{"id":88603,"date":"2022-09-28T13:34:22","date_gmt":"2022-09-28T11:34:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88603"},"modified":"2022-09-28T16:57:17","modified_gmt":"2022-09-28T14:57:17","slug":"pipelines-sprengen-unter-freunden-das-geht-gar-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88603","title":{"rendered":"Pipelines sprengen unter Freunden, das geht gar nicht"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Tage nach den Angriffen auf die beiden Nord-Stream-Pipelines k&uuml;ndigte die EU nun &bdquo;robuste Reaktionen&ldquo; gegen die Verantwortlichen an. Das ist insofern erstaunlich, da man sich bez&uuml;glich der m&ouml;glichen T&auml;ter ahnungslos gibt. Nun sollen die Anrainerstaaten D&auml;nemark und Schweden zusammen mit der NATO die Ermittlungen aufnehmen. Eine m&ouml;gliche T&auml;terschaft der USA &ndash; wie bereits gestern von den NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88560\">angedacht<\/a> &ndash; steht weder seitens der Politik noch der Medien zur Debatte. Man darf jedoch annehmen, dass man sowohl im Bundeskanzleramt als auch in der NATO-Zentrale bereits mehr wei&szlig;. In der Ostsee kann man &ndash; ein wenig &uuml;berspitzt formuliert &ndash; schlie&szlig;lich &bdquo;keinen Furz lassen&ldquo;, ohne dass dies von einer der zahlreichen milit&auml;rischen und zivilen Mess- und Sensorstationen aufgezeichnet wird. Das Schweigen der offiziellen Stellen l&auml;dt daher zu Spekulationen ein. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3626\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-88603-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220928_Pipelines_sprengen_unter_Freunden_das_geht_gar_nicht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220928_Pipelines_sprengen_unter_Freunden_das_geht_gar_nicht_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220928_Pipelines_sprengen_unter_Freunden_das_geht_gar_nicht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220928_Pipelines_sprengen_unter_Freunden_das_geht_gar_nicht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=88603-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220928_Pipelines_sprengen_unter_Freunden_das_geht_gar_nicht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220928_Pipelines_sprengen_unter_Freunden_das_geht_gar_nicht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Ostsee ist nicht nur eines der kleinsten, sondern auch eines der am besten &uuml;berwachtesten Binnenmeere der Welt. Bereits im Kalten Krieg war sie der Tummelplatz der Seestreitkr&auml;fte der NATO, des Warschauer Pakts und der neutralen Anrainerstaaten Schweden und Finnland. Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts spielten die alten Feinde dort immer noch munter Katz und Maus. Ich selbst war in den 1990ern bei der Bundesmarine und konnte mir ein Bild davon machen. Um es kurz zu machen: Es erscheint  vollkommen unm&ouml;glich, dass inmitten dieses dicht &uuml;berwachten Areals ein staatlicher Akteur eine gr&ouml;&szlig;ere Marineoperation durchziehen kann, ohne dass dies von den unz&auml;hligen aktiven und passiven Sensoren der Anrainerstaaten bemerkt worden w&auml;re; schon gar nicht direkt vor der Insel Bornholm, wo sich D&auml;nen, Schweden und Deutsche ein Stelldichein bei der &Uuml;berwachung der &Uuml;ber- und Unterseeaktivit&auml;ten geben. <\/p><p>Glaubt man Fachleuten, k&ouml;nnte die Sabotage von Nord Stream von Kampfschwimmern ausgef&uuml;hrt worden sein, die von einem U-Boot in die N&auml;he der Pipelines transportiert wurden. &Auml;hnliche Man&ouml;ver f&uuml;hrte die US Navy bereits w&auml;hrend des Kalten Kriegs im Rahmen der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Operation_Ivy_Bells\">&bdquo;Operation Ivy Bells&ldquo;<\/a> aus. Damals wurden jedoch keine Sprengs&auml;tze an Gaspipelines, sondern sechs Meter lange Datenlogger an die Unterseekabel der sowjetischen Pazifikflotte montiert &ndash; und dies in 120 Meter Tiefe. Man muss davon ausgehen, dass