{"id":88549,"date":"2022-09-27T10:00:42","date_gmt":"2022-09-27T08:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88549"},"modified":"2022-09-27T12:40:41","modified_gmt":"2022-09-27T10:40:41","slug":"auf-dem-ruecken-unserer-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88549","title":{"rendered":"Auf dem R\u00fccken unserer Kinder!"},"content":{"rendered":"<p>Sachsen-Anhalt probt die Vier-Tage-Woche, Nordrhein-Westfalen verschiebt Tausende P&auml;dagogen auf fremdes Terrain und Sachsen setzt auf &bdquo;planm&auml;&szlig;igen Unterrichtsausfall&ldquo;. Ein so nie dagewesener Lehrermangel treibt die seltsamsten Bl&uuml;ten und wird k&uuml;nftig doch nur der Normalfall sein. Es r&auml;chen sich jahrzehntelange Fehlplanung im Zeichen von Rotstift und Entstaatlichung und mit dem letzten Aufgebot an Amateurpaukern wird der Privatisierungslobby der Boden bereitet. Es gibt sch&ouml;nere Perspektiven. Aber die kosten Geld. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.   <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9868\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-88549-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220927-Auf-dem-Ruecken-unserer-Kinder-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220927-Auf-dem-Ruecken-unserer-Kinder-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220927-Auf-dem-Ruecken-unserer-Kinder-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220927-Auf-dem-Ruecken-unserer-Kinder-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=88549-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220927-Auf-dem-Ruecken-unserer-Kinder-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220927-Auf-dem-Ruecken-unserer-Kinder-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>An manchen Schulen in Th&uuml;ringen hat Unterricht fast schon Seltenheitswert. Er wisse von F&auml;llen, da werde nur an drei Tagen gelehrt, <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/thueringen\/lehrermangel-strategien-ministerium-100.html\">&bdquo;weil an den anderen Tagen keine Lehrer vorhanden sind&ldquo;<\/a>, gab zuletzt Christian Tischner, bildungspolitischer Sprecher der CDU im Erfurter Landtag, zu Protokoll. In den siebten Klassen am M&uuml;hlh&auml;user Tilesius-Gymnasium zum Beispiel m&uuml;ssten in den kommenden vier Wochen 40 Stunden ausfallen, 24 w&auml;ren es bei den achten Klassen, berichtete unl&auml;ngst der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR). Das Karriereportal des Landesbildungsministeriums beziffert die Personall&uuml;cke dieser Tage mit 762, wohingegen Tischner glaubt, es fehlten weit &uuml;ber 1.500 Kr&auml;fte. Die Stellen, die man allein zur Beschulung der ukrainischen Fl&uuml;chtlingskinder br&auml;uchte, &bdquo;werden gar nicht ausgeschrieben&ldquo;. <\/p><p>&Uuml;berall in Deutschland regieren die Mangelverwalter. Und wie &uuml;blich nehmen sie daf&uuml;r die &ouml;ffentlich Bediensteten in die Mangel. An Nordrhein-Westfalens Lehranstalten sind offiziell 4.400 Planstellen vakant, besonders gro&szlig; sind die N&ouml;te im Primarbereich. Die Landesregierung verschiebt deshalb kurzerhand <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/bildung\/nordrhein-westfalen-landesregierung-verschiebt-knapp-3300-lehrkraefte-an-grundschulen-a-1f3f4fe8-708e-4161-bd94-18a7dd4b5ad3\">knapp 3.300 Lehrerinnen