkte mehr Stimmen holen. Sogar die gescheiterte Regierungsbeteiligung in Hamburg konnte den Gr&uuml;nen nichts anhaben &ndash; bei den vorgezogenen Neuwahlen in diesem Jahr konnten sie ihren Stimmanteil sogar noch steigern. Warum sollte das in Baden-W&uuml;rttemberg anders sein? Die Zeit des neuen Konservatismus scheint erst begonnen zu haben und irgendwann werden die Gr&uuml;nen wohl auch die Reminiszenzen an ihre linke Vergangenheit &uuml;ber Bord werfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach drei&szlig;ig Jahren sind die Gr&uuml;nen auf ihrem Marsch durch die Institutionen an einem Etappenziel angekommen. 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