{"id":886,"date":"2005-09-21T18:07:34","date_gmt":"2005-09-21T16:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=886"},"modified":"2016-03-04T11:29:45","modified_gmt":"2016-03-04T10:29:45","slug":"nur-der-existiert-der-in-den-medien-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=886","title":{"rendered":"\u201eNur der existiert, der in den Medien ist.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser kritisiert eine ungenaue Formulierung in meinem Text zu Hengsbach und den Intellektuellen und gibt zus&auml;tzlich viele interessante Hinweise. Hier seine Mail:<br>\n<!--more--><br>\nAn: redaktion@nachdenkseiten.de<br>\nBetreff: Friedhelm Hengsbach &ndash; einem der letzten Intellektuellen mit einer eigenen Meinung<\/p><p>als regelm&auml;&szlig;iger Leser der Nachdenkseiten m&ouml;chte ich Sie auf einen Denkfehler aufmerksam machen oder, genauer gesagt, auf eine ungenaue Formulierung, die deutlich macht, da&szlig; auch die &ldquo;letzten&rdquo; kritischen Intellektuellen nicht davor gefeit sind, Denkmuster einer &ouml;ffentlichen Meinung zu &uuml;bernehmen, in denen diejenigen verschwinden, ja, &uuml;berhaupt nicht zu existieren scheinen, denen &Ouml;ffentlichkeit nicht oder nur sehr marginal zuteil wird.<br>\nIhre Formulierung m&uuml;&szlig;te pr&auml;ziser lauten: &gt;&gt;Friedhelm Hengsbach ist einer der letzen prominenten, bekannten Intellektuellen, der noch eine eigene Meinung hat.<br>\nWie viele Intellektuelle es dar&uuml;ber hinaus gibt, die die neoliberale Wirtschaft und ihre Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer in der Politik kritisieren, wissen wir nicht, weil wir gew&ouml;hnlich nur das wahrnehmen, was in den Medien erscheint. Der Satz des irischen Philosophen und Bischofs George Berkeley &ldquo;esse est percipi&rdquo; &ndash; Sein ist wahrgenommen werden &ndash; m&uuml;&szlig;te heute lauten: esse est tivipi. Nur der existiert, der in den Medien ist. Und die Medien sind heute, wie Wolfgang Lieb vor einiger Zeit schrieb, die Lautsprecher neoliberaler Machthaber. Wie sollte da jemand, der weder &uuml;ber eine Professor noch &uuml;ber ein anderes repr&auml;sentatives Amt verf&uuml;gt, das ihm per se Reputation verleiht, wie sollte also jemand, der nicht schon vor der Flutwelle neoliberalistischer Ideologie etabliert war, sich &uuml;berhaupt noch &ouml;ffentlich Geh&ouml;r verschaffen?<br>\nMan mu&szlig; sich in erster Linie selbst fragen &ndash; und das gilt besonders dann, wenn man &ouml;ffentlich wirksam ist -:<br>\nK&ouml;nnte ich bei den Urteilen, die ich f&auml;lle, etwas &uuml;bersehen haben, k&ouml;nnte es sein, da&szlig; meine Statements Generalisierungen sind, mit denen ich den Ausgegrenzten und nicht Wahrgenommenen, zus&auml;tzlich Unrecht antue. Mit anderen Worten: Es gibt hierzulande gen&uuml;gend Intellektuelle, die sich sehr kritisch mit gegenw&auml;rtiger Politik auseinandersetzen, die aber kaum Gelegenheit erhalten, ihre Analysen zu publizieren.<br>\nDa wir hierzulande seit Jahren eine massive Meinungsmanipulation erleben, auf die die Nachdenkseiten immer wieder hinweisen; da die Bedeutung der Begriffe gezielt in ihr Gegenteil verkehrt wird (f&uuml;r mich der Hauptgrund, warum ich die SPD nicht mehr w&auml;hlen kann), ist es um so dringlicher, da&szlig; die wenigen Kritiker des Neoliberalismus, denen noch &Ouml;ffentlichkeit zuteil wird oder die sich diese &Ouml;ffentlichkeit wie die Nachdenkseiten kontinuierlich erarbeiten, da&szlig; diese Kritiker es verstehen, mit Sprache sehr sensibel umzugehen. <\/p><p>Ich m&ouml;chte Ihnen aber in gewisser Weise recht geben: Unter den Intellektuellen mit &Ouml;ffentlichkeitswirkung ist das Wissen um die Zusammenh&auml;nge von globalisierter Wirtschaft und Politik d&uuml;rftig.