und Lehrer<\/a> aus den weiterf&uuml;hrenden Schulen an die Grundschulen &ndash; wohl f&uuml;r ein ganzes Schuljahr. Wer nicht freiwillig mitzieht, wird zwangsweise abgeordnet. F&uuml;r Ayla &Ccedil;elik, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), kann es &bdquo;nicht die L&ouml;sung sein, den Mangel an einer Schule zu beheben, indem man an einer anderen Schule Mangel schafft&ldquo;. <\/p><p><strong>Sachsen-Anhalt probt &bdquo;5-minus-1&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wo, wie in faktisch allen 16 Bundesl&auml;ndern, seit Jahrzehnten Schulpolitik wider jede Vernunft,  jeden Plan und vor allem wider die Interessen der Heranwachsenden betrieben wird, geh&ouml;rt der Irrsinn zum politischen Tagesgesch&auml;ft. In Sachsen-Anhalt ist man gerade dabei, an zun&auml;chst zw&ouml;lf ausgew&auml;hlten Standorten eine Vier-Tage-Schulwoche zu erproben. Beim <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article241090397\/Lehrermangel-Jede-Woche-ein-Tag-Distanzunterricht-und-das-hat-nichts-mit-Corona-zu-tun.html\">&bdquo;4-plus-1-Modell&ldquo;<\/a> wird von Montag bis Donnerstag in Pr&auml;senz unterrichtet, w&auml;hrend am Freitag &bdquo;alternative Lernformen&ldquo;, bevorzugt am heimischen Laptop, praktiziert werden sollen. Kultusministerin Eva Feu&szlig;ner (CDU) bewirbt das Projekt mit Sprechblasen wie &bdquo;selbstorganisiertes Lernen&ldquo;, &bdquo;mehr Flexibilit&auml;t bei der Unterrichtsplanung und -durchf&uuml;hrung&ldquo; und &bdquo;zus&auml;tzliche Freir&auml;ume&ldquo;. <\/p><p>Dabei geht es blo&szlig; darum &ndash; Stichwort &bdquo;5-minus-1&ldquo; &ndash; auf Biegen und Brechen den auf lange Sicht riesigen Engp&auml;ssen bei der Personalausstattung zu begegnen. <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/430565.bildungspolitik-bildungsabbau-per-dekret.html?sstr=sachsenanhalt%7Clehrkr%C3%A4fte\">&bdquo;Das ist amtlich sanktionierter Unterrichtsausfall&ldquo;<\/a>, findet die GEW-Landesvorsitzende Eva Gerth. F&uuml;r sie ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Gemeinschafts- und Sekundarschulen f&uuml;r den Testlauf auserkoren wurden. &bdquo;Dort sind die Defizite am gr&ouml;&szlig;ten, derzeit f&auml;llt jede zehnte Unterrichtsstunde flach.&ldquo; Was konkret am f&uuml;nften Tag passiert, bleibt r&auml;tselhaft. Im Gespr&auml;ch sind Dinge wie digitaler Fernunterricht &ndash; trotz der leidvollen Erfahrungen w&auml;hrend der Corona-Krise &ndash; oder Besuche bei Unternehmen, um den Sch&uuml;lern &bdquo;vor Ort Praxiswissen zu vermitteln&ldquo;. Wer aber beaufsichtigt die Kinder beim Distanzunterricht? M&uuml;ssen sich Eltern extra daf&uuml;r freinehmen? Wer stellt sicher, dass alle ans Internet angeschlossen sind oder &uuml;ber die passenden Ger&auml;te verf&uuml;gen? Und wird am Tag f&uuml;nf &uuml;berhaupt die Schulpflicht erf&uuml;llt? <\/p><p><strong>Jahrzehntelange Fehlsteuerung<\/strong><\/p><p>Alles egal, Hauptsache &bdquo;innovativ&ldquo; &ndash; und ein Graus mehr f&uuml;r jeden P&auml;dagogen. &bdquo;Engagierte Lehrkr&auml;fte und Schulleitungen werden verschlissen, weil von ihnen die entsprechenden konzeptionellen &Uuml;berlegungen zus&auml;tzlich zu ihrer normalen Arbeit erwartet werden&ldquo;, bemerkte GEW-Chefin Gerth. Auch der Landeschef des Verbands Bildung und Erziehung, Torsten Wahl, ist &uuml;berzeugt: &bdquo;Das alles bedeutet f&uuml;r die Lehrkr&auml;fte eine enorme zus&auml;tzliche Belastung.