Operationen dieser Art zum Standardrepertoire der US-Streitkr&auml;fte z&auml;hlen. Aber auch andere Staaten mit f&auml;higen Seestreitkr&auml;ften wie Gro&szlig;britannien und wohl auch Russland d&uuml;rften das Know-how f&uuml;r solche Operationen haben. Gleichzeitig muss man aber auch davon ausgehen, dass keiner dieser Staaten unbemerkt mit einem gro&szlig;en U-Boot mitten vor Bornholm operieren kann. <\/p><p>Alternativ w&auml;re es nat&uuml;rlich auch denkbar, dass beim Anschlag ein kleines Tauchboot, ein Tauchroboter oder Kampfschwimmer zum Einsatz kamen, die von einem Schiff ins Wasser gesetzt wurden. Hier gilt allerdings erst recht, dass eine solche Operation nicht direkt vor der Nase mehrerer Anrainerstaaten durchf&uuml;hrbar w&auml;re, ohne dass dies jemand mitbekommen h&auml;tte; zumindest nicht, wenn es sich nicht um eine &bdquo;verdeckte Aktion&ldquo; handelt. Doch das muss ja nicht so sein. Wer etwas verstecken will, macht dies bekanntlich am besten in aller &Ouml;ffentlichkeit. Was darunter zu verstehen ist, zeigt ein Gedankenexperiment.<\/p><p>Um halbwegs unbemerkt Sprengk&ouml;rper an einer Gaspipeline anbringen zu k&ouml;nnen, br&auml;uchte man eine plausible Ablenkung &ndash; einen Grund, warum man in der N&auml;he von Bornholm taucht, ohne dass man gleich in den Verdacht ger&auml;t, einen Sabotageakt zu ver&uuml;ben. Das muss zeitlich gar nicht einmal in direktem Zusammenhang mit den Anschl&auml;gen erfolgt sein. Moderne Sprengs&auml;tze sind nat&uuml;rlich fernz&uuml;ndbar. Wer hat also in den letzten Wochen derartige Operationen in dem Seegebiet durchgef&uuml;hrt?<\/p><p>Anfang bis Mitte Juni fand in der Ostsee das j&auml;hrliche <a href=\"https:\/\/www.bundeswehr.de\/de\/organisation\/marine\/aktuelles\/baltops-2022-us-nato-grossuebung-ostsee-5441864\">NATO-Man&ouml;ver Baltops statt<\/a>. Unter dem Kommando der 6. US-Flotte nahmen in diesem Jahr 47 Kriegsschiffe an der &Uuml;bung teil, darunter der US-Flottenverband rund um den Hubschraubertr&auml;ger USS Kearsarge. Von besonderer Bedeutung ist dabei ein bestimmtes Man&ouml;ver, das von der Task Force 68 der 6. Flotte durchgef&uuml;hrt wurde &ndash; einer Spezialeinheit f&uuml;r Kampfmittelbeseitigung und Unterwasseroperationen der US-Marines, also genau die Einheit, die die erste Adresse f&uuml;r einen Sabotageakt an einer Unterwasserpipeline w&auml;re. Wie das Fachblatt <a href=\"https:\/\/seapowermagazine.org\/baltops-22-a-perfect-opportunity-for-research-and-resting-new-technology\/\">&bdquo;Seapower&ldquo;<\/a> berichtete, war im Juni dieses Jahres genau diese Einheit vor der Insel Bornholm mit einem Man&ouml;ver besch&auml;ftigt, bei dem man mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen operierte.<\/p><blockquote><p>Zur Unterst&uuml;tzung von BALTOPS hat sich die 6. Flotte der US-Marine mit Forschungs- und Kriegsf&uuml;hrungszentren der US-Marine zusammengetan, um die neuesten Fortschritte in der Minenjagdtechnologie mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen in die Ostsee zu bringen und die Wirksamkeit des Fahrzeugs in Einsatzszenarien zu demonstrieren. <\/p>\n<p>Die Experimente wurden vor der K&uuml;ste von Bornholm, D&auml;nemark, mit Teilnehmern des Naval Information Warfare Center Pacific, des Naval Undersea Warfare Center Newport und des Mine Warfare Readiness and Effectiveness Measuring durchgef&uuml;hrt, die alle unter der Leitung der U.S. 6th Fleet Task Force 68 standen.