<br>\nDies hat wieder einmal eine <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/10\/0,1872,1021354,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/10\/0,1872,1021354,00.html\">Sendung im ZDF<\/a> gezeigt, in der einige Schriftsteller &ldquo;live&rdquo; den Ausgang der Bundestagswahl im Nachstudio mit Volker Panzer diskutieren durften. Diese Sendung lief nach Mitternacht, also am 19.9.2005 um 0:15. Sie wird wiederholt am Donnerstag, den 22. 9. 2005, um 10:15 auf 3sat.<br>\nIm folgenden der Link, dem Sie die Namen der Diskutanten entnehmen k&ouml;nnen. Ich habe die Sendung leider nur zum Teil verfolgt. Sie w&auml;re es wert, aufgezeichnet und dann analysiert zu werden, weil die &Auml;u&szlig;erungen der &uuml;berwiegend jungen SchriftstellerInnen wie Thea Dorn exemplarisch verdeutlicht, wie gut die Gehirnw&auml;sche der neoliberalen Propaganda, an der die SPD einen wesentlichen Anteil hat, funktioniert. So war unter anderem zu h&ouml;ren, die Linken in der SPD h&auml;tten Schr&ouml;der den Teppich unter den F&uuml;&szlig;en weggezogen. Gefragt wurde nicht, ob die kritischen Argumente gegen Schr&ouml;der einen Wahrheitsgehalt haben beziehungsweise von der Sache her begr&uuml;ndet sind. Das pure Faktum, mit Schr&ouml;der nicht einer Meinung zu sein, wurde schon als negativ hingestellt.<br>\nZur &ldquo;Quelle&rdquo;  <\/p><p>Ich hatte vor einiger Zeit Herrn Lieb geschrieben, da&szlig; die Nachdenkseiten ausschlie&szlig;lich nur zu Politik und Wirtschaft Stellung nehmen und da&szlig; Politisches in Kunst und Literatur nicht vork&auml;men, also eine ganze Dimension unseres Daseins au&szlig;en vor bleibt. Nun, ich will damit nicht sagen, da&szlig; die Nachdenkseiten dies auch noch leisten m&uuml;&szlig;ten, sondern auf folgendes aufmerksam machen:<br>\nDie &Auml;u&szlig;erungen der SchriftstellerInnen in der ZDF-Sendung machte deutlich, da&szlig; man ohne die genauen Kenntnisse der Zusammenh&auml;nge zwischen Wirtschaft und Politik letztlich in den propagandistischen Phrasen von Bertelsmann und Co., von Schr&ouml;der, Clement, Hundt, Braun usw. h&auml;ngen bleibt. Das hei&szlig;t, die Fokusierung der Nachdenkseiten auf wirtschaftpolitische Themen ist ein Indiz f&uuml;r eine historische Parallele, n&auml;mlich die zur Reformation. <\/p><p>Nimmt man Luther als Beispiel, dann hat dieser sich mit der Religionspraxis der Papstkirche detailliert auseinandergesetzt. Er mu&szlig;te es, nicht nur, weil er sich selbst als Christ verstand, sondern weil die katholische Kirche &ndash; in ihrer Verfilzung mit weltlicher Macht &ndash; einen Absolutheitsanspruch vertrat, den man nur &ldquo;knacken&rdquo; konnte, in dem man dieser Kirche nachwies, da&szlig; ihre Lehre falsch ist. <\/p><p>Ich will damit sagen, wenn ein Denkgeb&auml;ude mit absolutem Wahrheitsanspruch auftritt und sich anschickt, die Macht &uuml;ber die Menschen, die Macht &uuml;ber die Nationen und Gesellschaften zu &uuml;bernehmen, mu&szlig; man sich in erster Linie damit besch&auml;ftigen, diesen Wahrheitsanspruch durch fundierte Gegenargumente zu widerlegen. Da&szlig; die Nachdenkseiten sich also fast auschlie&szlig;lich mit wirtschaftspolitischen Themen befassen, zeigt f&uuml;r mich auf, wie totalit&auml;r der Neoliberalismus geworden ist. Ohne Kritik an seinen diktatorisch vorgetragenen Desideraten, ohne Kritik an seiner Uners&auml;ttlichkeit mu&szlig; man an sich selbst verzweifeln, wird man irre im Kopf, aber diese t&auml;glich notwendige Kritik an dieser brutalen, alles beherrschen wollenden Ideo- logie macht selber einseitig. Nicht, da&szlig; man als Person einseitig w&uuml;rde, aber man reagiert und antwortet fast nur noch auf die Einseitigkeiten der Macht. <\/p><p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e aus Kassel<br>\nIhr Klaus Baum\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser kritisiert eine ungenaue Formulierung in meinem Text zu Hengsbach und den Intellektuellen und gibt zus&auml;tzlich viele interessante Hinweise. 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