&ldquo; Hier werde <a href=\"https:\/\/vbe-lsa.de\/lehrkraeftemangel-im-land-treibt-immer-mehr-komische-blueten-4-plus-1-modell-soll-bildung-retten\/\">&bdquo;eindeutig Lebens- und Lernzeit auf Kosten der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler vergeudet&ldquo;<\/a>. <\/p><p>Gleichwohl k&ouml;nnte das Experiment Zukunft haben, wenngleich es f&uuml;rs Erste auf das laufende Schuljahr 2022\/23 beschr&auml;nkt sein soll. Laut einem Schreiben Feu&szlig;ners an die betroffenen Schulleitungen sollen durchaus Erkenntnisse f&uuml;r &bdquo;eine &Uuml;bernahme (&hellip;) in den Regelbetrieb&ldquo; gewonnen werden. Nachahmer k&ouml;nnte es auch schon bald geben, vielleicht ja demn&auml;chst Brandenburg. Die &bdquo;M&auml;rkische Allgemeine&ldquo; titelte vor einem Monat: <a href=\"https:\/\/www.maz-online.de\/brandenburg\/modellprojekt-ist-die-vier-tage-schulwoche-ein-modell-fuer-brandenburg-HBUNYPCLZ2S5R4XTS7TCDM5HKQ.html\">&bdquo;Traum aller Sch&uuml;ler: Kommt die Vier-Tage-Schulwoche?&ldquo;<\/a> Derweil hat Ministerin Feu&szlig;ner bereits die n&auml;chste Zumutung im K&ouml;cher. Laut einem Bericht der &bdquo;Volksstimme&ldquo; denkt sie dar&uuml;ber nach, <a href=\"https:\/\/www.volksstimme.de\/sachsen-anhalt\/landespolitik\/schliessen-die-grundschulen-in-sachsen-anhalt-bald-fruher-3449487?reduced=true\">&bdquo;die verl&auml;sslichen &Ouml;ffnungszeiten in Grundschulen zu reduzieren&ldquo;<\/a>. Vorm Bildungskahlschlag ist kein Tabu sicher. <\/p><p>Der seit Jahren grassierende, in der aktuellen Dimension allerdings nie dagewesene Lehrermangel ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ursachen liegen in einer unheilvollen Mischung aus f&ouml;deraler Fehlplanung und -steuerung der Kultusminister und einer Bildungspolitik im Zeichen von Spardiktaten, Entstaatlichung und Privatisierung. Die NachDenkSeiten hatten die Gr&uuml;nde der Misere <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57765\">an dieser Stelle<\/a> umfassend behandelt. Im Zentrum stand bei dem Beitrag die These, dass die Vorgaben f&uuml;r eine &bdquo;ausk&ouml;mmliche Unterrichtsversorgung&ldquo; noch niemals und nirgendwo darauf abgestellt waren, was wahrhaftig und gem&auml;&szlig; wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Besten des Kindeswohls ist. Entsprechend war und ist der sogenannte Einstellungsbedarf eine variable, mit diversen Stellschrauben &ndash; etwa Stundendeputat oder Klassengr&ouml;&szlig;e &ndash; manipulierbare Gr&ouml;&szlig;e, ma&szlig;geblich dadurch bestimmt, was der Geldbeutel der Landesfinanzminister gerade hergibt. <\/p><p><strong>Lehrer kann doch jeder<\/strong> <\/p><p>Nach vorsichtigen Sch&auml;tzungen der GEW und des VBE konnten bundesweit zum neuen Schuljahr zwischen 20.000 und 30.000 P&auml;dagogenstellen nicht besetzt werden. Im Gespr&auml;ch mit den NachDenkSeiten verwies der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann auf eine im Auftrag seines Verbands im Fr&uuml;hjahr vorgelegte Expertise des Bildungsforschers Klaus Klemm. Danach k&ouml;nnten bis 2035 <a href=\"https:\/\/www.vbe.de\/presse\/pressedienste\/pressedienste-2022\/politik-verschleiert-abermals-realitaet-bis-2035-fehlen-bis-zu-158000-lehrkraefte\">&bdquo;fast 160.000 Lehrkr&auml;fte fehlen&ldquo;<\/a>, sollten