<\/p>\n<p>Aus: BALTOPS 22: A Perfect Opportunity for Research and Resting New Technology, Seapower<\/p><\/blockquote><p>Unterwasserfahrzeuge, die Minen entsch&auml;rfen k&ouml;nnen, k&ouml;nnen sicherlich auch Minen oder Sprengs&auml;tze legen. Es ist fraglich, ob w&auml;hrend eines milit&auml;rischen Man&ouml;vers davon jemand Notiz genommen h&auml;tte. <\/p><p>Wie der Zufall es will, war genau jene Einsatzgruppe rund um die USS Kearsarge <a href=\"https:\/\/www.fehmarn24.de\/fehmarn\/fehmarnbelt-grosser-flottenverband-der-us-navy-passiert-91809308.html\">in der letzten Woche<\/a> abermals im Seegebiet um Bornholm. Das letzte &ouml;ffentlich verf&uuml;gbare Positionssignal kam am letzten Mittwoch <a href=\"https:\/\/www.marinetraffic.com\/en\/ais\/home\/shipid:6929559\/zoom:10\">von einer Position<\/a>, keine 10 Seemeilen von Bornholm entfernt. Seitdem haben die Schiffe des Flottenverbandes ihr automatisches Identifikationssystem AIS ausgeschaltet. F&uuml;r die Seeraum&uuml;berwachung der Anrainerstaaten sind sie nat&uuml;rlich dennoch zu orten. Ist das die &bdquo;smoking gun&ldquo;? <\/p><p>Zugegeben, dies sind reine Spekulationen. Dass die USA nach Abw&auml;gung der Pros und Kontras ein sehr wahrscheinlicher Tatverd&auml;chtiger f&uuml;r die Sabotageakte sind, hatten wir ja <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88560\">bereits gestern gezeigt<\/a>. Nun kommt hinzu, dass sie nicht nur ein Motiv und die Mittel haben, sondern auch im Tatzeitraum mit Einheiten vor Ort waren, die diese Anschl&auml;ge h&auml;tten durchf&uuml;hren k&ouml;nnen. <\/p><p>Gab es einen anderen Staat, f&uuml;r den das auch zutrifft? Man kann davon ausgehen, dass in diesen Tagen kein &Uuml;ber- oder Unterwasserfahrzeug die H&auml;fen von St. Petersburg oder Kaliningrad Richtung Bornholm verlassen kann, ohne dass es von den Sonar- und Unterwassermikrophonen der NATO auf Herz und Nieren gepr&uuml;ft wird. Wenn man in D&auml;nemark, Schweden oder bei der NATO diesbez&uuml;gliche Informationen hat, sollte man sie auch &ouml;ffentlich bekanntgeben k&ouml;nnen. Schlie&szlig;lich w&uuml;rde eine russische T&auml;terschaft ja voll in das Blatt dieser Akteure spielen.<\/p><p>Deutschland ist offenbar zu naiv. Betrachtet man sich die Karte von Nord Stream, so sieht man, dass die Pipeline von Staaten umzingelt ist, die schon immer gegen sie opponiert haben. Dies f&auml;ngt bei Finnland, Schweden und D&auml;nemark an und geht &uuml;ber die baltischen Republiken bis Polen. Bis auf Russland und Deutschland waren alle Ostseeanrainerstaaten ausgemachte Gegner dieser Pipelines und niemand wird ihnen heute eine Tr&auml;ne nachweinen. Daher ist es auch unwahrscheinlich, dass wir jemals harte Daten sehen werden, aus denen man die T&auml;terschaft ableiten kann. Das hei&szlig;t nicht, dass es diese Daten nicht gibt. Es gibt sie sicher und wahrscheinlich liegen sie auch in diesem Moment allen Beteiligten inkl. dem Bundeskanzleramt vor. Dass man auch dort kein Interesse hat, diese Daten &ouml;ffentlich zu machen, versteht sich von selbst. Pipelines sprengen unter Freunden, das geht nun mal gar nicht. <\/p><p>Titelbild: Screenshot Marinetraffic.com<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/6975a66486004bb7b99e651bd8c17795\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Tage nach den Angriffen auf die beiden Nord-Stream-Pipelines k&uuml;ndigte die EU nun &bdquo;robuste Reaktionen&ldquo; gegen die Verantwortlichen an. Das ist insofern erstaunlich, da man sich bez&uuml;glich der m&ouml;glichen T&auml;ter ahnungslos gibt. Nun sollen die Anrainerstaaten D&auml;nemark und Schweden zusammen mit der NATO die Ermittlungen aufnehmen. Eine m&ouml;gliche T&auml;terschaft der USA &ndash; wie bereits gestern<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88603\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":88604,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,166],"tags":[3291,1937,2608,1556],"class_list":["post-88603","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-terrorismus","tag-anschlag","tag-militaermanoever","tag-nord-stream","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/220928_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88603"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88603\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88617,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88603\/revisions\/88617"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/88604"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}