einerseits die Reformma&szlig;nahmen zu Ganztagsbetreuung, Inklusion und der F&ouml;rderung von sozial benachteiligten Kindern umgesetzt werden, aber gleichzeitig personalpolitisch &bdquo;kein Umdenken in der Politik stattfinden&ldquo;. <\/p><p>Klemm ist nicht bekannt f&uuml;r Dramatisierungen und mit seinen Berechnungen lag er bis dato stets um L&auml;ngen n&auml;her an der Wirklichkeit als die Kultusministerkonferenz (KMK). Die hatte im vergangenen M&auml;rz mit ihrer Modellrechnung ein Defizit von lediglich 23.800 P&auml;dagogen bis 2035 ausgemacht, was laut Klemm angesichts des Neuangebots origin&auml;r ausgebildeter Lehrkr&auml;fte aber &bdquo;h&ouml;chst unrealistisch&ldquo; sei. Weder seien die Annahmen durch j&uuml;ngste Entwicklungen bei den Studierendenzahlen im Lehramtsstudium gedeckt noch durch die Zahl der Schulabsolventen in den kommenden Jahren. Und noch einmal: Die KMK-Vorhersagen erwiesen sich r&uuml;ckblickend durch die Bank als komplett untauglich, nicht nur was den Entwicklung der Lehrerzahlen angeht. Dasselbe gilt f&uuml;r die Ermittlung der Sch&uuml;ler-, der Studierenden- sowie der Erzieherinnenzahlen. Mit dem Tag der Verk&uuml;ndigung war das b&ouml;se Erwachen immer schon programmiert.  <\/p><p>Aber kalkuliert die Politik &uuml;berhaupt noch mit waschechten P&auml;dagogen, die an den Unis aufs Lehramt vorbereitet werden? Tats&auml;chlich geht der Trend immer mehr zum Quer- und Seiteneinstieg. Dabei haben Quereinsteiger zumindest in einem ihrem Unterrichtsfach verwandten Bereich studiert und ein Referendariat absolviert. Seiteneinsteiger haben nur irgendetwas studiert und auch keinen Vorbereitungsdienst durchlaufen, sondern werden in der Regel nach einem Crashkurs in P&auml;dagogik auf die Sch&uuml;ler losgelassen. Man stelle sich vor, zur Qualifikation zum  Arzt gen&uuml;gte pl&ouml;tzlich eine Erste-Hilfe-Ausbildung. Da w&auml;re das Entsetzen gro&szlig; und das Blutvergie&szlig;en. Aber die Beschulung von Kindern und Jugendlichen darf heute praktisch jeder besorgen, der mal eine Uni von innen gesehen hat. Wenn &uuml;berhaupt. In den Strategiepapieren der Privatisierungslobby wird der Nachwuchs bei seinen Streifz&uuml;gen durch blinkende Lernplattformen nur mehr von &bdquo;Lernbegleitern&ldquo; behelligt. So weit ist die Zukunft nicht mehr weg. <\/p><p><strong>Aus Corona nichts gelernt<\/strong><\/p><p>Nach Auskunft von Anja Bensinger-Stolze, im GEW-Bundesvorstand f&uuml;r den Schulbereich zust&auml;ndig, h&auml;tten von den in diesem Jahr in Berlin neu eingestellten Lehrkr&auml;ften &uuml;ber die H&auml;lfte &bdquo;keine oder keine vollst&auml;ndige Lehramtsausbildung&ldquo; und arbeiteten &bdquo;&uuml;berwiegend befristet&ldquo;. 600 Vollzeitstellen seien zum Schulstart &bdquo;g&auml;nzlich unbesetzt&ldquo; geblieben, erkl&auml;rte sie gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten. Laut Beckmann vom VBE seien in Brandenburg f&auml;cher&uuml;bergreifend &uuml;ber &bdquo;30 Prozent&ldquo; der unbefristeten und &bdquo;&uuml;ber 70 Prozent&ldquo; der befristeten Stellen an Quer- oder Seiteneinsteiger vergeben worden. &bdquo;Dies macht in der Gesamtschau fast 15 Prozent der Kolleginnen und Kollegen im aktiven Dienst aus.&ldquo; <\/p><p>Ganz mau sieht es in den MINT-F&auml;chern aus (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Fachleuten zufolge k&ouml;nnte dort der Bedarf an richtigen Lehrern im Jahr 2030 nur noch zu einem Drittel gedeckt werden. &bdquo;Die Politik hat sich die Situation seit Jahren sch&ouml;ngerechnet&ldquo;, beklagte der VBE-Chef. Den Schulen seien immer mehr Aufgaben zugewiesen, die notwendigen Ressourcen aber verweigert worden. &bdquo;Nach dem Motto: Die werden das schon irgendwie machen, hat man das Berufsethos der Lehrkr&auml;fte schamlos ausgenutzt.&ldquo; Auch Bensinger-Stolze lastet den L&auml;ndern an, &bdquo;die Augen vor der Entwicklung schlicht verschlossen und viel zu wenige Lehrkr&auml;fte ausgebildet zu haben&ldquo;. Au&szlig;erdem habe die KMK ihre Aufgabe, &bdquo;strategisch zu planen und die Arbeit der L&auml;nder zu koordinieren, vernachl&auml;ssigt&ldquo;.<\/p><p>Ausbaden m&uuml;ssen das die Besch&auml;ftigten und mehr noch Kinder und Jugendliche, von denen in den Sonntagsreden der Politiker gerne als &bdquo;unsere Zukunft&ldquo; die Rede ist. Nach den Verheerungen zweier langer Lockdowns in der Pandemie, die gerade bei Kindern aus sozial benachteiligten Haushalten erhebliche mentale Wunden und massive Lernr&uuml;ckst&auml;nde hinterlassen haben, h&auml;tte das Gebot der Regierenden eigentlich Wiedergutmachung lauten m&uuml;ssen. Stattdessen wurde einfach weiter getrickst und gewurstelt, als w&auml;re nichts gewesen, ohne jeden Sinn daf&uuml;r, dass allein mit Corona und den Folgen gewaltige Krater im ohnehin dezimierten Personaltableau zur&uuml;ckbleiben (Erkrankungen, Long-Covid-F&auml;lle, Berufsaufgaben aus Angst oder wegen des Impfdrucks). Und just zu diesem Zeitpunkt ist mit der Beschulung Zehntausender Fl&uuml;chtlinge aus der Ukraine eine neue Herausforderung aufgetaucht, die das p&auml;dagogische Personal endg&uuml;ltig &uuml;ber die Grenzen der Belastbarkeit bringt. <\/p><p><strong>Raus aus dem Teufelskreis<\/strong> <\/p><p>Dabei w&auml;re gerade umgekehrt Entlastung das, was den Beruf wieder attraktiver machen w&uuml;rde: also weniger Pflichtstunden, kleinere Klassen, Konzentration auf das Kerngesch&auml;ft, mehr Wertsch&auml;tzung, besseres Verdienst. Bensinger-Stolze fordert nichts weniger als eine 180-Grad-Wende: &bdquo;Wenn die Politik sagt, dass sie die Arbeitszeit nicht senken k&ouml;nne, weil es zu wenige Lehrkr&auml;fte gebe, wird genau andersherum ein Schuh daraus. Mit abschreckenden Arbeitsbedingungen kann man niemanden f&uuml;r den Lehrkr&auml;fteberuf gewinnen!&ldquo; In der Folge gebe es dann noch weniger personellen Spielraum f&uuml;r bessere Arbeitsbedingungen. &bdquo;Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden.&ldquo; Das deckt sich mit den Vorstellungen Beckmanns: &bdquo;Das Berufsfeld Schule muss so attraktiv gestaltet werden, dass junge Lehrkr&auml;fte ihre Vision von Schule verwirklichen k&ouml;nnen.&ldquo; <\/p><p>Aber auch kurzfristig lassen sich Hebel ansetzen. So pl&auml;dieren GEW und VBE f&uuml;r den Einsatz &bdquo;multiprofessioneller Teams&ldquo;, die die Lehrkr&auml;fte unterst&uuml;tzen und von fachfremden, administrativen und technischen Aufgaben befreien m&uuml;ssten. Zum Beispiel k&ouml;nnten sich Schulsozialarbeiter und -p&auml;dagogen um die Betreuung traumatisierter oder kranker Fl&uuml;chtlingskinder k&uuml;mmern. Daneben brauche es eine kurzfristige Qualifizierungsoffensive von Quereinsteigern mit langfristiger Berufsperspektive, ein rasches Hochfahren der Ausbildungskapazit&auml;ten an den Hochschulen, die Abschaffung des Numerus clausus in den Lehramtsf&auml;chern sowie die Bereitstellung von mehr Referendariatspl&auml;tzen durch die Bundesl&auml;nder. <\/p><p>Und schlie&szlig;lich m&uuml;ssten die KMK und die L&auml;nder &bdquo;endlich den Weg beschreiten, kontinuierlich eine ausreichende Zahl von Lehrkr&auml;ften auszubilden und einzustellen, um den st&auml;ndigen Zyklus von Lehrkr&auml;fte&uuml;berschuss und -mangel zu &uuml;berwinden&ldquo;, erkl&auml;rte Bensinger-Stolze. &bdquo;Diese bundesweite Fachkr&auml;fteoffensive muss im Sinne des im Koalitionsvertrag verankerten Kooperationsgebotes in einer Verantwortungsgemeinschaft von Bund, L&auml;ndern und Kommunen umgesetzt und voll ausfinanziert werden&ldquo;, bekr&auml;ftigte Beckmann. Das alles w&uuml;rde reichlich Geld kosten und bei einem Sanierungsstau bei Schulbau- und -sanierung von laut GEW 50 Milliarden Euro kommt allerhand zusammen. Aber sollte es uns das nicht wert sein? Und wo bleibt eigentlich das 100-Milliarden-Sonderverm&ouml;gen f&uuml;r die Bildung? Oder f&uuml;rs Erste eine konzertierte, bundesweite Anwerbekampagne?   <\/p><p><strong>F&ouml;derale Hahnenk&auml;mpfer<\/strong><\/p><p>Nicht mit dieser Bundesregierung &ndash; oder den f&ouml;deralen Hahnenk&auml;mpfern. Schon seit Jahren jagen sich die L&auml;nder die wenigen Lehramtsnachr&uuml;cker von den Hochschulen mit Lockangeboten ab, sei es mit h&ouml;heren Geh&auml;ltern oder der Aussicht auf eine schnelle Verbeamtung. Selbst die Hauptstadt Berlin ist nach bald 20 Jahren wieder dazu &uuml;bergegangen, Lehrkr&auml;fte in die Staatsdienerschaft zu bef&ouml;rdern. Daf&uuml;r f&auml;llt im Gegenzug Anfang 2023 <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/1600-euro-weniger-berliner-senat-streicht-wegen-rueckkehr-zu-verbeamtung-zulage-fuer-berliner-lehrer-trotz-lehrermangel-li.266339\">eine Zulage von 1.600 Euro<\/a> f&uuml;r Berufsanf&auml;nger im Angestelltenverh&auml;ltnis weg, was zuvorderst &auml;ltere Quereinsteiger betrifft. Des einen Freud, des anderen Leid, oder haush&auml;lterisch gesprochen: ein Nullsummenspiel. Mit Blick auf die herrschende Personalnot an den Berliner Schulen nannte der Vorsitzende der Landes-GEW, Tom Erdmann, den entsprechenden Senatsbeschluss eine &bdquo;hochdramatische Entwicklung&ldquo;. <\/p><p>Eine n&uuml;chterne Wortsch&ouml;pfung zur Beschreibung des schulpolitischen Bankrotts hat hingegen Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) geliefert. F&uuml;rs neue Schuljahr hat er <a href=\"https:\/\/www.news4teachers.de\/2022\/08\/lehrermangel-kultusminister-kuendigt-erheblichen-planmaessigen-unterrichtsausfall-an\/\">&bdquo;erheblichen planm&auml;&szlig;igen Unterrichtsausfall&ldquo;<\/a> angek&uuml;ndigt. Das ist wenigstens ehrlich.  <\/p><p>Titelbild: Nicole Lienemann\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/bb3b1e2fec864843ac79ac887d0184ee\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sachsen-Anhalt probt die Vier-Tage-Woche, Nordrhein-Westfalen verschiebt Tausende P&auml;dagogen auf fremdes Terrain und Sachsen setzt auf &bdquo;planm&auml;&szlig;igen Unterrichtsausfall&ldquo;. Ein so nie dagewesener Lehrermangel treibt die seltsamsten Bl&uuml;ten und wird k&uuml;nftig doch nur der Normalfall sein. 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